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Mani im vollen Stress
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Foto: Volker Hinz (stern)
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Als er starb, betrauerten Redaktion und Verlag "einen großen Journalisten und Kollegen, der sich als Autor, Chef vom Dienst und stellvertretender Chefredakteur mit außergewöhnlichem Engagement für den stern eingesetzt hat". Es stimmt, alle, die mit ihm enger zusammengearbeitet haben, werden ihn wegen seines ungewöhnlichen Sprachgefühls, seiner Präzision und Zuverlässigkeit bei der Recherche, vor allem aber wegen seiner liebenswerten Art in guter Erinnerung behalten. Andere, die zu wenig von ihm wussten, wohl eher als schwierig und hektisch. Dass er ein ungewöhnlich gebildeter und belesener Mann war, hat dem Blatt früh dabei geholfen, gelegentlich auch ernst genommen zu werden.
Er wusste, wie man aus der Zeitgeschichte Lesestoff gewinnen konnte. Bei Egmont Zechlin hatte er das große Abc der Zeitgeschichte gelernt, ohne sich die konservativ-preußische Sicht des Lehrers zueigen zu machen. Die von ihm redigierte Serie "In Europa gingen die Lichter aus" erzählte faktengenau, wohl dokumentiert und ohne ausschmückende Zutaten, wie sich seit Beginn des Ersten Weltkriegs die große Katastrophe angebahnt und was Deutschland zu Ihrer Unaufhaltsamkeit beigetragen hat. Die nüchterne, am Stand der zeitgeschichtlichen Forschung orientierte Darstellung setzte sich bewusst ab von dem Erinnerungskitsch, wie er in den fünfziger und frühen sechziger Jahren als illustriertentypisch galt. Statt Landserstories und sentimentalem "Kamerad, weißt Du noch" lieferte Mani, wie er in der Redaktion genannt wurde, handfeste Information, soliden Hintergrund und kritische Einordnung.
Zwanzig Jahre nach dem großen Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher verfassten wir beide 1965/66 eine Serie über diese Abrechnung der Militärjustiz der Siegermächte mit den Spitzenfiguren des Naziregimes. Darin wurde - zum ersten Mal für ein großes Publikum - erzählt, wie schwierig es für die Amerikaner, Briten, Franzosen und Sowjets war, sich überhaupt auf ein derartiges Verfahren zu verständigen, was sich bei den richterlichen Beratungen hinter verschlossenen Türen abgespielt hatte und wie es schließlich zu den Strafurteilen und den drei Freisprüchen gekommen war. Mit feinem Spürsinn für autentische Quellen bestellte Mani bei den Außenbüros des stern alle einschlägigen Dokumentationen und Berichte, die in letzter Zeit veröffentlicht worden waren, vor allem die Erinnerungen der Richter und Ankläger, der Angeklagten und ihrer Verteidiger, des Gerichtspersonal und der Berichterstatter. Mal diktierte er und ich saß an der Schreibmaschine, mal versuchte ich zu formulieren und er hämmerte in die Tasten, wobei er meine Sätze sogleich von überflüssigen Adjektiven oder von juristischen Floskeln befreite. Als die Serie stand, waren wir so gut aufeinander eingespielt, dass wir uns anschließend sogar trauten, auch noch eine längere Buchfassung zu produzieren: Das Gericht der Sieger, Stalling Oldenburg 1967.
Ja, er war ein erbarmungsloser Redakteur, der einen Mitautor zu unbegrenzter Einzelhaft am Schreibtisch verdonnern konnte, der Schlusstermine ernst nahm, der cholerische Wutanfälle nur mühsam unter Kontrolle brachte, der vor allem davon überzeugt war, dass es die direkten, knappen, schnörkellosen Formulierungen sind, die ein Blatt lesbar machen. Und je spröder und unbequemer die auszubreitende Materie war, desto schlanker sollte die Schreibe sein. Anführungs- und Gedankenstriche hatten es ihm besonders angetan, sie waren für ihn nichts als Fliegendreck, gut geeignet, jedes Manuskript, jede Buchseite unansehnlich zu machen. Texte, in denen die Zitate mehr Platz einnahmen als die Eigenproduktion der Autoren waren ihm zudem höchst verdächtig; denn da steckte ganz offensichtlich zu wenig eigene Mühe drin. So haben wir noch manche Geschichte zusammengestrickt, über die Rolle deutscher Admiräle beim Kapp-Putsch, über Rudolf Hess, den letzten Häftling im Spandauer Kriegsverbrecherknast, oder über den farblosen Erich Honecker, unsere schlimmste Gemeinschaftsquälerei.
