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aus der Website von  Gerhard E. Gründler

Was trieb Hitler zum Putsch?

Er nahm Rache für ein Wahnverbrechen



Erich Ludendorff, Adolf Hitler
Der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler gehörte zu den Verbitterten der Niederlage und der Revolution. Er und seine Anhänger hätten den 9. November 1918 am liebsten aus der Geschichte getilgt. Weil das nicht ging, wollten sie ihn wenigstens mit Denkwürdigkeiten eigener Machart in den Schatten stellen. Als der fünfte Jahrestag der Revolution nahte, hielten sie die Zeit für gekommen, die verhasste "November-Republik" zu beseitigen.

Im Herbst 1923 hatte die Reichsregierung gerade beschlossen, die rasende Banknotenpresse anzuhalten und die heillos inflationierte Mark durch stabiles Geld zu ersetzen. Eine Wende zum Besseren war damit eingeleitet. Aber noch herrschten im Lande Not und Elend. Noch sahen die Deutschen keinen Hoffnungsschimmer. Die Kommunistische Partei - 1919 aus dem Spartakus-Bund hervorgegangen - rechnete schon mit dem Zusammenbruch der Regierungsgewalt. In Norddeutschland, Sachsen und Thüringen bereiteten sich die Kommunisten auf bewaffnete Auseinandersetzungen und Aufstände vor.

Im Lager der extremen nationalen Verbände wurde über Pläne zum gewaltsamen Umsturz diskutiert. In Bayern, wo die Rechtsradikalen unbehelligt gegen die Reichsregierung und gegen die Demokratie agitieren durften, dienten die kommunistischen Aktivitäten als Rechtfertigung für den Ruf nach einer nationalen Diktatur. Den "nationalen Verbänden", Nachfolgeorganisationen der Freikorps, bot sich in Bayern ein ideales politisches Klima.

In der Landeshauptstadt München hatte Hitler mit seiner Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei die Führung dieser Verbände übernommen. Dem Weltkriegsgefreiten stand als Galions-Figur der einstige Kriegsdiktator des kaiserlichen Deutschland, General Erich Ludendorff, zur Seite. Seit Ende September
923 herrschte


Gustav von Kahr
in Bayern der Ausnahmezustand. Der Regierungspräsident von Oberbaye1rn, Gustav von Kahr, wurde als Generalstaatskommissar eingesetzt und mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet. Kahr wollte in Bayern wieder die Monarchie einführen, spielte auch mit dem Gedanken, das Land vom Reich zu lösen.

Hitler und Ludendorff versuchten, den Generalstaatskommissar von Kahr für einen Putsch gegen die Reichsregierung auf ihre Seite zu ziehen. Auch General Otto von Lossow, Kommandeur der in Bayern stehenden Reichswehreinheiten, sowie der Chef der bayerischen Landespolizei, Oberst Hans von Seisser, sollten in das Komplott einbezogen werden. Doch die drei Herren wollten nicht, wie Hitler wollte. Ohne Mitwirkung dieses Triumvirats war aber wenig auszurichten. Deshalb wollte Hitler die Drei zum Mitmachen zwingen. - Vor diesem Hintergrund entwickelten sich am 8, und 9. November 1923 die Ereignisse in München.

8. November 1923: Hitler weiß, dass Kahr im Bürgerbräukeller bei einer großen Versammlung eine Rede halten wird. Er will mit dem Generalstaatskommissar sprechen. Der weigert sich aber, ihn zu empfangen. Hitler argwöhnt, die abendliche Versammlung sei als Auftakt für die Proklamation der bayerischen Unabhängigkeit und die Wiederherstellung der Wittelsbacher Monarchie gedacht. Dem will er zuvorkommen und entschließt sich, "sofort zu handeln". Abends im Bürgerbräukeller versammelt sich die Münchner Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, dazu die Vertreter der Vaterländischen Verbände. Auch General Lossow und Oberst Seisser sind erschienen.

