..Fragezeichen

aus der Website von Gerhard E. Gründler


Deutsche Admirale putschen nicht?


Für ihren Kampf gegen die Republik hat Hitler sie belohnt

März 1920: Kapp-Putsch, Bürgerkrieg in Deutschland. Generale wollen die Regierung stürzen. Wie sehr damals auch die Admirale mit von der Partie waren und wozu ihr »Ordnung schaffen« führte - dieses trübe Kapitel deutscher Marinevergangenheit wird hier erzählt. (Mitverfasser: Arnim von Manikowsky).

Fünftausend Mann warteten auf den Befehl. "Herr Kapitän", rief ein Unteroffizier, "wann marschieren wir endlich nach Berlin? Wir wollen die ganze Bande zum Teufel jagen!"
Putschende Truppen in Berlin
Was sie als Bande beschimpften, waren Reichspräsident und Reichsregierung, die nach einem verlorenen Weltkrieg und einer erstickten Revolution es niemandem recht machen konnten: den Arbeitermassen nicht, den Bürgern nicht und schon gar nicht jenen Soldaten und Offizieren, die sich mit der Niederlage nicht abfinden wollten.

Die fünftausend Mann, die auf den Befehl zum Losschlagen warteten, pinselten Hakenkreuze auf ihre Stahlhelme, putzten ihre Waffen und probten 25-Kilometer-Märsche. Genau 25 Kilometer lagen zwischen ihrem Feldquartier auf dem Truppenübungsplatz Döberitz und dem Berliner Regierungsviertel, wo die Leute saßen, die diese im Bürgerkrieg gegen die "Roten" großgewordene Elitetruppe auflösen wollten.

Aber die Männer von der 2. Marinebrigade unter dem Kommando des spitzbärtigen Korvettenkapitäns Hermann Ehrhardt dachten nicht daran, ihre alte kaiserliche Kriegsflagge vor der schwarzrotgoldenen Republik zu streichen. Sie feierten am l. März 1920 das einjährige Bestehen ihrer Truppe mit Parade, Feldgottesdienst, Sportfest und Kasino-Abend. "Als hätten wir noch einen Kaiser", schwärmte Kapitän Ehrhardt noch Jahre später, "so schritten General von Lüttwitz und Admiral von Trotha die Front ab."

Putsch-Kanzler :
Wolfgang Kapp
Putsch-General + Minister:
ttwitz, Noske
Putsch-Troupier:
Hermann Ehrhardt
Putsch-Admiral:
Adolf v. Trotha
Putsch-Admiral:
M. v. Levetzow

Dem Infanteriegeneral Walther Freiherr von Lüttwitz, Befehlshaber aller Reichswehrtruppen im Berliner Raum, war die 2. Marinebrigade unterstellt und nicht dem Chef der Marineleitung, Vizeadmiral Adolf von Trotha. Der Admiral stand beim Jubiläumsappell neben Lüttwitz, als der General versprach: "Ich werde nicht dulden, daß mir eine solche Kerntruppe in einer so gewitterschwülen Zeit zerschlagen wird."

Ehrhardts Männer waren begeistert. Trotha aber wußte, daß der sozialdemokratische Reichswehrminister Gustav Noske die Auflösung schon angeordnet hatte. Noske war zur Jubiläumsparade wohlweislich gar nicht erst eingeladen worden. Spätestens jetzt mußte der Marinechef erkennen, daß ein ehrgeiziger General den Weg des Ungehorsams und des Eidbruchs beschritt, ein General, dem die schlagkräftigste, Truppe in ganz Deutschland zur Verfügung stand.

Das Zweckbündnis zwischen Armee und Sozialdemokratie, an dem die Revolution vom November 1918 erstickte und die Aufstände der um die Revolution betrogenen Arbeitermassen im Frühjahr 1919 scheiterten, war längst ausgehöhlt. In der Generalität und dem Offizierskorps, in der Truppe und in den Freikorps wuchs der Widerstand gegen die Republik von Weimar, gegen Reichspräsident Friedrich Ebert und die Regierung des sozialdemokratischen Reichskanzlers Gustav Adolf Bauer, die die Versailler Friedensbedingungen der Sieger akzeptieren mußte. Friedensbedingungen, zu denen die Dezimierung der Armee auf ein 100000-Mann-Heer gehörte.

