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EAnsichtssachen
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aus der Website von Gerhard E. Gründler
Das Volk, das unbekannte Wesen
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Arndt:
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Lippmann:
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| Sind Ämter zu vergeben, muss man des Volkes Urteil nicht scheuen; gerade dabei irrt es sich meistens nicht. | Man soll dem Volk vertrauen, es als ehrlichsten, wenn auch nicht klüg- sten Hort des Allgemeinwohls ansehen. | Zeitweise kann man alle Leute täuschen, manche auch auf Dauer; ein ganzes Volk aber nicht auf ewig. | Massendemokra- tie? Gewiss, aber doch ein Staat für alle, und keine Zwangsanstalt für die geistigen Normalverbraucher. |
In harten Zeiten kommen die Politiker mit ihrer üblichen Geringschätzung des Volkes nicht mehr zurecht. | ||||||||||
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Das Volk regiert nicht, es wählt nur. Und mit seinen Gewählten ist es meistens unzufrieden, weil sie zu wenig oder nicht das Erwartete zustande bringen. Sollte die Impotenz der Regierenden nur Ausdruck der Ratlosigkeit der Regierten sein, wäre das sicherlich noch kein Bankrott der Demokratie. Viele halten ja die Übereinstimmung von Regierenden und Regierten für ein Merkmal besonders demokratischer Verhältnisse. Doch der Wunsch, den Immobilismus zu überwinden und die Demokratie handlungsfähig zu halten, der bleibt. Wer macht wem Beine? George Bernard Shaw präsentiert in seinem Stück über "Die Heilige Johanna" auch so einen Souverän, der nicht für voll genommen wird. Minister, Militärs der Klerus und die Hofbeamten halten König Charles zum besten, erteilen ihm Belehrungen und sehen in ihm nur den dummen August. Dabei hat dieser König wenigstens Talent zum Narren, Verrät vor allem das dazugehörige Maß an Selbsteinsicht, wenn er sagt: "Ich armer Narr, von euch herumgestoßen und beleidigt, was habe ich von meinem Thron, wenn andere Burschen alles zu bestimmen haben? ... Sie sollen mich doch nur zufrieden lassen, damit ich's mir auf meine Art gemütlich machen kann. Ich habe mich doch nicht danach gedrängt, zum König aufzusteigen; sie haben mir die Sache aufgehalst. Und wenn ihr sagt..., 'umgürte dich jetzt mit dem Schwerte deiner Ahnen und führe uns dem Sieg entgegen', so könnt ihr lieber all die Puste, die ihr für die großen Worte braucht, aufsparen und die Suppe damit kühlen. Denn es hilft nichts; ich bin nicht dafür gebaut und damit hat sich's." Diese Parallele aus vordemokratischen Zeiten soll nicht übermäßig strapaziert werden. Aber ein Gefühl der Kränkung stellt sich ein, wenn das Volk bei feierlichen Anlässen zum Souverän erhoben und im grauen Alltag zum Narren erniedrigt wird. Und die Erkenntnis, dass "andere Burschen alles zu bestimmen haben", weckt unweigerlich den Wunsch, zufrieden gelassen zu werden und es sich auf eigene Art gemütlich zu machen. Warum nicht auch am Wahltag? Die Wahlkämpfe, obwohl das Wahlvolk dabei doch umworben werden soll, beweisen in Wahrheit, wie sehr man es verachtet. Immer noch denken die meisten Wahlkämpfer wie einst Richard Jaeger von der CSU, der es 1957 offen aussprach: "Vor halbwegs vernünftigen Menschen", sagte er damals, "bräuchten wir keine Wahlreden zu halten." So unverblümt redet heute niemand mehr in der Öffentlichkeit. Öffentlich sind bei rechter Hochstimmung sogar Komplimente für die mündigen Bürgerinnen und Bürger zu hören. "Man steht", sagte Helmut Kohl nach seinem Wahlsieg am 6. März 1983, "voller