--Fragezeichen

aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Holocaust und Nachrichtenpolitik

Was meldete die BBC wann?
Broadcasting House
Portland Place, London
Haben die "Feindsender" im Krieg den industriellen Judenmord verschwiegen oder verharmlost? Das ist keine akademische Frage; denn die BBC glaubt, daß trotz der angedrohten drakonischen Strafen immerhin eine Million Deutsche pro Jahr ihre Sendungen gehört haben. Einige von denen hätten es also wissen können. Während der Diskussion um Daniel Goldhagens Buch über "Hitler's Willing Executioners" erschienen Leserbriefe mit der These, die BBC habe in ihrem deutschen Dienst kaum oder gar nicht, auf jeden Fall zu wenig und zu leise über die Vernichtungslager und die in ihnen begangenen Massenmorde berichtet.

Die Haltbarkeit dieser Behauptung zu überprüfen, ist bei aller gebotenen Vorsicht möglich. Freilich finden sich keine Sendeprotokolle der deutschsprachigen Nachrichtensendungen der BBC. Vom Archivzentrum Caversham Park ist zu erfahren, daß die Unterlagen des deutschen Dienstes alles andere als vollständig seien, insbesondere nicht für die Zeit vor 1943. Mag sein, daß da noch das eine oder andere Protokoll gefunden wird. Das älteste auffindbare Manuskript zu diesem Thema ist ein Feature, das unter dem Titel "The War against the Jews" am 27. Dezember 1942 gesendet wurde, zehn Tage nachdem sich die Abgeordneten im Unterhaus erhoben hatten, um zwei Minuten lang schweigend der Opfer der Judenverfolgung zu gedenken.


Anthony Eden
Außenminister Anthony Eden hatte im Parlament eine von Großbritannien den USA und der Sowjetunion unterzeichnete Erklärung abgegeben, die, so hieß es in der Sendung, die grauenhafte Brutalität schilderte, "mit der die Hitlerregierung Hunderttausende völlig unschuldige Männer, Frauen und Kinder kalten Blutes hinmordet, nur weil sie Juden sind".

"Nie vorher", sagte der deutsche BBC-Sprecher, "hatte sich eine solche Kundgebung ereignet - nie vorher in der Geschichte der Menschheit hatte sich auch ein Verbrechen solchen Ausmaßes ereignet. Es ist das abscheulichste Schauspiel aller Zeiten...diese Tragödie der Juden..., die zugleich auch die Tragödie der Deutschen ist." In einer Aufzählung aller Verfolgungsmaßnahmen vom Pogrom 1938 bis hin zu den Mordaktionen in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten versuchte diese Sendung, mit konkreten Zahlenangaben über die ermordeten Juden zum ersten Mal die Dimension des Völkermordes zu verdeutlichen.

Neun Tage zuvor wurde in der "Discussion of the Week" über die Ausrottung der Juden gesprochen. Zu den Teilnehmern gehörte der Kommentator Lindley Fraser; doch gibt es das Manuskript dieser Sendung nicht mehr. Von Lindley Fraser liegt aber der Text eines Kommentars vor, den er zwei Jahre später am 19. Oktober 1944 gesprochen hat. Darin bezeichnete er Auschwitz als "das berüchtigste, grauenhafteste aller Nazi-Konzentrations-Lager", in dem das Morden, in dem die Massenausrottung weiter gehe. Er nannte sieben der dafür verantwortlichen SS-Führer beim Namen; ihre Gräueltaten würden als Kapitalverbrechen bestraft werden.

Fraser schloss diesen Kommentar mit einer Warnung: "Wer an diesen Verbrechen teilnimmt, sei es als Anstifter, als mittelbarer oder unmittelbarer Täter, wer diese Verbrechen zulässt ohne einzugreifen, soll sich das reiflich überlegen am Ende eines verlorenen Krieges. Und das deutsche Volk soll nie vergessen: diese Männer, die jetzt aufrufen zum Volkssturm - zum nationalen Selbstmord, sind dieselben, die für zahllose solche Verbrechen wie die im Lager Auschwitz die Verantwortung tragen, sind die Männer, die Deutschlands Ehre für immer geschändet haben."

