EAnsichtssachen

aus der Website von  Gerhard E. Gründler

Das Volk, das unbekannte Wesen

-Auch dieser Souverän will ernst genommen werden




Machiavelli:
Jefferson:
Lincoln:
Arndt:
Lippmann:

Sind Ämter zu vergeben, muss man des Volkes Urteil nicht scheuen; gerade dabei irrt es sich meistens nicht. Man soll dem Volk vertrauen, es als ehrlichsten, wenn auch nicht klüg- sten Hort des Allgemeinwohls ansehen. Zeitweise kann man alle Leute täuschen, manche auch auf Dauer; ein ganzes Volk aber nicht auf ewig. Massendemokra-
tie? Gewiss, aber doch ein Staat für alle, und keine Zwangsanstalt für die geistigen Normalverbraucher.
In harten Zeiten kommen die Politiker mit ihrer üblichen Geringschätzung des Volkes nicht mehr zurecht.


I. Mal verwöhnt, mal verhöhnt

Das Volk regiert nicht, es wählt nur. Und mit seinen Gewählten ist es meistens unzufrieden, weil sie zu wenig oder nicht das Erwartete zustande bringen. Sollte die Impotenz der Regierenden nur Ausdruck der Ratlosigkeit der Regierten sein, wäre das sicherlich noch kein Bankrott der Demokratie. Viele halten ja die Übereinstimmung von Regierenden und Regierten für ein Merkmal besonders demokratischer Verhältnisse. Doch der Wunsch, den Immobilismus zu überwinden und die Demokratie handlungsfähig zu halten, der bleibt. Wer macht wem Beine?

Der Eindruck, nicht richtig regiert zu werden, liegt im Widerstreit mit dem Gefühl, nichts zu sagen zu haben. Zwar gilt das Volk im demokratischen Staat als der Souverän, als die Quelle aller Staatsgewalt, aber es wird von den Wahltagen abgesehen nicht besonders respektvoll behandelt; mal verwöhnt, mal verhöhnt ist seine Funktion auf die eines Wahlvolks beschränkt geblieben. Solange die Wahlbeteiligung rege war, hat sich niemand Gedanken darüber gemacht. Sobald sie zurückgeht, macht das Volk wieder von sich reden.

George Bernard Shaw präsentiert in seinem Stück über "Die Heilige Johanna" auch so einen Souverän, der nicht für voll genommen wird. Minister, Militärs der Klerus und die Hofbeamten halten König Charles zum besten, erteilen ihm Belehrungen und sehen in ihm nur den dummen August. Dabei hat dieser König wenigstens Talent zum Narren, Verrät vor allem das dazugehörige Maß an Selbsteinsicht, wenn er sagt: "Ich armer Narr, von euch herumgestoßen und beleidigt, was habe ich von meinem Thron, wenn andere Burschen alles zu bestimmen haben? ... Sie sollen mich doch nur zufrieden lassen, damit ich's mir auf meine Art gemütlich machen kann. Ich habe mich doch nicht danach gedrängt, zum König aufzusteigen; sie haben mir die Sache aufgehalst. Und wenn ihr sagt..., 'umgürte dich jetzt mit dem Schwerte deiner Ahnen und führe uns dem Sieg entgegen', so könnt ihr lieber all die Puste, die ihr für die großen Worte braucht, aufsparen und die Suppe damit kühlen. Denn es hilft nichts; ich bin nicht dafür gebaut und damit hat sich's."

Diese Parallele aus vordemokratischen Zeiten soll nicht übermäßig strapaziert werden. Aber ein Gefühl der Kränkung stellt sich ein, wenn das Volk bei feierlichen Anlässen zum Souverän erhoben und im grauen Alltag zum Narren erniedrigt wird. Und die Erkenntnis, dass "andere Burschen alles zu bestimmen haben", weckt
unweigerlich den Wunsch, zufrieden gelassen zu werden und es sich auf eigene Art gemütlich zu machen. Warum nicht auch am Wahltag? Die Wahlkämpfe, obwohl das Wahlvolk dabei doch umworben werden soll, beweisen in Wahrheit, wie sehr man es verachtet. Immer noch denken die meisten Wahlkämpfer wie einst Richard Jaeger von der CSU, der es 1957 offen aussprach: "Vor halbwegs vernünftigen Menschen", sagte er damals, "bräuchten wir keine Wahlreden zu halten."

