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Ein Kanzler und sein Sprecher
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Stellvertretender Leiter des Bundespresseamtes wollte er nur werden, wenn ein Fachmann zum Chef der Behörde berufen würde. In einem Zeit-Interview (9.12.1966) sagte er: "Wenn der Amtschef (...) ein Kandidat aus den politisch-parlamentarischen Reihen der CDU werden solllte, müßte man statt meiner einen vergleichbaren SPD-Typ suchen, der ich nicht bin und nicht sein werde." Der Journalist Ahlers trat erst 1968 in die SPD ein, war aber überhaupt kein Parteimann und legte Wert darauf, "mit einem Fuß immer auch ein bisschen im anderen Lager zu stehen".
Bonn war für ihn vertrautes Pflaster, als er aus der Chefredaktion des Spiegel in Hamburg wieder ins Presse- und Informationsamt der Bundesregierung zurückkam. Bald nach Gründung der Bundesrepublik hatte er dort schon als Chef vom Dienst gearbeitet, davor als Pressereferent im Amt von Theodor Blank, der im Auftrag von Bundeskanzler Adenauer den Aufbau der Bundeswehr vorbereitete.
Nun aber sollte er für eine Regierung der Großen Koalition sprechen, der Franz Josef Strauß als Finanzminister angehörte, jener Politiker also, der ihn vier Jahre zuvor des Landesverrats verdächtigt und - zusammen mit seiner Frau Heilwig - in Spanien hatte festnehmen lassen. Anlass war ein Spiegel-Artikel, in dem Ahlers unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" scharf mit der Bonner Verteidigungskonzeption und der Qualität der Bundeswehr ins Gericht gegangen war.
Einige der darin ausgebreiteten Details und Erkenntnisse der NATO-Stabsübung "Fallex 66" erklärte die Regierung als geheim und ließ den Spiegel strafrechtlich verfolgen. Die Redaktionsräume wurden besetzt, der Herausgeber Rudolf Augstein und leitende Redakteure verhaftet. Das Verfahren wurde erst 1965 eingestellt; die Landes- und Geheimnisverratsvorwürfe ließen sich nicht aufrechterhalten.
Das Aufsehen, das seine Berufung in ein Regierungsamt Ende 1966 erregte, empfand er nur als "komisch". Sein Hamburger Studienfreund Helmut Schmidt, seit dem Tod von Fritz Erler Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, hatte ihn gefragt, ob man mit ihm rechnen könne. Man konnte.
Viele seiner Kollegen fanden es unmöglich, waren zum Teil geradezu entsetzt, dass er mit seinem Verfolger Strauß und unter dem CDU-Bundeskanzler Kiesinger, einem ehemaligen Mitglied der Nazipartei, ins Bonner Regierungskartell einsteigen wollte.
Als ihm der Zeit-Interviewer das vorhielt, erhielt er eine typische Ahlers-Antwort, direkt, selbstgewiss, unverblümt, auch mutig: Er persönlich sei der Meinung, dass man eine Sache wie die Spiegel-Affäre, "von der ich glaube, dass ihre Urheber sie inzwischen auch bedauern, nach vier Jahren vergessen sollte. Dieser Ansicht bin ich auch bei der Beurteilung von Leuten, die einmal der falschen Partei angehört haben, sofern sie sich nichts Kriminelles haben zuschulden kommen lassen. Im übrigen heißt vergessen nicht unbedingt vergeben".
So fand er es denn nur konsequent, dass er ein ihm zugespieltes Protokoll aus dem Reichssicherheitshauptamt aus dem Jahre 1944, das für den Kanzler entlastend war, an Kiesinger weitergab und ihm damit aus der Bredouille half. Darin wurde nämlich missbilligend bescheingt, dass Kiesinger "nachweislich die antijüdische Aktion hemmt".
Für Ahlers gab es jedenfalls keinen Zweifel: Ein unabhängiger Mann sollte sich einem Ruf des Staates nicht entziehen, zumal dann nicht, wenn an der Spitze eine Koalitionsregierung steht, die er seit fast zwanzig Jahren für notwendig gehalten hat. Ein Journalist, der sich dann verweigert, davon war er überzeugt, der verliert die Legitimation, an diesem Staat Kritik zu üben.
Wegen seiner unverblümten Art zu sprechen, seines unvoreingenommenen Argumentationsstils und seiner Weigerung, sich unkritisch einer Parteilinie anzupassen, habe ich Conrad Ahlers sehr
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Sein Lebenslauf
1922: als Sohn eines Exportkaufmanns und einer Pastorentochter in Hamburg geboren.
1941: Kriegsfreiwilliger bei den Fallschirmjägern.
