..Zur Person

aus der Website von  Gerhard E. Gründler

Kein W, zwei Us !
Und die stehen für Urbs Ucra: die Stadt an der Uecker
Vor Großvaters weißem Haus


Heimat

Erinnerungen an die Haffwiesen


Das ist ja nun kein Thema, über das unsereiner Tag für Tag nachdenkt. Wenn jemand fragt: "Woher kommen Sie eigentlich?" Oder: "Woher stammst Du?" - ja, dafür gibt's dann eine Formel, die gerade so den Ansprüchen der Konversation genügt, mit der jedoch


Drei in einer Jolle: Mutter hinter,
Kusine Trauti neben mir
niemand viel anfangen kann, wenn er sich dort, wo ich zuhause war, nicht auskennt. Ich sage dann: "Ich komme aus Ueckermünde in Vorpommern." Ich müsste lügen, wollte ich sagen, daß mir dabei irgendwelche Erinnerungen durch den Kopf zögen oder bestimmte Bilder vor Augen kämen. Wie eben so geredet wird. Floskelaustausch. Nichts weiter.

Sobald aber jemand weiter fragt, ob das nicht am Stettiner Haff gelegen sei, dann beginnt bei mir ein ganzer Film zu laufen: Ich sitze mit meiner Mutter und meiner Kusine in einem kleinen Segelboot. - Ich sehe, wie der weiße Dampfer "Ueckermünde" mit kaum einem Dutzend Passagieren und vielen Kisten Fracht von Stettin zurückkommt und ganz langsam, um ja die Uferbefestigungen zu schonen, aus dem Haff in den Uecker-Kanal einläuft. - Ich stapfe hinter meinem Vater her durch die nassen Haffwiesen. Er ist auf Entenjagd. Schwarze Gummistiefel sollen die Füße trocken halten. Seine schaffen das auch, meine sind zu kurz und das Wasser schwappt von oben rein.

Die Wiesen am Fluss stehen völlig unter Wasser und verwandeln sich jeden Winter in weite spiegelglatte Eisflächen zum Schlittschuhlaufen unterbrochen nur von Koppelzäunen. Die hölzerne Uecker-Badeanstalt liegt im Schatten hoher Pappeln. Teils aus Angst, teils vor Kälte schlotternd stehe ich vor dem riesigen Schwimmeister, der mir einen klatschnassen Sisalgurt um die Brust schnürt. Auf dem Gurt sitzt hinten ein Eisenring, in den die Angel eingehakt wird. "Wer nicht schwimmen lernen will", höre ich meine Mutter sagen, "der darf auch nicht am Hafen-Bollwerk spielen."

Die Erinnerungen gewinnen Tonfilmqualität. An Gerüche kann ich mich weniger gut erinnern. Ich höre die Dampf-Pfeifen der Sägewerke, die Sirenen der Eisengießereien und Ziegeleien, die um zwölf Uhr die Mittagspause verkünden. Ein Schlepper tutet und warnt davor, dass er gleich mit Langholz an der Kette die Ueckerbrücke passieren wird. Ich höre die schrille Glocke in der aus rotem Ziegelstein, einem heimischen Produkt, gebauten Knabenschule die nächste Unterrichtsstunde einläuten. Durch
die Doppelfenster des

Dampfer "Ueckermünde"

zur Straße gelegenen Schlafzimmers dröhnen spät abends noch die genagelten Stiefel einer im Gleichschritt marschierenden Kolonne. Der Schein ihrer Fackeln huscht über die Zimmerdecke. Neue Szene: Jetzt klirren Schaufensterscheiben. Wir haben schulfrei und dürfen auch werfen. Der Lehrer hat es erlaubt. Aber ein Schulkamerad, dem die Sache nicht geheuer war, zieht mich fort; sein Vater hat selbst ein Geschäft mit Schaufenstern.