Um 20.15 Uhr beginnt General-Staatskommissar von Kahr mit seiner Rede. Hitler im schwarzen Gehrock, an dem er das Eiserne Kreuz trägt, stellt sich an der Saaltür bereit. Er wartet darauf, dass die Mannschaftswagen mit seinen bewaffneten Anhängern - sie nennen sich "Stoßtrupp Hitler" - draußen vorfahren. Der Bierkeller wird abgeriegelt, ein schweres Maschinengewehr ins Vestibül getragen. Plötzlich stürmt ein Trupp Braunhemdenträger in den Saal. Mit einer Pistole in der Hand setzt sich Hitler an seine Spitze. Er steigt auf einen Stuhl und schießt, um sich Gehör zu verschaffen, eine Pistolenkugel gegen die Decke. Durch die verblüffte Menge bahnt er sich den Weg zum Rednerpult. Aufs äußerste erregt, brüllt er in den Saal:

Die nationale Revolution ist ausgebrochen. Der Saal ist von sechshundert Schwerbewaffneten besetzt. Niemand darf den Saal verlassen. Wenn nicht sofort Ruhe ist, werde ich ein Maschinengewehr auf die Galerie stellen lassen. Die bayerische Regierung und die Reichsregierung sind abgesetzt, eine provisorische Reichsregierung wird gebildet, die Kasernen der Reichswehr und Landespolizei sind besetzt, Reichswehr und Landespolizei rücken bereits unter den Hakenkreuzfahnen heran.

Anschließend drängt er das Triumvirat Kahr/Lossow/Seisser in einen Nebenraum. Er fuchtelt mit der Pistole herum und kann die Herren nach längerem Hin und Her zum Mitmachen bewegen. Ludendorff, den Hitler hat herbeiholen lassen, überzeugt zunächst Lossow und Seisser. Nach Offiziersart nehmen sie die Aufforderung dieser nationalen Prestigefigur als militärischen Befehl. Auch von Kahr gibt schließlich nach. Zusammen mit Hitler und Ludendorff zelebriert das Triumvirat im Versammlungssaal die nationale Verbrüderung. Die Menge jubelt. Hitler spricht zu der Versammlung und schließt mit den Worten:

Ich will jetzt erfüllen, was ich mir heute vor fünf Jahren als blinder Krüppel im Lazarett gelobte: nicht zu ruhen und zu rasten, bis die Novemberverbrecher zu Boden geworfen sind, bis auf den Trümmern des heutigen jammervollen Deutschland wiederauferstanden sein wird ein Deutschland der Macht und der Größe, der Freiheit und der Herrlichkeit. Amen!

Die Versammlung ist ergriffen und singt "Deutschland, Deutschland über alles". Hitler verlässt danach wegen eines Zwischenfalls vor der Pionierkaserne den Bürgerbräukeller. Sturmabteilungen des Bundes "Oberland" haben versucht, die Kaserne zu besetzen. Die Versammlung läuft auseinander. Ludendorff verabschiedet das Triumvirat gegen 22.30 Uhr.

Noch in der Nacht sagen sich Kahr, Lossow und Seisser von ihrer Zustimmung zum Hitler-Putsch los. Reichswehr und Landespolizei werden alarmiert. Kahr gibt eine Erklärung heraus, mit der sowohl die NSDAP als auch der mit ihr verbündete Kampfbund der nationalen Verbände aufgelöst wird:

