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"Sir", fragte Dr. Johnson einen Besucher, "lesen Sie
Bücher etwa
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Lessing kam des Theaters wegen

Jan Philipp Reemtsma: Lessing in Hamburg - 1766-1770. Verlag C.H. Beck, München 2007. ISBN 978 3 406 55695 I.


Jan Philipp Reemtsma

Es wurde Zeit, den Hamburgern mal zu erzählen, was Gotthold Ephraim Lessing in ihre Stadt gelockt und was er in den Jahren 1766 bis 1770 dort getrieben hat; dabei interessierten den Autor dieser Studie weniger die äußeren Lebensumstände als vielmehr die intellektuelle Leistung dieses polemischen Talents. Wer diese einfühlsame, respektvolle und in nüchterner, lakonischer Sprache verfasste Arbeit liest, kommt leicht dahinter: Das Lessingdenkmal von Fritz Schaper auf dem Gänsemarkt ist ein Zeichen verspäteter Wiedergutmachung. Jan Philipp Reemtsma, Kenner und Liebhaber der Literatur, hat nachgeforscht und auf hundert Seiten dargestellt, was über Lessings Hamburger Tage zu ermitteln war. Ich hoffe, Reemtsmas schöner Essay findet in Hamburger Schulen die Aufmerksamkeit, die er verdient.

Ja doch, der Autor der "Minna von Barnhelm" kam des "dortigen neuen Theaters" wegen, wollte weitere Bühnenwerke vollenden und aufführen lassen. Von seinen Abreden mit den Bühnenbetreibern versprach er sich "auf einige Jahre ein ruhiges und angenehmes Leben". Doch der "süße Traum" vom Nationaltheater sollte sich in Hamburg nicht erfüllen. Hamburg war an ihm und seinem Theatertraum nicht interessiert. Und dann war da noch ein gewisser Bode, der eine Druckerei anlegte - auch mit ihm wollte der Zugereiste "gemeinschaftliche Sache" machen, ein Verlagsunternehmen, in das er den Erlös aus der Versteigerung fast aller seiner 6000 Bücher steckte. Aber Bode war ein besserer Übersetzer als Verleger und Lessing verstand zu wenig vom Verlagsgeschäft, hatte zu ehrgeizige Ziele. Das Verlagsunternehmen erlitt Schiffbruch. Lessings "Hamburgische Dramaturgie" musste abgebrochen werden.

In Hamburg entstanden aber auch noch seine "Briefe antiquarischen Inhalts", an denen Reemtsma die Bedeutung des Polemikers Lessing deutlich macht, und die viel zitierte Abhandlung "Wie die Alten den Tod gebildet", deren düsteres Thema seinen gescheiterten Hoffnungen entsprach; ihr verdankten wir in der Schule den ersten Ausflug in unheimliche Gefilde der Ästhetik, begriffen aber noch nicht, warum Lessing seinen Abscheu gegen ein Bild des Todes artikulierte, "das Moder und Verwesung aufruft". In der herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel versuchte er, sich über sein missglücktes Hamburger Intermezzo hinwegzuarbeiten. Von dem war ihm schließlich nur noch seine Frau Eva König geblieben. Der Sohn, den sie ihm Weihnachten 1777 gebar, lebte nur vierundzwanzig Stunden und zerrte ihm zwei Wochen später auch die Mutter mit fort, wie er traurig einem Freund berichtete.

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Titel, die auch im Zeitalter der Suchmaschinen bei der Arbeit helfen können:

Fritz René Allemann: Bonn ist nicht Weimar

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft

Margret Boveri, Verrat im 20. Jahrhundert

Theodor Eschenburg: Staat und Gesellschaft in Deutschland

Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit


Liddel Hart: Geschichte des zweiten Weltkriegs

Ingo von Münch (Hg.):Dokumente der Wiedervereinigung Deutschlands

Richard Thilenius: Die Teilung Deutschlands

Uwe Wesel: Geschichte des Rechts

Jürgen Wilke (Hg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland

August Heinrich Winkler: Weimar 1918-1933


Und noch ein Muss für die journalistische Handbücherei:

James Boswell: Journal. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Helmut Winter, Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 1996. ISBN 3-15-059429-4.

Fünf Tagebuchnotizen als Köder:

"
Wenn man immer nur vernünftig daherredet, erschöpft das den Verstand, genau wie das ständige Säen und Pflügen den Acker auslaugt. Der Geist



braucht Dünger, und Nonsense erfüllt diesen Zweck hervorragend." (22.3.1775)

"Ich neige dazu, alle Erlebnisse aus meiner Perspektive aufzubauschen und sie aus unsäglicher Eitelkeit ins Überdimensionale zu steigern." (21. 8. 1764)

"Entdeckte Filzläuse an mir und rasierte mich sofort; eine lächerliche Bescherung." (2.5.1765)

"Abendessen in lustiger Gesellschaft. Wir sprachen uns entschieden gegen das Trinken aus, leerten dabei aber fünf Flaschen Rotwein." (8.8.1774)

"Niemand", zitiert er seinen Mentor Dr. Johnson, "ist verpflichtet, so viel zu leisten, wie er kann." (23.2.1766)

mehr davon ...


Der Horror des Bürgerkriegs


Olmstead
geb. 1954

Robert Olmstead: Der Glanzrappe, Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Bauer und Edith Nerke. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. ISBN 978-3-8218-4767-2.

