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| Wer weiß ob nicht Sokrates, wenn er jetzt in Frankfurt wäre, mit an der gelehrten Zeitung arbeitete. (D 398) |
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Ganz allgemein
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Georg Christoph Lichtenberg
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1. 7. 1742 - 24. 2. 1799
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Physiker, Philosoph, Aufklärer
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Das 18. Kind eines Generalsuperintendenten, von der Rachitis geschwächt, blieb klein und musste mit einem Buckel leben. Er besuchte das Gymnasium in Darmstadt und studierte von 1763-1766 in Göttingen Mathematik und Naturwissenschaften. 1770 wurde er außerordentlicher Professor der Experimentalphysik und redigierte von 1778 an den Göttinger Taschenkalender. Seine geistreichen Aphorismen und wissenschaftlichen Abhandlungen machten ihn berühmt.
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Wo keine Regeln sind, da sind keine Stümper. (C 209)
Zur Aufweckung des in jedem Menschen schlafenden Systems ist das Schreiben vortrefflich, und jeder der je geschrieben hat, wird gefunden haben, daß Schreiben immer etwas erweckt was man vorher nicht deutlich erkannte, ob es gleich in uns lag. (J 19)
In die Welt zu gehen ist deswegen für einen Schriftsteller nötig, nicht sowohl damit er viele Situationen sehe, sondern selbst in viele komme. (F 1161)
Es ist in vielen Dingen eine schlimme Sache um die Gewohnheit. Sie macht, daß man Unrecht für Recht, und Irrtum für Wahrheit hält. (L 571)
Nicht die Lügen, sondern die sehr feinen falschen Bemerkungen sind es die [die] Läuterung der Wahrheit aufhalten. (F 552)
Ob das Elend in Deutschland zugenommen hat, weiß ich nicht, die Interjektions-Zeichen haben gewiß zugenommen. Wo man sonst bloß ! setzte, da steht jetzt !!!. (L 147)
Zeitungen sind öffentliche Blätter worin die neuesten Begebenheiten so erzählt werden wie es [sich] für Zeit und Umstände des Ortes wo sie gedruckt werden am besten schickt. Exoterische und esoterische.
(J 1238)
Zweifel muss nichts weiter sein als Wachsamkeit, sonst kann er gefährlich werden. (F 447)
Ach! Was waren das für Zeiten, da ich noch alles glaubte, was ich hörte. (K 50)
Nicht jeder Original-Kopf führt eine Original-Feder, und nicht jede Original-Feder wird von einem originellen Kopf regiert. (E 413)
Die simple Schreibart ist schon deshalb zu empfehlen, weil kein rechtschaffener Mann an seinen Ausdrücken künstelt und klügelt. (H 126)
An nichts muß man mehr zweifeln als an Sätzen, die zur Mode geworden sind. (???).
Zum Handwerk
Die Metapher ist weit klüger als ihr Verfasser und so sind es viele Dinge. Alles hat seine Tiefen. Wer Augen hat, der sieht [alles] in allem. (F 369)
Was die Engländer in der Füsik, die Franzosen in der Metafüsik, sind die Deutschen unstreitig in der Ortokrafi. Das
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Lichtenberg-Statue auf dem Marktplatz von Göttingen
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Süstem, das uns H. K...[Herr Klopstock] hierüber gegeben hat, ist vortrefflich. Fürz gleich nicht überall Überzeugung bei sich, so fürz doch auf Einigkeit, und hilfz nichz, so schaz doch auch nichz. (G 35)
Der eine hat eine falsche Rechtschreibung und der andere eine rechte Falschschreibung.
(G 37)
Priestley macht in seiner Optik die vortreffliche Bemerkung, daß je mehr man von einer Sache weiß [...], desto eher läßt sich ein Auszug davon machen. Wo aber noch isolierte facta sind, da kann man bloß eine Auswahl treffen. (J 1023)
Es könnte nicht schaden, wenn man in jeder Periode die Worte zählte und sie jedesmal mit den wenigsten auszudrücken suchte. (E 39)
Unsere besten Ausdrücke werden veralten, schon manches Wort ist jetzo niedrig, was ehemals eine kühne Metapher war. (D 362)
In Dingen, wo es vorzüglich auf lebhaften Vortrag ankömmt, sollte man, nachdem alles parat ist, was man sagen will, erst beibringen was man beibringen kann, ganz für sich, also bloß des Beibringens wegen; alsdann alles noch einmal schreiben des Weglassens wegen. Das erste ist das Dreschen, das zweite ist das Sichten und Sieben. Nun müsste noch ein Drittes kommen, das Wurfeln. Ein paarmal Sichten schadet auch nicht. (L 679)
Schmierbuch-Methode bestens zu empfehlen. Keine Wendung, keinen Ausdruck unaufgeschrieben zu lassen. Reichtum erwirbt man sich auch durch Ersparung der Pfennigs-Wahrheiten. (F 1219)
Es läßt sich ohne sonderlich viel Witz so schreiben, daß ein anderer sehr viel haben muß es zu verstehen. (D 332)
Für Reporter
Beobachten können wenig[e], lesen alle. ( I 98)
Die großen Begebenheiten in der Welt werden nicht gemacht, sondern sie finden statt. (???)