So unverblümt redet heute niemand mehr in der Öffentlichkeit. Öffentlich sind bei rechter Hochstimmung sogar Komplimente für die mündigen Bürgerinnen und Bürger zu hören. "Man steht", sagte Helmut Kohl nach seinem Wahlsieg am 6. März 1983, "voller Bewunderung vor der Weisheit der Wähler." Später beklagte Kohl das im Volk vorherrschende Anspruchsdenken und kritisiert den "Wildwuchs bei den Sozialleistungen". Den Ansprüchen gingen freilich Versprechungen voraus, und die ins Kraut geschossenen Leistungen haben diejenigen mitzuverantworten, denen sie längst über den Kopf gewachsen sind. Daran waren, wie jedermann weiß, außer verschiedenen Bundeskanzlern noch einige andere Wahlkämpfer auch aus anderen Parteien beteiligt. Die Wahlgeschenke, die von Anbeginn die politische Praxis dieser Republik geprägt haben, sind längst zu teuer geworden. Kaum eine nennenswerte Gruppe, der nicht auf Kosten aller aus der Staatskasse einer ausgegeben worden wäre.

Mit dieser Art von Politik ist das Wahlvolk, sprich: der Souverän zu einer Bande von Abstaubern und Nassauern gestempelt worden, begehrlich und bestechlich zugleich. Man sieht, auch kriminelle Züge trägt das Bild, das sich die Regierenden von den Leuten machen, denen sie Mandat und Macht verdanken. Doch die stillschweigende Komplizenschaft wird angesichts leerer Kassen zunehmend als belastend und peinlich empfunden.

II. Politik von unten ist nicht gefragt

Längst lassen die bisher Begünstigten dieser Komplizenschaft die Begünstiger ihre Verachtung spüren. Dass umgekehrt die Repräsentanten sich über das Wahlvolk mokieren, daran ist - wie alle Wahlkämpfe beweisen - überhaupt nichts Ungewöhnliches, das gehört offenbar zu den unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten der Politik. "Der Durchschnittspolitiker", so schrieb der amerikanische Publizist Walter Lippmann schon vor vielen Jahren, "hält nur sehr wenig von der menschlichen Natur. In seinem täglichen Leben trifft er vor allem Leute, die etwas haben oder etwas verhindern wollen. Jenseits dieses Kreises von Privilegiensuchern, Einzelpersonen oder organisierten Minderheiten, erkennt er nur eine indifferente Masse von Menschen, die nichts Besonderes wollen und sich auch selten beklagen. Deshalb glaubt der Politiker nach einiger Zeit, dass die Kunst der Politik darin bestehe, die Bittsteller zufrieden zu stellen und die indifferente Masse mit edlen Gefühlen und patriotischen Phrasen zu besänftigen."

Walter Lippmann warnte die Politiker aber vor dem Irrtum, sie könnten mit ihrer geringschätzigen Einstellung gegenüber dem Volk auch in schwierigen Zeiten zurecht kommen. Die deutsche Politik hat immer noch Mühe, diese Lektion zu lernen. Notgedrungen muss die etablierte Politik die Bürgerinnen und Bürger, die Wählerinnen und Wähler ernster nehmen als bisher. Vom Volk wird neuerdings Großes erwartet: Opferbereitschaft, Verantwortungsgefühl, Solidarität.

Optimisten hatten eine Rückbesinnung auf den Grundsatz, dass alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, schon 1989 erhofft. Damals meldete sich zunächst "das Volk" und dann "ein Volk" zu Wort. Aber von diesem Aufbruch im Osten für mehr Politik von unten war nach dem Übergang von der euphorischen in die anstrengende Phase der deutschen Einheit nichts mehr zu spüren. Um die Reste bemühte man sich erfolglos in der Gemeinsamen Verfassungskommission des Bundestages und des Bundesrates. Eine Zweidrittelmehrheit, um Volksentscheid und Volksbegehren einzuführen, gab es nicht. Der Konsens reichte nicht aus, um sich auf ein Minimum an direkter Demokratie zu verständigen.