Von einer Politik des Verschweigens kann also für die Zeit nach Dezember 1942 keine Rede sein. Zu fragen bleibt, wann die Berichterstattung über den Judenmord im deutschen Dienst der BBC einsetzte und ob sie so intensiv war, wie es die Dimension dieses Verbrechens erfordert hätte. Dass sie für die Redakteure ein heikles Thema war, steht fest. Maurice Latey, der seit 1939 als politischer Kommentator dabei war, schreibt in seinen Erinnerungen, daß die Berichterstattung über die Gräueltaten zu Auseinandersetzungen geführt habe, und er nennt den Grund, der zu einer gewissen Vorsicht Anlass gab:

"Wir waren entschlossen, nicht noch einmal die Gräueltaten so zu übertreiben, daß dadurch die britische Propaganda diskreditiert würde wie im Ersten Weltkrieg. Also prüften wir solche Berichte so gründlich, wie wir konnten. Ganz gewiss aber hielten wir damit nicht hinter dem Berg. Sonst hätte es einen Aufstand all der Kollegen gegeben, die dem Holocaust zum Opfer gefallen wären, wenn sie Deutschland oder Österreich nicht verlassen hätten. Leider haben die Nachrichtentexte, die dafür den Nachweis erbringen könnten, nicht überlebt..."

Bei der zweifellos geübten Vorsicht spielten die "instructions" der Political Warfare Executive (PWE) eine gewichtige Rolle. Diese Abteilung des Foreign Office residierte auf dem Lande, unweit von Bletchley und hieß bei den Radioleuten nur The Country. Der frühere BBC-Mitarbeiter Marius Goring (er arbeitete nach dem Krieg als Schauspieler) hat ihr Wirken in der Dokumentation zum fünfzigjährigen Bestehen des German Service beschrieben: "Jeden Morgen kamen die Pundits von The Country und instruierten die Abteilungsleiter über die Senderichtlinien des Tages."

Alle fremdsprachigen Sendemanuskripte mussten der Zentralredaktion der BBC in englischer Übersetzung vorgelegt werden. Die hatte darauf zu achten, daß die Anweisungen der PWE auch befolgt wurden. Doch gab die PWE die verbindliche Weisung, über den Judenmord zu berichten, offenbar erst im Dezember 1942. So reichte der "European News editor" der BBC am 17. Dezember unter dem Rubrum "The Jews" folgende Instruktion weiter:

"Die heute in London, Moskau und Washington simultan abgegebene gemeinsame Erklärung über die Massaker an den Juden ist von historischer Bedeutung. Sie ist auch von enormem Wert für die politische Kriegführung. Die heutige Szene im House of Commons... verschafft der Geschichte ein feierliches und symbolträchtiges Interesse, das uns in jeder Hinsicht dazu berechtigt, diesen bedeutenden internationalen Protest zur Aufmachergeschichte des Tages zu machen. Ich glaube, es hinterließe in Europa einen ungeheuren Eindruck, würden wir in den nächsten Stunden alle Nachrichtensendungen damit eröffnen."

Am Tage darauf wies er die Nachrichtenredakteure an, die von Eden abgegebene gemeinsame Erklärung der Alliierten weiterhin als "one of the main stories of the day" zu behandeln. Kommentare der britischen Presse dazu seien ebenso auszuwerten wie eventuell vorliegende Meinungsäußerungen neutraler Zeitungen. Offensichtlich taktisch motiviert war seine Weisung, die Ausrottung der Juden allein als eine von Hitler persönlich diktierte Politik zu behandeln. Die Absicht war nicht zu verkennen: Wenn man vermeidet, die Deutschen mit diesem Verbrechen zu identifizieren, und stattdessen allein ihren "Führer" dafür verantwortlich macht, dann würden die Berichte darüber nicht so leicht als Gräuelmärchen abzutun sein.

Ob die BBC schon vor dem Dezember 1942 überhaupt oder intensiver mit eigenen Meldungen über die Mordaktionen berichtet hat, kann sie derzeit nicht dokumentieren. Am 2.Juni 1942 übernahm sie auszugsweise einen Bericht eines polnischen Untergrundsenders, in dem die Zahl von 700.000 jüdischen Mordopfern im Generalgouvernement genannt wurde. Erst nach einmonatigem Zögern brachte sie die von polnischen Untergrundkämpfern Ende Juli übermittelte Information über die Deportation der Warschauer Juden nach Treblinka.

Belegt ist freilich, daß Thomas Mann in seinen von der BBC ausgestrahlten Reden die deutschen Hörer schon im Januar, im Juni und im September 1942 über die massenhafte Ermordung von Juden durch Giftgas unterrichtet hat. Die Termine seiner Sendungen wurden im deutschen Dienst mehrfach angekündigt. Jedoch besaßen Reden eines emigrierten Schriftstellers bei den deutschen Hörern nicht die gleiche Glaubwürdigkeit wie die news bulletins der BBC.