Dies ist ein Buch, das verstört. Es beschreibt die Grausamkeit des amerikanischen Bürgerkriegs so drastisch, dass der Leser immer wieder von Passagen gepeinigt wird, die er nicht zuende lesen möchte. Ein Junge, von der Mutter geschickt, macht sich auf den Weg zu den Kampflinien, um nach seinem Vater zu suchen. Sein Prachtpferd, der Glanzrappe eben, geleitet, trägt, beschützt und rettet ihn, amtiert als Pfadfinder und Schutzengel zugleich, ist aber ständig auch begehrtes Objekt herumstreunender Marodeure und Pferdediebe.


Der Junge wird Zeuge von Quälerei, von Meuchelmord und Vergewaltigung, lernt schließlich selber das Töten, weiß nicht ob zur Notwehr oder aus Rache, irrt suchend über Schlachtfelder, auf denen gefallene Soldaten herumliegen, zerfetzt, aufgequollen und ausgeplündert, neben stöhnenden, jammernden Verwundeten, denen kein Arzt, kein Sanitäter mehr helfen kann. Nur die Liebe zum Pferd kompensiert das komplette Defizit an Humanität. Eines Tages findet er dann auch den todgeweihten Vater, kann ihm nur noch die Augen zudrücken. Die Nachricht von dessen Tod bleibt das einzige was er der Mutter von seiner schrecklichen Schlachtenbummelei zurückbringt. Und ihr dämmert die Erkenntnis, dass ihr Junge auf diesem Ausritt zum Mann gereift ist - unter Umständen, die düsterer nicht sein könnten. War das ihre Art von Erziehung?

Im Geschichtsunterricht lernte ich, dass der Bürgerkrieg zwischen den Nord- und den Südstaaten alles an Schrecken übertroffen hat, was die USA in späteren Kriegen erlitten haben. Ich habe das immer für eine Übertreibung gehalten. Die Lektüre dieses suggestiven Buchs, das sich an drastischen zeitgenössischen Berichten orientiert, scheint aber den Vergleich zu bestätigen. Ein Blick in Norman Mailers Roman "Die Nakten und die Toten", in dem vom amerikanisch-japanischen Gemetzel auf dem Pazifischen Kriegsschauplatz erzählt wird, relativiert ihn aber sogleich wieder.

Zwischendurch mal ein Hörbuch:

Salzburgs Geschichte gut erzählt - und spannend gelesen


Rudolf Kronenbitter: "Salzburg - Mythos, Zauber und Tragik einer einzigartigen Stadt." Hörbuch gesprochen von Nikolaus Paryla und Elisabeth Trissenaar. Zwei Audio-CDs - 155 Min. Gesamtspielzeit; ISBN 978-3-939064-01-5; erschienen im Pilgrim Verlag 2009 - www.pilgrim-verlag.de; € 23,80

Wer Salzburg, Stadt und Land, lieb und wert hält und schon immer über die übliche Verkitschung und Verniedlichung von Edelweiß bis Mozartkugel den Kopf schütteln musste, der bekommt hier zu hören, was ihm Lokalpatriotismus und Tourismuswerbung gerne vorenthalten: eine kritische Stadtgeschichte mit Licht und Schatten, die allem Schönen und Prächtigen, dem Bewundernswerten und Erhabenen erst dadurch gerecht wird, dass sie es vor einen Hintergrund rückt, der auch von schrecklichem Unrecht, Verfolgung und Vertreibung von Juden und Protestanten, historischen Irrwegen und landesherrlichem Versagen geprägt ist. Nur so wird Geschichte lebendig.

Der Autor Rudolf Kronenbitter, ein Sohn der Stadt, mochte sich nicht mit dem verlogenen Heile-Welt-Image seiner Heimat abfinden. Und so leistet er Aufklärung im besten Sinne des Wortes, scheidet Legenden von den Realitäten, macht auch deutlich wie guter Bürgersinn anfällig wird für Nationalismus, Faschismus und Rassenwahn. Sein Text spart Unbequemes nicht aus, schildert in klarer und pointierter Sprache die Entwicklung von der Gründung der Stadt bis zur Gegenwart. Die Epoche der großen Erzbischöfe (1587-1709) sowie die mit dem Sterben der ersten Republik verwobene Geschichte der als "verjudet" geschmähten Festspiele sind mir als besonders gelungene Kapitel im Ohr geblieben.

Trissenaar
Paryla
Elisabeth Trissenaar und Nikolaus Paryla sprechen diesen Text im Wechsel, ohne dass die Regie auch nur riskiert hätte, dass hier zwei Große des deutschsprachigen Theaters vielleicht anfangen, einen Dialog zu praktizieren oder gewissermaßen im Duett zu sprechen. Sie bekamen ihre Textpassagen zugewiesen und mussten sie jeder für sich allein im Studio lesen. Das hat die essayistische Struktur bewahrt und jede unwillkürliche und hier unangebrachte Mimenkonkurrenz vermieden. Es steigert zugleich die Möglichkeiten ihrer Stimmen, zwingt zum Äußersten an Artikulation. Wer will schon, dass der/die andere, wenn man nicht sogleich mithören kann, besser ist? So werden - ganz unabhängig vom Text - das Aasige oder Grimmige bei einigen bösen Passagen deutlich hörbar, auch ein nur angedeutetes Glucksen, wenn Komik lauert, das Nasale, wo sich Hochmut regt, wenn nötig auch Ehrfurcht und Bewunderung. Der Text blüht auf, weil keine Rolle spielt, ob sie spricht oder er.