Trug und Wortbruch ehrgeiziger Gesellen haben aus einer Kundgebung für Deutschlands nationales Wiedererwachen eine Szene widerwärtiger Vergewaltigung gemacht. Die mir, General v. Lossow und dem obersten Seisser mit vorgehaltener Pistole erpressten Erklärungen sind null und nichtig. Ein Gelingen des sinn- und ziellosen Umsturzversuches hätte Deutschland mitsamt Bayern in den Abgrund gestoßen. An der Treue und dem Pflichtbewusstsein der Reichswehr und der Landespolizei ist der Verrat gescheitert. Auf diese Getreuen gestützt, ruht die vollziehende Gewalt fest in meiner Hand. Die Schuldigen werden rücksichtslos der verdienten Strafe zugeführt. Die nationalsozialistische Arbeiterpartei, die Bünde Oberland und Kriegsflagge sind aufgelöst. Unbeirrt durch Unverstand und Tücke werde ich mein deutsches Ziel verfolgen: unserem Vaterlande die innere Einheit zu erringen.

Hitler begreift, dass er ausgetrickst worden ist. Reichspräsident Friedrich Ebert überträgt die vollziehende Gewalt dem Chef der Reichswehr, General von Seeckt, der einen unmissverständlichen Aufruf veröffentlicht:

Eingriffe Unbefugter in die Ordnung des Reiches und der Länder wird die Reichswehr unter meiner Führung mit Nachdruck zurückweisen, von welcher Seite sie auch kommen mögen.

Mit Abenteurern und Putschisten, wie national sie auch immer eingestellt sein mochten, will die Reichswehr nichts zu tun haben. Mit den bayerischen Machthabern hinter sich oder an seiner Seite wollte Hitler gegen Berlin losschlagen. Er hat deshalb nichts unternommen, um die Macht in München an sich zu reißen. Jetzt weiß er, dass er auf die bayerische Staatsmacht nicht zählen kann. Nach dem Abfall der Partner, das wird
ihm am



SA verhaftet den SPD-Stadtrat Kaspar Dott

Morgen des 9. November klar, kann er nicht mehr gewinnen. Mit einem Demonstrationszug will er dennoch versuchen, das Blatt zu wenden. "Geht's durch, ist's gut", sagt er, "geht's nicht durch, hängen wir uns auf."

Vielleicht kann er das Volk mitreißen und damit die bayerische Staatsmacht doch noch unter Druck setzen. Wenigstens könnte sich sein Putschversuch als so populär erweisen, dass die Behörden ein scharfes Vorgehen gegen die Beteiligten nicht wagen würden.

Gegen Mittag setzen sich etwa 3000 Demonstranten vom Bürgerbräukeller aus in Marsch. Die Führer gehen voran. Einige tragen Pistolen in der Hand. Ihr Ziel ist das Wehrkreiskommando in der Nähe der Feldherrnhalle. Hitlers Gefolgsmann Ernst Röhm und dessen Männer haben es besetzt und werden dort von Reichswehr belagert.

Am Ende der schmalen Residenzstraße, wo sie auf den Odeonsplatz führt, versperrt die Polizei den Demonstranten den Weg. Die Polizeibeamten heben die Karabiner. Ein einzelner Schuss fällt - bis heute weiß niemand genau, von welcher Seite er abgefeuert wurde. Es folgt ein heftiger Feuerwechsel; er dauert nicht länger als eine Minute. Hitler, der Arm in Arm mit einem seiner Anhänger marschiert, wird zu Boden gerissen, denn sein Nebenmann ist tödlich getroffen. Vierzehn Demonstranten und drei Polizisten liegen tot oder sterbend am Boden. Auf beiden Seiten gibt es viele Verletzte.

Ludendorff, der den anfänglich zögernden Hitler zu dem Marsch gedrängt hat, passiert unerschrocken die Polizeikette. Aber niemand folgt ihm. Hochrot vor Empörung lässt er sich vom diensthabenden Offizier verhaften. In wilder Flucht verlassen die Demonstranten den Platz. Hitler, der sich bei dem Sturz den Arm ausgerenkt hat, kann mit Hilfe eines Krankenautos in das Haus von Freunden am Staffelsee fliehen und wird dort nach zwei Tagen verhaftet.

