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James Boswell 1785
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Gemälde von Joshua Reynolds
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"MeinTagebuch", notierte der junge James Boswell, "muss sich, genau wie die Zeitung, am Tagesgeschehen orientieren. Ich werde jedenfalls bald wieder losziehen und mich auf die Suche nach amüsanten Abenteuern begeben." (14.1.1763)
Dieses Motto seines Journals bezeichnete sein Wesen und bestimmte auch sein Leben. Er war hemmungslos abenteuer- und kontaktsüchtig, ein Dandy, ein Libertin und ein Kommunikationsgenie, sein Tagebuch sollte ja aktuell sein, es war Teil seines Lebens, und er lebte dafür. Seine Narreteien, sein Leichtsinn, seine Eitelkeit, seine Dreistigkeiten - alles hielt er fest, ohne auch nur die
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The young Scotsman
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Skizze von George Langton
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geringste Rücksicht auf seinen Ruf zu nehmen. Er interviewte die beiden berühmtesten Freigeister seiner Zeit: Voltaire und Rousseau. Dieser schottische Jurist hatte wahrlich das Zeug zu einem großen Journalisten. Als neugieriger Literat, emsiger Reporter, Interviewer, Rechercheur und Sammler war er im publizistischen Metier auch viel erfolgreicher als in der Jurisprudenz, der er sich nur auf Druck des Vaters widmete, um nicht enterbt zu werden. Seine große Biographie des englischen Aufklärers Samuel Johnson, die beste Frucht seines Journals, sicherte seinen Nachruhm, hat er doch mit ihr - wie er stolz feststellte - ganz Britannien "johnsonisiert".
Das vier Jahre vor Boswells Tod veröffentlichte zweibändige Werk The Life of Samuel Johnson verdankte seinen Erfolg der scharfen Beobachtungsgabe des Autors und seiner damals ziemlich neuen Praxis, Gespräche und Dialoge in wörtlicher, in direkter Rede, in dramatisierten Konversationsszenen widerzugeben. Die erste
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Dr. Samuel Johnson
(1709 - 1784)
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Gemälde von Joshua Reynolds
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Begegnung mit dem 31 Jahre älteren Lexikographen, Literaturkritiker und Moralisten in der Londoner Buchhandlung des SchauspielersThomas Davies schilderte er so: "Mr. Davies stellte mich ihm vor. Da ich seine unausrottbare Abneigung gegen alles Schottische kannte, sagte ich zu Davies: 'Sagen Sie ihm nicht, woher ich komme!' Aber schon sagt er: 'Aus Schottland.' - 'Mr. Johnson', sagte ich darauf, 'ich komme tatsächlich aus Schottland, kann aber nichts dafür.' - 'Sir', antwortete er, 'ich stelle immer wieder fest, daß eine große Anzahl Ihrer Landsleute auch nichts dafür kann.' " (16.5.1763)
Johnson mochte die Schotten nicht. Das beste, was ein Schotte finden könne, sei der Weg nach England, pflegte er zu frotzeln. Aber der junge Boswell, schlagfertig und unterhaltsam wie er war, gefiel ihm. Schon wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung bat er ihn: "Come to me as often as you can." Es war der Beginn einer wundersamen Freundschaft zwischen einem Frommen und einem Sünder, die 21 Jahre dauern sollte. Irgendjemand aus Londoner Literatenkreisen fragte damals: "Wer ist der schottische Köter an Johnsons Fersen?" Worauf Oliver Goldsmith, der irische Dichter aus Johnsons Freundeskreis, antwortete: "Er ist kein Köter, er ist nur eine Klette." Diese Klette abzuschütteln, wäre Johnson freilich niemals in den Sinn gekommen.
Boswell arrangierte Treffen und Termine mit Besuchern, bereitete Themen für ihn auf, entlockte ihm Anmerkungen zu Tagesfragen, fragte ihm sogar ein Nahezu-Wortprotokoll seiner Audienz bei König Georg III. ab. Am Konversationstisch provozierte er Johnson zu vielen seiner besten Maximen und
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Was Rousseau ihm rät
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Boswell: Ist es möglich, unter Menschen zu leben und doch seine Eigenheiten zu bewahren?
Rousseau: Ja, mir ist es gelungen.