Viele Salzburger, gewiss aber die meisten Besucher werden von diesen beiden CDs Unerhörtes, Niegehörtes oder Vergessenes erfahren. Deshalb: jedem Salzburgliebhaber zu empfehlen.

Rezension für die "Salzburger Volkskultur", November 2009

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Was alles in der "Weltbühne" stand

Friedhelm Greis, Stefanie Oswalt (Hsgb.): Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur "Weltbühne". Lukas Verlag, Berlin 2008. ISBN 978-3-86732-026-9

Sie setzte allein auf die Überzeugungskraft des Wortes und verzichtete auf Illustrationen. Über eine Auflage von 15.000 ihrer roten Hefte ist sie nie


hinausgekommen. Viele kennen den Titel dieser Wochenschrift, nur wenige noch die Namen derer, die sie redigiert und mit ihren Texten geprägt haben, so Kurt Tucholsky und Carl v. Ossietzky. Nachdem Deutschland dem Diktator Hitler ausgeliefert worden war, nahm sich Tucholsky 1935 im schwedischen Exil das Leben, Ossietzky starb 1938 an den Folgen von Misshandlungen und einer Tuberkulose, die er sich im Konzentrationslager zugezogen hatte; zwei Jahre zuvor war ihm sehr zum Ärger der Nazis noch der Friedensnobelpreis für 1935 zuerkannt worden. Das Blatt, antimilitaristisch, antiautoritär, pazifistisch internationalistisch und justizkritisch, wurde gleich 1933 verboten. Seine Autoren, darunter Axel Eggebrecht, Lion Feuchtwanger und Helmut von Gerlach, galten dem braunen Regime als Erzfeinde.

Weshalb - das erklärt diese Anthologie mit Texten aus und Erläuterungen zu der bedeutendsten linken Zeitschrift der Weimarer Demokratie: Den Nazis galt kämpferisches Eintreten für eine Republik ohne Kriegstreiber und Revanchisten aber mit Pressefreiheit und Toleranz für Minderheiten als Hochverrat am Deutschtum, wie sie es verstanden. So wird hier an die Enthüllungen der "Weltbühne" zu den Fememorden der sogenannten Schwarzen Reichswehr erinnert. So ist hier nachzulesen, weshalb der Redakteur Ossietzky wegen des Artikels "Windiges aus der deutschen Luftfahrt" zum heimlichen Aufbau einer Luftwaffe als Landesverräter ins Gefängnis musste. Und so wird hier erklärt, warum Kurt Tucholsky wegen seiner Glosse mit dem Satz "Soldaten sind Mörder" wider Erwarten nicht als Verunglimpfer der Truppe angeklagt wurde: die noch peniblen Richter sahen mit "Soldaten" eine unbestimmte Gruppe angesprochen, nicht aber speziell die "Reichswehr".

Ihre fundamentale Kritik an den Weimarer Verhältnissen äußerte die "Weltbühne" nicht immer so sanft geringschätzig wie Ossietzky in seinem Nachruf auf Gustav Stresemann (hatte nur die Vision eines "guten mittlern Bürgers") oder wie Kurt Hiller 1925 im Nachruf auf Reichspräsident Friedrich Ebert: "... lügen würde, wer behaupten wollte, daß auch nur einer ihn geliebt habe ... Unter Ebert ward das Chaos überwunden, aber wo blieb der Stern? Nichts von Neugeburt; im Gegenteil: langsam-stetiges-sicheres Zurückgleiten ins Alte..." Typischer war der Hohn über die "Idioten der Reichshauptstadt" oder der Spott über den Reichstagspräsidenten Paul Löbe, dessen "schlichte Erscheinung" sich für Denkmalsweihen und "die Abhaltung von stimmungsvollen Festen" eigne. Oder das gnadenlose Verdikt: "Diese Republik war eine Lüge vom Tage ihrer Entstehung an."

Ja, die Autoren der "Weltbühne" rieben sich wund an einer Republik, die ihnen nicht human, nicht gerecht genug war, die nicht die soziale Revolution sondern nur die bürgerliche Demokratie erstrebte. Beißender Witz, eiferndes Engagement, Lust an Polemik und Satire trug ihnen den Vorwurf ein, auch sie hätten die erste deutsche Demokratie ruiniert. Um zu beurteilen, ob das zutrifft, können die hier abgedruckten Texte helfen. Immerhin gab es Feinde der Republik, die tödlichere und giftigere Waffen gegen sie gekehrt haben als der "Weltbühne" zu Gebote standen. Und längst - Adolf Arndt sei Dank - wissen wir, dass auch das ungebärdige, leidenschaftliche, irrende, ungerechte und kränkende Wort zu einer Pressefreiheit gehört, die ihren Namen verdient.

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Der Autor mit dem klinischen Blick

W. Somerset Maugham: Notizbuch eines Schriftstellers. - Aus dem Englischen von Irene Muehlon und Simone Stölzel. Diogenes Verlag AG, Zürich 2004. ISBN 3-257-06452-7.