1945: Studium der Volkswirtschaft in Hamburg.
1947: Mitbegründer der Jungen Union.
1948/49: beim Deutschen Dienst der BBC in London.
1949: Redakteur beim evangelischen Sonntagsblatt.
1951: Chef vom Dienst im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.
1952: Pressereferent in der Dienststelle "Blank", dem Vorläufer des Verteidigungsministeriums.
1954-1966: ab 1954 außenpolitischer Redakteur der Welt, ab 1957 für den Spiegel in Bonn, ab 1959 innenpolitischer Redakteur der Frankfurter Rundschau, ab 1962 stellv. Spiegel-Chefredakteur.
1962: Spiegel-Affäre - Verhaftung
1966-1969: nach der Bildung der Großen Koalition stellv. Leiter des Bundespresseamtes.
1968: Eintritt in die SPD.
1969: Staatssekretär und Chef des Bundespresseamtes.
1972-1980: Mitglied des Bundestages. - Kolumnist u.a. für den stern und den Vorwärts.
1978/79: Chefredakteur der Hamburger Morgenpost.
Mitglied der Chefredaktion der Wirtschaftswoche.
1979: im Dezember zum Intendanten der Deutschen Welle gewählt, Aufgabe des Bundestagsmandats.
1980: am 18. Dezember überraschend an einem Kreislauf-Versagen gestorben.
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geschätzt. Das offene Wort ließ er sich nicht verbieten, die Lust, mit Spott und Ironie zurückzuzahlen, machte ihn bei Neidern und Gegnern unbeliebt, auf deren Zuneigung es ihm nicht ankam. Seine freundschaftliche Hilfsbereitschaft kam mir bei der Arbeit für den Vorwärts sehr zustatten, nachdem wir uns anfangs, als er noch Regierungssprecher war, auch mal übereinander hatten ärgern müssen.
Als ich im April 1976 die Vorwärts-Redaktion verließ, gab es noch einen Abschiedsumtrunk in der Kantine. Der Verlag hatte keinen der Herausgeber dazu bewegen können, bei dieser Gelegenheit ein paar Worte zu sprechen. Ahlers, von meinem Stellvertreter Hermann Schueler darum gebeten, tat das auf seine Weise. Er verband Lob und Anerkennung für die unabhängige, loyale Redaktionsleitung mit einer Warnung an die Partei: Sie möge, bitte, nicht glauben "Menschen wie Gerd Gründler, die aus bürgerlichem Milieu zu ihr gefunden haben", entbehren zu können, sie riskiere sonst ihre Mehrheitsfähigkeit.
So ein Lob aus dem Munde eines früheren Spiegel-Kollegen war mir mehr wert als es pflichtgemäße Danksagung von parteioffizieller Seite gewesen wären. Connys Mahnung an die Adresse der SPD erging unüberhörbar auch in eigener Sache. Er fühlte sich, seitdem er Ende 1972 auf Drängen Schmidts den engeren Mitarbeiterkreis Brandts hatte verlassen müssen und nur noch Abgeordneter von Bad Kreuznach war, nicht mehr richtig estimiert und sah in mir wohl einen Leidensgefährten. (Tatsächlich war ich froh, dem Dunstkreis von Partei und Baracke wieder zu entkommen.)
Schmidt zählte ihn zu den "Indiskretins", die er dafür verantwortlich machte, dass mehr Informationen aus dem inneren Regierungszirkel nach draußen drangen, als er für nützlich hielt. Connys fröhliche Antwort darauf: "Alle Indiskretionen, an denen ich beteiligt war, waren nützlich." Nicht für ihn persönlich, versteht sich. Sie waren nützlich, darauf beharrte er, fürs Gemeinwohl. - Noch einige Ahlers-Sprüche, die mir gefallen haben:
"Wer morgens vor neun auf der Straße anzutreffen ist, der ist nichts und wird nichts" - damit beschrieb er die Denkweise Hamburger Kaufleute.
"Trouble is my business" - so lautete seine Amtsdevise.
"Ein wandelnder Vermittlungsausschuss" - mit dieser Charakterisierung des Bundeskanzlers Kiesinger hat er sich einen Platz in den Zitatensammlungen gesichert. (Kiesinger hat darüber laut Ahlers "zustimmend gelacht".)
"Wir fahren ja in ein halbwegs zivilisiertes Land" - damit erschreckte er die Bundesspressekonferenz und empörte die DDR-Regierung vor Brandts Besuch in Erfurt.
Öffentlichkeitsarbeit verspottete er als "Verbreitung von Wahrheit in verschönerter Form". Und ein Wunder nannte er das "stärkste PR-Mittel, aber es muß wirklich geschehen sein".