Von welchem Zeitpunkt an hätte man von der BBC eine dem Thema angemessene eigene Berichterstattung erwarten dürfen? Wann hätte sie aufgrund verlässlicher Informationen berichten können und dann doch auch wohl müssen? Sicherlich, in den großen Vernichtungslagern war erst im Sommer 1942 mit dem industriellen Massenmord begonnen worden. Doch der britische Geheimdienst wusste seit dem Sommer 1941, daß deutsche Einsatzgruppen und Ordnungspolizei in der Sowjetunion Massenhinrichtungen an Juden vollzogen. Er hatte den deutschen Funk-Code geknackt, wollte das aber nicht laut werden lassen, verschwieg deshalb sein Wissen von den Aktionen.

Immerhin: Als im Januar 1942 die Wannsee-Konferenz stattfand, hatten die Einsatzgruppen der SS im Osten schon mehr als eine halbe Million Juden umgebracht, war in Chelmno, im ersten Vernichtungslager, die Mordmaschinerie schon angelaufen. Meldungen darüber waren frühzeitig in den Westen gedrungen. Deshalb hat Walter Laqueur in seinem Buch "Was niemand wissen wollte" mit der These aufgeräumt, vor dem Sommer oder dem Herbst 1942 hätten wesentliche Informationen aus Osteuropa nicht beschafft werden können. Er kommt zu der Erkenntnis, daß es in diesem Zeitraum sehr wohl eine gewisse Unterdrückung der Nachrichten über Hitlers "Endlösung" gab. Sein Fazit: "Die Nachrichten über Massenmord wurden heruntergespielt, aber nicht gänzlich unterdrückt." Hat die BBC sich an diesem fragwürdigen "News Management" beteiligt? Für das Jahr 1942 ist die Frage mit Ja zu beantworten.

[Wie inzwischen nachzulesen ist, hat Lord Vansittard, bekannt für seine antideutsche Einstellung, schon Anfang September 1942 in einer BBC-Sendung sehr zum Unwillen der britischen Regierung den Massenmord an den polnischen Juden angeprangert: "The fate of Polish Jews is unspeakably tragic. They are murdered by thousands daily, even children - and poison gas is used to do the dreadful work. Hundreds of thousands of Polish Jews have already perished. Hitler has no use for the Jews; he does not even consider them as potential slaves like the Poles. Never in history were terror and oppression so well organised or on such scale of cruelty." So zitiert in Jörg Späters Untersuchung "Vansittard. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902-1945", Wallstein Verlag, Göttingen 2003.]

Entgegen einer in Deutschland weit verbreiteten Ansicht gehörte die "objektive" BBC zu den Instrumenten britischer Kriegsführung. Als Gegengewicht zur nationalsozialistischen Propaganda hatte sie auch als offizielles Sprachrohr der britischen Regierung zu dienen. Dass sie regimekritischen oder einigermaßen unvoreingenommenen Hörern in Deutschland glaubwürdiger erschien als der Großdeutsche Rundfunk, lag hauptsächlich daran, daß sie umfassende Weltnachrichten brachte, in ihren Berichten über das "Reich" allzu grobe Agitation vermied und die Verhältnisse im eigenen Lager relativ freimütig und ungeschminkt darstellte. In allem, was strategische oder taktische Bedeutung hatte, war aber ihre journalistische Freiheit beschränkt. Gerade die Berichte über die "Endlösung" hielt die Regierung für äußerst bedeutsam.

Der britische Informationsminister Brendan Bracken befürchtete im Sommer 1942, die Nachrichten von der Ausrottung der Juden seien so grauenvoll, daß man sie als "Propagandalügen von Goebbelsschen Dimensionen" abtun würde. Er hielt es deshalb für politisch unklug, ihnen zu viel Publizität zu geben. Von dieser vorsichtigen Linie der offiziellen Politik hätte die BBC unter den Augen der PWE gar nicht abweichen können.

Die Planungsgruppe des Informationsministeriums hatte ein Jahr zuvor in einem Memorandum die folgende - bei Laqueur zitierte - Richtlinie empfohlen: Eine gewisse Dosis Horror sei zwar für die Propaganda im eigenen Land nötig, man solle sie aber sparsam handhaben; außerdem "muss sie sich immer mit der Behandlung einwandfrei unschuldiger Menschen befassen. Nicht mit gewalttätigen politischen Opponenten. Und nicht mit Juden".