Wer etwas von ihm gelesen hat, etwa "Auf Messers Schneide" oder ein anderes seiner Bücher, kann sich hier wieder festlesen. Maugham war ein Zeitgenosse Winston Churchills, mit dem er über viele Jahre befreundet war. Die Notizen beweisen, dass sein Leben ebenso interessant war wie seine Bücher. Diese Aphorismen, Gedankensplitter und Beobachtungen aus den Jahren 1892 bis 1944 sind nach Jahren geordnet, aber der Verfasser sagt selbst, dass er nur seine frühen Notizhefte sorgfältig datiert habe. Für die späteren verwendete er auch Eintragungen auf Zetteln oder Briefumschlägen, deren Entstehungszeit er anhand der Themen nur mutmaßen konnte. Dass er sich dabei zuweilen um ein oder zwei Jahre vertan haben könnte, hielt er zu Recht für belanglos. Denn wir haben es nicht mit einem Tagebuch zu tun, sondern mit vielfältigen Einblicken in die Erlebnis- und Gedankenwelt eines brillanten Erzählers, eines lebensklugen Gentlemanautors, eines weitgereisten Weltmannes,

Weil er unbedingt gelesen werden wollte, mit seinen Romanen, Erzählungen und Dramen ein großes Publikum erreichte und - von den Bühnenstücken abgesehen - bis heute zu fesseln verstand, wurde er zu einem überaus erfolgreichen Schriftsteller und einem richtig reichen Mann. Er hatte Medizin studiert, praktizierte aber nie als Arzt, vom Sanitätsdienst im Ersten Weltkrieg abgesehen. Unter seinem klinischen Blick gewinnen seine Figuren, Helden und Strolche, Damen und Flittchen, Aufsteiger und Versager, scharfe Konturen. In knappen Sätzen skizziert er, wie sie sprechen, wie sie schweigen,was sie tun und was sie lassen. Was sie denken oder fühlen, ergibt sich dabei von selbst. Was er von ihnen hielt, behielt er ohnehin für sich. Als Wahrheit genügte ihm, was er sehen, mit Händen greifen, fühlen, hören und riechen konnte.

In manchen seiner Eintragungen erkennt man die Erzählungen, die daraus entwickelt wurden. In anderen ahnt man Keime für Stories, die er leider nicht daraus gemacht hat. Weil er unsentimental war, auf Abstand zu seinen Figuren achtete, sich als Autor weigerte, über eigene Empfindungen und Bewertungen Auskunft zu geben, hielten manche seiner Kritiker ihn für zynisch. Ja doch, ließ er eine seiner Figuren sagen, "wenn es zynisch ist, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sich nicht gegen sie aufzulehnen, falls sie einem nicht zusagt, wenn es zynisch ist, die menschliche Natur hinzunehmen, wie man sie findet, lächelnd, wo sie absurd, und betrübt - aber nicht übertrieben betrübt -, wo sie beklagenswert ist - dann bin ich wohl ein Zyniker".

Am Anfang dieser von ihm selbst getroffenen Auswahl seiner Aufzeichnungen steht übrigens die beste Rechtfertigung für die parlamentarische Regierungsform: "Wenn man bedenkt, wie töricht die Menschen handeln und wie verständig sie daherplappern, so wäre es vielleicht besser für die Welt, wenn mehr gesprochen und weniger getan würde." Gegen Ende habe ich seine Antwort auf die Frage angestrichen, was es für ein Gefühl sei, berühmt zu sein: "Es ist so, als ob man eine Perlenkette geschenkt bekommen hätte. Man freut sich darüber, aber nach einer Weile, falls man überhaupt noch daran denkt, fragt man sich nur, ob es echte oder gezüchtete Perlen sind." - Dass dieser Mr. Maugham nicht an die Unsterblichkeit glaubte, darf niemanden überraschen.

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Kühle Analyse einer Weltmacht

Lothar Rühl: Das Reich des Guten - Machtpolitik und globale Strategie Amerikas. Klett-Cotta Verlag Stuttgart 2005,
ISBN 3-608-94130-4.

Dieses Buch hat ein erfahrener Journalist geschrieben, der auch mal stellvertretender Regierungssprecher und dann sieben Jahre lang Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium war. Zwei Gruppen von Lesern möchte man die Lektüre besonders empfehlen, all jenen, die der US-Strategie allzu kritiklos gegenüberstehen, sie gar uneingeschränkt rechtfertigen, sowie den anderen, die Amerika als einzig verbliebene Weltmacht für noch verhängnisvoller halten als die Bedrohungen und Gefahren, mit denen Washington global fertig zu werden versucht. Sie werden aber dem Autor nur höchst ungern folgen.

Wer nicht so festgelegt ist und eine differenzierende Betrachtung vorzieht, der ist bei Rühl an der richtigen Adresse. "Ob Amerika", so liest man da einerseits, "mit all seiner Macht im Krieg gegen den Terror die Welt verändern kann, steht dahin, ist aber nach der historischen Erfahrung eher unwahrscheinlich." Rühl nennt die US-Strategie im Irak "schlicht und nicht abgesichert". Ihre von vornherein offene Flanke, war auch von einer Supermacht nicht abzudecken: die fehlende internationale Legitimität. Dieser Legitimitätsmangel und das Völkerrechtsproblem dieses Krieges hätten "die guten Gründe für eine Beseitigung der irakischen Diktatur" überlagert. Unaufgeregte Kritik, die den Durchblick erleichtert.

Andererseits erkennt der Autor an, dass es der US-Politik seit fünfzig Jahren im großen und ganzen konstant gelungen sei, zugleich mit den eigenen Interessen auch die übergeordneten internationalen Interessen an Sicherheit und Frieden zu bedienen. Genau darin sieht er die Hauptaufgabe und deshalb ein Wesensmerkmal der Hegemonie einer Großmacht. Mit einem Blick auf China sagt er voraus, dass die "singuläre Weltmachtstellung" Amerikas nur auf Zeit bestehen werde.

