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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Karl Rickers
(20.2.1905 - 28.9.1999)


Volontieren wollen Sie?", fragte er den Germanistikstudenten mit den journalistischen Ambitionen, der hinter die Geheimnisse der Lokalberichterstattung zu kommen suchte. "Hier volontiert nur", befand er, "wer einen Beruf gelernt oder sein Studium beendet hat." - "Der redet wie meine Mutter", dachte ich, ging zu den Juristen, zum Repetitor vor allem, machte mit Ach und Krach mein Staatsexamen und saß eines Tages tatsächlich am Redaktionstisch und sortierte dpa und upi. Daß ich vorher in die SPD einzutreten hätte, das hat der Chefredakteur der alten Kieler Volks-Zeitung von seinem neuen Volontär nicht verlangt. Nicht zuletzt deshalb, weil er es nicht verlangt hatte, bin ich später eingetreten.

Karl Rickers war viel liberaler als die meisten, die sich liberal nennen. Ich kam bald dahinter, weil er den Sprachregelungen aus der Bonner "Baracke" nur mäßigen Glauben schenkte. Die wurden in den fünfziger Jahren vom Parteisprecher Fritz Heine und seinen Zuarbeitern an die damals ja noch nicht durchweg todkranken SPD-Blätter auf deren Kosten per Telex zwangsverteilt. Wahlniederlagen der Sozialdemokraten in relative Erfolge umzudeuten, mit dieser Praxis seines Vorgängers Fritz Przytulla hatte Rickers umgehend gebrochen. In seine eigenen Leitartikel hat er niemals die Formeln der Funktionärssprache übernommen. Die eigene Sprache zu behaupten, das war für ihn das Grundgebot journalistischer Unabhängigkeit. Auf dieses Gebot versuchte er seine Redaktion zu verpflichten und insofern war für ihn und alle, die ihm darin folgten, der "Parteijournalismus" eine durchaus respektable Sache.

Später, als ich begleitet von seiner berechtigten Skepsis, die Chefredaktion des Vorwärts übernahm, war es für mich selbstverständlich, daß auch bei einer Parteizeitung der Akzent nur auf Zeitung liegen konnte. Das hatte ich von ihm gelernt. Aber leider, das bißchen, was man lernt, garantiert ja nicht den Erfolg. Mit dem Vorwärts wie schon zuvor mit der Kieler Volks-Zeitung und anderen SPD-Blättern ist es schief gegangen, weil man selbst wohl nicht genug und weil einige SPD-Pressefunktionäre in puncto Liberalität und Leserinteresse gar nichts gelernt hatten. Auch "Kalli" Rickers hat zwar den Gesinnungsjournalismus stets hochgehalten, aber zugleich darauf bestanden, daß auch Gesinnung und politische Urteile, die sich auf Gesinnung berufen, vernünftig, argumentativ begründet werden.

In den fünfziger Jahren neigte ich - wie die "Ohne-mich-Generation" überhaupt - zu einem starken gefühlsmäßigen Nein zur Wiederbewaffnung. Rickers aber warnte vor einer emotionalen Gegnerschaft zu einem westdeutschen Wehrbeitrag. Unter dem Einfluß von Gedanken der Bürgermeister Max Brauer (Hamburg) und Andreas Gayk (Kiel) sagte er immer wieder, es käme doch sehr auf die Umstände einer Wiederbewaffnung an. Eine von ihm geleitete Zeitung schreibe gegen Adenauers Pläne nur deshalb, weil die Wege zu einer Wiederherstellung der deutschen Einheit nicht weiter verbaut werden dürften, aber keineswegs aus einer grundsätzlichen Gegnerschaft zum Militär. Sollte es trotz aller Vorbehalte zur Wiederbewaffnung kommen, dürfe die Sozialdemokratie doch nicht noch einmal - wie in der Weimarer
Republik - in einen



Karl Rickers:
Erinnerungen eines
Kieler Journalisten 1920 -1970
Karl Wachholz Verlag
Neumünster 1992
ISBN 3-529-02723-5


Dauergegensatz zur bewaffneten Macht geraten, sie müsse vielmehr darauf hinwirken, dass die neuen Streitkräfte von allen Volksschichten getragen und dem Primat der Politik unterworfen würden.

In solchen Diskussionen schärfte er unserenSinn für eine möglichst unideologische Betrachtung. Zugleich entwickelte dieser Lehrmeister bei seinen jungen Redakteuren ein paar Sicherungen gegen die dem Journalismus eigene Versuchung der Überheblichkeit. Ob ich denn, so die überraschende Frage des Chefredakteurs, meinen im Kommentar erhobenen Vorwurf, der Plan von X oder der Vorschlag von Y seien nicht gerade neu, schon gar nicht originell, für einen ernsthaften Einwand hielte? Ich habe ihn entgeistert angeschaut. Er aber blieb dabei: Was denn, bitte, sei wirklich neu oder originell in der Politik? Die große politische Leistung liege zumeist nicht im Produzieren neuer Ideen, sondern in der beharrlichen Verfolgung und Durchsetzung dessen, was schon lange als vernünftig und notwendig, aber leider als nicht oder kaum durchsetzbar galt. Unbequeme Belehrung, damals nur widerwillig geschluckt, erst viel später als goldene Regel verinnerlicht.

© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
22.06.2010
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