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mrHeinrich Lübke
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Der Vorwurf der Fälschung ist unbegründet
Während sich Heinrich Lübke in Bonn Ende 1967 mit der Vorbereitung seiner Silvesteransprache an die "lieben Landsleute" herumquälte, setzte im fernen New York die Notarin Eleanor P. DeVito ihr Dienstsiegel unter eine peinliche Neujahrsüberraschung für den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Sie beglaubigte eine Expertise, in der nachgewiesen wird, daß die Unterschriften auf Bauplänen für das Nazi-Konzentrationslager Leau tatsächlich von dem 1959 zum Bonner Staatsoberhaupt gewählten Bauingenieur Heinrich Lübke stammen.
Nicht länger zu halten ist die Erklärung des Bundespräsidialamts vom 31. August 1966: "Der Bundespräsident hat zu keiner Zeit an der Planung und am Bau von Konzentrationslagern mitgewirkt." Solche und ähnliche Verlautbarungen haben der östlichen Kampagne gegen Lübke nur genützt. Die Originaldokumente, die zu prüfen in Bonn niemand für nötig hielt, vermitteln nämlich ein ganz anderes Bild. Zwar lässt sich daraus kaum ein strafrechtlicher Vorwurf gegen den Bundespräsidenten ableiten. Aber seine damalige Tätigkeit bei der Baugruppe Schlempp wird für die Bundesrepublik zu einer immer stärkeren politischen Belastung werden, wenn ihr Präsident weiterhin ableugnet, was unverfälschte Dokumente beweisen.
Nach einem Vergleich der Originalbaupläne von 1944 mit neueren Unterschriftsproben des Präsidenten - u. a. einem handsignierten Schreiben an den Vorsitzenden einer Bundestagsfraktion aus dem Herbst 1967 - befand der New Yorker Schriftsachverständige J. Howard Haring am 28. Dezember unter Eid: Die in Frage stehenden beiden Signaturen "Lübke" auf zwei der Originaldokumente und die Paraphe "L" auf zwei anderen Originalbauzeichnungen sind von derselben Person geschrieben worden, die auch die zum Vergleich herangezogenen jüngeren Unterschriften geleistet hat.
J. Howard Haring, dessen Büro in der Park Row von Manhattan liegt, gehört der renommierten International Association for Identification an. Nicht nur Anwaltbüros und Firmen wie IBM, General Motors und Shell versicherten sich seiner Dienste, sondern auch die Generalstaatsanwälte von New York und New Jersey. Auch im Sensationsprozess gegen den Kidnapper und Mörder des Lindbergh-Babys, Bruno Richard Hauptmann, trat er als Sachverständiger Zeuge auf.
Der amerikanische Experte ist der erste westliche Sachverständige, der die von Ostberlin präsentierten Lübke-Dokumente im Original prüfen und mit neueren Unterschriften vergleichen konnte. Zuvor wollte schon der Leiter des "Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich", Dr. Max Frei-Sulzer. das Ostmaterial unter die Lupe nehmen. Auf Veranlassung des Münchner Schriftstellers Frank Arnau ("Das Auge des Gesetzes", "Rauschgift") kam der Ostberliner Staranwalt Prof. Friedrich-Karl Kaul mit den Originaldokumenten zu Frei-Sulzer. Aber der wollte nicht mehr.
Westdeutsche Stellen hätten von dem Unternehmen Wind bekommen und in Zürich interveniert, vermutet Arnau. Jedenfalls legte der Chef der Zürcher Stadtpolizei seinem Experten nahe, die Untersuchung zu unterlassen. Verbieten konnte er sie ihm nicht: denn Frei-Sulzer ist ist - laut Vertrag - berechtigt, nebenbei Privataufträge auszuführen.
Arnau über Frei-Sulzers hoffnungslose Zwangslage: "Er lehrt im Polizei-Institut Hiltrup/Westfalen, arbeitet auch gelegentlich mit anderen deutschen Polizeidienststellen zusammen und ist überdies Vertragsbeamter, so dass in mancherlei Hinsicht Druck auf ihn ausgeübt werden konnte. Daher fügte er sich dem Wunsch der Obrigkeit, der eigentlich eine Order war. Aber er hatte bereits alle Dokumente fotografiert. Den Film gab er mir. Seine kurzgefasste Meinung: Nichts an diesen Dokumenten deute auf irgendeine Fälschung oder Manipulation hin."
Dabei wollte es Arnau aber nicht bewenden lassen. Zu seiner Überraschung stellte ihm das Presseamt der DDR-Regierung auf Anfrage fünf Original-Dokumente aus dem Lübke-Dossier zur Verfügung. Einzige Bedingung: Er dürfe diese Originale an keine Dienststelle der Bundesrepublik weitergeben, da sonst "mit einer Alterierung oder gar dem Verschwinden der Dokumente" gerechnet werden müsse.
