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..Kurzwaren
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aus der Website von Gerhard E. Gründler
Stichelworte zum journalistischen Gewerbe
Böse Neuigkeiten sind die besten Was Lichtenberg dazu sagte
Wie Boswell das Gewerbe betrieb
Von Abschalten bis Zuhören
Aus meinem Sprachmülleimer
Wort und kein Widerwort
Nützliche Links
Journalism is a lousy job but better than working. Londoner Redaktionsweisheit
ODER:
Ich arbeite nie - ich beschäftige mich.
Henri Cartier-Bresson, Pressefotograf
Wort und...
... Widerwort
"Ich habe geleistet, was ich konnte." Guillaume de Posch,
scheidender Vorstandschef
der ProSieben Sat.1 Media AG(journalist 12/2008)
Weil es nun gleichwohl nicht gereicht hat, hätte der Mann sich vielleicht besser an die Maxime Dr. Samuel Johnsons gehalten: "Niemand ist verpflichtet, so viel zu leisten wie er kann."
Kleines Abc der großen Medienwelt
Abschalten. - Im Fernsehen sehen wir die Welt, die wir wegen des Fernsehens aus dem Auge verlieren. Anders als bei der Apparatemedizin kommt Abschalten der Lebenszeit zugute.
Blindflug. - Journalismus ist Chronistenarbeit mit unzureichendem Bewusstsein für die Relevanz des Notierten.
Chuzpe. - Nur weil mich die Leute für überheblich halten könnten, muss ich doch nicht kaschieren, dass ich nun wirklich besser Bescheid weiß.
Dummheit. - Die Massenmedien leben gut von der Ignoranz, die zu tilgen sie sich berufen fühlen.
Endzeit. - Ist das Publikum erst so abgebrüht wie das Medienpersonal, macht der Journalismus keinen Spaß mehr.
Fremdkörper. - Die Schere im Kopf drückt vornehmlich die Einfallslosen.
Gegenbeweis. - Jeder Journalistenstreik widerlegt die Anmaßung der Publizistik, sie sei die vierte Gewalt. Gewalten streiken nicht; sie werden bestreikt.
Herbizid. - Wo Kameras postiert werden, wächst kein Gras mehr.
Interimslösung.- Solange es mit dem journalistischen Berufsethos nicht recht vorangeht, ist niemand gehindert, sich wenigstens an Recht und Gesetz zu halten.
Jasager. - Nur weil niemand mehr zuhört, wird das Grundrecht auf freie Rede nicht obsolet. Die Ja- und Amensager würden sonst noch das Nein verbieten.
Klartext. - Die Alternative zum Abkürzungsfimmel ist nicht der Verlängerungswahn, sondern die Ausschreibungspflicht.
Der Tele-Michel:
Heinrich-Hertz-Turm
in Hamburg, am
11. 11.1968 in Betrieb genommen
Lernziel. - Aus dem Zusammenhang gerissen! Wer darunter leidet, mag sich damit trösten, dass so selten einer besteht.
Mehrwert. - Richtig neugierig macht erst die Schlagzeile, die aus dem gestrichenen Absatz der Meldung stammt.
Nachrichtenschwund. - Geht es schlecht, sind die Nachrichten immer noch schlechter; wird es besser, werden sie nicht etwa gut, sondern bleiben aus.
Eine moderne Zeitung braucht den Reporter nötiger als den Leitartikler.
Josef Roth, Brief
an Benno Reifenberg, 22.4.1926
Offenheit. - Wer andere outet, pocht auf die Informationspflicht. Ebenso gut könnte er Mundgeruch mit der Redefreiheit entschuldigen oder die Schweigepflicht mit Mundgeruch begründen. Outing bleibt in, Inhalieren ist out.
Privileg. - Fachjournalisten zählen das Recht auf den Gebrauch abschreckender Prosa zum Besitzstand.
Quartett, literarisches. - Wer da zuschaute, der durfte guten Gewissens Bücher verschenken, die zu lesen er weder Lust noch Zeit hatte.