Was die Enthusiasten Beobachtung nennen ist gemeiniglich über die Hälfte Urteil.
(Undatierbare Bemerkungen 41)
Es gibt Leute, die so wenig Herz haben etwas zu behaupten, daß sie sich nicht getrauen zu sagen, es wehe ein kalter Wind, so sehr sie ihn auch fühlen möchten, wenn sie nicht vorher gehört haben, daß es andere Leute gesagt haben. (L 582)
Wenn du die Geschichte eines großen Verbrechers liesest, so danke immer, ehe du ihn verdammst, dem gütigen Himmel, der dich mit deinem ehrlichen Gesicht nicht an den Anfang einer solchen Reihe von Umständen gestellt hat. (F 1205)
Ich habe immer gefunden, daß die sogenannten schlechten Leute gewinnen, wenn man sie genauer kennen lernt, und die guten verlieren. (G 67)
Eine goldne Regel: Man muß die Menschen nicht nach ihren Meinungen beurteilen, sondern nach dem, was diese Meinungen aus ihnen machen. (J 966)
Die Menschen denken über die Vorfälle des Lebens nicht so verschieden, als sie darüber sprechen. (H 158)
Es ist eine alte Regel: Ein Unverschämter kann bescheiden aussehen, wenn er will, aber kein Bescheidener unverschämt. (G 91)
Die Unparteilichkeit ist artifiziell. Der Mensch ist immer parteiisch und tut sehr recht daran. Selbst Unparteilichkeit ist parteiisch. Er war von der Partei der Unparteiischen. (F 578)
Man spricht viel von Aufklärung, und wünscht mehr Licht. Mein Gott was hilft alles Licht, wenn die Leute entweder keine Augen haben, oder die, die sie haben, vorsätzlich verschließen. (L 472)
Die Schwachheiten großer Leute bekannt zu machen, ist eine Art von Pflicht; man richtet damit Tausende auf, ohne jenen zu schaden. (G 4)
Das Populär-Machen sollte immer so getrieben werden, daß man die Menschen damit heraufzöge. Wenn man sich herabläßt, so sollte man immer daran denken auch die Menschen zu denen man sich herabgelassen hat ein wenig zu heben. (L 329)
Für Leitartikler und Kolumnisten
Ich habe es sehr deutlich bemerkt: Ich habe oft die Meinung wenn ich liege und eine andere wenn ich stehe. Zumal wenn ich wenig gegessen habe und matt bin. (F 557)
Es ist der gemeine Fehler aller Leute von wenig Talent und mehr Belesenheit als Verstand, daß sie eher auf künstliche Erklärungen verfallen als auf natürliche. (G 24)
Laß dich nicht anstecken, gib keines andern Meinung, ehe du sie dir anpassend gefunden, für deine aus; meine lieber selbst. (D 121)
Nichts kann mehr zu einer Seelenruhe beitragen, als wenn man gar keine Meinung hat. (???)
Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein angenehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen gefällt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutlich zeigt. (L 320)
Ein großes Licht war der Mann eben nicht, aber ein großer (bequemer) Leuchter. Er handelte mit anderer Leute Meinungen. (L 686)
Der gewöhnliche Kopf ist immer der herrschenden Meinung und der herrschenden Mode konform. (???)
Passabel auszudrücken, was andere Leute gedacht hatten, war seine ganze Stärke.
(J 951)
Um über gewisse Dinge mit Dreistigkeit zu schreiben, ist fast notwendig, daß man nicht viel davon versteht. (K 197)
Ehe man tadelt, sollte man immer erst versuchen, ob man nicht entschuldigen kann.
(K 106)
Der Weisheit erster Schritt ist: Alles anzuklagen,/ Der letzte: sich mit Allem zu vertragen.
(L 2)
Als ob man nicht auch Commentarios schriebe, damit die Leute eine Sache nicht verstehen mögen. (F 272)
Gerade das Gegenteil tun heißt auch nachahmen, es heißt nämlich das Gegenteil nachahmen.
(D 604)
Für Rezensenten
Ob ich gleich weiß, daß sehr viele Rezensenten die Bücher nicht lesen, die sie so musterhaft rezensieren, so sehe ich doch nicht ein, was es schaden kann, wenn man das Buch lieset, das man rezensieren soll. (J 46)
Unter die größten Entdeckungen, auf die der menschliche Verstand in den neuesten Zeiten gefallen ist, gehört meiner Meinung nach wohl die Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie gelesen zu haben. (???)