Wenn die Politik stagniert, weil die Politiker aus Furcht vor dem Verlust an Mandaten und Machtanteilen nicht zu Kompromissen und Entscheidungen finden, dann muss das Volk eben stärker in die Willensbildung einbezogen werden. Nur so wäre der Teufelskreis des Immobilismus zu durchbrechen. Das Volk müsste Farbe bekennen und den Politikern die Vorwände für das übliche Taktieren nehmen. Die politischen Versäumnisse könnten nicht länger als Rücksichtnahme auf unentschiedene Wählermassen ausgegeben werden. Das klingt einfacher als es ist. Über die Mehrheitsstimmung lassen die Erhebungen der Volksbefrager ja ohnehin wenig Zweifel. Die politischen Taktiker wüssten nur gerne, welche Partei von dieser Mehrheit am stärksten profitieren könnte. Und diese Ungewissheit, der die wechselseitige Blockade zuzuschreiben ist, versperrt bislang auch den Weg zu Volksbegehren und Volksentscheiden.

Die Sozialdemokraten und die Grünen, die sich Vorteile davon versprechen, gehen diesen Weg leichteren Herzens als die Unionsparteien, die ihre Positionen im demagogischen und populistischen Gegenwind für zerbrechlich halten. Dem Volk, das - wie zuvor beschrieben - für korrupt, verführbar, bestenfalls für indifferent gehalten wird, trauen vor allem die Konservativen nicht so recht über den Weg. Die Einstellung zum Volk könnte mit Thomas Jefferson geradezu als Kriterium für zwei politische Grundhaltungen gelten. Er unterschied zwischen denen, "die das Volk fürchten, ihm misstrauen und ihm ... die Macht vorenthalten wollen" und "jenen, die sich mit dem Volk identifizieren, ihm vertrauen, es ermuntern und es als ehrlichsten, zuverlässigsten , wenn auch nicht immer als weisesten Hort des öffentlichen Wohls ansehen". Der Frontverlauf ist inzwischen komplizierter geworden. Misstrauen und Vorbehalte gegenüber dem Volk begegnen uns in allen Lagern. "Das Volk ist ja auch nicht nur gut", sagte die grüne Politikerin Antje Vollmer in einer Diskussionsrunde, als es um die Bereitschaft zum Teilen ging."

III. Was heißt da Massendemokratie?

Nirgendwo offenbart sich die Geringschätzung des Volkssouveräns deutlicher als im Begriff Masse. Dieses Wort löst alle möglichen negativen Assoziationen aus, auch wenn jene, die es gern benutzen, es angeblich rein quantitativ und beileibe nicht qualitativ verstanden wissen wollen. Die Masse gilt aber, das muss gar nicht ausdrücklich gesagt werden, als gesichtslos, formlos, verführbar, als anspruchsvoll und verantwortungslos zugleich. Da schwingt alles Negative mit, das - wie schon beschrieben - dem Volk immer wieder angehängt wird. Die Wissenden verständigen sich über diesen Befund mit einem Augenzwinkern; sie gehören, eben weil sie wissend sind, automatisch zur Führungselite. In diesem exklusiven Club sind alle versammelt, die es besser wissen, besser können und auch besser machen.


Reden oft
besser als Tun

Wenn man bedenkt, wie töricht die Menschen handeln und wie verständig sie daherplappern, so wäre es vieleicht besser für die Welt, wenn mehr gesprochen und weniger getan würde.


W. Somerset Maugham

Für sie, die Leistungs und Verantwortungsträger, besteht das Volk aus der großen, groben Masse und ihnen, der kleinen, feinen Elite. Auch das ist, versteht sich, immer nur quantitativ und nicht etwa qualitativ gemeint. Wer wird schon Dünkel zeigen, wenn er ohnehin weiß, dass er dazugehört! Das Ganze nennt man Massendemokratie und unterstellt ihm eine Tendenz zur Gleichheit, Gleichförmigkeit und Gleichmacherei eben jene egalitäre Nivellierung, die der Person, dem Individuum, der Menschenwürde die Luft abschnürt. Vermassung ist unser Schicksal und der Massenmensch ihr Endprodukt. Da wird mit andeutenden Strichen die Fratze des Untermenschen an die Wand gemalt. Und so ein Typ soll wählen oder mitbestimmen dürfen?