Wer etwas über die Entwicklung der USA erfahren und das Werden ihrer heutigen Stellung und Rolle ohne Voreingenommenheit begreifen möchte, der wird dieses Buch eines kühlen Analytikers mit Gewinn lesen. Sein leidenschaftsloses Durchleuchten politischer Abläufe, sein illusionsloser Blick auf die Interessen und Zwänge im Nebeneinander und Gegeneinander der Staatenwelt dient freilich nur der Erkenntnis. Empörung oder Enthusiasmus zu wecken, liegt diesem Autor nicht.

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Dem toten Vater auf der Spur


Wibke Bruhns: Meines Vaters Land - Geschichte einer deutschen Familie, Econ Verlag, 2004. ISBN 3-430-11571-X.

Über dieses Buch war vorab so viel zu lesen, dass ich es schon gar nicht mehr auf mein Lesepensum setzen wollte. Ein Freund hat es mir geschenkt - und dann habe ich für die 386 Seiten knapp vier Tage gebraucht. Eine aufwühlende Lektüre. Ich bewundere den Takt und das Einfühlvermögen der Autorin noch mehr als ihr handwerkliches Geschick, mit dem sie dieses Zeitmosaik komponiert hat. Ein Beispiel dafür, dass auch im eigenen Dunstkreis mit Betroffenheit und innerem Abstand recherchiert, erzählt und bewertet werden kann.

Wenige Familiengeschichten lassen sich so eng mit der Zeitgeschichte verweben wie die der Kaufmannsfamilie Klamroth aus Halberstadt. Die Journalistin Wibke Bruhns, jüngste Tochter des Abwehroffiziers Hans Georg Klamroth, setzt aus den von ihrer Familie gehüteten persönlichen Aufzeichnungen, Briefen, Fotos, Tagebuchnotizen und Dokumenten aber vor allem ein Lebensbild ihres Vaters zusammen, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte. Sechs Jahre war sie alt, als er nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Plötzensee hingerichtet wurde. Er war Mitwisser, kein Mittäter. Doch das genügte, um ihn hinrichten zu lassen.

Aber wie konnte er, Parteigenosse seit 1933, bei seinem großdeutschen und großbürgerlichen Hintergrund in Kontakt mit dem militärischen Widerstand geraten? Was war er überhaupt für ein Mensch? Ein Held? Was soll seine jüngste Tochter, eine linksliberal denkende Journalistin, von seinen früheren politischen Ansichten halten?

Wibke Bruhns geht emotional und ehrlich an diese Fragen heran, verschweigt nicht, dass viele seiner Ansichten und Gedanken sie noch heute schaudern lassen. Sie kann nicht verstehen, wie er den Nazis hat anheimfallen können. Verstört registriert sie seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Juden, der Zwangsarbeiter und der Unterdrückten in den besetzten Gebieten. Aber sie hütet sich, mit dem Besserwissen der Nachgeborenen über ihn zu urteilen. Er lebte in einer fürchterlichen Zeit, die ihm ein grausames Ende und wahrlich keinen "Heldentod" bereitete. Das Buch endet mit einem sehr persönlichen Dank: "Ich habe von Dir gelernt, wovor ich mich zu hüten habe. Dafür ist ein Vater da, nicht wahr?"

Ich bin sicher, dass sie sich beim Schreiben auch mit der Frage herumgeqält hat, wie sie heute zu ihm stünde, wenn er nicht als Mitwisser des geplanten Attentats auf Hitler hingerichtet, sondern als Frontoffizier gefallen wäre.

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Journalismus vor Hitler

Ernst Feder: Heute sprach ich mit... - Tagebücher eines Berliner Publizisten 1926-1932, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1971. ISBN 3-421-01572-4.

Auf diesen Titel bin ich im Literaturverzeichnis von Bernd Sösemanns Theodor-Wolff-Biographie gestoßen. Über ZVAB, das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher, habe ich mir ein Exemplar besorgen können. Die 300 Seiten umfassenden Tagebuchnotizen fesseln nicht nur als farbiger Hintergrund für das politische Leben der Weimarer Republik und die freie Publizistik vor Hitler. Sie geben auch einen unmittelbaren Einblick in die tagtägliche Arbeit eines politischen Journalisten.

Feder (1881-1964), von Haus aus Jurist, war von Chefredakteur Theodor Wolff zum Berliner Tageblatt geholt worden; er widmete sich hauptsächlich der Innenpolitik und wusste genau, was einen Juristen, einen Richter zumal, vom Journalisten unterscheidet: Der Richter muss Interessantes langweilig, der Journalist Langweiliges interessant machen. Seine Berichte über die Verhandlungen zur Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund qualifizierten ihn als einen der führenden Köpfe des Blattes. Seine Tagebuchnotizen halten fest, wen alles er getroffen hat, sehr viel Prominenz dabei, was ihm erzählt worden und was ihm auf- oder eingefallen ist, dazu Redaktionsklatsch, Anekdotisches reichlich. Nachgeborene Leser, Journalisten zumal, kommen kaum davon los.Das Chaos auf seinem Schreibtisch war sprichwörtlich und beflügelte einen in der Redaktion umlaufenden Witz. "Hier sind wir ja schon gewesen", sagten die Spartakisten nach kurzem Blick in Feders Büro, als sie 1919 die Redaktionsräume des B.T. verwüsteten.

