Ein amerikanischer Historiker ist dieser Frage nachgegangen und stieß auf Antworten, die ihn misstrauisch machten. David S. Wyman, Geschichtsprofessor, an der Universität von Massachusetts in Amherst, schrieb seine Doktorarbeit über "Die amerikanische Politik gegenüber den Flüchtlingen vor dem Nazismus". Bei weiteren Nachforschungen für ein Buch über die Flüchtlingsfrage fand er in der New York Times Kriegskommuniqués aus dem Jahre 1944 über US-Bombereinsätze gegen nahe bei Auschwitz gelegene Treibstoffraffinerien, in denen die Deutschen oberschlesische Kohle zu Benzin machten.
Aus Dokumenten wusste Wyman, dass jüdische Hilfskomitees und Emigrantenorganisationen mehrfach in London und Washington die Bombardierung der Gaskammern, Krematorien und Bahnverbindungen nach Auschwitz gefordert hatten. Das war von den Regierungen aber stets abgelehnt worden, obwohl sie seit Mitte Juni 1944 aus den Berichten zweier entkommener slowakischer Auschwitz-Häftlinge wußten, dass in den Gaskammern dieses Lagers bis dahin schon Hunderttausende von Juden ermordet worden waren. Neben Zweifeln an der Wirksamkeit einer Bombardierung nannte das US-Kriegsministerium für sein Nein immer wieder folgenden Grund:
"Die empfohlene Luftoperation ist nicht praktikabel; denn sie könnte nur durchgeführt werden, indem unseren Truppen bei ihren entscheidenden Operationen die für den Erfolg unerlässliche Luftwaffenunterstützung entzogen würde."
Wyman grub dazu eine handschriftliche Notiz des stellvertretenden Kriegsministers (und späteren US-Hochkommissars für Deutschland) John J. McCloy aus: "Ich zögere, unsere Truppen in solche Unternehmen zu verwickeln, solange noch Krieg ist." Ein Interview mit Wyman lehnte McCloy ab.
Wenn aber im Sommer 1944, so argwöhnte Historiker Wyman, Bombereinsätze in nächster Nähe von Auschwitz geflogen worden sind, hätten dann nicht die Mordanlagen auch angegriffen werden können? In einer Studie für die Zeitschrift Commentary, herausgegeben vom Amerikanischen Jüdischen Komitee, hat er jetzt nachgewiesen, daß in einem Umkreis von rund siebzig Kilometer um Auschwitz mindestens fünf Raffinerien zum Teil mehrmals bombardiert worden sind: Blechhammer, Odertal, Oderberg, Mährisch-Ostrau und Trzebinia. Selbst die unmittelbar zum Lager Auschwitz gehörenden Fabrikanlagen, keine acht Kilometer östlich der Gaskammern gelegen, wurden als Angriffsziele gewählt:
- Am 20. August vormittags luden 127 Fliegende Festungen, begleitet von 100 Mustang-Jägern, ihre Bombenlast über dem Produktionsbereich des Lagers ab. Die deutsche Luftabwehr - kümmerlicher FlakSchutz, ganze 19 Abfangjäger - konnte nur einen US-Bomber abschießen.
- Am 13. September attackierten 96 Liberator-Bomber die Fabrikanlagen von Auschwitz. Sie stießen auf heftiges Flakfeuer und verloren drei Flugzeuge; deutsche Jäger ließen sich nicht blicken.
In beiden Einsätzen unternahmen die Angreifer nicht den geringsten Versuch, auch die Tötungsanlagen oder die Krematorien zu treffen. Dass sie dazu in der Lage gewesen wären, lässt sich nach Wymans Recherchen kaum bestreiten. Auch der Publizist Eugen Kogon, überlebender Häftling von Buchenwald, spricht in seinem Standardwerk "Der SS-Staat" von der "Maßarbeit" der alliierten Bomber: "Die großen Konzentrationslager wie Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald, Auschwitz wurden 1941 samt und sonders schwer mitgenommen - nicht die Stacheldahtbereiche, aber gründlich die herum gelagerten Industrieanlagen... Als Buchenwald am 24. August 1944 bombardiert wurde, blieb von der 'industriellen Aufbauleistung' der SS, den Gustloff-Werken, ... buchstäblich nichts übrig. Im Lager selbst entstanden lediglich zwei größere Brände durch Stabbrandbomben, die ein sehr starker Ostwind aus der Abwurfrichtung getrieben hatte."