"Conny weiß es, aber weiß es auch der Leser?" - das war nun allerdings nicht von ihm, sondern über ihn und kursierte in der Spiegel-Redaktion, wo man ihm verübelte, dass er nicht alles, was ihm zugetragen oder anvertraut wurde, auch im Blatt sehen wollte. Altmodisch, aber nicht schlecht.
Als die Jusos ihm ans Leder wollten
Bericht aus dem Bonner General-Anzeiger v. 26.8.1972:
Verfahren gegen Ahlers ausgesetzt
"Antrag weder förmlich noch sachlich begründet" - 40:39-Ergebnis
flö - Kurz nach 20 Uhr betrat er das vollbesetzte Sälchen in der "Laterne", blickte in die Runde und murmelte: "Lauter Jusos!". Conrad Ahlers, Regierungssprecher, war zum SPD-Ortsverein Poppelsdorf/Venusberg - seit je durch hohen Studentenanteil bekannt - gekommen. Aberkennung des Rechtes, Funktionen innerhalb der Partei auszuüben, hatte der Antrag des Ortsvereins an die Unterbezirksschiedskommission gelautet, zu deutsch: Ahlers dürfe nicht für den nächsten Bundestag kandidieren. Begründung: Ahlers habe wiederholt und beharrlich gegen die Parteisolidarität und -disziplin verstoßen, indem er Wehner diffamiert, gegen den Steuerreformparteitag agitiert und die Jusos öffentlich in die Nähe des linken Totalitarismus gerückt habe. Damit habe er der Rechten willkommene Wahlkampfmunition geliefert. Der Unterbezirksvorstand hatte bereits, wie Ahlers im Laufe der Versammlung erfuhr, von dem Antrag "zustimmend Kenntnis genommen".
"Liebe Parteifreunde!" hob Ahlers an, nachdem Gerd Heidemann, stellvertretender Ortsvereins-Vorsitzender, seinen Bericht beendet hatte, "liebe Parteifreunde (Mißfallensgemurmel), ich bin hierhergekommen, um dazu beizutragen, daß der Streit beigelegt wird. Welchen Sinn hat es, die Angelegenheit fortzusetzen? (Geraune) Ich habe bei der Unterbezirksschiedskommission den Antrag gestellt, das Verfahren bis nach der Bundestagswahl auszusetzen. Es ist abgelehnt worden, weil man dort meinte, das Verfahren könnte 'zur Befriedung' beendet werden." Er bitte die Mitgliederversammlung, daß sie sich im Sinne des § 10 der Schiedsordnung für eine friedliche Beilegung des Streits ausspreche. Im übrigen sei der Antrag weder förmlich noch sachlich begründet. In puncto Steuerreformparteitag habe er sich nicht gegen dessen Beschlüsse gewehrt, sondern nur gegen die Art, wie der Parteitag abgelaufen sei. "Ich könnte jetzt den Spieß umdrehen und behaupten, diejenigen, die das Godesberger Programm für erneuerungsbedürftig erklären, schädigten das Ansehen der Partei. Nun, ich bin ja kein Kind, sondern Befürworter der innerparteilichen Diskussion." Sprach's und verließ (gegen 20.55) den Saal. Erste Reaktion eines etwa 60jährigen Genossen: "Wir sollten nicht in die große Politik eingreifen. Das hat Willy nicht nötig, daß wir an seinem Regierungssprecher herummäkeln."
Dann gab es Enthüllungen: Die damalige Vorstandssitzung sei eine Nacht-und Nebel-Aktion gewesen! So Heinz Otto, Stadtverordneter und ehemaliger OV-Vorsitzender: "Nachts um 0.30 klappte beim Genossen Holzapfel der Briefkasten, herein flatterte die schriftliche Einladung zur Vorstandssitzung für denselben Tag - ohne Uhrzeit". Einige Vorständler seien nicht schriftlich eingeladen worden (Heidemann: Telefonisch benachrichtigt). Mit dieser Ferienaktion habe der Flügel der Partei, der sonst immer nach Öffentlichkeit schreie, nur Porzellan zerschlagen.
Otto stellte den Antrag, dem Vorschlag des Genossen Ahlers zuzustimmen, nämlich das Parteiordnungsverfahren bis nach der Bundestagswahl auszusetzen. Der Antrag auf Zurückziehung fiel durch. Der zweite Antrag - Billigung des Verhaltens des Vorstandes - fand eine klare Mehrheit. Beim dritten Antrag - Aussetzung - gab es folgendes Ergebnis: 40 für, 39 gegen Aussetzung, 3 Enthaltungen. Otto: "Damit ist das Verfahren vom Tisch."
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