Als der Verleger Lachmann-Mosse mit seinen Sparmaßnahmen das angesehene liberale Blatt zu ruinieren begann, erinnerte Chefredakteur Theodor Wolff ihn daran, "dass der politische Redakteur eines großen Blattes ... nur dann wertvoll ist, wenn er Zeit behält, Bücher und Zeitschriften zu lesen, sich im Gespäch mit maßgebenden Persönlichkeiten zu informieren und die sich darbietenden Probleme zu durchdenken". In diesem Sinne war sein Redakteur Ernst Feder der exemplarische politische Journalist. Seiner jüdischen Herkunft wegen ist er 1933 emigriert.

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Zweite Karriere im Schatten der ersten


Jost Nolte: Der Feigling - Roman, Scherz Verlag, Bern 2003.
ISBN 3-502-10514-6.

Von solchen wendigen Karrieristen hat man gehört. Einer war tiefbrauner Germanistik-Professor und machte sich nach 1945 als fortschrittlicher Hochschullehrer einen guten Namen. Ein anderer war NS-Verwaltungsjurist im polnischen Generalgouvernement und tat sich nach 1945 als linksliberaler Journalist und fortschrittlicher Buchautor hervor. Jost Nolte begnügt sich nicht damit, derlei Biographien für typisch zu erklären; mit genauen Charakterbildern und detaillierten Milieuschilderungen, verwoben in die konkreten Zeitläufte von der Novemberrevolution 1918 bis über die bedingungslose Kapitulation von 1945 hinaus, belegt er, wie sehr sie auch individuell bedingt sind.

Die kaiserlich-preußischen Relikte, mit denen die Weimarer Republik nicht fertig werden konnte, gehören zum familiären Hintergrund des begabten Juristen Jon Schierling und bestimmen auch seinen Lebensweg. Der Vater, Korvettenkapitän im kaiserlichen Admiralstab, nach der Revolution aus Kiel im Potsdamer Reichsarchiv gelandet, die Mutter Turnierreiterin - die Eltern sorgen zwar für gute Bildung, geben ihm aber zu wenig Lebensweisung. Bei den Nationalsozialisten kommt er als Jurist rasch nach oben. Die Chance einer Offizierslaufbahn schlägt er aus. Mehr aus Feigheit als aus politischer Überzeugung gerät er auf die schiefe Ebene der braunen Rechtspolitik und wird als Kreishauptmann in Galizien mitschuldig an der Judenverfolgung, erschießt eigenhändig den Mann, der sein "Schutzjude" war.

Vor der Roten Armee flieht Schierling nach Westen. Er wird interessant für alliierte Geheimdienste, passiert zwei Entnazifizierungsverfahren und entgeht einer Mordanklage. Er nennt sich jetzt Ansgar Rosmer und beginnt seine zweite Karriere als liberaler Rechtslehrer, der mit besonders fortschrittlichen Thesen zu den internationalen Rechtsbeziehungen Aufsehen erregt. Freunden gegenüber, die von der düsteren ersten Karriere nichts ahnten und ihm - als schließlich alles bekannt wird - verübeln, dass er nie darüber gesprochen hat, bleibt er uneinsichtig: Warum haben sie ihn nie danach gefragt? Spannend erzählt - und viel einfühlsamer, als es diese Romanfigur erwarten durfte.

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Der Professor und sein Geheimnis

Philip Roth: Der Menschliche Makel (englischer Originaltitel: The Human Stain) - Roman, Carl Hanser Verlag, München Wien 2002.
ISBN 3-446-20058-4.

Dies ist die Geschichte von Coleman Silk, einem jüdischen Professor der Altphilologie, dessen glanzvolle akademische Karriere an einer US-Universität jählings endet, als er wegen zweier salopper Bemerkungen als Rassist denunziert wird. Vorzeitig in den Ruhestand abgeschoben, unterhält der Witwer ein Verhältnis mit der halb so alten Faunia, die weder lesen noch schreiben kann. Sie arbeitet als Putzfrau und Melkerin und wird dieser Affäre wegen von ihrem geschiedenen Mann bedroht. Die "anstößige" Beziehung kostet Coleman die Achtung seiner Kinder und bringt ihm den anonymen Vorwurf einer jungen Dozentin ein, dass er die ihm geistig weit unterlegene Faunia sexuell ausbeute. Bill Clintons Sex-Affäre mit einer Praktikantin und die heuchlerische Entrüstung seiner politischen Gegner liefern den zeitgeschichtlichen Bezug. Das ungleiche Paar stirbt bei einem von Faunias Ex-Mann provozierten Autounfall. Der Erzähler enthüllt schließlich das große Geheimnis, das ihm sein Freund Coleman gebeichtet hat und das dem Buch seinen unerhörten, ergreifenden Hintergrund verschafft: Der jüdische Professor mit dem Aussehen und der Hautfarbe eines Weißen, entstammt in Wahrheit einer schwarzen Familie. Fünfzig Jahre lang hat er dieses Geheimnis selbst seiner Frau gegenüber gehütet, auch ohne Skrupel gegenüber seiner Mutter und seinen Geschwistern, die sich von ihm verleugnet fühlten. - Ein spannendes, meisterhaft erzähltes und übersetztes Buch.

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Die "Gustloff" und was alles nie aufhört


Günter Grass: Im Krebsgang - Eine Novelle, Steidl Verlag, Göttingen 2002. ISBN 3-882433 800-2.