Raffinesse. - Der Ruf nach dem anständigen Journalismus dämpft das schlechte Gewissen beim Konsum des unanständigen.
Sehschwäche. - Journalisten wollen wissen, wohin der Hase läuft, aber der Wunsch, mitzubestimmen, wohin er laufen sollte, trübt ihren Blick.
Test. - Niemand ist hoffnungslos abgebrüht, dem es noch hin und wieder die Sprache verschlägt.
Unpassend. - Nur selten spotten Wahrheiten jeder Beschreibung. Viel öfter spotten Beschreibungen jeder Wahrheit.
Vehemenz. - Entschiedene Meinungen pochen gern auf Erfahrungen, bei jüngeren Federn vornehmlich auf ungemachte.
Wort zum Sonntag. - Pastors Texte, Müllers Vieh geraten selten oder nie.
Zuhören.- Der Interviewer ist nicht bei der Sache, weil er an die nächste Frage denkt, der Interviewte ignoriert alle Fragen, weil er sie für seine Antworten nicht braucht.
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Zwischendurch: Die da nach mehr guten Nachrichten rufen, lesen am liebsten die schlimmen.
Das von Ereignissen überholte geistreiche Politfeuilleton wirkt noch peinlicher als der Leitartikel von gestern.
Folgenschwerster Fall des Artensterbens - die Ausrottung
der Korrektoren.
"Weltuntergang nach Redaktionsschluß" - die Nr.1 im Katalog der Höllenqualen des Gewerbes.
Betriebszeitung hat mit Zeitung so viel zu tun wie Betriebsnudel mit Pasta.
Wie der US-Politiker Adlai Stevenson einen Redakteur definierte: "Einer, der Spreu vom Weizen trennt und dann Spreu druckt."
Journalism is for boys. - Henry Kissinger
Journalismus besteht hauptsächlich darin, dass man Lord James' Ableben Leuten mitteilt, die gar nicht wussten, dass Lord James je gelebt hat. - Gilbert K. Chesterton
Bad manners make a journalist. - Oscar Wilde
Journalisten sind wie die Hunde, sobald sich etwas bewegt, fangen sie an zu bellen. - Arthur Schopenhauer
Was alles so geredet und geschrieben wird
Manometer. - Dass irgendwer aus irgend einem Grund immer stärker unter Druck gerät, gehört zu den üblichen Neuigkeiten, die nicht mehr ernst zu nehmen sind. Das Dogma vom starken "Leadsatz" produziert schwache Stereotypen. Und welcher Redakteur merkt noch, wie sich dabei Meinung ins Nachrichtendeutsch mogelt? Ob jemand wirklich wachsenden Druck verspürt, kann nur er allein beurteilen. Wenn er es sagt, nun gut, dann mag man es melden. Regelmäßig wird es einfach unterstellt. Die dafür Verantwortlichen müssen einen weit reichenden Druckmesser besitzen.
Bauchredner. - Die Formel, dieses oder jenes sei angesagt, weist auf einen Extremfall von Quellenvernebelung. Sie reportieren unmittelbar aus dem Bauch des Zeitgeistes. Der Ansager bleibt anonym, imaginär und virtuell.
Mesalliance. - Wer dies oder das nicht nachvollziehen kann, sollte es einfach mal zu begreifen oder zu verstehen suchen. Im Nachvollzug kopulieren Journalisten mit Bürokraten. Dem Vollzug trauen wir mehr zu als unserem Verstand und unserem Begriffsvermögen. Wer's nachvollziehen kann, der muss nichts begriffen haben und darf alles missverstehen.
