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Otto von Bismarck
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"Niemand weiß, was lügen heißt, wenn er diese Memoiren nicht gelesen hat" - so urteilte Thomas Macaulay 1844 über die Erinnerungen eines Bertrand Barère. Dieser sinistre Revolutionsheld hatte seine terroristische Vergangenheit und andere Schwachpunkte seiner Karriere schamlos zurechtgebogen. In den Erinnerungen größerer Figuren der Geschichte wird nicht so plump gelogen, sondern nur ausgelassen, geschönt und am eigenen Denkmal gemeißelt.
Bismarck schrieb seine tendenzgeladenen und manche Lücke lassenden Memoiren "zum Verständnis der Vergangenheit und zur Lehre für die Zukunft". Dabei hat er das Vergangene eher farbig und anschaulich erzählt, als besonders verständlich gemacht. Und auf seine Lehren für die Zukunft wollte ohnehin kaum jemand hören. Die beiden ersten Bände erschienen 1898 bald nach seinem Tod unter dem vermutlich noch mit ihm abgesprochenen Titel "Gedanken und Erinnerungen".
Kaum ein Buch des 19. Jahrhunderts hat sich besser verkauft. In keinem bürgerlichen Bücherschrank durfte es fehlen. Mehr als dreihunderttausend Exemplare gingen schon in den ersten Dezembertagen 1898 über die Tische der Buchhändler. Dabei blieben die heikelsten Punkte, die Auseinandersetzung mit Kaiser Wilhelm II. und die Entlassung des Reichskanzlers, zunächst ausgeklammert. Sie wurden Gegenstand des dritten Bandes, der erst 1921, drei Jahre nach dem Zusammenbruch der Monarchie, erschienen ist. Aber auch so machte das Werk Furore genug.
Es war als politisches Testament gedacht, als Kampfschrift, mit der ihr Verfasser die künftige Politik auf seine Erfahrungen, seine Erkenntnisse und seine besseren Einsichten festnageln wollte. Seine Unzufriedenheit mit der politischen Entwicklung und sein Groll gegen seine Nachfolger hatten ihm die Feder geführt. Das allein sorgte für Diskussionsstoff. Aber auch für erhebliche Verwirrung.
Politische Kräfte aller möglichen Richtungen beriefen sich nunmehr auf Bismarck, so daß die "Gedanken und Erinnerungen" den Absichten ihres Verfassers alles andere als förderlich waren. Sie wirkten, so der Bismarck-Biograph Lothar Gall, "über die Jahrzehnte
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"Während dem Leben ist jede Selbstverteidigung eines verkannten Menschen unnütz, nach dem Tode überflüssig."
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Ludwig Börne |
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hinweg, politisch und historisch in höchstem Maße desorientierend". Aber sie wurden und werden dank ihrer schriftstellerischen Qualität gern gelesen.
Denn Bismarck war ein viel zu leidenschaftlicher Erzähler, als daß er sich auf die mahnende Weitergabe seines politischen Programms hätte beschränken können. Die Mischung aus plastischen, originellen Beschreibungen von Menschen und Situationen sowie immer wieder eingestreuten Reflexionen und Lebensweisheiten macht den besonderen Reiz dieses Werks aus. Der Autor wusste, wie man Pointen setzt, wo Andeutungen genügen und wie Bosheiten versteckt werden müssen, wenn sie richtig wirken sollen.
Bismarcks Erinnerungen handeln von Krieg und Frieden, Blut und Eisen, Monarchen und Intriganten. Ihr Verfasser stand jahrzehntelang im Zentrum des historischen Geschehens, prägte ein ganzes Zeitalter. Alle spätere Memoirenliteratur im deutschsprachigen Raum muss gegenüber diesem Exempel aus heroischer Zeit einen bescheideneren Eindruck machen.
Dabei ist in den letzten Jahren Lesenswertes und Lesbares hinzugekommen, so die Erinnerungen der beiden SPD-Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt und des langjährigen FDP-Außenministers Hans-Dietrich Genscher. Aber weniger heroische Epochen, demokratische zumal mit ihren kürzeren Amtszeiten und viel enger begrenzten Handlungsspielräumen lassen die Bismarcksche Attitüde von "Ich und meine Zeit" gar nicht zu.