Wir erfahren alles über das ehemalige KdF-Schiff "Wilhelm Gustloff". Wofür es einmal gebaut worden war. Warum es als Flüchtlingsdampfer eingesetzt wurde. Wie es am 30. Januar 1945 nach drei Torpedotreffern unterging und mehr als fünftausend, womöglich sogar neuntausend Menschen in den Tod riss: vor allem Frauen und Kinder - nur zwölfhundert wurden gerettet, die meisten davon Männer, auch alle vier Kapitäne. Was der sowjetische Kommandant sich in seinem U-Boot dabei gedacht hatte und was für ein Mensch er war. Was es mit diesem Nazi Wilhelm Gustloff auf sich hatte, nach dem das Schiff benannt worden war. Warum und von wem der erschossen wurde. Einschlägige Internetseiten gibt es mehr als genug. Der Rechercheur des Autors, Olaf Mischer, hat gründliche Arbeit geleistet. Sein Material hätte auch als Grundlage für eine Reportage oder Dokumentation dienen können. Grass lässt das alles denn auch einen beim Schiffsuntergang geborenen Journalisten erzählen - aber verwoben in eine späte Fortsetzung seiner Danziger Familiensaga. Der missratene Sohn des Erzählers - durchaus kein typischer Rechtsradikaler - erschießt einen jungen Mann , der gern als Jude auftrat - obwohl er keiner war. Diese unerhörte Begebenheit (Novelle, Novelle) schiebt am Ende die schreckliche Schiffskatastrophe hinter die aktuelle Kulisse politisch schwer begreiflicher Jugendgewalt. Nie hört das auf, heißt es am Ende. Ich ahne die Botschaft, bin aber nicht sicher, sie verstanden zu haben.

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Balance war ihm wichtiger als politische Konsequenz

Uwe Soukup: Ich bin nun mal Deutscher - Sebastian Haffner. Eine Biogaphie. Aufbau-Verlag, Berlin 2001.

Die einfühlsame und von großer Sympathie getragene Lebensbeschreibung des deutschen und zugleich sehr englischen Journalisten Sebastian Haffner zeigt, dass die spektakulären Wendepunkte seines publizistischen Wirkens Konsequenzen seines Wesens und seines Schicksals, aber auch schwieriger Zeitläufte waren, die ihn in die Emigration gezwungen hatten. Was viele als Haffners Brüche und Widersprüche, wenn nicht gar als seine opportunistischen Tribute an den Zeitgeist empfanden, das führt Soukup auf den unbeirrbaren Gleichgewichtssinn eines im Grunde konservativen Mannes zurück: nach links neigend, wenn es ihm rechts zu laut zuging, nach rechts, wenn links allzu schick wurde. Mit erstaunlicher Klarsicht und glasklarer Sprache wusste Haffner seine Leser auf das zu stoßen, was sich erst anbahnte, und ihnen das verständlich zu machen, was sie miterlebt oder mitgeerbt, aber nicht verstanden hatten. Der Biograph hat versucht, seine Sprache so einfach zu halten, wie es Haffner gefallen hätte. Dass er Haffner in Anspruch nimmt, um eigene Vorbehalte gegen die rot-grüne Regierung zu unterfüttern, sei ihm nachgesehen. Ich bin allerdings sicher, dass Haffner, lebte er noch, uns auch da noch die eine oder andere Überraschung beschert hätte.

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Abgründiges und Apartes zum Journalismus

Tom Wolfe: Hooking up - Neuigkeiten aus dem Weltdorf, Karl Blessing Verlag, München 2001. ISBN 3-89667-159-6.

Eine Aufsatzsammlung des als Dandy getarnten New Yorker Journalisten und Romanciers, die es in sich hat. Er schreibt über die amerikanische Sexualmoral, über allerlei Moden und Zeitgeistauswüchse, stellt berühmte Kollegen bloß, die seinen letzten Roman "Ein ganzer Kerl" auseinandergenommen, aber wohl nicht richtig verstanden haben. Was er über das Innenleben der berühmten Wochenzeitschrift New Yorker ausplaudert, liest man mit heißen Ohren, seine Novelle "Hinterhalt in Fort Bragg" über einen von drei Marineinfanteristen begangenen Mord an einem Schwulen und dessen Aufdeckung im Fernsehen, geriet ihm zu einer der besten Satiren über die Medienwelt - fast noch abgründiger als die Story von Billy Wilders Film "Reporter des Satans".

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Die Judenmörder brauchten keinen schriftlichen Befehl

Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl - Hitler und der Weg zur "Endlösung", Piper Verlag, München/Zürich 2001. ISBN 3-492-04295-3.

Diesem Buch liegt das Gutachten zugrunde, das der an der Universität London lehrende deutsche Historiker in einem Zivilprozess erstattete. Es trug dazu bei, dass der von Rechtsradikalen gern als zeitgeschichtliche Autorität bemühte Autor David Irving im April 2000 in London mit seiner Klage scheiterte: Das Gericht sollte der amerikanischen Professorin Deborah Lipstadt verbieten, ihn als Leugner des Massenmordes an den Juden hinzustellen. Der Kläger kam damit nicht durch, weil er wiederholt die Systematik des Judenmords und Hitlers führende Rolle dabei bestritten hat. Irving und andere Leugner des "Holocaust" reiten immer wieder auf dem Punkt herum, dass ein schriftlicher Befehl von Hitler zur Ermordung der Juden nicht gefunden wurde. Longerich weist nach, dass es Hitler war, der - unabhängig von der Existenz eines solchen Befehls - diesen industriellen Massenmord mit der Autorität des Diktators eingeleitet und immer wieder vorangetrieben hat. Er musste ihn nicht schriftlich befehlen, seine Schergen wussten, was er von ihnen erwartete und hatten stets seine volle Deckung.

