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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Leo Bauer
(18. 12. 1912 - 18. 09. 1972)


1968 in Genf
Er war schon beim stern, als ich Ende 1963 in die Redaktion kam. Leo Bauer gehörte zu den wenigen in der Redaktion, mit denen man ernsthaft über Politik diskutieren konnte. Er wusste, dass ich früher für die sozialdemokratische Volks-Zeitung in Kiel gearbeitet hatte, und seit 1957 Mitglied der SPD war. Immer wieder sprachen wir darüber, wie es die Partei am besten anstellen müsste, endlich auch mal an die Regierung zu kommen. Er mit dem ganzen Engagement des Parteimannes und des Bewunderers von Willy Brandt, ich mit der etwas größeren Distanz des gelernten Journalisten, den seine frühen Erfahrungen bei einer Parteizeitung dagegen immunisiert hatten, die eigene Überzeugung ungehemmt auf die journalistische Arbeit des Berichtens und Analysierens durchschlagen zu lassen.

Mein Engagement für die Sozialdemokratie ist über eine Zustimmung im Grundsätzlichen und über die Zahlung von Monatsbeiträgen nicht hinausgegangen. Eine Parteifunktion oder ein Mandat anzustreben oder auszuüben, hätte sich mit journalistischer Unabhängigkeit nicht gut vertragen. Leo Bauer konnte mir darin nicht folgen. Im Gegensatz zu mir war er ein so durch und durch politischer Mensch, dass ich ihn stets weniger als Mitglied der journalistischen Zunft, sondern eher als Zeitzeugen, als einen Gewährs- und Kontaktmann, als Experten für Osteuropa und Kenner der Sowjetunion, als Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus betrachtete. Er war eben ein Mann mit einer politischen Biografie.

Für das, was er durchgemacht, was er erfahren hatte, für das, was er wusste, und für all die Kontakte, die er besaß, zollte ich diesem 18 Jahre älteren Genossen großen Respekt. Genaueres über sein Schicksal erfuhr ich erst viele Jahre später.
*) Er sprach nur selten darüber, und die Gründe für diese Verschlossenheit ließen sich nur vermuten. Er wurde 1912 als Sohn einer jüdischen Handwerkerfamilie in Skalat in Ostgalizien geboren. Sein Vater kam später als Uhrmacher mit der Familie nach Chemnitz. Die Bauers und ihre vielen Verwandten wurden von den Nationalsozialisten fast ausnahmslos ermordet. Leo war von etwa fünfzig Angehörigen der einzige Überlebende. Schon in der Jugend hatte er mit seinem Elternhaus und der jüdischen Religion gebrochen und begriff sich seither und zeitlebens als Sozialist - und damit zugleich als Atheist, was für ihn bedeutete, dass er sich als Nicht-Jude fühlte - so wie sich der Historiker Isaac Deutscher zum "nicht-jüdischen Juden" erklärte. Deshalb wollte Leo Bauer später niemals "Wiedergutmachung" für das als Jude erlittene Unrecht beantragen, sondern immer nur als Verfolgter des Hitler-Regimes und des Stalinismus anerkannt werden.

Früh zog es ihn zur Sozialistischen Arbeiterjugend, der Jugendorganisation der SPD, er trat dann aber der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) bei, und ging 1932 zur KPD. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde er für kurze Zeit inhaftiert, emigrierte dann nach Prag und nach Frankreich, wo er 1939 in Le Vernet interniert wurde. Er konnte 1940 in die Schweiz fliehen, die ihn 1942 wegen "Verletzung der Neutralität" festsetzte. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück, engagierte sich wieder bei den Kommunisten, wurde Fraktionsvorsitzender der KPD im Hessischen Landtag. Später ging er in die sowjetische Besatzungszone, trat der SED bei und avancierte 1947 zum Chefredakteur des Deutschlandsenders in Ostberlin. 1950 wurde er aus der SED ausgeschlossen, wegen angeblicher Agententätigkeit verhaftet und 1952 von einem sowjetischen Militärgericht in einem Geheimprozess ohne Verteidiger und Zeugen als Spion zum Tode verurteilt, nach Stalins Tod aber zu 25 Jahren Arbeitslager in Sibirien "begnadigt". Als die Sowjets ihn 1955 nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Bonn und Moskau vorzeitig entließen, kam er in die Bundesrepublik. Mit dem Kommunismus hatte er gebrochen, aber im damaligen politischen Klima fiel es einem Mann mit so einem Lebenslauf unsäglich schwer, eine seinen Interessen und Fähigkeiten angemessene Beschäftigung zu finden.

Henri Nannen holte ihn zum stern, und Bauer machte, sich mit Recherchen und mit der Anbahnung politischer Kontakte nützlich. Er war der SPD beigetreten, was ihn bald in die Nähe von Willy Brandt und Herbert Wehner führte. Bald merkte ich, dass sein Einfluss größer war, als ich anfänglich geglaubt hatte. Wie andere Redakteure auch hegte ich zunächst den Verdacht, dass er sich ein wenig zu wichtig nahm. Das lag wohl an seinem konspirativen Verhalten und seiner Neigung zu geheimnisvollen Andeutungen. Seitdem er es aber im Sommer 1966 geschafft hatte, für Henri Nannen, den stern-Autor Paul Sethe und mich ein Hintergrundgespräch mit dem Parteivorsitzenden und Berliner Bürgermeister Willy Brandt, dem Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Fritz Erler und dem stellvertretenden Parteivorsitzenden Herbert Wehner zu arrangieren, bestanden keine Zweifel mehr: Leo hatte Zugang zur Parteispitze und sein Rat wurde auch geschätzt.