Suum cuique. - Erbarmen mit der Sprache und Vorschlag zur Güte: Journalisten sprechen und schreiben weiterhin von Bürgern, Politikern, Parlamentariern und Richtern, Professoren, Doktoren und Studenten, Steuerzahlern und Verbrechern, von Redakteuren, Lesern, Hörern und Zuschauern, auch wenn die Frauen in all diesen Berufen, Rollen und Funktionen mit gemeint sind. Journalistinnen benutzen die femininen Endungen, auch wenn die Männer mit gemeint sind. Ob eine der beiden Versionen unvollständiger wirkt und sich deshalb am Ende als unzulänglich erweisen wird, bliebe abzuwarten. Es könnte zu einer Sache der Gewohnheit werden, so dass beides nebeneinander akzeptiert wird. Jedenfalls leidet der Text, wenn ständig doppelt genäht werden muss.
Kondensat. - Wer nicht einfach annehmen, erwarten, erhoffen oder vermuten mag, der geht davon aus. Wovon? Nun, von dem was er annimmt, erwartet, erhofft oder vermutet. Er verdichtet seine Wolken zu Ausgangspunkten.
Offen gefragt. - "Wie gehen Sie damit um?", fragt der Interviewer. Es soll so klingen, als wolle er dem Befragten ein ganz persönliches Bekenntnis zur Sache abnötigen. In Wahrheit leistet er nicht mehr, als ihm die Ausflucht in das simple Ja oder Nein abzuschneiden. Dafür erhält der Befragte Gelegenheit, weit auszuholen, um Verständnis für seine Gewissensnöte und Befindlichkeiten zu werben, sich als Sensibelchen zu stilisieren. Weil die Umgangsfrage zu unverbindlichen und beliebigen Antworten einlädt, ist sie zur Schlüsselfrage im Talkshowmilieu geworden. Sage mir, wie du mit allem möglichen umgehst, ich sage dir, wer du möglicherweise doch nicht bist. Oder lieber doch sein möchtest. Da kommen Antworten, die von den Fragestellern nur noch als unheimlich wichtig quittiert werden können. Die Umgangsfrage ist die offene Frage an sich.
Unbedarft. - Wo dringender Handlungsbedarf konstatiert wird, fehlt es regelmäßig an einer Einigung darüber, wer eigentlich was sofort zu tun hätte. Also kann die Sache nicht gar so eilig sein: Der offenbar anhaltende Beratungsbedarf macht den Handlungsbedarf zur Phrase. Seitdem unsere Haushaltsexperten sogar Bedarfe (Plural) anmelden, braucht jeder Bedarf dringend Schonzeit, müsste also Schonungsbedarf anmelden.
Immunität. - In schlecht redigierten Wirtschaftsmeldungen wird dieses oder jenes nachgefragt. Das passiert, weil - diejenigen werden nicht mehr nachgejagt, die so etwas zu Papier bringen.
Abwägung. - Bevor abermals und neuerlich aus dem Vokabular verschwinden, wäre daran zu erinnern, dass erneut auch nicht schöner klingt. Bei der Gelegenheit: Was hat inzwischen angerichtet, dass es durch zwischenzeitlich verdrängt werden muss?
Ins Blaue. - Zielvorstellungenen sind auch nur Ziele, aber solche mit mehr Unschärfe.
Sediment. - Zustimmen reicht nicht mehr. Seitdem Vorstände, Fraktionen, Kabinette, Beiräte fast alles, was ihnen vorgelegt wird, absegnen, fällt noch mehr auf, wie dünn die Resultate sind. Absegnen als Gestus des politischen Leerlaufs - das birgt ironisches Potential. Im Sog der flotten Schreibe erliegt es dem journalistischen Leerlauf. Sinkendes Kulturgut: Das Originelle landet im Wörterbuch der Synonyme.
Benedictus banalis.- Wo niemand mehr weiß, was ein Segen ist, wird umso fröhlicher abgesegnet.
Ultimatum. - Was früher endgültig war, ist heute ultimativ: der ultimative Vaterschaftstest, die ultimative Lösung des Abgasproblems, das ultimative Haarwuchsmittel. Wer das englische Wort ultimate im Deutschen mit ultimativ wiedergibt, dem ist zuzutrauen, dass er eines Tages ein intimate diary als intimatives Tagebuch anpreist. Und weit und breit niemand, der ultimativ dazu auffordert, endgültig von Anglizismen zu lassen, die gute deutsche Wörter verdrängen und unentbehrliche unverständlich machen.