Am Nachmittag des 9. November 1923 sterben bei einem weiteren Schusswechsel am Wehrkreiskommando noch zwei Putschisten, bevor die Besetzer kapitulieren. Die Niederlage ist vernichtend. Doch Hitler wird mit diesem Tage zur öffentlichen Figur, und seine Partei hat ihre Märtyrer.

Der Hochverratsprozess gegen Hitler, Ludendorff und ihre Komplizen machte die Niederlage vom 9. November wieder wett. Rechtswidrig wurden die Hochverräter nicht vor dem eigentlich zuständigen Staatsgerichtshof angeklagt, sondern vor dem bayerischen Volksgerichtshof. Der Vorsitzende Richter ließ es zu, dass der Hauptangeklagte Hitler den Hauptankläger spielte. Sechs Wochen lang duldete der Richter Agitationsreden von Angeklagten und Zeugen gegen die demokratische Staatsgewalt und die "November-Verbrecher". Zu keiner Zeit ließ das Gericht spüren, dass es anderer Meinung sei als die Putschisten. Hitler erklärte wörtlich:

Es gibt keinen Hochverrat bei einer Handlung, die sich gegen den Landesverrat von 1918 wendet... Ich fühle mich nicht als Hochverräter, sondern als Deutscher, der das Beste wollte für sein Volk.

Erst nach der Zusicherung, Hitler werde bald begnadigt werden, bequemten sich die Richter dazu, ihn und drei Mitangeklagte zu fünf Jahren Festungshaft zu verurteilen. Ludendorff wurde mit der verlogenen Begründung freigesprochen, er sei von den Vorgängen des 8. und 9. November so ergriffen gewesen, dass er von den hochverräterischen Aktivitäten um ihn herum gar nichts bemerkt habe. Eine Beschwerde des Staatsanwalts gegen diese offensichtliche Begünstigung von Staatsverbrechen wurde auf Weisung des bayerischen Justizministers zurückgezogen.

Das Gericht verstieß sogar offen gegen geltendes Recht: Die zwingende Vorschrift des Republikschutzgesetzes, dass alle wegen Hochverrats verurteilten Ausländer auszuweisen seien, wurde auf den österreichischen, Staatsbürger Hitler nicht angewendet. Als er später auf dem Verwaltungswege ausgewiesen werden sollte, war es zu spät. Wien verweigerte seine Aufnahme.

Man entzog ihm kurzerhand die österreichische Staatsangehörigkeit, weil er verbotenerweise in einem ausländischen, nämlich im bayerischen Heer gedient habe. Niemand getraute sich noch, Adolf Hitler - so wie bei anderen Staatenlosen üblich - einfach abzuschieben. Kaum jemals zuvor haben sich Rechtsbrüche und Pflichtverletzungen von Justiz und Verwaltung so verhängnisvoll ausgewirkt wie bei der Behandlung dieses Hochverräters. Später verhalfen ihm seine Anhänger in Braunschweig dann auch noch zur deutschen Staatsbürgerschaft.

Text für NDR 4, 9. 11. 1990

*

Unter dem Titel "Bewährungsfrist für den Terroristen Adolf H. - Der Hitler-Putsch und die bayerische Justiz" hat der Münchner Rechtsanwalt Otto Gritschneder eine minutiöse Dokumentation über die skandalösen Vorgänge veröffentlicht, die ihren Höhepunkt in der vorzeitigen Begnadigung und Haftentlassung des Hauptangeklagten fanden. Gritschneder wirft "auf dem rechten Auge erblindeten Richtern und Politikern im Bayern der zwanziger Jahre" eine "extreme Harmlosigkeit, Unbedarftheit und Hilflosigkeit" vor; sie hätten versäumt, "den später alles so sinnlos niederreißenden Strom an der Quelle abzufangen". Immerhin hatten die Putschisten vier bayerische Polizeibeamte erschossen. (C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München 1990 - ISBN 3-406-34511-5)



© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
12.10.2010
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