Mit dem umstrittenen Material im Gepäck flog Arnau nach New York. Er suchte den Schriftsachverständigen Haring auf, der fünf Tage brauchte, um Dokumente und Unterschriften zu prüfen. Nach fotografischer Reproduktion beim stern in Hamburg wanderten die KZ-Baupläne mit Lübkes Namenszug in Arnaus Zürcher Banksafe. Im normalen Bankverkehr gehen sie via Prag nach Ostberlin zurück.
Was für Fachleute selbstverständlich ist, dass nämlich die Echtheit von Dokumenten nur an Hand von Originalen geprüft werden kann, das hielt der Bonner Innenminister Paul Lücke (CDU) für überflüssig. Er wies das ihm unterstehende Bundeskriminalamt in Wiesbaden an, nach Westen gelangte Fotokopien der Lübke-Dokumente zu untersuchen. Ergebnis, wie zu erwarten: alles gefälscht!
Allerdings stellte sich bald heraus, dass Lücke seinen Partei- und Duzfreund Lübke mit kriminalwissenschaftlich höchst zweifelhaften Methoden herauspauken lassen wollte. Zunächst brach der Dokumentenbeweis zusammen, mit dem allzu dienstbeflissene Kriminalbeamte in Lückes Auftrag das Bonner Staatsoberhaupt von dem Verdacht befreien wollten, im Kriege als "KZ-Baumeister" gewirkt zu haben: Die drei Fotokopien, mit denen das Bundeskriminalamt alle einst von Lübke abgezeichneten KZ-Baupläne pauschal als Fälschung abtun wollte, stimmen nicht mit den Ostberliner Originalen überein.
US-Schriftexperte Haring über vergleichende Untersuchungen an Hand von Fotokopien: "Absurd und gänzlich unzulässig."
Später wies der stern nach, dass es mit dem Zeugenbeweis, der in der Entlastungsbroschüre des Bundesinnenministers für Lübke angeboten wird, nicht besser steht. Die beiden "Entlastungszeugen", die Architekten Erwin Mahs aus Bad Godesberg und Heinrich Sander aus Bonn, waren während des Krieges Angestellte des Baubüros Schlempp gewesen, dem auch Heinrich Lübke in leitender Funktion angehört hatte. Aber ihre "an Eides Statt" gegebene Versicherung, das Büro Schlempp und damit auch Lübke hätten sich niemals mit Planung und Errichtung eines KZs befasst, ist falsch; Dokumente beweisen es (Vgl. stern 47/1967: "Die Zeugen des Herrn Präsidenten").
Dass Heinrich Lübke gewusst haben muss, wozu die von ihm mitkonstruierten Lagergebäude dienen sollten, geht aus einer Niederschrift vom 5. September 1944 hervor. Darin wird von der ATG-Maschinenbau GmbH. Leipzig über eine Besprechung berichtet, bei der es auch um das Wohnlager Leau ging: "Festgelegt wurde, dass das Lager unterteilt wird für a) 1000 KZ-Männer, b) 1000 KZ-Frauen, c) 500 Ausländer ... " Das Protokoll hält ausdrücklich fest, dass Lübke für das Büro Schlempp an dieser Besprechung teilnahm; sein Name steht auch im "Verteiler" dieser als "Geh. Kommandosache" gestempelten Niederschrift
US-Schriftexperte Haring vermochte an diesem Dokument keine Manipulationen zu entdecken, die auf eine Fälschung hindeuten könnten.
Seitdem die Expertise des Amerikaners vorliegt, kann der Ostberliner Anti-Lübke-Kampagne nicht mehr mit dem Entrüstungsruf "Fälschung" begegnet werden, jetzt muss der Bundespräsident auf die Nachsicht derer rechnen, die zwischen dem Bauen und dem Gutheißen von KZ-Lagern unterscheiden; die außerdem wissen, dass Lübke nur an einem Arbeitslager, nicht aber einem Vernichtungslager mitgebaut hat.
Freilich, für die einzelnen KZ-Häftlinge war der Unterschied mitunter nicht groß; Unterernährung, Überanstrengung und Krankheiten konnten genauso tödlich wirken wie Gas und Genickschüsse.
stern 4 / 1968
| Nach Ankündigung seines Rücktritts: Ostberlin war nicht mehr interessiert |
PS: Aus dem Spiegel-Interview mit dem Historiker Jens-Christian Wagner, Verfasser des Buches "Das KZ Mittelbau Dora", Wallstein Verlag, Göttingen 2001) über Lübkes Rolle beim Einsatz von KZ-Häftlingen in Peenemünde in Nr. 22/2001:
Wagner: Er war auf Usedom Chef der Baugruppe Schlempp, die für den späteren Rüstungsminister Albert Speer Bauten errichtete. Lübke hat in Peenemünde die Planung vorangetrieben und die verschiedenen Firmen koordiniert. Und er war als Bauleiter für den Einsatz des Personals verantwortlich.
SPIEGEL: Mussten die KZ-Arbeiter direkt unter seiner Regie schuften?
Wagner: Ja.
