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Scharfe Gläser, schärfere Zunge
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Wen Dick Crossman durch seine scharfen Gläser fixierte und mit seiner noch schärferen Zunge verschreckte, dem konnte es schon die Sprache verschlagen. Und daß eine frühe Sammlung seiner Aufsätze aus dem New Statesman unter dem Titel "The Charme of Politics" erschien, mag mancher seiner Gegner für blanke Ironie gehalten haben. Denn der Charme des 1974 mit 65 Jahren an Leberkrebs gestorbenen Labour-Politikers Richard Crossman war mit einem Schuss Säure versetzt.
Seine Streitlust, von der Mutter geweckt und vom Vater, dem ehrwürdigen Mr. Justice Crossman, mit zunehmendem Missfallen registriert, machte ihm viele Feinde. Da er selber nicht empfindlich war, konnte er sich nicht vorstellen, dass andere durch seine witzigen, geistvollen und manchmal ein bisschen zynischen Sticheleien verletzt werden könnten. Er galt als der Prototyp eines in die Politik geratenen Intellektuellen. Als Meister des hochgezüchteten britischen Diskussionsstils vertrat er sowohl seine politischen Grundüberzeugungen wie auch seine zahllosen momentanen Einfälle mit dem gleichen Feuer und der gleichen Brillanz, was besonders dann irritierend wirkte, wenn er - kurzfristig zu besserer Einsicht gekommen - mit glänzenden Formulierungen eine exzentrische Position wieder räumte.
Er begann als Radikaler und als Rationalist, und am Ende seines Lebens war er es immer noch. Ohne Selbstkritik und Selbstironie hätte er nicht leben können. Von allzu vielen Politikern, so schrieb der Observer, lasse sich sagen, sie hörten niemals auf, um auch mal zu denken, Crossmans Laster sei es, daß er niemals aufhöre zu denken. Seiner faszinierenden Persönlichkeit kann nur gerecht werden, wer ihn in seinen vier Rollen begreift: als Politiker, Professor, Propagandist und Publizist.
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Crossman mit Harold Wilson
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Nach dem Kriege zog er ins Unterhaus ein, aber erst 1964 unter Harold Wilson, dem er den Sieg organisiert hatte, kam er zu Kabinettsehren. Als Führer des Unterhauses konnte er später mithelfen, die Arbeitsweise des Parlaments zu verbessern. Doch seine besten Eigenschaften entfaltete er als Lehrer, etwa wenn er in Oxford philosophische Vorlesungen über Plato und Sokrates hielt; oder als Propagandist, wenn er im deutschsprachigen Dienst der BBC geschickt die Naziphrasen austrickste; oder als Publizist mit Kolumnen in der Times oder im Massenblatt Daily Mirror, wo er es meisterhaft verstand, komplizierte Sachverhalte auf allgemeinverständliche Formeln zu bringen.
Sein Herzenswunsch, Chefredakteur der sozialistischen Wochenzeitung New Statesman zu werden, erfüllte sich 1970. Aber schon nach knapp zwei Jahren wollten ihn die Herausgeber wieder loswerden, sei es, dass ihm die sinkende Auflage angelastet wurde, sei es, dass er zu kritisch über Wilsons Fehler hatte schreiben lassen. "Ich bin schlicht rausgeschmissen worden", sagte er in seiner offenherzigen Art und verbat sich verlogene Kommuniqueformeln, in denen sein "Rücktritt" mit seinem Gesundheitszustand begründet werden sollte.
Bevor er das Blatt verließ, sagte er den Herausgebern in seiner Kolumne noch einmal kräftig die Meinung: Sie bildeten eine "Oligarchie, die ihre Mitglieder selbst aussuche und weder den Teilhabern noch der Belegschaft verantwortlich" sei. Die von ihm angeheizte Kontroverse über seinen Hinauswurf führte denn auch dazu, daß sein Nachfolger Anthony Howard von einem Ausschuss gewählt wurde, der paritätisch aus Herausgebern und Redakteuren besetzt war - eine Neuheit im britischen Journalismus. Noch in der Niederlage also sah Crossman eine seiner besten Lebensmaximen bestätigt: Streit bringt immer etwas Gutes.
| - Sein Sarkasmus sollte trösten: "Wo es den Tod gibt, da ist Hoffnung"" |
P.S.: Als junger Redakteur in Kiel habe ich seine Kolumnen aus dem Daily Mirror gesammelt. So zu schreiben wie Dick Crossman - das wollte ich auch können. Aber er konnte es besser. Bei den deutsch-englischen Königswinter-Konferenzen bestaunte ich seine polemischen, immer geistvollen Diskussionsbeiträge. Von einem frühen dieser Treffen wussten faszinierte Teilnehmer zu berichten, wie er frustrierte deutsche Linke, die über den offenbar ewig regierenden Bundeskanzler Adenauer stöhnten, mit seinem Sarkasmus tröstete: "Where there is death there is hope" - wo es den Tod gibt, da ist Hoffnung. Sein Witz stand seiner politischen Karriere immer im Wege.
Ende der fünfziger Jahre schrieb er in Encounter über den Zwang demokratischer Parteien, ihren Wandel zu kaschieren: "Konservative würden die Markwirtschaft selbst dann noch verteidigen, wenn sie in Wirklichkeit zur Planwirtschaft übergehen. Denn Aufgabe von Parteiführern ist es nun mal, ihre Anhänger davon zu überzeugen, dass die traditionelle Politik fortgesetzt wird, obwohl das offensichtlich nicht so ist." Genau so machten es Franz Josef Strauß und Helmut Kohl bei der Übernahme der sozial-liberalen Ostpolitik, und auf eben diese Weise haben sich Tony Blair und Gerhard Schröder der neoliberalen Wirtschaftspolitik angenähert - und ist Schröder zunächst wieder davon abgerückt, um schließlich doch noch den entschlossenen Reformer zu machen. Nur um den Sozialstaat zu retten, versteht sich.
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