(Eine Ergänzung: Die FAZ veröffentlichte am 24.1.2004 einen erst jetzt im amerikanischen Nationalarchiv in Washington aufgetauchten Aktenvermerk Heinrich Himmlers vom 10.12.1942, in dem der "Reichsführer SS" den Inhalt eines Gesprächs mit Hitler festgehalten hat. Darin heißt es u.a.: "Der Führer hat die Anweisung gegeben, daß die Juden und sonstigen Feinde in Frankreich verhaftet und abtransportiert werden." - Die Transporte endeten, das verstand sich von selbst, im Todeslager. )

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Glasklare Gebrauchsanweisung für das digitale Zeitalter

Dieter E. Zimmer: Die Bibliothek der Zukunft - Text und Schrift in den Zeiten des Internet, 2. Aufl., Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2000.

In glasklarem Deutsch erläutert und erklärt Zimmer den vom Computer ausgelösten Umbruch unserer Schriftkultur. Die Konsequenzen für das Bibiotheks- und Verlagswesen beschreibt er genauso verständlich wie die Grundlagen der elektronischen Texbearbeitung und die Funktionsweise des World Wide Web. Wer wirklich erfahren will, wie man im digitalen Zeitalter schreiben, kommunizieren, recherchieren und publizieren kann, der bekommt hier eine kompetente, präzise Anleitung. Die Lektüre müsste allen Verfassern von Gebrauchsanweisungen zur Pflicht gemacht werden. Von größtem Nutzwert: der Anhang mit einer ausführlichen Bibliografie sowie mit Links zu Bibliotheken, elektronischen Fachblättern, Literatur- und Autorenseiten im Web.

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Wenn Miterlebtes als Geschichte wiederkehrt

Heinrich August Winkler: Der Lange Weg nach Westen, Zweiter Band, Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung, Verlag C. H. Beck München.

Besser kann niemand in Form und auf den Punkt bringen, was man selber glaubt miterlebt zu haben. Winkler macht es dem Leser leicht, sich eigenen Irrtümern und Fehleinschätzungen zu stellen, weil einige davon auch die seinen waren. Band 1 übrigens (Vom Ende des alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik) fördert geradezu die Sucht, versäumte Geschichtslektionen nachzuholen und schlecht behaltene zu repetieren.

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Was die Provence so reizvoll macht

Peter Mayle: Encore Provence, aus dem Englischen von Klaus Fröba, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München, vollständige Taschenbuchausgabe 2001.

Über Parfum, Olivenöl und Trüffelsuche, über den Melonenhandel, Jagdbräuche, Hundehaltung und Essgewohnheiten im Dunstkreis des Luberon erfährt man alles, was jeder Liebhaber der Provence eigentlich längst hätte wissen sollen. Wie hier aber über die Menschen zwischen Cavaillon und Apt mit Witz und liebevoller Ironie erzählt wird, das macht dieses Buch des britischen Autors zu einem Glanzstück der Reiseliteratur. Indem Mayle uns mit den Frauen dieser Landschaft sowie mit ihren Handwerkern, Gärtnern, Markthändlern und Gastwirten bekannt macht, erklärt er überzeugend, warum es ihn immer wieder dort hinzieht.

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Im Reich, wo Kinder sich mächtig fühlen dürfen

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen, aus dem Englischen von Klaus Fritz, Carlsen Verlag, Hamburg 1989.

Diese Mixtur aus "Alice in the Wonderland" und "Tom Sawyer" kann auch den erwachsenen Leser dazu verführen, 333 Seiten ohne viele Pausen zu verschlingen. Kinder, die sich - meist zurecht - unfair, ungerecht und lieblos behandelt fühlen, führt Harry Potter in eine Welt, in der sie dank der Zauberei endlich mal Genugtuung finden. Die Chance, sich im Kreis der Kundigen von den Gewöhnlichen, den "Muggles", abzugrenzen, gehört zu den schönsten Kinderträumen und stärkt das Selbstgefühl. Wer's auch so empfindet, der soll mir eine "Eule" schicken. So nennen alle Eingeweihten eine E-Mail.

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Von wegen Machtergreifung - es war Machtauslieferung

Henry A. Turner: Hitlers Weg zur Macht, Aus dem Amerikanischen von Enrico Heinemann u. Thomas Pfeiffer, Luchterhand, München 1997.
ISBN 3-630-87988-8.

Spannende Lektüre fuer eine lange Nacht und das Ende von der Vorstellung, der "Führer" sei von einer unaufhaltsamen braunen Grundsee an die Spitze des Reichs gespült worden. Der manipulierbare Reichspräsident Hindenburg und seine Clique haben ihm das Reich ausgeliefert , als sich Hitlers Vorgänger in der Reichskanzlei, General von Schleicher, dank seiner Arroganz und Kurzsichtigkeit selber ausmanövriert hatte. Dabei besaßen die Nazis und ihre deutschnationalen Koalitionspartner nicht einmal eine Mehrheit im Reichstag; ihnen fehlten 46 Stimmen. Insofern hat der "Hüter der Verfassung" - als der Hindenburg sich gerne feiern ließ - bei der Ernennung dieses Kanzlers die Verfassung nicht ernst genommen. Turners minutiöse Aufarbeitung der letzten dreißig Tage der Weimarer Republik zeigt, dass die Rolle und die Verantwortung einzelner Akteure für den Verlauf der Geschichte nicht unterschätzt werden dürfen.



© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
30.05.2011

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