SPIEGEL: Der Historiker Rudolf Morsey behauptete vor fünf Jahren in seiner großen Lübke-Biografie das Gegenteil. Der spätere Bundespräsident habe keinen Einfluss auf "Einsatz und Behandlung" der Gefangenen gehabt.
Wagner: Das können wir jetzt einwandfrei widerlegen. Im Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen liegt ein Dokument, das von einem Vorarbeiter der Baugruppe Schlempp stammt, der selber ein KZ-Häftling war. Die Existenz dieses "Kapo BGS" bedeutet, dass unter Lübke eigenständig ein Häftlingskommando beschäftigt wurde.
SPIEGEL: Was schreibt der KZ-Vorarbeiter?
Wagner: Er berichtet, dass die Häftlinge 30 Zentner schwere Wasserrohre 400 Meter weit auf den Schultern tragen mussten, weil ein ziviler Lkw-Fahrer der Baugruppe Schlempp sich weigerte, die Rohre nahe genug an die Baustelle zu fahren.
SPIEGEL: Wurden Lübke die Entrechteten nicht von der SS aufgedrängt?
Wagner: Er hat sie sogar angefordert. In einer Notiz aus dem Jahr 1942 heißt es: "Herr Lübke, der am 21. 7. nochmals mit HAP/L (Leitung der Heeresanstalt Peenemünde) verhandelte, hofft, 500 Holländer Anfang August zu erhalten."
SPIEGEL: Die Stasi hatte Lübke schon 1966 im Visier. Die SED-Propaganda nannte ihn einen "Kriegsverbrecher".
Wagner: Diese Vorwürfe richteten sich auf Lübkes Tätigkeit in Neu-Staßfurt, wo ein Flugzeugwerk in einen unterirdischen Schacht verlegt werden sollte. Dafür wurden von der Schlempp-Gruppe unter Lübkes Leitung Baracken errichtet, in denen später KZ-Häftlinge lebten. Daher der Vorwurf vom "KZ-Baumeister".
SPIEGEL: Die DDR-Kampagne brach allerdings in sich zusammen, weil die Stasi Dokumente gefälscht haben soll.
Wagner: Die Unterlagen aus Neu-Staßfurt waren authentisch. Doch das reichte Ost-Berlin nicht, weil das Wort KZ in den Unterlagen nicht vorkam. Also stellte die Fälscherwerkstatt der Stasi zwei Aktendeckel her, auf denen das böse Wort vom Konzentrationslager zu lesen war. Dieser Schwindel flog auf. Damit war das gesamte Material diskreditiert. (...)
SPIEGEL: Gibt es Hinweise auf die Zahl der Opfer?
Wagner: Allein 171 Namen von Häftlingen, die zwischen November 1943 und September 1944 starben, sind auf einer Verbrennungsliste des Krematoriums in Greifswald aufgeführt. Dann ging man dazu über, die Toten vor Ort zu verscharren.
SPIEGEL: Wo haben Sie diese Informationen her?
Wagner: Aus der Gauck-Behörde. Dort ist ein Bericht über eine Exhumierung abgelegt. Im April 1968 hatte die Stasi an der Kapelle von Peenemünde ein Massengrab freigelegt. Es befand sich knapp außerhalb der Friedhofsmauer. 56 Leichen wurden entdeckt. Ihre Schädel wiesen zum Teil Einschusslöcher auf.
SPIEGEL: Warum sind diese Stasi-Berichte in der Versenkung verschwunden?
Wagner: Lübke hatte im September 1968 für Juli 1969 seinen Rücktritt angekündigt. Ost-Berlin war offensichtlich nicht an einer Neuauflage der Kampagne interessiert. Das Material wurde jedenfalls nicht mehr propagandistisch verwertet.
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-Die ihm zu Hilfe eilten, hatten es denn doch wohl allzu gut gemeint
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In dem nüchternen Sauerländer steckte viel Sauberkeit, Redlichkeit und Gerechtigkeitssinn. 1969 musste er sich einiger Angriffe erwehren, die in Ostberlin ihre Quelle hatten und das Amt des Bundespräsidenten treffen sollten. Ein gewisser Illustrierten-Journalismus ...hatte keine Hemmungen, sich in dieser Kampagne als politischer Sittenrichter über Lübke aufzuwerfen...
Walter Henkels, Bonner General-Anzeiger, 15.5.74
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Heinrich Lübke musste 1969 ... zurücktreten, weil Dokumente seine Tätigkeit als Entwerfer eines KZ-Lagers darstellten. Dass es sich bei diesen "Dokumenten"um Fälschungen handelte, war längst nachgewiesen und durch Überläufer aus der DDR bestätigt worden...
Peter Dittmar, Die Welt, 8.1.87
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Und auch die vorgebliche Verstrickung ins Nazi-Regime als "KZ-Baumeister", die ihn sogar bis zum Lexikon-Eintrag verfolgte, scheint sich als propagandistische Fälschung der "Ostzone" herauszustellen, wie Lübke immer behauptet hatte...
Dirk Schümer, FAZ, 14. 10. 94
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