Selbst der offizielle Historiker des britischen Informationsministeriums nimmt deshalb an, daß die zögernde Haltung des Hauses auch auf die "in der britischen Öffentlichkeit weitverbreiteten Vorurteile gegen die Juden" zurückging. Laqueur vermutet sogar, daß durch die Enthüllungen über die systematische Vernichtung europäischer Juden, der Antisemitismus abermals auflebte. Die Ausrottung begünstigte die Ausrottung. Keine Frage also: Es hätte viel früher ausführlicher berichtet werden können. Aus Gründen politischer Zweckmäßigkeit wurde ein Jahr lang darauf verzichtet.

Vornehmlich die Emigranten im deutschen Dienst der BBC dürften diese von oben verordnete Sperrfrist für die Nachrichten vom Völkermord an den europäischen Juden als schändlich und viel zu lang empfunden haben. Hätte die BBC rechtzeitig mit offizieller Bestätigung den Judenmord zum Hauptthema gemacht, wer weiß, ob es den Nazis dann noch gelungen wäre, im vollen Licht der Weltöffentlichkeit den "Betrieb" ihrer Todesfabriken bis kurz vor Kriegsende durchzuhalten.

Die Welt, 10. 1. 1997

*

Für weiterführende Recherchen müssten die Abhörprotokolle des deutschen Monitoring-Büros "Seehaus"-Dienst eingesehen werden. Die enthalten wörtliche Mitschriften aller ausländischen Sender in deutscher Sprache. Im Februar 2006 erinnerte mich Dr. Stephanie Seul vom Institut für Deutsche Presseforschung der Universität Bremen - ihre Dissertation untersuchte die britische Propaganda gegen das Dritte Reich in den Jahren 1938 bis 1940 - an diese Texte, von denen im Bundesarchiv Berlin leider nur wenige Abschriften zu finden sind; der größte Teil wurde 1945 von den Amerikanern beschlagnahmt und lagert in der Library of Congress in Washington. - Neuere Literatur zu diesem Thema:

Seul, Stephanie: The Representation of the Holocaust in the British Propaganda Campaign directed at the German Public, 1938-1945, Aufsatz im Year Book LII des Leo Baeck Institutes. London 2007.

Bankier, David: The Germans and the Final Solution: Public Opinion under Nazism. Oxford 1992.

Longerich, Peter: "Davon haben wir nichts gewußt!". Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945. Berlin 2006.

Bajohr, Frank; Pohl, Dieter: Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. München 2006.

Herf, Jeffrey: The Jewish Enemy: Nazi Propaganda during World War II and the Holocaust, The Belknap Press of Harvard University Press. Cambridge, Mass. 2006.

Dörner, Bernward: Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte. Berlin 2007.
Eine Ergänzung: Warum das Riegner-Telegramm zurückgehalten wurde
Rabbi Stephen S. Wise
Im August 1942 schickte der dreißigjährige Jurist Gerhart M. Riegner, Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in Genf, seiner New Yorker Zentrale ein Telegramm für Rabbi Stephen S. Wise, der als "America's most influential Jewish leader" galt. Darin teilte Riegner dem Präsidenten des Weltkongresses mit, dass im Führerhauptquartier ein Plan erörtert werde, alle Juden in Europa zu ermorden. Über den Inhalt des Riegner-Telegramms wurde Wise vorab unterrichtet - am 24. August per Cabelgram durch den Liverpooler Rechtsanwalt und Unterhausabgeordneten Sidney Silverman vom linken Flügel der Labour Party; der war Leiter der britischen Sektion des Weltkongresses und hatte vom Foreign Office eine Kopie des Telegramms erhalten.

HAVE RECEIVED THROUGH FOREIGN OFFICE FOLLOWING MESSAGE FROM RIEGNER GENEVA STOP (RECEIVED ALARMING REPORT THAT IN FUHRERS HEADQUAR-
TERS PLAN DISCUSSED AND UNDER CONSIDE-
RATION ALL JEWS IN COUNTRIES OCCU-
PIED OR CONTROLLED GERMANY NUMBER
3-1/2 TO 4 MILLION SHOULD AFTER DEPORTATION AND CONCENTRATION IN EAST AT ONE BLOW EXTERMINATED TO RESOLVE ONCE FOR ALL JEWISH QUESTION IN EUROPE=










Eine Übersetzung des vollständigen Original-Telegramms findet sich bei Arthur D. Morse: "Die Wasser teilten sich nicht", Rütten+Loening Verlag, Bern München Wien, 1968, S. 15:


Riegner
ERHIELT ALARMIERENDEN BERICHT DASS IM FUEHRERHAUPTQUARTIER PLAN DISKUTIERT UND ERWOGEN WIRD NACH DEM ALLE JUDEN IN BESETZTEN ODER DEUTSCH KONTROLLIERTEN LAENDERN 3,5 BIS 4 MILLIONEN NACH DEPORTATION UND KONZENTRATION IM OSTEN MIT EINEM SCHLAG AUSGEROTTET WERDEN SOLLEN UM EIN FUER ALLEMAL JUDENFRAGE IN EUROPA ZU LOESEN STOP AKTION ANGEBLICH FUER HERBST GEPLANT UNTER ERWOGENEN METHODEN AUCH BLAUSAEUREGAS STOP WIR GEBEN INFORMATION MIT ALLEN NOETIGEN VORBEHALTEN WEITER DA GENAUIGKEIT NICHT NACHPRUEFBAR STOP INFORMANT GIBT AN BEZIEHUNGEN ZU HOECHSTEN DEUTSCHEN STELLEN ZU HABEN SEINE BERICHTE IM ALLGEMEINEN ZUVERLAESSIG RIEGNER

Wegen kriegsbedingter Sicherheitsvorschriften war Riegners Telegramm als diplomatische Depesche auf Regierungskanälen ins State Department in Washington gelangt. Dort wollte man Zeit gewinnen, hoffte womöglich, die Nachricht könne sich als falsch oder übertrieben erweisen. Drei Monate ließ man es liegen, bevor es Rabbi Wise offiziell zugestellt wurde. Der machte es schließlich der Presse zugänglich, nachdem ihn Unterstaatssekretär Sumner Welles im November von dem Versprechen entbunden hatte, nichts über den Ausrottungsbefehl verlauten zu lassen. Von einem früheren Gang an die Öffentlichkeit aufgrund der Vorabinformation aus London sah der Weltkongress ab, entschied vielmehr, Rabbi Wise solle das State Department um Rat fragen: ob dort etwas von der Sache bekannt sei und welche Aktion man vorschlage.

Viel zu spät also wurde die Öffentlichkeit alarmiert, und die Nachricht wurde in den meisten amerikanischen Zeitungen auch dann noch nicht auf der ersten Seite plaziert. Die New York Times setzte sie auf Seite 10, und erst Mitte Dezember 1942 nach der alliierten Verdammung des "Krieges gegen die Juden" gelangte die "Endlösung" endlich auf die Titelseite. Dass schon drei Millionen Juden ermordet worden waren, meldete das Blatt erst am 27. August 1943 auf Seite sieben. Die meisten anderen Zeitungen, auch die Washington Post und die Los Angeles Times wurden der furchtbaren Bedeutung des Vorgangs immer noch nicht gerecht.

Warum wurde das Telegramm zurückgehalten? Amerikanische Historiker verweisen darauf, dass die Roosevelt-Regierung während des Krieges jüdische Einwanderung äußerst restriktiv handhabte. Im State Department, das die Immigration steuerte, gab es bekanntermaßen starke antisemitische Ressentiments; Unterstaatssekretär Breckinridge Long, zuständig für Flüchtlingsangelegenheiten, sprach sich ganz offen gegen eine Einwanderung von Juden in die USA aus. Er verweigerte sich sogar einem Angebot, Deutsche in Lateinamerika, die zur freiwilligen Heimkehr "ins Reich" bereit waren, gegen jüdische Gefangene auszutauschen. Ein Tagebucheintrag , (den Andrea Schuhmacher in der FAZ vom 3.2.2004 zitiert) verrät, was Long von den Juden hielt: "Sie sind gesetzlos, intrigant, trotzig - und in vieler Hinsicht nicht einzugliedern ... Manche sind bestimmt deutsche Spione."

Und bei höheren Beamten, die nicht antisemitisch dachten, herrschte die Sorge vor, die Meldungen aus Europa über die Massenverbichtung der Juden könnten sich als Übertreibungen oder Gräuelpropaganda erweisen. Die US-Regierung wollte zudem den Eindruck vermeiden, die Vereinigten Staaten schickten ihre Soldaten nach Europa, um die Juden zu retten. Auch das lange Schweigen der amerikanischen Presse erklärt die Geschichtsforschung mit antisemitischen Motiven einiger Chefredakteure und Herausgeber, die mit einer die Juden diskriminierenden Einwanderungspolitik der Regierung sympathisierten.