Militärischer Führer der Gegenrevolution von rechts war der Befehlshaber des Reichswehrgruppenkommandos l, der unbeirrt kaisertreue General von Lüttwitz; ziviler Führer der konservative ostpreußische Generallandschaftsdirektor Dr. Wolfgang Kapp. Dessen engster Mitverschwörer war Hauptmann Waldemar Pabst, einer der Hauptverantwortlichen für die Mordaktion an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919. Im Hintergrund stand General Ludendorff zu den Putschisten, der Militärdiktator der letzten Kriegsjahre. Die Verschwörer schickten Emissäre durchs Reich, um die örtlichen Kommandeure auf ihre Seite zu ziehen. Der Putsch wurde zum Gesprächsthema bei Stabskonferenzen und in den Kasinos. Loyale Offiziere wie der Chef des Truppenamtes, Generalmajor Hans von Seeckt, warnten die Regierung.

Reichswehrminister Noske. der gegen Spartakisten und rote Räte die Freikorps zu Hilfe gerufen und sich dabei zum "Bluthund" gemacht hatte, der Sozialdemokrat, den viele Militärs für ihren Freund hielten und manche schon zum Militärdiktator gegen die Republik ausrufen wollten, ergriff zögernd Gegenmaßnahmen. Die Marinebrigaden wurden dem Heereskommando entzogen und der Marineleitung zur Auflösung unterstellt, General Lüttwitz beurlaubt und der Abschied nahegelegt, Haftbefehle gegen Kapp und seine Drahtzieher erlassen.

Brigade-Kapitän Erhardt wollte sich Klarheit verschaffen, setzte sich in seinen Wagen, fuhr nach Berlin. Der abgehalfterte General Lüttwitz wollte Befehle geben, fuhr von Berlin nach Döberitz. Auf der Heerstraße trafen sie zusammen.

Lüttwitz: "Der Augenblick zum Handeln ist gekommen ... Können Sie heute Abend nach Berlin marschieren?"

Ehrhardt: "Militärisch halte ich das für bedenklich."

Lüttwitz: "Können Sie morgen marschieren?"

Ehrhardt konnte und wollte. Der General fuhr nach Berlin zurück. Der Kapitän gab in Döberitz die Befehle:

Brigade 12. März. 10 Uhr abends marschbereit. Der Sturmkompanie wird eine 10,5-Haubitzbatterie zugeteilt. Widerstand ist rücksichtslos zu brechen.

Während die Brigade Ehrhardt die Pferde aufschirrte, die Wagen voll packte und Munition faßte, tagte in Berlin die Reichsregierung. Gegen 17.30 Uhr an diesem 12. März wurde Reichswehrminister Noske aus dem Kabinettssaal gerufen. Ein General und ein Major meldeten:

Ehrhardt will in wenigen Stunden marschieren.

Noske schickte Admiral von Trotha nach Döberitz. Der Marinechef sollte erkunden, was an der Meldung dran sei. Als ob es sich um eine normale Truppen-Inspektion in ruhigen Zeiten handelte, ließ er seinen Besuch telefonisch ankündigen. Diese Warnung gab dem Putsch-Kapitän Gelegenheit, tiefsten Lagerfrieden vorzuspielen, als sein Admiral in Begleitung des Kapitänleutnants Wilhelm Canaris in Döberitz erschien. Ehrhardt hatte seinen Männern Schlafbefehl gegeben.

Trotha sprach mit Ehrhardt, Canaris unterhielt sich mit den Offizieren und inspizierte das Lager. Der eine übersah die vollgepackten Wagen, der andere warnte vor Abenteuern, fragte aber seinen Untergebenen seltsamerweise nicht, ob er marschieren wolle und wann.

Eine Stunde später meldete der Admiral dem Reichswehrminister: Im Lager herrscht Ruhe. Vorsichtshalber setzte er hinzu: Die Situation kann sich rasch ändern.