Die Alliierten konnten im Sommer 1944 fast alles bombardieren, was sie wollten. Sie kannten die genaue Lage der Gaskammern und Krematorien von Auschwitz. Sie wussten, auf welchen Bahnstrecken die Juden dorthin geschafft wurden.
Für eine Bombardierung der Bahnverbindungen von Ungarn nach Auschwitz kam nur eine kurze Zeitspanne in Betracht: von frühestens Mitte Juni, als die Westmächte von der Todesfabrik erfuhren, bis zum 8. Juli, als der ungarische Diktator Miklos Horthy nach Interventionen des Papstes und des schwedischen Königs die Deportationen unterband. Innerhalb von nur 55 Tagen hatten die Schergen des SS-Schreibtischmörders Adolf Eichmann 450 000 Juden von Budapest nach Auschwitz wie Vieh verfrachtet. Ob Bomben auf Bahnanlagen das Grauen hätten mildern können, wagt Wyman nicht zu beantworten, zumal das erste Gesuch, Auschwitz anzugreifen, nicht vor Juli in Washington vorlag.
Ganz sicher aber ist er, daß "die Bombardierung der Gaskammern und Krematorien viele Menschen gerettet hätte". Denn bis Ende November 1944, als wegen der vorrückenden Sowjets die Gaskammern demontiert wurden, starben dort noch Zehntausende. Überlebende haben berichtet, daß die Insassen um eine Bombardierung der Gaskammern geradezu gebetet hätten.
Warum es nicht geschah, darüber soll sein neues Buch endlich Aufschluss geben. Der Verdacht drängt sich auf, den West-Alliierten habe das Schicksal der Juden nicht sonderlich am Herzen gelegen. Sicherlich wollten sie den Nazis auch nicht die billige Ausrede liefern, alliierte Bomben hätten die Häftlinge getötet. Wyman, 49 Jahre alt, hat den Krieg nicht mehr mitgemacht, stammt auch nicht aus einer jüdischen Familie. Um allen Missverständnissen seiner Arbeit vorzubeugen, sagte er dem stern: "Ich wäre entsetzt, wenn meine Erkenntnisse jemals dazu missbraucht würden, die teuflischen Vernichtungsaktionen der Nazis gegen die Juden zu entschuldigen."
stern 34, 1978
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Auschwitz 1945
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Gerhart M. Riegner
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Erster Nachtrag. - Gerhart M. Riegner, während des Zweiten Weltkrieges Genfer Repräsentant des Jüdischen Weltkongresses, äußerte sich dazu gegenüber dem Spiegel (44/ 2001); er hatte als erster seine Organisation davon unterrichtet (Telegramm nach New York vom 8. August 1942), dass Hitlers Regime zum industriellen Massenmord an den Juden übergegangen sei.
Spiegel: Hätten die Alliierten Auschwitz bombardieren sollen?
Riegner: Ja. Wahrscheinllich wären viele KZ-Häftlinge dabei ums Leben gekommen, aber Bomben hätten den Prozess der täglichen Vernichtung von 6000 Menschen angehalten.
Spiegel: Warum ist dies nicht geschehen?
Riegner: Es fehlte der Wille zum Retten. Uns haben die Amerikaner im Juni 1944 gesagt, man könne Auschwitz nicht bombardieren. Das sei zu weit entfernt, die Flugzeuge würden den Rückweg nicht schaffen. Zur gleichen Zeit griffen Bomber jedoch mehrfach die Buna-Werke der I.G. Farben in Monowitrz an, fünf Kilometer von Auschwitz entfernt. Warum hat man uns belogen?