Adolf Arndt, der große sozialdemokratische Jurist, hat in einer ironischen Anmerkung dem angeblich nur quantitativ gemeinten Schlagwort von der Massendemokratie bescheinigt, es sei kaum mehr als die modische Variante jenes Stoßseufzers eines Eskimos, der da bittet: "Herr lass mehr Seehunde sein und weniger Menschen!" Die Annahme, es existiere eine Massenpsyche, die alles Edle und Hohe niederzuziehen trachtet, hat noch niemand bestätigen können. Sicherlich können Demagogen ein Publikum im Saal oder auf dem Marktplatz mitreißen, außer sich bringen und vorübergehend in den Ichverlust treiben. Lynchstimmung zu machen, ist in aufgeladenen Situationen jederzeit möglich. Aber das heißt doch nicht, dass man in einem freiheitlich verfassten Staat mit einem ganzen Volk genauso umspringen könnte wie mit einer aufgehetzten Versammlung. Das Wahlvolk reagiert doch nicht wie Straßenpöbel!

Einige Menschen kann man auf Dauer einwickeln, ein ganzes Volk aber allenfalls vorübergehend, hatte schon Lincoln gemeint. Da, wo wirklich Freiheit herrscht und das Volk in der heutigen Medienlandschaft allen möglichen widerstreitenden öffentlichen Einflüssen ausgesetzt ist, kann ein ganzes Volk überhaupt nicht mehr an der Nase herumgeführt werden. Es mag wie Charles, Johannas König, "nicht dafür gebaut" sein, zu herrschen. Es ist aber, dem Grundgesetz sei Dank, so verfasst, dass niemand es für dumm verkaufen kann.

Von Vermassung zu sprechen kann nur dort sinnvoll sein, wo das Volk nicht in Verfassung ist. Wo es, in Adolf Arndts Worten, nur wenigen gegeben ist, sie selber zu sein, wo all die vielen anderen nicht dazu gelangen, "Bürger zu werden und sich personal zu entfalten". Das Bonner Grundgesetz aber, längst die Verfassung aller Deutschen, ist doch gerade darauf angelegt, möglichst vielen ein selbstbestimmtes, individuell geprägtes Leben zu ermöglichen. Arndt trat deshalb den Gespenstersehern, die diese Republik als Massendemokratie abstempeln wollen, entschieden entgegen: "Dass der demokratische Staat unserer Zeit so sagte er 1959, "ein Staat der vielen und ein Staat für alle sein soll und sein will, muss ihn doch nicht zur Zwangsanstalt für den geistigen Normalverbraucher machen, sondern zielt ganz im Gegenteil darauf ab, jedermann Raum und Freiheit zu gewähren für die Entfaltung seiner sittlichen und geistigen Kräfte und beruflichen Fähigkeiten, die gerade das staatsbürgerliche, das rechts- und gemeinschaftsbildende Ethos des Einzelnen bewähren sollen." - Goldene Worte.

Arndt beharrte also darauf, dass die Demokratie als Methode der politischen Willensbildung ebenso wie als Lebensform auf Individuation gerichtet ist; ohne eigenes Bewusstsein des Einzelnen kann sie gar nicht bestehen. Das vor allem unterscheidet sie von den gestürzten und den letzten übrig gebliebenen Zwangsregimen, die ihre Völker als Massen, als Kollektive behandelt haben, beziehungsweise noch behandeln, um sie leichter unterdrücken zu können. Allein auf diese Regime trifft zu, was die Neo-Machiavellisten immer schon behauptet haben, dass es zwei politische Klassen gebe, eine herrschende (immer eine Minderheit) und eine beherrschte (die Mehrheit); dass ein Regierungswechsel nichts anderes zu bedeuten habe als - wie Sorel meinte - die "Einsetzung einer neuen Elite als Herrscherin über die Massen".

Auch der freiheitlich und demokratisch verfasste Staat braucht selbstverständlich Politikerinnen und Politiker, um Politik machen zu können, braucht qualifizierten Sachverstand und eine loyale Beamtenschaft, um Politik umsetzen zu können. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger könnten oder wollten das. Ihre Mehrzahl, schreibt Montesquieu, "ist durchaus geeignet auszuwählen, nicht aber, gewählt zu werden". Aus dem unbestreitbaren Umstand, dass Regierungs- und andere Führungsaufgaben immer nur wenigen übertragen werden können, kann jedoch nicht der Schluss gezogen werden, diese Wenigen bildeten eine besondere Gruppe, die wegen ihres größeren Verantwortungsgefühls, ihres Könnens, ihrer moralischen Kraft und ihres Leistungswillens dazu berufen seien, das zur Passivität verdammte Volk zu beherrschen.