Kampflied der Putschisten:

"Hakenkreuz am Stahlhelm,
schwarz-weiß-rotes Band,
die Brigade Ehrhardt
werden wir genannt.
Die Brigade Ehrhardt
schlägt alles kurz und klein,
wehe Dir, wehe Dir,
du Arbeiterschwein."
Und wie sie sich änderte. Kurz nach Mitternacht setzte sich die Brigade in Marsch. Als Ehrhardt in der Frühe an der Siegessäule haltmachen und seine Leute Suppe aus den Gulaschkanonen fassen ließ, zogen sich die 3000 Mann Berliner Truppen aus dem Regierungsviertel in ihre Kasernen zurück.

Reichswehrminister Noske und der Chef der Heeresleitung, General Reinhardt, hatten es auf einen Kampf Truppe gegen Truppe ankommen lassen wollen. Doch Truppenamtschef Seeckt und andere loyale Militärs waren aus guten Gründen dagegen gewesen: zu wenig Soldaten. Stimmung schlecht, ungewiß, ob sie auf Kameraden schießen würden.

Die Brigade zog ins Regierungsviertel ein, Kapp und die anderen Zivilisten schlugen ihr Quartier in der Reichskanzlei auf.

Die Putsch-Regierung präsentierte sich den Berlinern mit Plakaten und Proklamationen, mit Marschmusik und Reichskriegsflaggen, mit Geschützen und Maschinengewehren an den Straßenecken. Von Lastwagen mit aufgemalten Hakenkreuzen verteilten Ehrhardt-Soldaten mit Hakenkreuz am Helm den ersten Aufruf: "Die bisherige Reichsregierung hat aufgehört zu sein. Die gesamte Staatsgewalt ist auf den Generallandschaftsdirektor Kapp (Königsberg) als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident übergegangen. Zum militärischen Oberbefehlshaber und Reichswehrminister ist gleichzeitig vom Reichskanzler der General der Infanterie, Freiherr von Lüttwitz, berufen worden. Eine neue Regierung der Ordnung, der Freiheit und der Tat wird gebildet."

Die alte, die verfassungsmäßige Regierung Ebert/Bauer hatte aber durchaus nicht "aufgehört zu sein". Sie war geflohen, erst nach Dresden, dann nach Stuttgart. Ihr kampfloses Zurückweichen aus Berlin brachte die Putschisten um das, was sie zur Befstigung ihrer Macht gebraucht hätten: den Schlachtensieg im Bügerkrieg.

Kapps Regierungs-Spielen in Berlin, pausenlose Kabinettsitzungen in der Reichskanzlei, eine Flut von Proklamationen und Lügenmeldungen, Zeitungsverbote und Pressezensur, Drohungen mit der Kommunistengefahr, Todesstrafe für Streikposten und sieben Mark Tageszulage für die Putsch-Soldaten nützten nichts. Die Reichsbank rückte kein Geld raus, die Beamten in den Ministerien und auch viele Offiziere blieben loyal und hielten Verbindung zur legalen Reichsregierung im Stuttgarter Ausweichquartier. Der von Reichspräsident Ebert und seinen sozialdemokratischen Ministern veranlaßte Generalstreik mobilisierte die Arbeiterschaft gegen die Putschisten.

Admiral von Trotha aber, Held der Skagerrak-Schlacht, trat sofort - wie viele Truppenkommandeure im ganzen Reich - auf die Seite der Verschwörer. Er telegrafierte seinen Stationen in Kiel und Wilhelmshaven: "Ich habe mich mit der Marine der neuen Regierung zur Verfügung gestellt und erwarte, daß die Marine wie bisher geschlossen meinen Befehlen folgt."

Der Kapp-Kurs seiner Admirale, die in den Kriegshäfen auf ihre Weise für Ruhe und Ordnung sorgen wollten, führte in Kiel zu blutigen Straßenkämpfen und in Wilhelmshaven zum Aufstand gegen das Offizierskorps.

Den Anfang machte ein Feldwebel. Am Morgen des 13. März - Marinechef Trotha hatte noch nicht telegrafiert - mußte das Küstenwehrregiment in Wilhelmshaven antreten. Alarmbereitschaft. Die Kompanieführer sprachen über den Einmarsch in Berlin. Feldwebel Riecke trat vor die Front und fragte: "Steht das Regiment jetzt zur Regierung oder gehört es zu den Aufständischen? Seid ihr euch klar, daß ihr zu einer verbrecherischen Handlung mißbraucht werden sollt?" Die Antwort war eindeutig: Der Regimentskommandeur ließ den Feldwebel verhaften.