Boswell: Aber kann man dann auch noch mit den anderen gut auskommen?
Rousseau: Wenn Sie ein Wolf sein wollen, müssen Sie mit den Wölfen heulen. - Ich gebe nicht viel auf Bücher.
Boswell: Auch nicht auf Ihre eigenen?
Rousseau: Nein, - alles bloß Geschwätz.
Boswell: Jetzt heulen Sie aber mit den Wölfen.
Rousseau: Als ich noch an die Nützlichkeit von Büchern glaubte, fiel ich genau wie Sie von einem Extrem ins andere - obwohl Sie wohl eher vom Gerede der Leute durcheinander gebracht wurden. Hier oben war nichts Festes (er schlug sich an den Kopf), bevor ich ernsthaft nachzudenken begann.
Boswell: Sie hätten aber sicher nicht so erfolgreich nachgedacht, wenn Sie nicht vorher viel gelesen hätten.
Rousseau: Das stimmt. Aber es wäre noch mehr dabei herausgekommen, wenn ich mit dem Nachdenken früher begonnen hätte.
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verstand es in dieser für sein eigenes Leben so bestimmenden Zeit, die Aussprüche und Erkenntnisse des von ihm bewunderten Doktors in geschliffener, gut zitierbarer Form festzuhalten. Jahre später putzte er die damaligen Aufzeichnungen dann zur Biografie seines Freundes auf, aus der im angelsächsischen Sprachraum heute noch fast so häufig zitiert wird wie aus den Werken Shakespeares.
Boswells Vater, der Richter Lord Auchinleck, missbilligte die Londoner Aktivitäten und Vergnügungen seines Sohnes. Er drängte energisch auf die Fortsetzung des juristischen Studiums, für die James sich im Juli 1762 mit einem Examen an der Universität Edinburgh mit einigem Glück und Geschick qualifiziert hatte. Mit dem guten Vorsatz, in Utrecht seine Kenntnisse des Privatrechts zu erweitern, zog er aufs Festland. Doch die meiste Zeit der nächsten zweieinhalb Jahre reiste er auf dem Kontinent herum, immer auf der Suche nach interessanten Zeitgenossen. Wie Boswells Schweizer Übersetzer Fritz Güttinger schrieb, gehörte es "zu seinen Lehr- und Wanderjahren, in Holland den Scholaren zu spielen, in Deutschland den Junker und in Italien den Schwerenöter".
Er war ein Sinnenmensch, in jungen Jahren ein Playboy, eitel und von unersättlicher Ichbezogenheit und Erlebnisgier, der von sich behauptete, er habe "das beste Gedächtnis der Welt für Kleinigkeiten". Nur die Aussicht, in Bedeutungslosigkeit stecken zu bleiben, bereitete ihm den größten Horror. Er wollte "lieber durch Fehler auf sich aufmerksam machen als gar nicht".
Nach einem Besuch beim Herzog von Braunschweig bedankte er sich allzu überschwenglich: "Sir, Sie haben an Ihrem Hof sicher schon brillantere Männer als mich gehabt, aber niemanden, der die
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Was Voltaire nicht weiß
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Boswell: Als ich zu Ihnen kam, erwartete ich einen sehr großen, aber auch sehr bösen Mann anzutreffen.
Voltaire: Sie sind ein ehrlicher Mensch.
Boswell: Ja, aber mit der gleichen Ehrlichkeit muss ich auch sagen, daß ich das genaue Gegenteil vorfand. Nur Ihr 'Philosophisches Wörterbuch' macht mir Schwierigkeiten. Zum Beispiel, âme, die Seele - .
Voltaire: ... ein guter Artikel.
Boswell: Nein, entschuldigen Sie, aber ist die Unsterblichkeit nicht eine erfreuliche Vorstellung? Ein erhabener Gedanke?
Voltaire: ... König von Europa sein zu wollen ist auch eine erhabene Vorstellung. Sie sagen, ich wünsche es so, und ich bitte Sie, mich darin zu bestärken. Wahrscheinlich wird aber nichts daraus.
Boswell: Nein, man kann nicht zugleich das eine und das andere sein (...)
