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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Gustav Heinemann
(23. 7. 1899 - 7. 7. 1976)



Er wollte der Mittler sein zwischen dem Staat und seinen Bürgern. Deshalb versuchte er immer wieder, den Staat auf das ihm zukommende menschliche Maß zu bringen. Dem kraftmeierischen Ruf nach dem starken Staat begegnete der überzeugte Christ Gustav Heinemann mit dem Hinweis, der Staat sei eine "Notverordnung Gottes": also nur ein zweckmäßiges Instrument, um ein friedliches und gedeihliches Zusammenleben der Menschen zu sichern, und nicht etwa ein höheres Wesen voller Weisheit und Gerechtigkeit. Dem Übel der Staatsvergötzung trat er mit einem seiner schönsten Sätze entgegen. "Ich liebe nicht den Staat", sagte er, "ich liebe meine Frau."

Gustav Heinemann war nach Friedrich Ebert das zweite Staatsoberhaupt aus den Reihen der SPD. Aber er war kein geborener Sozialdemokrat, sondern kam aus bürgerlichem Milieu. Als Wirtschaftsanwalt hat er am Vorstandstisch von Rheinstahl gesessen. Als Gegner der Nationalsozialisten unterstützte er aktiv die Bekennende Kirche. Nach dem Krieg trat er der CDU bei und war zunächst Oberbürgermeister in Essen und Justizminister in Nordrhein-Westfalen. Adenauer berief ihn als ersten Bundesinnenminister in sein Kabinett. Doch die vom Kanzler im Alleingang angebotene Wiederbewaffnung wollte Heinemann nicht mitverantworten und so trat er schon nach einjähriger Amtszeit zurück.

Er glaubte, Adenauer habe die Wiedervereinigung abgeschrieben. Deshalb verließ er die CDU und beteiligte sich an der Gründung der Gesamtdeutschen Volkspartei. Die blieb aber erfolglos und schloss sich bald der SPD an. Parteien waren für Heinemann keine Ersatzkirchen, sondern politische Interessengemeinschaften. Im Kabinett der Großen Koalition übernahm er 1966 das Amt des Bundesjustizministers. Unvergessen ist die Eindringlichkeit, mit der er nach dem Attentat auf Rudi Dutschke die aufbegehrenden Studenten dazu anhielt, am freiheitlichen Angebot des Grundgesetzes festzuhalten. Die FDP unterstützte im Frühjahr 1969 seine Wahl zum Bundespräsidenten und gab damit das Signal zum Machtwechsel von Kiesinger zu Brandt.

Als Präsident hielt er es nicht allzu sehr mit den Förmlichkeiten, spielte auch in der Villa Hammerschmidt immer noch gern einen zünftigen Skat. Seine Pflicht, Orden zu verteilen, war ihm lästig, und er hätte beim Bundesverdienstkreuz die "Selbstbedienung" für ehrlicher gehalten. Immer wieder warb er um mehr Verständnis für die Freiheitsbewegungen der deutschen Geschichte und ermunterte die Bürger, selbst initiativ zu werden, wenn sie in Staat und Gesellschaft etwas ändern weiten. Demokratie, soziale Gerechtigkeit und der Rechtsstaat müssten durch die Kritik und die Mitarbeit der Bürger Schritt für Schritt verbessert werden. Das war seine politische Botschaft.

Er hasste die großen Worte und verbat sich jedes "Gedöns". Für eine zweite Amtszeit war er seines fortgeschrittenen Alters wegen nicht zu haben. (...) Gustav Heinemann war ein Bürgerpräsident, dessen nüchterne und bescheidene Art der Republik gut tat. Er starb 1976, zwei Jahre nach Ablauf seiner Amtszeit.

NDR 4, Morgenecho, 8. 12. 1993

*

Tagebuchnotiz - Bonn, 12. Dezember 1973:

Für den Abend war ich "auf ein Glas Wein" zum Bundespräsidenten in die Villa Hammerschmidt bestellt worden. Darauf freute ich mich. Seiner nüchternen Amtsführung wegen war Gustav Heinemann ein Präsident nach meinem Herzen. Dass dieser eigenwillige Mann sich von der Partei nicht zu einer zweiten Amtszeit hatte drängen lassen, gefiel mir (...). Am bewachten Eingang zum Bundespräsidialamt in der Kaiser-Friedrich-Straße traf ich Eghard Mörbitz, den Korrespondenten der Frankfurter Rundschau. Etwas ratlos blickten wir einander an. Er zog die Schultern hoch. Waren wir vielleicht die beiden einzigen Gäste?