Nichts nichts dünkt mich armseliger als wenn ein Rezensenten-Club ein gutes Buch durch ihren Tadel zu unterdrucken, und ein schlechtes durch ihr Lob zu heben sucht. Dem Verfasser kann ein Zeitungsschreiber zuweilen schaden, aber den Richter für den der vernünftige Mann allein schreibt, den Menschen im ganzen besticht er sicherlich nicht. Eine gute Schrift kann ein vereintes Feuer aus allen Zeitungen so wenig zu Grunde richten als ich die kommende Flut mit einem Kartenblatt zurückfächle. (F 2)
Wenn er eine Rezension verfertigt, habe ich mir sagen lassen, soll er allemal die heftigsten Erektionen haben. (D 75)
Für Nachrufverfasser
Die beste Art Lebende und Verstorbene zu loben ist ihre Schwachheiten zu entschuldigen, und dabei alle mögliche Menschenkenntnis anzuwenden. Nur keine Tugenden angedichtet, die sie nicht besessen haben, das verdirbt alles, und macht selbst das Wahre verdächtig. Entschuldigung von Fehlern empfiehlt den Lobredner. (J 487)
So sagt man jemand bekleide ein Amt, wenn er von dem Amt bekleidet wird. (F 426)
Da gabs allerlei zu bewundern und zu verfluchen. Das ist oft der Fall bei den berühmtesten Männern. (L 22)
Der Mann machte sehr viel Wind. … O nein! wenn es noch Wind gewesen wäre, es war aber mehr ein wehendes Vakuum. (???)
Man kann die Fehler eines großen Mannes tadeln, aber man muß nur nicht den Mann deswegen tadeln. Der Mann muß zusammengefasst werden. (F 269)
Zu Risiken und Folgen
Ich denke, über alte Zeitungen zum Exempel jetzt von 1792 an müßte sich ein herrliches Collegium lesen lassen, nicht in historischer, sondern in psychologischer Rücksicht.Das wäre was. Was in der Welt kann unterhaltender sein, als die vermeintliche Geschichte der Zeit mit der wahren zu vergleichen. (L 301)
Ich habe mir die Zeitungen vom vorigen Jahre binden lassen, es ist unbeschreiblich, was für eine Lektüre dieses ist: 50 Teile falsche Hoffnung, 47 Teile falsche Prophezeiung und 3 Teile Wahrheit. Diese Lektüre hat bei mir die Zeitungen von diesem Jahr sehr herabgesetzt, denn ich denke: was diese sind, das waren jene auch. (K 266)
Ich kann mir leicht vorstellen, wie leicht ein Mensch durch Zeitungslob verführt werden kann zu glauben er sei endlich was diese Leute von ihm behaupten. (F 1213)
---Und wer war dieser Mann?
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So hat ihn Egon Friedell in seiner Kulturgechichte der Neuzeit gerühmt:
Sein äußeres Leben verfloß zwischen physikalischen und belletristischen Gelegenheitsarbeiten, zwischen Wettermachen und Kalendermachen, ein paar kleinen Mädchen und ein paar guten Freunden. Zwischen diesen Alltagsdingen wuchs sein Lebenswerk. Aber er wußte es nicht. Es sind seine Tagebücher. "Die Kaufleute", sagte er, "haben ihr Waste book (Sudelbuch, glaube ich im Deutschen); darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein, was sie kaufen und verkaufen, alles untereinander, ohne Ordnung ... Dies verdient nachgeahmt zu werden..." Diese losen Aufzeichnungen, denen er selbst also nur die Bedeutung einer "Kladde" zum eigenen Gebrauch zuerkennen wollte, enthalten die Summe seines Geistes, eines Geistes, der an Strenge und Luzidität, an konzentrierter Denkenergie und empfindlicher Differenziertheit nur wenige seinesgleichen hat... Sein "Waste book" erschien erst nach seinem Tode... Gerade die ungeheure Fülle und Lebendigkeit, mit der ihm immer neue Impressionen und Beobachtungen zuflossen, verhinderte ihn am Abschluß... Lichtenbergs rastloser unbeugsamer Wahrheits- und Selbsterkennungsfanatismus findet seine äußere Form in der vollendeten Natürlichkeit und Reinheit seines Stils, in der ihm nur Lessing und Schopenhauer ebenbürtig sind... Sein Denken ist von einer, man möchte fast sagen, zerleuchtenden Helle, dabei von jener Art Nüchternheit, die das ausschließliche Privileg genialer Köpfe bildet.
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