Voltaire: Bevor wir aber sagen, daß es die Seele gibt, sollten wir wissen, was sie ist. Ich weiß darüber nichts (... ) Wir sind unwissende Wesen, die Marionetten der Vorsehung. Ich bin ein armseliger Hanswurst.
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(Ferney, 29.12.1764) |
Höflichkeiten, die Sie ihm erwiesen haben, so zu schätzen weiß wie ich." Worauf der Herzog nur kühl sagte: "Es freut mich, dass es Ihnen bei Ihrem Besuch hier gefallen hat." Was Boswell zu der selbtskritischen Tagebuchnotiz veranlasste: "Ich neige eben dazu, alle Erlebnisse aus meiner Perspektive aufzubauschen und sie aus unsäglicher Eitelkeit ins Überdimensionale zu steigern." (21.8.1764) Dabei kannte er die Grenzen seiner Begabung genau: "Meine Kenntnisse sind beschränkt, mein Selbstbewußtsein dagegen überdurchschnittlich." (16.1.1766)
In Potsdam wollte er sich dem großen König vorstellen, war sogar sicher, er "werde ihn schon zum Sprechen bringen und ihm deutlich machen, daß er in mir jemanden vor sich hat, der nicht aus gewöhnlichem Holz geschnitzt ist!" Aber das hat er denn doch nicht geschafft - der größte Misserfolg seiner Europareise. Er musste sich mit Eindrücken von einer Parade begnügen: "Ich sah den König. Es war ein prächtiger Anblick. Er trug einen einfachen blauen Rock mit einem Ordensstern und einem schlichten Dreispitz mit einer weißen Feder, er hielt einen Stock in der Hand... Wie ein Magnet, der Kompaßnadeln bewegt, wie ein Sturm, der hohe Eichen beugt - so stand Friedrich der Große vor den preußischen Offizieren, die sich vor ihm beugten, als er majestätisch in ihre Mitte trat..." (13.7.1764)
Bei dem kränkelnden Jean-Jaques Rousseau in Môtiers im Schweizer Kanton Neuchatel empfahl er sich mit einem einschmeichelnden, von Eigenlob getränkten Brief: "Öffnen Sie Ihre Tür, Sir, einem Mann, der es wagt, Ihnen zu sagen, daß er es wert ist, von Ihnen empfangen zu werden..." Er durfte kommen, verwandelte vorübergehend das Krankenzimmer zu einem fröhlichen Salon. Er animierte den bewunderten Autor des Émile und der Héloise zum geistreichen Plausch, Stoff für viele Notizen. Und das ausgefuchste Prominentenabfragen wiederholte sich anschließend im Schloß Ferney unweit von Genf,
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1765 in Italien
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Gemälde von George Willison
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wo der siebzigjährige Voltaire Hof hielt wie ein Fürst. Selbstgefällig fragte sich der junge Schotte: "Werde ich nicht überall gut aufgenommen? Schenken mir nicht die bedeutendsten Köpfe ganz besondere Beachtung?" (29.12.1764)
Nach der Begegnung mit Voltaire reiste Boswell, vermutlich von Rousseau ermuntert, nach Italien, Neapel und Korsika. Auf seiner Bildungsreise zu den üblichen antiken Stätten und Kunstdenkmälern betrieb er so deftige Schürzenjagd, daß ihn die Filzläuse und die Gonokokken heimsuchten. In Italien malte ihn George Willison in eben dem Outfit, in dem er Rousseau und Voltaire seine Aufwartung gemacht hatte: rote Weste, rote Hose, pelzbesetzter grüner Rock, dazu lederne Reitstiefel. Der goldbetresste Dreispitz fehlt im Bild, dafür beäugt ihn ein Kauz, Symbol für seinen Witz, zugleich Anspielung auf sein heftiges Nachtleben bei Wein, Weib und Glücksspiel.
Während seiner sechs Wochen auf Korsika schloss er Freundschaft mit dem Freiheitshelden General Pasquale de Paoli, der damals die Unabhängigkeit der Insel von Genua erkämpfte. Zurück auf dem italienischen Festland schickte er dem London Chronicle sogleich erste Eindrücke von seinem Inselbesuch, in denen er auf die korsische Freiheitsbewegung aufmerksam machte und Sympathien für Paoli zu wecken versuchte. Als die Franzosen sich später daran machten, Korsika zu annektieren, lechzte das englische Publikum nach Informationen über Paoli und die Insel, und Boswell publizierte 1768 die Tagebuchnotizen von seiner Inseltour und ein Porträt seines korsischen Freundes. Mit journalistischer Raffinesse betrieb er eine so wirksame Stimmungmache für die unterdrückten Korsen, dass ein Zeitgenosse ironisch die Befürchtung äußerte, die Engländer "könnten so dumm sein und Krieg anfangen, bloß weil Herr Boswell auf Korsika war".