Bewunderung vor der Weisheit der Wähler." Später beklagte Kohl das im Volk vorherrschende Anspruchsdenken und kritisiert den "Wildwuchs bei den Sozialleistungen". Den Ansprüchen gingen freilich Versprechungen voraus, und die ins Kraut geschossenen Leistungen haben diejenigen mitzuverantworten, denen sie längst über den Kopf gewachsen sind. Daran waren, wie jedermann weiß, außer verschiedenen Bundeskanzlern noch einige andere Wahlkämpfer auch aus anderen Parteien beteiligt. Die Wahlgeschenke, die von Anbeginn die politische Praxis dieser Republik geprägt haben, sind längst zu teuer geworden. Kaum eine nennenswerte Gruppe, der nicht auf Kosten aller aus der Staatskasse einer ausgegeben worden wäre. Mit dieser Art von Politik ist das Wahlvolk, sprich: der Souverän zu einer Bande von Abstaubern und Nassauern gestempelt worden, begehrlich und bestechlich zugleich. Man sieht, auch kriminelle Züge trägt das Bild, das sich die Regierenden von den Leuten machen, denen sie Mandat und Macht verdanken. Doch die stillschweigende Komplizenschaft wird angesichts leerer Kassen zunehmend als belastend und peinlich empfunden. II. Politik von unten ist nicht gefragt Längst lassen die bisher Begünstigten dieser Komplizenschaft die Begünstiger ihre Verachtung spüren. Dass umgekehrt die Repräsentanten sich über das Wahlvolk mokieren, daran ist - wie alle Wahlkämpfe beweisen - überhaupt nichts Ungewöhnliches, das gehört offenbar zu den unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten der Politik. "Der Durchschnittspolitiker", so schrieb der amerikanische Publizist Walter Lippmann schon vor vielen Jahren, "hält nur sehr wenig von der menschlichen Natur. In seinem täglichen Leben trifft er vor allem Leute, die etwas haben oder etwas verhindern wollen. Jenseits dieses Kreises von Privilegiensuchern, Einzelpersonen oder organisierten Minderheiten, erkennt er nur eine indifferente Masse von Menschen, die nichts Besonderes wollen und sich auch selten beklagen. Deshalb glaubt der Politiker nach einiger Zeit, dass die Kunst der Politik darin bestehe, die Bittsteller zufrieden zu stellen und die indifferente Masse mit edlen Gefühlen und patriotischen Phrasen zu besänftigen." Die Sozialdemokraten und die Grünen, die sich Vorteile davon versprechen, gehen diesen Weg leichteren Herzens als die Unionsparteien, die ihre Positionen im demagogischen und populistischen Gegenwind für zerbrechlich halten. Dem Volk, das - wie zuvor beschrieben - für korrupt, verführbar, bestenfalls für indifferent gehalten wird, trauen vor allem die Konservativen nicht so recht über den Weg. Die Einstellung zum Volk könnte mit Thomas Jefferson geradezu als Kriterium für zwei politische Grundhaltungen gelten. Er unterschied zwischen denen, "die das Volk fürchten, ihm misstrauen und ihm ... die Macht vorenthalten wollen" und "jenen, die sich mit dem Volk identifizieren, ihm vertrauen, es ermuntern und es als ehrlichsten, zuverlässigsten , wenn auch nicht immer als weisesten Hort des öffentlichen Wohls ansehen". Der Frontverlauf ist inzwischen komplizierter geworden. Misstrauen und Vorbehalte gegenüber dem Volk begegnen uns in allen Lagern. "Das Volk ist ja auch nicht nur gut", sagte die grüne Politikerin Antje Vollmer in einer Diskussionsrunde, als es um die Bereitschaft zum Teilen ging." III. Was heißt da Massendemokratie? Nirgendwo offenbart sich die Geringschätzung des Volkssouveräns deutlicher als im Begriff Masse. Dieses Wort löst alle möglichen negativen Assoziationen aus, auch wenn jene, die es gern benutzen, es angeblich rein quantitativ und