Wenige Stunden später beantwortete der Chef der Marinestation Nordsee, Vizeadmiral Michelsen, das Putsch-Telegramm der Marine-Leitung: "Voll Vertrauen auf die Führerschaft Ew. Exzellenz werden wie bisher Offiziere, Beamte, Deckoffiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Nordseestation den Befehlen Ew. Exzellenz folgen in dem festen Bewußtsein, daß nach wie vor das Wohl unseres geliebten Vaterlandes Ew. Exzellenz einziges Ziel ist."

Die Bevölkerung wurde in Plakaten darauf hingewiesen, daß im herrschenden Ausnahmezustand der Stationschef als "Gouverneur" die oberste Regierungsgewalt besitzt Den Mannschaften wurde bekanntgegeben: "Unsere Aufgabe ist es, hier lediglich dafür zu sorgen, daß die Ruhe und Ordnung aufrechterhalten bleibt." Und am Abend teilte Stationschef Michelsen dem Oldenburgischen Ministerpräsidenten Tantzen am Telefon mit, daß "die ganze Sache sehr gut und sehr lange vorbereitet sei und sicher gelingt" und "daß in Wilhelmshaven alles für die neue Regierung sei".

Das war Zwecklüge, genauso wie die Erfolgsmeldungen des Propagandastabes der Kapp-Regierung in Berlin. In Wirklichkeit stand die Oldenburgische Staatsregierung zur legalen Reichsregierung, protestierten die Parteien gegen den Kapp-Kurs der Marine, und die Bevölkerung an der Nordsee wollte mit dem Staatsstreich nichts zu tun haben.

Admiral Michelsen bestellte am nächsten Tag die Vertreter der Parteien auf die Marinestation. verbot Maueranschläge und Flugblätter, ließ dafür selber welche gegen die "alte Regierung" verteilen und schickte bewaffnete Patrouillen in die Stadt. Wie der Admiral Ordnung schaffen wollte, lasen die erschreckten Wilhelmshavener am Sonntagabend (14. März] in einer Bekanntmachung: "Ich warne ausdrücklich vor jeder Ruhestörung . . . Ich erwarte, daß es mir erspart bleibt, Widerstand mit Waffengewalt zu brechen, wie es in Kiel bereits geschehen ist."

Die Drohung löste die Gegenbewegung aus. Am Montag wurden überall in der Stadt Plakate angeschlagen, in denen Deckoffizierbund und Soldatenverbände das Ergebenheitstelegramm des Stationschefs als "Lügenmeldung" bezeichneten: "Dieses Telegramm ist ohne Wissen der Deckoffiziere, Unteroffiziere und Mannschaften abgegeben worden. Die besagten Dienstgrade stehen treu hinter der verfassungsmäßigen Regierung." (Deckoffiziere waren langdienende Marinedienstgrade mit besonderer Fachausbildung und einer gehobenen Stellung zwischen Unteroffizier und Offizier.)

Am Dienstagmorgen zogen bewaffnete Matrosengruppen unter dem Kommando ihrer Deckoffiziere durch die Stadt, verhafteten auf der Marinestation, an Bord der Schiffe und in den Kasernen alle Seeoffiziere, entwaffneten sie und sperrten sie in die Tausendmann-Kaserne. Vizeadmiral Michelsen legte sein Amt nieder. Der Führer der Wilhelmshavener Deckoffiziere, Torpedoobermaschinist Arthur Grunewald, wurde - im Auftrag der Oldenburgischen Regierung - zum Chef der Nordseestation ernannt.

Damit war - einen Tag, bevor die Putsch-Regierung in Berlin aufgeben mußte - der Staatsstreich in Wilhelmshaven unblutig abgeschlagen. In keinem Betrieb wurde gestreikt, auf der Nordseestation ging unter der schwarzrotgoldenen Fahne der Republik der Dienstbetrieb ohne Seeoffiziere weiter.