Machiavelli selber hat jedenfalls das Volk für nicht gar so elitenabhängig gehalten, wie seine späten Jünger es tun. Im 47. Kapitel der "Discorsi" schreibt er, dass man "nie das Urteil des Volkes in einzelnen Dingen, wie bei der Vergebung von Ämtern und Würden zu scheuen braucht; denn gerade hierin täuscht sich das Volk nicht. Und selbst wenn es sich manchmal täuschen sollte, kommt dies doch seltener vor als bei einem kleinen Kreis, in dessen Hände die Vergebung von Ämtern und Würden gelegt ist".

IV. Weder gut noch böse: der Souverän

Der Souverän, das Volk, die unbekannte Größe im demokratischen Verfassungsgefüge, sollte nicht als Masse, aber tunlichst auch nicht als natürliche Person betrachtet werden. Denn das würde zu anderen Fehleinschätzungen führen, die auch nur bei der Volksverachtung enden. Der Personalisierung ist freilich nicht leicht zu widerstehen; denn sie veranschaulicht ein Abstractum, das sich jeder einfachen Konkretisierung entzieht. Die indifferente Masse, die sich die meisten Politiker beim Gedanken an die Volksmehrheit vorstellen, bleibt immer ein unförmiger Haufen oder eine Herde Stimmvieh, bestenfalls werden daraus "Leute draußen im Lande", auch nur ahnungslose Außenseiter, oder "die Öffentlichkeit", kaum mehr als ein Resonanzboden für die Geräusche des politischen Betriebs.

Die Vorstellung vom Souverän der Demokratie oder vom Wähler an sich produziert immerhin ein Subjekt, über das sich leichter reden und schreiben lässt, das auch in Anspruch genommen werden, auf das man sich berufen kann. Es handelt sich freilich um eine Denkfigur mit sehr begrenztem Erkenntniswert und hohem Verwirrpotential. Ein einzelner Mensch in seinem Widerspruch mit guten und schlechten Eigenschaften, mit normalen und psychopathischen Zügen, launisch, aktiv oder träge, stimmungsabhängig, mal im Hoch und mal im Tief, gibt schon Rätsel genug auf. Der aus vielen Millionen Menschen abstrahierte Souverän oder Wähler verursacht geradezu Schwindelgefühle, wenn wir an sein Verhalten individuelle Maßstäbe anlegen.

Das Wesen, das uns da entgegentritt, leidet an multipler Schizophrenie, gehört ins Irrenhaus und müsste längst entmündigt sein. Nur noch Zyniker könnten es als Quelle aller Staatsgewalt feiern. Demokratie wäre vom Ansatz her als Staatsform dementiert, wenn ein solches Monstrum wählen oder mitbestimmen dürfte, wenn ihm die Legitimität der Staatsmacht und ihrer Organe zu verdanken wäre. Nur gut, daß dem gar nicht so ist. In Wahrheit reflektieren alle Aussagen über schlechte und gute Eigenschaften des Volkssouveräns, über seine sozialen oder asozialen Neigungen, über egoistische oder altruistische Impulse nur unsere eigene Amateurpsychologie.

Weil dadurch so starke antidemokratische Affekte bestätigt werden, muss der Volkssouverän wohl oder übel gründlich entindividualisiert werden. Er wird dabei - Adolf Arndt hat ja so recht - keineswegs kollektiviert. Er muss nur endlich von seiner Aufgabe her begriffen werden, die darin besteht, mit Mehrheit einen politischen Willen für das Ganze zu bilden. Er kann nicht handeln und er kann von sich aus ein bestimmtes Wollen nicht artikulieren. Was er allerdings artikulieren kann, das ist Unzufriedenheit, die beispielsweise als Wahlenthaltung manifest wird. Da genügt dann schon eine starke Minderheit, die nicht zur Wahl geht, um des ganzen Volkes Grollen anzuzeigen. Und das ist ein Alarmsignal, das die Befürchtung weckt, der Souverän könnte die von ihm erwartete Mehrheitsbildung erschweren oder gar verweigern.