Jedenfalls wurde er seit dieser Bonner Episode in der Redaktion als Berater des SPD-Vorsitzenden respektiert. Es war selbstverständlich auch seine Position beim stern, die ihn für die Parteiführung interessant machte, aber darüber hinaus nutzte Brandt, besonders seitdem er Außenminister war, Leos gute Kontakte zu den Kommunisten in Italien und sein Insiderwissen über die kommunistische Internationale. Ein von Bauer recherchierter stern-Report über die Berufsausbildung in der Bundesrepublik fand bei den Bildungspolitikern starke Beachtung und hinterließ deutliche Spuren im Reformprogramm der SPD. Darauf war Leo sehr stolz.

Er nahm vom stern allerhand mit, als ihm die SPD 1968 die Chefredaktion der Neuen Gesellschaft übertrug. Er hatte gelernt, wie man eine Zeitschrift so interessant macht, daß sie zitiert wird. Es dauerte nicht lange, und er hatte seine neuen
Mitarbeiter so


1970 in El Paso, Texas
hingetrimmt, daß sie Korrektur lasen, als wären sie Schlußredakteure beim stern. Ein Hauch von Nannens Perfekktionsdrang streifte ausgerechnet die Theorie-Zeitschrift der SPD! Leos Haarschnitt - das war noch vor Fritz Teufels Auftritt - entsprach Sir Henris ästhetischen Vorstellungen nicht: "Du siehst aus wie ein richtiger Bilderbuch-Kommunist." Leo konterte: "Es kann ja nicht jeder mit so einem SS-Haarschnitt herumlaufen wie Sie." Das war von friesischer Seite mit Spott gesagt, von sächsischer ein wenig grimmig erwidert. Wer ihn genauer kannte, der wußte, daß Leo da verletzlich war. Es läßt sich leicht ermessen, wie ihn erst getroffen haben muß, was danach noch kam. Wegen seiner mit Krankheit und zu frühem Tod bezahlten kommunistischen Vergangenheit wurde er mit Dreck beworfen in der Nebenabsicht, sein Freund Brandt möge dabei ordentlich etwas abkriegen.

Brandt und Wehner folgten seinem Vorschlag und übertrugen mir 1971 die Chefredaktion der SPD-Wochenzeitung Vorwärts. Nur ein knappes Jahr später setzte die Hepatitis, die er aus Sibirien mitgebracht hatte, seinem Leben in der Nacht zum 18. September 1972 ein quälendes Ende. Wenige Tage zuvor war ich bei ihm Krankenhaus gewesen und hatte dabei den Eindruck gewonnen, er werde dank seiner Zähigkeit doch noch einmal auf die Beine kommen. Aber er war wieder einmal zu spät in die Klinik gegangen." Ich fühle mich dort eingesperrt", sagte er seinen Ärzten. Schuld daran waren jene zehn Jahre seines Lebens, die er in Unfreiheit verbringen musste und die seine Gesundheit ruiniert hatten.

Zurück in der Freiheit folgte er einem unstillbaren Kommunikationsdrang. Kontakte, Bekanntschaften, Dauertelefonate, Reisen - alles, was ein Journalist braucht, damit er etwas weitergeben kann, das war bei ihm zur Sucht geworden. Sein Drang, überall dabei zu sein, zunächst nur als Kompensation für gestohlene Jahre empfunden, sabotierte die Schulmedizin, deren Verordnungen er sich nicht beugen konnte: Solange er mitten im politischen Betrieb stand, diskutierte, fragte, mitmischte, würde er schon nicht sterben... Ohne Telefon-Direktanschluss, ohne Fernsehapparat, ohne Zeitungsberge, ohne freien Besucherzugang ging er auf keine Privatstation - dabeisein, also bin ich.

Dass es ihn zuletzt doch vom Journalismus, von der Publizistik fortdrängte und ihm der kleine Kreis, das nächtelange Gespräch immer wichtiger geworden waren, hätte seinen Freunden Grund zu größter Sorge sein müssen. Drei Monate vor seinem sechzigsten Geburtstag ist er gestorben. Einem demokratischen, menschlichen Sozialismus, verkörpert in einer Persönlichkeit wie Willy Brandt, wollte er in Deutschland zum Siege verhelfen. Ob es dafür eine Mehrheit gab? Seine Zweifel daran nahm er mit ins Grab.
stern 41/1972 (ergänzt)

*) aus der von P. Brandt, J. Schumacher, G. Schwarzrock und K. Sühl verfassten Biografie "Karrieren eines Außenseiters", J. H. W. Dietz, Berlin-Bonn 1983. - Näheres zu Bauers Rolle in der Schweiz und zu seiner Verurteilung durch die Sowjets in: Flora Lewis, "Bauer im roten Spiel - Das Leben des Noel H. Field", Ullstein Berlin-Frankfurt-Wien, 1965. - Ausserdem: Arnold, Klaus, Rückkehr nach Sibirien oder die Macht. Das Schicksal des ... Leo Bauer, in: Behmer, Markus (Hg.), Deutsche Publizistik im Exil 1933-45, Münster 2000; vom selben Verfasser: Kalter Krieg im Äther. Der Deutschlandsender und die Westpropaganda der DDR, Münster 2002.


© Gerhard E. Gründler
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22.06.2010
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