Arthur Grunewald war kein "roter Stationschef", der jetzt die Revolution vom November fortsetzen wollte. Der Berufssoldat, gelernter Kupferschmied und Schlosser, damals schon Ende vierzig, Familienvater, Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, war ein besonnener, liberaler Mann. Er und seine Deckoffizierskameraden ersparten Wilhelmshaven die Blutopfer, die Kiel erleiden mußte.

Gegen Mittag des 13. März erschien beim Stationschef Ostsee in Kiel ein junger Leutnant in Zivil. Er kam im Auftrag des Generals von Lüttwitz aus Berlin und wollte Konteradmiral Magnus von Levetzow, schon im kaiserlichen Offizierskorps als Heißsporn bekannt, über die Pläne der Putschisten unterrichten. Der Admiral erließ gleich einen Aufruf, der den verfassungstreuen Kräften in Kiel klarmachte, woher jetzt der Wind wehte:

"In Berlin hat sich eine neue Regierung gebildet... Der Chef der Admiralität hat sich mit der Marine dieser Regierung zur Verfügung gestellt."

Für die Kieler Arbeiter, für Demokraten, Sozialisten und Kommunisten, klang dieser Aufruf wie das Signal der Gegenrevolution. Admiral von Levetzow hatte schon Mitte Januar unter dem vom Reichspräsidenten verhängten Ausnahmezustand die vollziehende Gewalt im Gouvernementbereich Kiel übernommen. Seine Notstandsherrschaft war gekennzeichnet durch Verbote und Einschüchterungsversuche gegenüber der Linkspresse. Jetzt antwortete die Kieler Arbeiterschaft mit dem Generalstreik.

Während der Admiral Salut schießen ließ und damit seinen Truppen erhöhte Alarmbereitschaft signalisierte, versammelten sich die aufgebrachten Anhänger der Arbeiterparteien auf dem Wilhelmplatz. Levetzows Beobachtungsflugzeug kreiste über ihnen, als sie eine Anti-Putsch-Regierung unter Führung des Sozialdemokraten Garbe proklamierten. die an Stelle des Admirals die vollziehende Gewalt übernehmen sollte. Auch der sozialdemokratische Universitätsprofessor Gustav Radbruch (SPD-Mitglied seit 1919, später Reichsjustizminister) gehörte dieser provisorischen Gegenregierung an, die freilich - von den Ereignissen überrollt - niemals zusammentrat.

Denn bei dem Versuch, die Arbeiter für die alte Regierung zu mobilisieren und mit Waffen und Munition zu versorgen, kam es beim Marinearsenal und beim Depot Dietrichsdorf zu blutigen Zusammenstößen mit der Truppe. Die Arbeiter schossen zuerst. Vier Matrosen, zwei Offiziere und ein Zivilist fanden dabei den Tod. Garbe wurde als Anführer festgenommen. "Sie haben angefangen, die Blutschuld kommt auf Ihr Haupt", warf der Admiral dem "Sozi" vor. Daß er selbst auf die illegale Seite geraten sein könnte, der Gedanke lag dem Stationschef fern.

Dabei hatte der Deckoffizierbund klipp und klar erklärt: "Der Putsch ist ein verbrecherischer Wahnsinn, den wir mit allen Mitteln bekämpfen werden." Doch anders als in Wilhelmshaven reichten in Kiel die Mittel der Deckoffiziere nicht aus. Schleswig-Holstein war ja nur eine preußische Provinz. In Preußen aber regierte jetzt Herr Kapp und nicht - wie in Oldenburg - eine verfassungstreue Landesregierung, die den verfassungstreuen Deckoffizieren helfen konnte, alle auf Trotha eingeschworenen Offiziere festzusetzen.

Auch Professor Radbruch wurde dem Admiral vorgeführt. Der Justizprofessor hielt dem Stationschef vor, daß sich die Marine und also auch die Ostseestation illoyal gegenüber der verfassungsmäßigen Regierung verhalte, bekam darauf aber nur jene Ausrede zur Antwort, die er
Gustav Radbruch
in den nächsten Tagen noch bis zum Überdruß von Marineoffizieren hören sollte: Wir treiben keine Politik, wir sorgen nur für Ruhe und Ordnung. Und die Auflehnung verfassungstreuer Kräfte gegen den Putschisten Kapp bedeutete für diese angeblich so unpolitischen Herren eben nichts als Unruhe und Unordnung.