beileibe nicht qualitativ verstanden wissen wollen. Die Masse gilt aber, das muss gar nicht ausdrücklich gesagt werden, als gesichtslos, formlos, verführbar, als anspruchsvoll und verantwortungslos zugleich. Da schwingt alles Negative mit, das - wie schon beschrieben - dem Volk immer wieder angehängt wird. Die Wissenden verständigen sich über diesen Befund mit einem Augenzwinkern; sie gehören, eben weil sie wissend sind, automatisch zur Führungselite. In diesem exklusiven Club sind alle versammelt, die es besser wissen, besser können und auch besser machen. Adolf Arndt, der große sozialdemokratische Jurist, hat in einer ironischen Anmerkung dem angeblich nur quantitativ gemeinten Schlagwort von der Massendemokratie bescheinigt, es sei kaum mehr als die modische Variante jenes Stoßseufzers eines Eskimos, der da bittet: "Herr lass mehr Seehunde sein und weniger Menschen!" Die Annahme, es existiere eine Massenpsyche, die alles Edle und Hohe niederzuziehen trachtet, hat noch niemand bestätigen können. Sicherlich können Demagogen ein Publikum im Saal oder auf dem Marktplatz mitreißen, außer sich bringen und vorübergehend in den Ichverlust treiben. Lynchstimmung zu machen, ist in aufgeladenen Situationen jederzeit möglich. Aber das heißt doch nicht, dass man in einem freiheitlich verfassten Staat mit einem ganzen Volk genauso umspringen könnte wie mit einer aufgehetzten Versammlung. Das Wahlvolk reagiert doch nicht wie Straßenpöbel! Einige Menschen kann man auf Dauer einwickeln, ein ganzes Volk aber allenfalls vorübergehend, hatte schon Lincoln gemeint. Da, wo wirklich Freiheit herrscht und das Volk in der heutigen Medienlandschaft allen möglichen widerstreitenden öffentlichen Einflüssen ausgesetzt ist, kann ein ganzes Volk überhaupt nicht mehr an der Nase herumgeführt werden. Es mag wie Charles, Johannas König, "nicht dafür gebaut" sein, zu herrschen. Es ist aber, dem Grundgesetz sei Dank, so verfasst, dass niemand es für dumm verkaufen kann. Von Vermassung zu sprechen kann nur dort sinnvoll sein, wo das Volk nicht in Verfassung ist. Wo es, in Adolf Arndts Worten, nur wenigen gegeben ist, sie selber zu sein, wo all die vielen anderen nicht dazu gelangen, "Bürger zu werden und sich personal zu entfalten". Das Bonner Grundgesetz aber, längst die Verfassung aller Deutschen, ist doch gerade darauf angelegt, möglichst vielen ein selbstbestimmtes, individuell geprägtes Leben zu ermöglichen. Arndt trat deshalb den Gespenstersehern, die diese Republik als Massendemokratie abstempeln wollen, entschieden entgegen: "Dass der demokratische Staat unserer Zeit so sagte er 1959, "ein Staat der vielen und ein Staat für alle sein soll und sein will, muss ihn doch nicht zur Zwangsanstalt für den geistigen Normalverbraucher machen, sondern zielt ganz im Gegenteil darauf ab, jedermann Raum und Freiheit zu gewähren für die Entfaltung seiner sittlichen und geistigen Kräfte und beruflichen Fähigkeiten, die gerade das staatsbürgerliche, das rechts- und gemeinschaftsbildende Ethos des Einzelnen bewähren sollen." - Goldene Worte. Arndt beharrte also darauf, dass die Demokratie als Methode der politischen Willensbildung ebenso wie als Lebensform auf Individuation gerichtet ist; ohne eigenes Bewusstsein des Einzelnen kann sie gar nicht bestehen. Das vor allem unterscheidet sie von den gestürzten und den letzten übrig gebliebenen Zwangsregimen, die ihre Völker als Massen, als Kollektive behandelt haben, beziehungsweise noch behandeln, um sie leichter unterdrücken zu können. Allein auf diese Regime trifft zu, was die Neo-Machiavellisten immer schon behauptet haben, dass es zwei politische Klassen gebe, eine herrschende (immer eine Minderheit) und eine beherrschte (die Mehrheit); dass ein Regierungswechsel nichts anderes zu bedeuten habe als - wie Sorel meinte - die "Einsetzung einer neuen Elite als Herrscherin über die Massen". Auch der freiheitlich und demokratisch verfasste Staat braucht selbstverständlich Politikerinnen und Politiker, um Politik machen zu können, braucht qualifizierten Sachverstand und eine loyale Beamtenschaft, um Politik umsetzen zu können. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger könnten oder wollten das. Ihre Mehrzahl, schreibt Montesquieu, "ist durchaus geeignet auszuwählen, nicht aber, gewählt zu werden". Aus dem unbestreitbaren Umstand, dass Regierungs- und andere Führungsaufgaben immer nur wenigen übertragen werden können, kann jedoch nicht der Schluss gezogen werden, diese Wenigen bildeten eine besondere Gruppe, die wegen ihres größeren Verantwortungsgefühls, ihres Könnens, ihrer moralischen Kraft und ihres Leistungswillens dazu berufen seien, das zur Passivität verdammte Volk zu beherrschen. Machiavelli selber hat jedenfalls das Volk für nicht gar so elitenabhängig gehalten, wie seine späten Jünger es tun. Im 47. Kapitel der "Discorsi" schreibt er, dass man "nie das Urteil des Volkes in einzelnen Dingen, wie bei der Vergebung von Ämtern und Würden zu scheuen braucht; denn gerade hierin täuscht sich das Volk nicht. Und selbst wenn es sich manchmal täuschen sollte, kommt dies doch seltener vor als bei einem kleinen Kreis, in dessen Hände die Vergebung von Ämtern und Würden gelegt ist". IV. Weder gut noch böse: der Souverän Der Souverän, das Volk, die unbekannte Größe im demokratischen Verfassungsgefüge, sollte nicht als Masse, aber tunlichst auch nicht als natürliche Person betrachtet werden. Denn das würde zu anderen Fehleinschätzungen führen, die auch nur bei der Volksverachtung enden. Der Personalisierung ist freilich nicht leicht zu widerstehen; denn sie veranschaulicht ein Abstractum, das sich jeder einfachen Konkretisierung entzieht. Die indifferente Masse, die sich die meisten Politiker beim Gedanken an die Volksmehrheit vorstellen, bleibt immer ein unförmiger Haufen oder eine Herde Stimmvieh, bestenfalls werden daraus "Leute draußen im Lande", auch nur ahnungslose Außenseiter, oder "die Öffentlichkeit", kaum mehr als ein Resonanzboden für die Geräusche des politischen Betriebs. V. Mehr Mitsprache macht mobil Für Hegels ist das Volk "derjenige Teil des Staates, der nicht weiß, was er will". Der Staatsrechtler Richard Thoma meinte, man müsse den Souverän einer Demokratie unentwegt anschreien, damit er nicht einschlafe. Gegen die angebliche Schläfrigkeit werden laute Wahlkämpfe und mitunter schrille Parlamentsdebatten veranstaltet. Die bewirken mittlerweile einiges Gähnen, aber der Souverän gähnt nicht vor Müdigkeit, er gähnt aus Langeweile. Dass er ziemlich wach und einigermaßen normal ist, beweisen die Ergebnisse von repräsentativen Meinungsumfragen. Die Kurven dieser Stimmungsbarometer mit ihrem Auf und Ab als Reaktion auf die politischen Ereignisse lassen durchaus nicht auf Tiefschlaf, Traumphase oder Teilnahmslosigkeit schließen. Die demoskopischen Ergebnisse verraten vielmehr, daß die Mehrheit aus der öffentlichen Diskussion verständliche, begreifliche, wenn auch nicht in jedem Fall gerechte oder gar richtige Schlüsse zieht. Richtig befragt, wissen die Leute auch recht gut, was sie wollen. NDR 3, Radio-Essay, 2. 4. 1993 (gekürzte Fassung) |
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