Ein englisches Memoirenwerk freilich, hat sogar das Bismarcksche noch an Monumentalität und Universalität übertroffen. Sein Verfasser, Winston Churchill, war nicht nur Kriegsheld, Staatsmann, sondern jahrzehntelang der einflussreichste politische Journalist in Großbritannien. Er hat sieben Jahrzehnte
lang öffentlich gewirkt und dabei 34 Bücher verfasst, darunter eine "Geschichte der englisch sprechenden Völker". Sein Memoirenwerk "Der Zweite Weltkrieg" war der grandiose Versuch, die Identität der eigenen Biographie mit der Geschichte einer Epoche zu herzustellen. Als es fast vollständig erschienen war, erhielt der Autor 1953 den Nobelpreis für Literatur - als zweiter Historiker nach Theodor Mommsen.
Winston, so sagte ein Zeitgenosse, beschreibe sein Leben in der Verkleidung einer Geschichte des Universums. Churchill wusste, daß er als der große europäische Widersacher Hitlers Geschichte machte. Seinem Volk konnte er nur "Blut, Schweiß und Tränen" versprechen. Selbstverständlich diktierte der Premier alle seine Aktennotizen, Anweisungen, Telegramme und Protokolle auch für die Nachwelt. Sie bilden, so schrieb der Verfasser im Vorwort, "einen fortlaufenden Bericht über jene ungeheuren Vorgänge, wie sie sich damals einem Mann darstellten, der die oberste Verantwortung für den Krieg und die Politik des Britischen Reiches ... trug".
Wie Caesar oder Bismarck fand Churchill nichts dabei, den eigenen Ruhm zu befördern. Auch überging er gern, was diesen Ruhm hätte schmälern können. Ob eine von den Amerikanern gewünschte, von ihm aber abgelehnte frühere Landung in Europa den Krieg hätte verkürzen können, lässt er offen. Die alliierten Einblicke in die Details der Wehrmachtplanungen stellt er als Spionageerfolg hin, obwohl sie der erbeuteten deutschen Chiffriermaschine Enigma zu verdanken waren. Über die Zerstörung Dresdens geht er mit anderthalb Zeilen hinweg. Das Schicksal des den Sowjets überlassenen Osteuropas rührt ihn kaum.
Im Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Schreiber Churchill hatte Bismarck die Arbeit an den Erinnerungen als "Fron" betrachtet. Auch für Konrad Adenauer, den nach Bismarck populärsten deutschen
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Regierungschef, war es nicht nur Bedürfnis, sondern auch Last, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen. Sie bieten denn auch spröde Texte, mehr zum Nachschlagen als zum Nachlesen geeignet. Besuchern gegenüber nannte Adenauer das Projekt schon mal "meine scheußliche Arbeit". Doch die Hoffnung, er könne mit einem schriftlichen Vermächtnis die künftige Politik beeinflussen, hielt ihn am Schreibtisch.
Der erste Band wurde ein großer finanzieller Erfolg; immerhin hatte ihm der Verlag einen Anteil von fünfzehn Prozent des Verkaufspreises eingeräumt. Vom ersten Band wurden Verlag sogleich 250.000 Exemplare abgesetzt, was Adenauer Einkünfte in Millionenhöhe sicherte. So viel Geld zu verdienen, machte ihm Spaß. Um so mehr ärgerte ihn, daß er dafür Umsatzsteuer zahlen und sogar die Tantiemen für die französische Ausgabe hoch versteuern musste.
Der "Alte" hat in seinem vierbändigen Erinnerungswerk nichts enthüllt oder verraten, was die informierten Zeitgenossen nicht schon wussten oder hätten wissen können. Er dokumentiert ausführlich und umständlich seine Erfolge, unterstreicht und übertreibt gelegentlich Hindernisse und Schwierigkeiten, nimmt Gegenargumenten jeden Glanz und lässt an politischen Gegnern kaum ein gutes Haar. Eine Bilanz seines Wirkens hat er freilich nicht gezogen. Ob ihm also wirklich bis zuletzt auch der leiseste Zweifel an der Richtigkeit seiner Politik erspart geblieben ist, kann niemand wissen.