Der Beamte, der uns in die Villa begleitete, klärte uns auf: Frau Heinemann sei nicht im Hause, und der Bundespräsident habe den Abend nicht allein verbringen wollen. Heinemann begrüßte uns in der ersten Etage, schickte den Beamten wieder fort und komplimentierte uns in einen gemütlichen kleinen Salon. Dann ging er nebenan in die Küche und kam mit einer geöffneten Flasche Chablis zurück. "Ich muss mal bei Euch was loswerden", sagte er und goss die Gläser richtig voll. Er könne allerdings nichts Exklusives bieten, senkte er sogleich unsere Erwartungen, seine Litanei hätten sich auch andere Journalisten schon anhören müssen. Und dann versuchte er uns für drei Themen zu interessieren, die ihn gegen Ende seiner Amtszeit besonders intensiv beschäftigten:

  • Verfassungstag: Am 23. Mai werde das Grundgesetz 25 Jahre in Kraft sein. Das sei doch nun mal was Positives und eigne sich für einen Nationalfeiertag eigentlich besser als der 17. Juni. Er jedenfalls empfinde große Genugtuung darüber, dass sich diese Republik weder mit einem Flaggen- und Hymnenstreit noch mit der Frage "Monarchie oder Republik" herumquälen müsse. Ob man das nicht mal in die öffentliche Diskussion bringen könne.
  • Termininflation: Abschiede, Staatsbesuche, Ehrungen, Kongresse - was ihm da im nächsten Jahr von Januar bis Ende Juni allein mit Reisen und mit 24 Reden zugemutet würde, das mache ihn jetzt schon schaudern. "Was erwartet man von Amtsträgern, die so wahnsinnig strapaziert werden? Ihr Presseleute müsst dagegen etwas tun."
  • Öffentlicher Dienst: Auch gegen die "Personalaufblähung" müsse die Presse viel mehr trommeln. Die Personalkosten drohten die Politik zu ersticken. Nur die Journalisten könnten da noch für ein Umdenken sorgen.

Dazu wolle er aber noch etwas weiter ausholen, sagte er, ging in die Küche und kam mit einer zweiten Flache Chablis zurück. Dann fing er noch einmal mit dem öffentlichen Dienst an: Er sähe nicht ein, warum so viele hochrangige Offiziere im Verteidigungsministerium herumsitzen müssten. Militärattachés in Staaten des Ostblocks zu entsenden, halte er für sinnlos. Generell sei beim Auswärtigen Amt der Personalumsatz viel zu groß. Brauche man wirklich drei Botschafter in Rom? Einen beim Quirinal, einen beim Vatikan und einen bei der Ernährungsorganisation der UN? 1969 bei seinem Ausscheiden aus dem Justizministerium habe der Personalbestand bei 470 gelegen, Ende 1973 sei man nun schon bei 642 angelangt. So könne das doch wohl nicht weitergehen, wenn der Staat Spielraum für neue Aufgaben behalten wolle.

Bei der Aufzählung seiner viel zu vielen Abschiedstermine war mir aufgefallen, dass er sich auf eine Wiederbegegnung mit der dänischen Königin Margrethe II. sehr zu freuen schien. Strahlend erzählte er, Ihre Majestät habe ihm, dem Bürgerpräsidenten der früheren Besatzungsmacht, nach dem Staatsbesuch in Kopenhagen einen besonders herzlichen Brief geschrieben und darin die Anrede "Teurer Freund" und die Schlussformel "Ihre treue Freundin" benutzt.

Es war elf Uhr geworden, und er wollte uns allmählich wieder loswerden. Doch vorher wollten wir von ihm noch wissen, warum er denn für eine zweite Amtszeit partout nicht zu haben war. Er lachte, verwies auf seine 74 Lebensjahre und beließ es im übrigen bei einem seiner Lieblingsscherze: "Ja, so ist das eben mit der Senilität. Erst merkt man es nur selber, dann merken es auch die anderen und schließlich nur noch die anderen. Bevor es so weit kommt, muss man weg sein." Wir verabschiedeten uns mit dem Gefühl, einen denkwürdigen Abend verbracht zu haben.


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
22.06.2010
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