Was bleibt übrig, wenn wir den Volkssouverän aller auf ihn projizierten individuellen Züge entkleiden? Als was haben wir ihn realistischerweise zu begreifen? Das Staatsvolk als Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger ist "Träger, Subjekt der Staatsgewalt", wie der frühere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde geschrieben hat. Er sieht in dieser Gesamtheit den "Inhaber politischer Leitungsgewalt". Die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Gesamtheit regieren zwar nicht, sind aber andererseits auch nicht allein auf das Reagieren beschränkt. Denn, so Böckenförde weiter: "Als Beteiligte an materieller Regierungstätigkeit durch ihre Wahlentscheidungen und die Teilnahme an der öffentlichen politischen Willensbildung obliegt ihnen Mitgestaltung, Abwägung, Prioritätssetzung und Auswahlentscheidung im Blick auf das allgemeine Wohl." Scharf davon zu unterscheiden ist die Selbstverständlichkeit, dass die Bürgerinnen und Bürger als Einzelne ihrer eigenen, insgesamt ausgeübten Leitungsgewalt unterworfen sind. Als Einzelne schulden sie Bürgerloyalität und Gehorsam gegenüber den Gesetzen.

Eben diese Doppelrolle, einerseits Mitglied der Leitung und andererseits der von ihr legitimierten Ordnung unterworfen zu sein, verführt dazu, all das, was den einzelnen Menschen an Negativem zugetraut wird, auch dem Volk als Souverän zu unterstellen. Denn zu jedem Volk gehören auch illoyale, unmoralische, egoistische, raffgierige, kriminelle, unpolitische, uninteressierte, nur auf Konsum und Vergnügen ausgehende Menschen. Ob es mehr von dieser Sorte oder mehr von der edleren Art gibt, an dieser Frage scheiden sich - nicht erst seit Jefferson - die politischen Lager: das konservative mit einem pessimistischen, das progressive mit einem optimistischen Bild vom Wesen des Menschen. Weil der Mensch in seiner widersprüchlichen Natur beide Lager sowohl bestätigt als auch widerlegt, sollte der Streit um diese Glaubensfrage uns nicht auch noch den Blick trüben.

Der Volkssouverän als Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger ist weder gut noch böse, weder aktiv noch passiv. Er muss dem demokratischen Staat, seinen Staatsorganen und seinen Entscheidungen die Legitimität schaffen, weil ein freies Volk ohne Mitsprache und ohne Mitbestimmung nicht regiert werden will. Dafür muss er nicht mit Tugenden ausgestattet, müssen ihm nicht Untugenden angehängt werden. Dafür kommt es nur darauf an, wie er gefragt, gefordert und behandelt wird.

V. Mehr Mitsprache macht mobil

Für Hegels ist das Volk "derjenige Teil des Staates, der nicht weiß, was er will". Der Staatsrechtler Richard Thoma meinte, man müsse den Souverän einer Demokratie unentwegt anschreien, damit er nicht einschlafe. Gegen die angebliche Schläfrigkeit werden laute Wahlkämpfe und mitunter schrille Parlamentsdebatten veranstaltet. Die bewirken mittlerweile einiges Gähnen, aber der Souverän gähnt nicht vor Müdigkeit, er gähnt aus Langeweile. Dass er ziemlich wach und einigermaßen normal ist, beweisen die Ergebnisse von repräsentativen Meinungsumfragen. Die Kurven dieser Stimmungsbarometer mit ihrem Auf und Ab als Reaktion auf die politischen Ereignisse lassen durchaus nicht auf Tiefschlaf, Traumphase oder Teilnahmslosigkeit schließen. Die demoskopischen Ergebnisse verraten vielmehr, daß die Mehrheit aus der öffentlichen Diskussion verständliche, begreifliche, wenn auch nicht in jedem Fall gerechte oder gar richtige Schlüsse zieht. Richtig befragt, wissen die Leute auch recht gut, was sie wollen.