Mani war nicht in allen Zimmern der Redaktion gut gelitten. Von Unfallfolgen und einem Narkosekunstfehler schwer lädiert, entwickelte er oft große Ungeduld, wirkte gehetzt und ging einigen, die nicht glaubten oder nicht wussten, dass er kaum schlafen konnte, erheblich auf die Nerven. Im Vorzimmer des stellvertretenden Chefredakteurs Victor Schuller galt er als lästig und wichtigtuerisch; die Damen hatten ja keine Gelegenheit, seine starken Seiten zu erkennen. Aber auch Schuller selber war nicht immer gut auf ihn zu sprechen. Der Vorschlag, im stern nach dreißig Jahren an den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion zu erinnern, reizte seine Gähnreflexe. Gut, wir sollten es mal versuchen, meinte er. Wir versuchten es, und Schuller fand unseren Text über das Unternehmen Barbarossa noch immer nicht berauschend. Erst der Andruck überzeugte ihn, und Mani war gerührt, als Schuller uns in einer Hausmitteilung schrieb: "Die Manuskript-Lektüre konnte kein richtiges Bild vermitteln. Ich muss jetzt aber sagen, ich bin sehr beeindruckt. Ich glaube, Sie haben mit diesem Beitrag bewiesen, dass auch ausgeleierte Themen immer wieder interessant und informativ geschildert werden können. Die Kollegen, die ich auf dieses Stück ansprach, waren auch durchweg meiner Meinung. Herzlichen Glückwunsch!"
Mani hat vielen Manuskripten zu Klarheit und zur Lesbarkeit verholfen. Er hat vielen Neulingen im stern erleichtert, die richtige Tonlage zu finden. Dass 1983 ihn niemand gefragt hat, was von den fatalen "Hitler-Tagebüchern" zu halten sei, gehörte zu den ärgsten Eigentoren der damaligen Blatt- und Verlagsleitung. Und es hat ihn gewurmt. Die von Heidemann und Kujau angetörnten Herren befürchteten zu Recht, dass er den Spielverderber geben würde. Mit einer Rückfrage beim Materialprüfungsamt (Leim? Bindung? Papier?) hätte er die große Nummer platzen lassen, bevor noch prominente Historiker sich hätten blamieren müssen. Lüsternheit weiß, wie man der Vernunft aus dem Wege geht. Sollte ein junger Redakteur zufällig nach einem Vorbild suchen - diesen Mann könnte ich ihm sehr empfehlen.
Zu seinem Abschied von der Redaktionsfron 1993 versuchte ich - heftig rückdatiert - in einer Hausmitteilung die Arbeitsatmosphäre im alten stern und Manis Arbeitsgewohnheiten festzuhalten:
Betrifft: AZO (Arbeitszeitordnung) und Nachtbackverbot
Von: Gerhard E. Gründler
An: Arnim v. Manikowsky
Datum: 3. April 1979
Lieber Mani,
es ist wieder mal die übliche Misere: Erst hat [die Rubrik] "Diese Woche" so gut wie keinen Platz, also kurz, kurz, kurz! Dann kauft irgendein Genie in der Bildredaktion diese Fotos und plötzlich sollen wir drei Doppelseiten und vier Spalten füllen. Ablieferung noch in dieser Nacht. Aber das paßt dann doch nicht mit der Mischung. Also wird die Story um eine Woche geschoben. Das heißt: Vorprodukt, Andruck eigentlich schon gestern. Da muß wieder durchgearbeitet werden.
Vielleicht kannst Du zwischendurch rasch noch verifizieren, wie das einschlägige Zitat für solche Fälle richtig heißt. Ich glaube, es stammt von Moltke d. Ä.: "Der Tag, meine Herren, hat 24 Stunden, und wenn das nicht reicht, nehmen Sie die Nacht zuhilfe." Oder so ähnlich. Du findest das schon. Wenn die Nacht auch nicht reicht, dann triffst Du morgens Henri im Fahrstuhl und er sagt: "Sie sehen aber vergammelt aus und das in meiner Gegenwart; Sie wollen wohl, daß ich Sie bedaure."
Wenn wir alle so wenig Schlaf bräuchten wie Du, liefe der Laden endlich in jenem perfekten Chaos, das sein eigentliches Lebensgesetz ist. Redaktionsschlüsse, Andrucktermine könnten niemanden mehr schrecken. Unsereiner wird leider nun doch gelegentlich müde. An solchen Hochdrucktagen verfolgt einen die Vision vom eigenen Ruhestand. Was hält einen dann noch in Trab? Auch da hast Du uns was voraus, weil Du im vollen Gallopp aufhören würdest und dadurch natürlicherweise bis ans Ende Deiner Tage im Trab verharrst. Aber so weit sind wir noch nicht. Bis 1993 ist's noch ein paar Jahre hin. Ich werde nächstes Jahr erst fünfzig.
Also, bevor wir uns nun an dieses elende Vorprodukt machen, wer weiß wie lange die Grafik wieder braucht, schicke ich Dir noch mein Manuskript über den Wahlkampf in Schleswig-Holstein. Du mußt das unbedingt sofort durchsehen. Ich freue mich jetzt schon auf die vielen feinen Punkte, Striche und Haken am Rand, die ich kaum mit der Lupe ausmachen könnte, die aber für Dich als Alchimistenformel dienen, um mit ihrer Hilfe aus Scheiße Gold zu machen. Und da kommen dann tatsächlich Bedenkenträger mit der AZO unterm Arm, mit der Arbeitszeitordnung! Sie wissen es nicht besser. Dem veritablen Redakteur schlägt keine Stunde.
Was heißt da überhaupt Arbeit? Für uns gilt die unübertreffliche englische Kollegen-Weisheit: "Journalism is a lousy Job, but better than working." In diesem Sinne stürzen wir uns noch heute Nacht ins Vergnügen. - Dieser Text übrigens ist nicht redigibel. Mach's gut, Alter!
Herzlichst und stets Dein Gerd.
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