In Begleitung von Thérèse Le Vasseur, Rousseaus Lebensgefährtin, machte sich Boswell Anfang Februar 1766 von Paris aus auf die Heimreise. Sie wollte den ins englische Exil gegangenen Philosophen treffen. Er hielt unter dem Datum ihrer Ankunft in Dover in seinem Journal fest, er habe
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Boswell im Korsenkostüm
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unterwegs dreizehnmal "überaus leidenschaftlich" mit ihr geschlafen. (12.2.1766) Die Notizen der Tage davor sind nicht erhalten. Wahrscheinlich - so vermutet der deutsche Herausgeber Helmut Winter - entfernte sie ein literarischer Nachlassverwalter Boswells, der sie für besonders anstößig hielt, da doch die zwanzig Jahre ältere Thérèse den stürmischen Schotten als einen all zu plumpen Liebhaber empfand, dem sie unbedingt etwas Feinfühligkeit beibringen musste. Immerhin gab er Thérèse in London sein Ehrenwort, die affaire erst nach ihrem Tod oder nach dem Ableben Rousseaus zu erwähnen. In dessen Asyl bei dem Philosophen David Hume lieferte Boswell sie sodann ehrerbietigst ab und ließ sich zu Dr. Johnson fahren. (13.2.1766)
Der begrüßte ihn mit großer Herzlichkeit, konnte sich aber ein paar Tage später eine Stichelei wegen der "sauberen Gesellschaft", in der Boswell sich im Ausland bewegt habe, nicht verkneifen. "Sir", widersprach Boswell, "Sie wollen doch nicht sagen, daß Rousseau eine schlechte Gesellschaft für mich war?" Der fromme Doktor wurde noch deutlicher: "Im Ernst, ich halte ihn für einen der schlimmsten Menschen - er ist ein Schurke, den man aus der menschlichen Gesellschaft verjagen sollte! Drei oder vier Länder haben ihn bereits verbannt - es ist eine Schande, daß er hier bei uns unter dem Schutz des Staates steht!" - "Halten Sie ihn für einen ähnlich schlechten Menschen wie Voltaire?", wollte Boswell wissen. Darauf Johnson ungerührt: "Die beiden nehmen sich kaum etwas in ihrer Verwerflichkeit." (16.2.1766)
Boswell spürte, daß er sich dem Ernst des Lebens nicht länger entziehen konnte und brachte schleunigst sein Studium zuende. Knapp ein halbes Jahr nach seiner Heimkehr wurde er in Edinburgh am 26. Juli 1766 als Anwalt zugelassen, nachdem er eine lateinisch verfaßte Arbeit Über den Hausrat in Erbsachen vorgelegt und die mündliche Prüfung bestanden hatte. Er erwarb sich einen guten Ruf als Strafverteidiger, der sich besonders für mittellose Angeklagte ins Zeug legte. Siebzehn Jahre lang betrieb er dort seine Kanzlei, und immer mal wieder befiel ihn tiefe Melancholie, weil ihm "die Rechtsanwaltstätigkeit in Schottland überhaupt nicht zusagte" (13.4.1775) und auch zu wenig einbrachte. Er heiratete seine Kusine Margaret Montgomery, wobei Dr. Johnson und sein korsischer Freund Paoli als Trauzeugen dienten. Sieben Kinder, von denen zwei früh gestorben sind, entstammten der nur anfänglich glücklichen Ehe; später bedeutete ihm eheliche Treue immer weniger. Seine Frau litt seit 1778 an Tuberkulose.