Spiegel: Auch die anderen westlichen Regierungen waren kaum bereit, den Opfern zu helfen. Riegner: Das stimmt, leider. Die meisten Länder hatten Angst, dass man ihnen die Juden auf den Hals schickt. Da war es ihnen lieber, sie wurden umgebracht., irgendwo weit weg. Das ist das Grauenhafteste von allem, aber so ist es gewesen.
Der Jurist Riegner, früher Sekretär für Rechtsangelegenenheiten und von 1965 bis 1983 Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, starb am 3. Dezember 2001.
Zweiter Nachtrag. - Auch die Enzyklopädie des Holocaust, erschienen 1993, verweist auf die Hydrierwerke in der Region, in denen aus schlesischer Kohle Treibstoff gewonnen wurde:
"Von Juli bis November 1944 bombardierten über 2800 schwere amerikanische Bomber die acht Ölanlagen. Auf dem Weg zu ihren Zielen überflogen all diese Flugzeuge wichtige Bahnlinien, auf denen Deportationstransporte abgewickelt wurden. Zweimal (am 20. August und am 13. September) griffen große amerikanische Bomber-Flotten das Industriegebiet in Auschwitz selbst an, kaum acht Kilometer von den vier riesigen Gaskammern entfernt."
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John J. McCloy
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Dritter Nachtrag. - Der frühere Unterstaatssekretär im US-Kriegsministerium, John J. McCloy, galt als treibende Kraft hinter der Entscheidung, weder Bahnlinien noch Gaskammern anzugreifen. In einer privaten Tonbandaufnahme von 1986, die der amerikanische Historiker Michael Beschloss entdeckt hat, machte der 91jährige McCloy drei Jahre vor seinem Tod jedoch den US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt dafür verantwortlich: "Einmal sprach ich mit Mr. Roosevelt darüber, und er reagierte gereizt. Er sagte: Nun hören Sie mal, was für eine Idee! ... Alles, was die Nazis tun werden, ist, das KZ ein kleines Stück die Straße hinunter zu verlegen." Roosevelt habe "eindeutig klar gemacht", dass eine Bombardierung von Auschwitz "zu nichts gut gewesen wäre". Die Amerikaner würden anschließend nur bezichtigt, "diese unschuldigen Menschen bombardiert" und "sich an diesem schrecklichen Geschäft beteiligt" zu haben. Die US-Regierung hielt diejenigen, die eine Bombardierung des KZ forderten, für einen "Haufen fanatischer Juden, wie es damals schien, die wohl dachten, wenn man nicht bombardiere, dann sei das ein Anzeichen von mangelndem Hass auf Hitler". (Spiegel 42/2002)
Vierter Nachtrag. - George W. Bush studierte am 11. Januar 2008 bei seinem Besuch im Yad Vashem Holocaust Memorial in Jerusalem die Vergrößerung eines Fotos, das im Frühjahr 1944 von einem amerikanischen Aufklärungsflugzeug über Auschwitz gemacht worden war. Danach, so berichtete ein Mitarbeiter der Gedenkstätte, habe der US-Präsident gesagt: "Wir hätten es bombardieren sollen." - Einer, der damals bei den amerikanischen Lufteinsätzen über Auschwitz dabei war, George McGovern [der 1972 unterlegene demokratischer Präsidentschaftskandidat], sieht das heute auch so. In einem Interview mit dem nach David S. Wyman benannten Institut für Holocaust-Studien und dem isralischen Fernsehen sagte er: Es gab eine gute Chance, dass wir diese Bahngleise von der Erdoberfläche hätten wegbomben und den Zug der Menschen in die Gaskammern stoppen können, und wir hatten auch eine ziemlich gute Gelegenheit, diese Gasöfen zu zerstören." ( Nach einem Bericht von Rafael Medoff, dem Leiter des Wyman-Instituts, in der Süddeutschen Zeitung vom 14.1.2008)
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