Was aber die New York Times betrifft, so steckte die Zeitung in einem spezifischen Dilemma. Ihr jüdischer Verleger Arthur Hays Sulzberger war nämlich der Überzeugung, Juden sollten nicht als Volk, sondern nur über ihre Religion definiert werden. Deshalb lehnte seine Zeitung die Einrichtung eines jüdischen Staates in Palästina ab und deshalb vermied sie es lange Zeit, in ihren Berichten Juden als Juden zu bezeichnen. Wenn Juden verfolgt und ermordet wurden, dann waren sie eben Verfolgte und Ermordete jüdischen Glaubens, deren Religionszugehörigkeit eigentlich nicht zur Sache gehörte. Spätestens seitdem feststand, dass es um staatlich organisierte Ausrottung ging und um Massenmörder, die ihre Opfer nicht wegen ihrer Religion umbrachten, sondern wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer nach Nazivorstellungen ausrottungswürdigen "Rasse", konnte es die Times nicht bei dieser Redaktionspolitik belassen. [Näheres dazu bei Laurel Leff: "Buried by the Times", The Holocaust and Americas's Most Important Newspaper, Cambridge University Press, 2005, 426 S.]

Zweite Ergänzung: Mancheiner hörte BBC - aber was wussten die Deutschen?

Der Hitler-Biograph Joachim Fest hat in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen und dem Spiegel (s. FAZ v. 4.6.2005) versucht, eine Antwort zu geben.

''Ich habe nichts mitbekommen. Aber mein Vater, der den Nazis jedes Verbrechen zutraute, hatte diese berühmte BBC-Sendung an Weihnachten 1942 gehört, in der es hieß, daß im Osten die Menschen zu Zehntausenden im Lager umgebracht würden. Die erste Reaktion war ungläubiges Staunen, so hat er mir das nach dem Krieg erzählt.

Das heißt, damals hat er aber nicht darüber gesprochen?

Nein, ich war gerade vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, das ist doch sehr riskant, denn auf ein solches Wissen stand die Todesstrafe. Mein Vater hat sich dann erst gesagt: "Das sind doch wieder die abgehackten Kinderhände aus dem Ersten Weltkrieg. Diese englische Kriegspropaganda tut sich immer durch Übertreibungen hervor, sie lernen es auch nicht, es ist schrecklich." Es ließ ihm keine Ruhe. Ende März 1943 wußte er definitiv, daß das passiert.

Wie hat er gesucht?

Er hatte Widerstandsverbindungen über einen Freundeskreis, hatte Verbindungen auch zu allen möglichen anderen Leuten. Das Kuriose ist, daß die endgültige Gewißheit über einen leitenden Mitarbeiter des Speer-Ministeriums kam.

Können Sie sagen, was er da erfahren hat?

Daß Menschen dort in Massen umgebracht wurden, von mehreren Orten war die Rede.

Von Gaskammern war auch die Rede?

Von Gaskammern war die Rede und auch, daß Menschen in Massen erschossen würden. Es war von allen möglichen Techniken die Rede, und mein Vater sagte: "Was fange ich mit diesem Wissen an?" Es war alles nur noch furchtbarer geworden, und man hoffte noch mehr darauf, daß es bald zu Ende gehen würde. Ich kann noch eine Geschichte dazu erzählen, aus dem Jahr 1943. Unser Grundstück in Karlshorst stieß an das Pfarrgrundstück, und der Pfarrer war ein Freund meines Vaters. Der Pfarrer hat ihm im Herbst 1943 gesagt, in seinem Beichtstuhl sei jetzt jemand aufgetreten, der von grauenhaften Geschichten im Osten erzählte. Das hat sich gehäuft, und bis Ende des Krieges waren es vier, fünf oder sechs Soldaten, die diesem Pfarrer berichtet haben, was sie erlebten, und der hat es meinem Vater erzählt.

Aber von den Konzentrationslagern im Reichsgebiet hat im Grunde jeder Erwachsene gewußt...

Das wußte jeder. Konnte jedenfalls jeder wissen. Worüber ich mehrfach nach dem Krieg mit Leuten der BBC gesprochen habe: Der Sender hat dieses eine Programm Weihnachten 1942 gebracht und dann nie wieder. Warum?

Warum?

Ich weiß es nicht. Lord Weidenfeld hat mir gesagt, daß dafür der damals auch in England latente Antisemitismus verantwortlich war. Andere sagen, es war Nachlässigkeit.''


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
21.06.2010
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