"Herr Professor, Sie haben sich zum Kommandanten meines Arsenals gemacht", schimpfte der Admiral. "Die Arbeiter haben sich in ungesetzmäßiger und unzulässiger Weise der Waffen bemächtigt."

"Nachdem sich die jetzige Regierung in ungesetzmäßiger und unzulässiger Weise der Herrschaft bemächtigt hat", gab der Professor bissig zurück.

Aber Levetzow ließ sich auf politische Diskussionen nicht ein und herrschte seinen Gefangenen an: "Verlassen Sie mein Zimmer, Herr Professor, Sie sind verhaftet."

Wer immer in diesen Tagen den Admiral fragte, ob er nun zur neuen Regierung Kapp oder zur alten verfassungsmäßigen Regierung Bauer halte, dem antwortete er: "Schalten Sie doch die Parole alte und neue Regierung aus. Diese Frage wird doch hier nicht in unserer Provinzecke entschieden, das wollen wir den Herren in Berlin überlassein. Ob Max oder Moritz den Ministersessel drückt, kann mir sehr gleichgültig sein. Wir haben uns lediglich an die Befehle der Admiralität zu halten." Inzwischen aber tat Magnus von Levetzow alles, um den neuen Berliner Herren in seiner "Provinzecke" den Boden zu bereiten. Er

  • setzte kurzerhand - "kraft meiner vollziehenden Gewalt" - den als reaktionär verschrienen früheren Kieler Oberbürgermeister Lindemann auf den Stuhl des Oberpräsidenten;
  • sperrte den rechtmäßigen Oberpräsidenten Kürbis (SPD) ein;
  • ließ dem erkrankten sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Poller, der ihm zu viel telefonierte, "die Strippe durchschneiden";
  • sorgte dafür, daß Flugblätter der Kapp-Regierung verteilt oder von Flugzeugen abgeworfen wurden;
  • schickte dem kappistischen Bürgermeister von Eckernförde zwei Torpedoboote zu Hilfe gegen die aufgebrachten Arbeiter; und
  • verbot alle Kieler Zeitungen, versuchte aber gleichwohl, den Journalisten auf einer Pressekonferenz Erfolgsberichte der Kapp-Regierung schmackhaft zu machen - Berichte, von denen er später selber sagte, er habe sie schon damals als "Lügenmeldungen" durchschaut.

Den verfassungstreuen Kieler Politikern riß endlich der Geduldsfaden. Am Nachmittag des 17. März, wenige Stunden vor Kapps Rücktritt, forderten Vertreter aller demokratischen Parteien Admiral von Levetzow auf, von seinem Posten als Gouverneur und Notstandsbefehlshaber zurückzutreten. Gleichzeitig verlangten sie den Rücktritt der von ihm eingesetzten Kapp-Beamten. Erst wenn er diesen Forderungen nachkomme, würde in Kiel die Arbeit wieder aufgenommen.

Levetzow antwortete mit einer scharfen Erklärung: "Ich weise diese mir als Gouverneur und Militärbefehlshaber und damit auch der Marine erwiesene Herausforderung zurück... Ebenso muß ich die Forderung auf Absetzung des Oberpräsidenten Lindemann, des Polizeipräsidenten von Löw und des Chefs der Sicherheitspolizei, des Majors von Winterfeldt, zurückweisen und werde mich mit meinen Truppen für sie einsetzen."

Lindemann, Löw und Winterfeldt traten dann freiwillig zurück, als das dilettantische Kapp-Unternehmen in Berlin am Abend des 17. März endgültig zusammenbrach. Die Verschwörer scheiterten daran, daß sie nicht genau


Kapp vor dem Abflug ins Exil
wußten, was sie wollten. Die süddeutschen Garnisonen hatten von Anfang an nicht mitgemacht. Von Stuttgart aus gewann die verfassungsmäßige Regierung in Zusammenarbeit mit den loyalen Beamten in den Berliner Ministerien immer mehr an Boden. Kapp trat ab und floh per Flugzeug nach Schweden.

