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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Kurt Becker
(31. 3. 1920 - 11. 5. 1987)



Mit Bundeskanzler Schmidt vor einer Kabinettsitzung
Foto: Bundespresseamt

Seiner Einstellung nach war er konservativ, als Journalist von weltläufiger Liberalität. Er galt als hanseatischer Patriot. Als Senator hätte man ihn sich gut vorstellen können. Jedenfalls wäre er gerne ein regulärer Staatssekretär geworden. Aus beamtenrechtlichen Gründen - seines Alters wegen - konnte daraus nichts werden. So wurde er mit sechzig Jahren Leiter des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung ohne diesen Titel, der seinem Wunsch, nach vielen Jahren journalistischer Arbeit dem Staat zu dienen, angemessenen Ausdruck gegeben hätte. Bundeskanzler Helmut Schmidt wollte ihn in seiner Nähe haben; denn Kurt Becker war ein hoch geschätzter Berater und Gesprächspartner.

Seine gründlichen Kenntnisse auf dem Gebiet der deutschen und der internationalen Politik, sein starkes Interesse für Fragen der militärischen Sicherheit, dazu sein analytischer Scharfsinn - das alles hatte ihn drei Jahrzehnte lang zu einem in Bonn und in anderen


Hauptstädten beachteten Kommentator gemacht. Was er in einfacher, uneitler, sehr genauer Sprache zu Papier brachte, verriet die intensive Beschäftigung mit dem Stoff und war das Ergebnis systematischer Dokumentenlektüre und ausführlicher Gespräche. Er konnte, wenn ihn ein Thema reizte, gut eine Stunde darüber mit dem Bonner Bürochef am Telefon räsonieren. Seine oft in kräftezehrender Nachtarbeit formulierten Artikel gaben freilich nur das wieder, was er für gesichert und solide hielt, keinen "Qualm" und keinen, "Tüddelkram" wie er das nannte.

Der geborene Hamburger, der nach dem Kriege bei der von den Briten gegründeten Tageszeitung Die Welt im Journalismus seinen Lebensberuf fand, hat eben dort, dann bei der Wochenzeitung Die Zeit und als Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers viele jüngere Kollegen mit seiner handwerklichen Strenge zunächst genervt und dann doch gefördert. Er war ein unerbittlicher Redakteur, der aber den Autor überzeugen und nicht vergewaltigen wollte; die Spur seiner kräftigen Füllfeder hat unzähligen Manuskripten zu Präzision und Kürze verholfen. Die Schar derer, die er auf ihrem beruflichen Weg vor falschen Schritten bewahrt und ihren Fähigkeiten entsprechend gut beraten hat, ist groß.

Die Welt, so wie die britische Besatzungsmacht sie als unabhängige, offene und vielstimmige Zeitung angelegt hatte, war für ihn das publizistische Ideal gewesen und geblieben. Er hatte sich Ende der fünfziger Jahre Hoffnungen machen dürfen, dereinst ihr Chefredakteur oder ihr Verlagsleiter zu werden. Als diese Aussichten wegen der ganz anders gerichteten Absichten des Eigentümers Axel Springer zunichte wurden, bekam Kurt Beckers Gesundheit
Zeichnung: Schoenfeld,
Hamburger Abendblatt
den ersten Sprung. Aber sein journalistischer Elan blieb ungebrochen, und bei der Zeit und beim Stadt-Anzeiger war man froh, ihn bei sich in der Redaktion zu haben.

Sein später Wechsel auf die Regierungsseite - seine Freunde hatten es geahnt - nahm keinen guten Ausgang. Vielen Bonner Korrespondenten erschien er als zu spröde und der Regierung ging bald auf, daß Becker die von ihm auch erwartete Kunst der Schaumschlägerei überhaupt nicht beherrschte. Für den sozialdemokratischen Kanzler, der mit seiner Partei schon genug Ärger hatte, wurde der konservative Mann zur Belastung und Helmut Schmidt ließ ihn fallen. Es war Kurt Beckers Tragik, daß ihm der Journalismus, um dessen Solidisierung er sich doch so sehr bemüht hat, als Lebensziel nicht ausreichte; als er höher griff, bekam er dünne und eisige Luft zu spüren.

Die Windigkeiten der Politik trafen ihn hart, ausgerechnet ihn, der sich immer für einen illusionslosen Beobachter gehalten hatte. Fortan schrieb er wieder für die Zeit. Aber seinen Bonner Mißerfolg hatte er nicht einfach wegstecken können; am 10. Mai 1987 ist er gestorben. Daß sein 1982 gestürzter Kanzler Helmut Helmut Schmidt auch noch die Seiten wechseln und dazu noch sein Herausgeber bei der Zeit werden sollte, erfüllte ihn keineswegs mit Genugtuung. Er befürchtete, dieses Engagement könnte Zweifel an der Unabhängigkeit des Blattes wecken.

NDR-Hamburg-Welle, 11. 5. 1987


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
22/06/2010
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