Nach London kam er nur noch in größeren Abständen, sah Johnson manches Jahr höchstens an dreißig Tagen. Im Jahre 1773 erwies ihm der Doktor zweimal große Ehre. Im Frühjahr wurde er auf Johnsons Empfehlung in den Literary Club gewählt. Dieser Freundes- und Konversationszirkel, dem so bedeutende Männer wie der Autor und Politiker Edmund Burke, der Schauspieler David Garrick, der Dichter Oliver Goldsmith und der Maler Sir Joshua Reynolds angehörten, lieferte stets interessanten Stoff für das Journal, gab Boswell zugleich Gelegenheit, als geistvoller und unterhaltsamer Tischgenosse die Wertschätzung berühmter Zeitgenossen zu erwerben.
Im August 1773 besuchte Johnson seinen Freund Bozzy, um zusammen mit ihm die legendäre Reise durch Schottland und zu den Hebriden zu unternehmen, wobei er ihn als "besten Reisegefährten in der Welt" erlebte. Boswells Journal of a Tour to the Hebrides, with Samuel Johnson erschien erst 1785, einige Monate nach dem Tod des Doktors; es wurde ein Bestseller. Boswells Eintrag von Samstag, dem 4. September 1773 hätte als allerfrühestes Zeugnis unseres Wellness-Kults noch heute einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde verdient: "Dieser Tag ging völlig ereignislos vorbei." Weil aber solche Tage so selten waren, hielt er sich möglichst an ein selbst gesetztes Gebot: "Nur so viel erleben, wie man aufschreiben kann".
Nach Johnsons Tod 1784 ließ Boswell sich in London nieder, in der - allerdings vergeblichen - Hoffnung, dort mit größerem Erfolg als Anwalt wirken zu können. Auch seine Hoffnung auf eine parlamentarische Karriere blieb mangels politischer Unterstützung unerfüllt. Seine vom Alkohol geschwächte Konstitution verschlimmerte sowohl die Veranlagung zur Melancholie als auch die Neigung zur Hypochondrie. Die letzten Lebensjahre widmete er fast ausschließlich seinem magnum opus, der Biografie seines Freundes Samuel Johnson. Boswells Frau hatte London inzwischen wieder verlassen und lebte in Schottland, wo sie 1789 starb, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben. Die Johnson-Biografie erschien 1791 und wurde sogleich als bedeutsames Werk gefeiert. Doch der Autor musste sich damit abfinden, dass sein Ansehen - nicht zuletzt dank freimütigster Selbstkritik - in manchen Kreisen arg gelitten hatte.
Auch seine allmähliche Vereinsamung begann ihn zu quälen, so dass er seinen Sohn Alexander warnte: "Du musst sehr vorsichtig sein, wenn andere Leute merken, daß Du ein genauer Beobachter bist (...) sie können Dich leicht mißverstehen und ein falsches Bild von Dir gewinnen. Ich spreche aus Erfahrung (...) weil ich mich mit Hingabe der präzisen Beschreibung einer Reihe von Menschen gewidmet habe, gelte ich bei vielen als böswillig, und nach der Kostprobe, die ich in der Welt von meiner ungewöhnlich genauen Erinnerung an Einzelheiten aus Gesprächen gegeben habe, sind mir zahlreiche törichte Menschen aus dem Wege gegangen, aus Angst, ich könnte meine Unterhaltung mit ihnen schriftlich festhalten." (7.2.1794)
Als er am 19.5.1795 an verschiedenen Komplikationen, auch wohl an den Folgen einer verschleppten Gonorrhoe, in London starb, schrieb Thomas David Boswell im Namen der Hinterbliebenen: "Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass mein lieber Bruder heute früh um zwei Uhr verschieden ist; wir haben einen liebenswerten treuen Freund verloren - es wird seinesgleichen nicht wieder geben." Am 8.6.1795 wurde James Boswell im Familiengrab zu Auchinleck beigesetzt.
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Lesen
und Schreiben
Mein Unglück ist, daß ich jeweils von dem letzten Buch überzeugt bin, das ich gerade gelesen habe. (22.5.1764)
Was ich am Donners-tagabend schrieb, erschien mir die reine Wahrheit. Freitag kam es mir schon weniger wahr vor. (18.6.1764)
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Um 1783 gezeichnet
von George Dance Jr.
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Der Publizist Boswell
Karikatur v. Th. Rowlandson
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Um 1792 gezeichnet
von Thomas Lawrence
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