Wie Bismarck wollte er vor allem ein außenpolitisches Vermächtnis hinterlassen. Dafür gab die Zeit vor 1945 so wenig her wie die Innenpolitik, die bei ihm nur als Parteien- ,Personal- und Machtpolitik erscheint, wobei er seinen ungeliebten Nachfolger Erhard nahezu verschweigt. Sein Vermächtnis - da ging es ihm
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"Die biographische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu brauchen." |
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Sigmund Freud |
wie Bismarck - wurde aber nicht angenommen; der erhoffte politische Effekt stellte sich nicht ein. Die Bonner Politik folgte mehr und mehr den Interessen der beiden Supermächte, die sich immer stärker auf Ausgleich und Entspannung richteten.
Man muss Politiker-Memoiren wohl auch als Ersatzhandlung verstehen, als Politik-Substitut, als Richtlinienerlass derer, die nicht mehr am Drücker sind und darunter auch gebührend leiden. Selbst Churchill, gleich nach dem Krieg von den Briten abgewählt, hegte "die ernste Hoffnung, daß die Betrachtung der Vergangenheit eine Richtlinie für kommende Zeiten bieten ... möge". Die Ironie dabei liegt im Vertrauen in das geschriebene Wort, mit dem ausgerechnet Tatmenschen über ihre Amtszeit hinaus fortdauernde Wirkung erzielen wollen.
Wem dieses Vertrauen abgeht, der mag wie Helmut Kohl leichten Herzens aufs Memoirenschreiben verzichten, es bei frisierten Tagebuchnotizen belassen und sich für seine historischen Denkwürdigkeiten von Interviewern abschöpfen lassen.*) Oder das Geschäft ganz und gar den Ghostwritern überlassen, weil einem das politische Fortwirken und der eigene Platz in der Geschichte nicht gar so wichtig sind. Von Nelson Rockefeller, dem Milliardär, früheren Gouverneur von New York und US-Vizepräsidenten, hieß es, er sei der einzige Politiker, der seine Memoiren nicht nur nicht selber geschrieben, sondern auch niemals selber gelesen habe.
*) Kohl hat es sich später anders überlegt, was er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (10.11.2002) so erklärte: "Angesichts der gigantischen Verleumdungskampagne und Geschichtsfälschung, die dann gegen mich auf den Weg gebracht wurden, habe ich aber beschlossen, meine Erfahrungen weiterzugeben. Dies war auch der Wunsch meiner Frau, die mich dazu noch in ihrem Abschiedsbrief aufgefordert hat." Fachhistoriker hätten ihm dabei geholfen, Dokumente aufzuarbeiten und durch viele ihm gestellte Fragen dafür gesorgt, dass relevante Themen und Ereignisse nicht zu kurz gekommen sind.
Doch die Erinnerungen "zeigen über weite Strecken den Rückblick eines verbitterten Mannes", schrieb Warnfried Dettling in seiner Rezension für die Süddeutsche Zeitung (26.3.2004). Kohls Memoirenwerk sei getragen vom "Groll gegen all jene, die seine Leistung nicht gebührend anerkennen, sein Bild verzerren, ihm seinen Platz in der Geschichte streitig machen". Was er in derselben Tonlage im zweiten Band über seine sechzehn Kanzlerjahre zu sagen hatte, das liest sich immerhin an zwei Stellen durchaus spannend:
- wie er die innerparteilichen Widersacher Geißler, Blühm, Lothar Späth & Co. abserviert hat und dabei sein innerparteiliches Spitzelsystem offenbart, und
Inzwischen erhielt er wenigstens die Genugtuung, dass sein Nachfolger Gerhard Schröder mit einem hingeschluderten Erinnerungsbuch auf den vorläufigen Tiefpunkt des Genres gerutscht ist.
[Helmut Kohl: Erinnerungen 1930-1982, Erinnerungen 1982-1990; Droemer, München 2004 und 2005. - Gerhard Schröder: Entscheidungen, Hoffman und Campe, Hamburg 2006.]
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Der Staatskanzler Metternich übrigens strich sich 1844 wegen Überarbeitung von der Autorenliste:
Die Männer, welche selbst Geschichte machen, haben nicht Zeit, sie zu schreiben. Mir wenigstens fehlte es daran.
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Wissenschaftliche Beiträge zum Thema "Politische Memoiren in deutscher und britischer Perspektive" haben Franz Bosbach und Magnus Brechtken im Band 23 der Prinz-Albert-Studien veröffentlicht - Verlag K. G. Saur, München 2005.
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