Von der Haffküste her ist das Übungsschießen der Flak zu hören. Ein Lautsprecherwagen fährt durch die Stadt, und eine verzerrte Stimme verkündet, dass Krieg ist. Damals wusste ich kaum, was Heimat bedeutet. Ich kannte das Propagandawort "Heimatfront", und ich wunderte mich sehr über den Film- und Liedtitel "Heimat, Deine Sterne ..."; denn die Sterne waren es ja nun gerade nicht, die ich für die typischen Merkmale meiner vertrauten Umgebung hielt. Häuser, Straßen, Bäume, Wiesen, Gräben, der Fluss, das Haff, das alles haben wir verlassen, elf Tage, bevor die ersten Panzer der Sowjetarmee bei Pasewalk durchbrachen. Aber


Winter für Winter: Erst Hochwasser, dann Eiszeit
die Sterne? Die sahen in Kiel doch genauso aus. Ich war damals 15 Jahre alt und glaubte, dass man nirgendwo wieder so schön würde Bootfahren, Schwimmen, Angeln und Radfahren können. "Wir müssen in Holstein eine neue Heimat finden", sagte meine Mutter. Uns Kindern gelang das auch. Dass es den Eltern gelungen ist, glaube ich nicht. Ja, wir gingen wieder zur Schule und fanden bald neue Freunde. Die Ostsee war auch noch da, und der Plöner See wurde unser Ferienparadies.

Mit der Zeit glaubte ich sogar, immer mehr Ähnlichkeiten zwischen Vorpommern und Holstein zu entdecken. Heute weiß ich, dass es wohl mehr die Erlebnisweise der Jugendzeit war, die bei mir diesen Eindruck weckte, als einige tatsächlich vorhandene Ähnlichkeiten. Wo gab's bei Kiel schon Kiefernwälder und Heidesand?. Immerhin entdeckte ich in dem Roman "Bauern, Bonzen und Bomben" von Hans Fallada, dass es ziemlich einfach ist, einen Vorgang wie den Steuerboykott der holsteinischen Landvolkbewegung in eine pommersche Umgebung zu transponieren. Die Vermischung von typischen holsteinischen und pommerschen Nachnamen und Ortsbezeichnungen wird einem süddeutschen Ohr überhaupt nicht auffallen. Jedem Norddeutschen Leser wird klar, daß es längs der Küste zwischen Stettin und Bremen mehr Gemeinsamkeiten gibt, als gemeinhin zugegeben wird. Der junge Autor der "Buddensbrooks" hat diese Lektion schon bei Fritz Reuter gelernt und für seine Lübecker Familienchronik wohl zu nutzen gewußt.

Den Zusammenhang zwischen der politischen Entwicklung während meiner Kinderjahre, einem verbrecherischen Raubkrieg, den Massenmorden an Juden, Polen und Sowjetbürgern und dem Verlust der Heimat habe ich dank einsichtiger


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Nach 66 Jahren vor der
alten Schule...
Lehrer schon bald nach dem Ende des Krieges begriffen. Aber der Generation unserer Eltern fällt es offenbar schwer, überhaupt zu erkennen oder gar offen darüber zu reden, dass deutsche Politik und die von Deutschen begangenen Untaten die Sowjetarmee überhaupt erst nach Mitteleuropa gebracht haben.

Immerhin hat eine Politik des Ausgleichs und der Friedenssicherung, von den Nachkriegsgenerationen mit besonderem Engagement unterstützt, dazu geführt, dass dann Besuchsreisen in die verlorene Heimat im Osten für immer mehr Menschen aus der Bundesrepublik möglich geworden sind. Bei solchen Besuchen ob in der DDR, im polnischen Hinterpommern oder in Schlesien, mag denn mancheiner auch schon erkannt haben, dass Heimat und Heimweh durchaus relative Größen sein können. Wer wie ich berufshalber mehrmals umgezogen ist und viele Jahre im Rheinland zugebracht hat, der erfährt, dass sich sein Heimatbegriff zugleich auflöst und erweitert. Auch weite Reisen können dazu führen. So habe ich Heimweh nach dem schönen Universitätsgelände in Indiana gehabt, wo ich ein unbeschwertes Semester lang studieren durfte. Und ich bekam schon Heimatgefühle, als ich nach einer Sibirienreise in Kopenhagen an Bord einer Lufthansa-Maschine nach Hamburg ging.

Am Ende komme ich darauf, dass Heimat im engeren Sinne eigentlich die Kinder- und Jugendzeit ist, Heimat im weiteren Sinne aber all das sein kann, was einen geprägt hat und was einem unterwegs am meisten fehlt.

NDR-Hamburg-Welle 90,3, 8.3.1983

Diesen Text schickte ich meinem pommerschen Landsmann Fritz Sänger; ich wusste, der gebürtige Stettiner würde sich dafür interessieren. Der frühere dpa-Chefredakteur, wie mein
Vater 1901 geboren, war mir über Jahre ein treuer Ratgeber gewesen. Er antwortete mit einem handgetippten Brief - der letzte, den ich von ihm erhielt. Er starb 1984.

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© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
12.10.2010
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