Consecutio temporis. - Der fünfte Streiktag in Folge, der vierte K.O.-Sieg, der dritte Lottogewinn, die zweite Grippewelle - alles in Folge. Infolgedessen muss das gute alte nacheinander stempeln gehen. Folgen sind meist abzusehen, diese Folge schon lange nichtmehr; irgendwann unterläuft sie irgendwem gleich beim ersten Mal: Erste Adresse oder erste Sahne in Folge - Nachrichten aus der verbalen Überflussgesellschaft, die dringend erste Hilfe - diesmal aber als und nicht in Folge - braucht.
Lob des Radios
Und wenn die Welten untergehn,
So bleibt die Welle doch bestehn.
Das Radio erzählt Euch allen,
Was immer Neues vorgefallen.
Und funk ich hier ins Mikrophon,
Hört man im Weltall jeden Ton.
Und bis in die Unendlichkeit,
Erfährt man jede Neuigkeit.
Wir funken bis zum Untergang
Ins Weltall kilometerlang. Kurt Schwitters, Schmidt-Lied 1927/28
Veredelter Alltag. - Der tragische Verkehrstod eignet sich so wenig zur Tragödie wie das tägliche historische Ereignis fürs Geschichtsbuch.
Traumvokabeln. - Selbst einfallslosen Konfektzionisten lassen viele Redaktionen das selbst genähte Etikett kreativ durchgehen. Zu den üblichen Verdächtigen zählen kreative Schreiber, die spätestens bei zusätzlichem Gebrauch des Wortes innovativ als überführt zu gelten haben. Wenn Journalisten, die nun wirklich nichts erfinden sollen und sich auch Neues nicht ausdenken dürfen, an solchem Werbevokabular Gefallen finden, kompensieren sie ihren Ekel vor der Realität.
Übergröße. - Wenn der Reporter behauptet, irgend jemand habe Erwartungshaltungen oder gar Erwartungshorizonte aufgebaut, tut er sich wichtig. Er will die Enttäuschung der Erwartenden größer machen als sie ist. Dass einer den Erwartungen einfach nicht gerecht wird, entspräche der Norm; darüber müsste nicht berichtet werden.
Fremdmaterial. - Die Pop-Ikone, der Olympia-Mythos, das Bühnen-Idol die Leinwand-Legende - mit abhebenden Attributen werden Stars mitsamt ihrem Ruhm markiert, beschworen und vermarktet. Wer als Reporter solche Formeln übernimmt, ohne kenntlich zu machen, dass es Zitate sind, hat das Fach gewechselt: von der Observation zur Promotion. Die zu entdecken und zu beschreiben wären, werden bekränzt, entrückt und verklärt.
Proportion. - Zeitungsdeutsch verhält sich zur Sprache, wie Zeitungsgeld zum Vermögen.
Eigenleistung. - Wer die Offizialsprache in sein eigenes Deutsch übersetzt, tut noch mehr für die journalistische Unabhängigkeit als der Redakteursausschuss.
Wort und...
"Wir schielen nicht, wir schauen auf die Quote, weil sie besagt, wie viele Menschen, die dafür bezahlen, unser Programm einschalten."
Verena Kulenkampff, WDR-Fernsehdirektorin, im Kölner Stadt-Anzeiger.
... überhaupt kein Widerwort
Schielen nennen das nur Leute, die den öffentlich-rechtlichen Programmen kein Massenpublikum gönnen; sie gönnen ARD und ZDF nur Sendungen, die von möglichst wenigen genutzt werden, weil für einen Minderheitenservice die Rundfunkgebühr in der Tat zu hoch wäre. Was endlich mal bewiesen werden soll.
http://www.ndrinfo.de
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