Nur der Kieler Notstandsadmiral Levetzow weigerte sich immer noch, Konsequenzen zu ziehen. Auf einmal wurde ihm der Unterschied zwischen alter und neuer Regierung wieder sehr wichtig: Die alte hatte ihn als Gouverneur eingesetzt, nur auf ihren Befehl wollte er abtreten.

Als dieser Befehl am nächsten Vormittag endlich eintraf, lieferten sich in Kiel Arbeiter und Truppen heftige Straßenkämpfe. Wer dabei den ersten Schuß abgab, ist bis heute umstritten geblieben. Die Atmosphäre hatte sich während der Putschtage immer stärker mit Haß und Mißtrauen aufgeladen. Jetzt, da in Berlin alles vorüber war. entlud sich in Kiel die Spannung in Gewehrschüssen und MG-Salven. Viele Arbeiter, ohnehin auf die zumeist monarchistisch und republikfeindlich denkenden Marineoffiziere schlecht zu sprechen, wollten bei dieser Gelegenheit die 1918 erstickte Revolution wieder aufleben lassen. Die meisten Offiziere aber glaubten. Kapps Ende bedeute den Sieg des Bolschewismus. Ergebnis: 63 Tote, 182 Verletzte.

Erst am nächsten Tag sah Admiral von Levetzow ein, daß er nicht mehr alle Truppen hinter sich hatte, daß sein Spiel verloren war. Von einer Pinasse ließ er sich aus dem Kieler Hafen bringen und in der Hohwachter Bucht an Land setzen - in Zivil. Als Levetzow mit dem Wagen die ostholsteinische Stadt Lütjenburg passierte, wurde er verhaftet.

Der Kieler Notstandsadmiral, dessen System von Ruhe und Ordnung mit Blut, Tod und Gewalttat endete, wurde freilich ebenso wenig bestraft wie sein Vorgesetzter in Berlin, dessen Meuterei von oben die Reichsmarine in eine so schwere Autoritätskrise stürzte, daß ihren Offizieren für mehrere Wochen die Kommandogewalt aus den Händen genommen werden mußte. Im Gegenteil, die Herren Admirale konnten sich noch von allerhöchster Stelle bestätigt und gerechtfertigt fühlen, als der Reichspräsident drei Monate später einen windelweichen Erlaß an die Marine richtete.

Erst dankte Ebert in diesem Erlaß allen denen, "die in den Tagen der Unruhen treu zur Reichsverfassung und zur verfassungsmäßigen Regierung gestanden haben". Dann aber schloß er in den "Dank des Vaterlandes" ausdrücklich auch die Trothas und Levetzows ein, "die sich um Ruhe und Ordnung... bemüht haben".

Den wahren Dank des Vaterlandes durften Trotha und Levetzow erst dreizehn Jahre später ernten. Da war ein Mann in Deutschland an die Macht gekommen, der ihre Vorstellungen von Ruhe und Ordnung noch besser zu würdigen wußte. Herrn von Levetzow machte der "Führer" zum Polizeipräsidenten in Berlin. Herrn von Trotha zum Idol der Marine-Hitlerjugend.

stern, 12/ 1970

*

Ergänzung: Schon um die Jahreswende 1919/1920 erließ Admiral Meurer in Kiel an die Ostseestreitkräfte folgende Erklärung:

Seitdem des deutschen Reiches Unterhändler Erzberger im November 1918 zum Erstaunen unserer Feinde die vernichtenden Waffenstillstandsbedingungen widerstandslos und bedingungslos angenommen hat, ist es mit dem Ansehen und der Kraft Deutschlands Schritt für Schritt über die Annahme des Schmachfriedens und der schamlosen Auslieferungsparagraphen abwärts geganden bis zur völligen Selbstvernichtung.

Der Admiral musste daraufhin seinen Abschied nehmen. Andere, die so dachten wie er, durften bleiben.

Umfassende Informationen zum Kapp-Putsch in Kiel finden sich auf der Homepage von Renate und Klaus Kuhl: www.kurkuhl.de

© Gerhard E. Gründler
und Arnim von Manikowsky
www.gerdgruendler.de
Home