Das setzt selbstverständlich eine öffentliche Erörterung von Streitfragen und Alternativen voraus. Politik muss den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern vermittelt werden, damit sie als Gesamtheit, als Wahlvolk und Volkssouverän, politisches Wollen als Mehrheiten oder Minderheiten ausdrücken können. Die Publizistik, all das was Presse, Funk und Fernsehen verbreiten, bestimmt das Niveau der Diskussion. So gut die Publizistik die Leute informiert, so gut sie die Probleme zu durchdringen und zu erläutern vermag, so kompetent fällt das Urteil der tonangebenden Mehrheit aus, so vernünftig sind ihre Ansichten. Andererseits besitzt ein jedes Volk die Massenmedien, die seinen Bedürfnissen entsprechen; und selbst dabei ist noch zu bedenken, dass nicht jede Geschmacklosigkeit oder Verdummungskampagne auf die Meinungsbildung der Mehrheit durchschlägt.

Wer die Kompetenz des Volkssouveräns realistisch beurteilen will, der muss jedenfalls solche Wechselwirkungen und Rückkopplungen im Auge behalten. Politik und Publizistik gleichermaßen sind mitverantwortlich, wenn das Wahlvolk von den akzeptierten Bahnen der Staatsbürgerkunde abweicht. Schwache Hauptfiguren drohen der Politik ohnehin den Rest von ihrer kargen Faszination zu nehmen. Wenn dann in einem Teil der Massenmedien die Politikverdrossenheit nicht nur registriert, sondern auch kräftig angeheizt wird, trägt das zu jenen Wahlergebnissen bei, die man hinterher in Kommentaren laut bejammert.

Damit es seinen Willen deutlich artikulieren kann, müssen dem Volk freilich kontrastreiche Alternativen, Optionen, konkrete Auswahlmöglichkeiten angeboten werden. Wenn die Unterschiede zwischen den Parteien und auch zwischen ihren Spitzenfiguren, erst recht zwischen ihren inhaltlichen Positionen und ihren Programmen nur mit Mühe auszumachen sind, dann reagiert das Volk - was nicht verwundern kann - mit schwachem Willen, der sich in knappen Mehrheitsverhältnissen ausdrückt. Deshalb täten Regierung und Opposition gut daran, gemeinsam den Weg zu einer stärkeren Beteiligung des Volkes an der politischen Willensbildung zu gehen.

Das Volk sollte nicht nur in Wahlen entscheiden, wer im Parlament über die Gesetze und die Zusammensetzung der Regierung zu beschließen hat. Hätte es die Möglichkeit, schon über die Kandidaten der Parteien mitzubestimmen, so wäre das ein erster Schritt, um einen stärkeren Wählerwillen und damit handlungsfähigere Mehrheiten zu provozieren. Der politische Routinebetrieb könnte durch die Nominierung unbequemer Kandidaten aufgebrochen werden. Um aber der politischen Entscheidungsschwäche überhaupt abzuhelfen, bedarf es eines stärkeren Anstoßes. Das Volk muss zu wichtigen Gesetzesvorhaben direkt gefragt und vor eine Entscheidung gestellt werden: Ja oder Nein? Die Parole "Wir sind kein blödes Volk", mit der eine Bürgerinitiative dafür wirbt, Volksbegehren und Volksentscheide einzuführen, klingt wie das erlösende Wort zur Überwindung des Immobilismus.

Selbstverständlich kann das Volk nicht mit Mehrheit über die Einführung der Todesstrafe, über die Abschaffung der Opposition oder die Auflösung der Bundesländer entscheiden; das verbietet das Grundgesetz ohnehin, indem es alle für unseren freiheitlichen Rechts-, Sozial- und Bundesstaat tragenden Prinzipien für unantastbar erklärt. Darüber sollten keine Scheinkontroversen mehr geführt werden. Das Bundesverfassungsgericht ist auch noch da und wird notfalls verhindern, daß eine Volontée generale im Mehrheitsrausch die Grenzen niederreißt zwischen dem, was abstimmbar ist, und dem, was zum Schutz der Minderheiten einem Votum entzogen ist. Auch lässt sich mit dem Volksabstimmungszettel kaum eine sinnvolle Außenpolitik betreiben. Da gilt noch Rivarols Formel: "Das Volk gibt die Macht, die Regierung die Einsicht." Aber sonst? Richtig befragt, zeigt sich das Volk mindestens so einsichtig wie seine Regierung. Im Gegensatz zu Weimar ist es in der richtigen, durchaus noch ausbaufähigen Verfassung.

NDR 3, Radio-Essay, 2. 4. 1993 (gekürzte Fassung)


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
04.10.2010
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