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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Mildred Scheel
(31. 12. 1932 - 13. 5. 1985)



In der Villa Hammerschmidt, auf Flugplätzen und im Dienstwagen, bei offiziellen Veranstaltungen und im Kreis gut situierter Freunde drang die rüde Seite der deutschen Wirklichkeit nur gedämpft in ihr Bewusstsein. Wenn sie bei der Autogrammstunde in Kaufhäusern fast in die Auslagen mit Vasen und Gläsern gedrückt wurde, so machte ihr das wenig aus. Sie wusste, dass ihr die Menschen auf den Leib rückten, um die Unterschrift der Frau Dr. Scheel im Krebsratgeber des Goldmann-Verlages mit nach Hause nehmen zu können. Dabei klapperte es tüchtig in den orangefarbenen Sammelbüchsen der von ihr gegründeten Deutschen Krebshilfe. Selbst für kleinste Spenden ließ sie sich gern bedrängen.

Die Röntgenärztin Dr. med. Mildred Scheel war die erste Frau eines Bundespräsidenten, die selber eine öffentliche Rolle spielte und dabei genauso bekannt geworden ist wie ihr Mann. Ihr natürliches Wesen, ihre ungezwungene Redeweise, ihr sportlicher Typ (Vorliebe für Golf und Skilaufen) dazu die im ärztlichen Beruf erworbene Selbstsicherheit und die Hingabe an die selbst gestellte Aufgabe der Krebsbekämpfung - das alles ließ sie als moderne, sympathische Frau erscheinen. Sie half Walter Scheel dabei, die Bundesrepublik so zu repräsentieren, dass sich die große Mehrheit damit identifizieren konnte.

Ihre Vorgängerinnen - alle drei Lehrerinnen von Beruf - waren ältere Damen im achten Lebensjahrzehnt, als ihre Männer das höchste Staatsamt übernahmen. Lehrerin - das war der erste, der klassische Frauenberuf, der schon den jungen Mädchen der wilhelminischen Zeit offen stand. Mit der Ärztin Mildred Scheel vollzog sich in der Villa Hammerschmidt ein Generationswechsel. Eine damals 41 Jahre alte Frau, die bis zu ihrer Heirat mit Scheel eine selbständige Existenz geführt und sogar eine uneheliche Tochter aufgezogen hatte, brachte Leben in den Amtssitz des Staatsoberhauptes.

Dafür sorgten vor altem ihre drei Kinder: Cornelia, ihre 15jährige Tochter aus einer früheren Verbindung; Andrea Gwendolyn, die achtjährige Tochter aus der 1969 geschlossenen Ehe mit Walter Scheel; und der ebenfalls etwa achtjährige Simon-Martin, ein indianisches Findelkind aus dem Waisenhaus in La Paz (Bolivien), das die Scheels 1971 in einem spontanen Entschluss adoptiert hatten. Allein schon ihre Familie machte sie populärer, als es ihre Vorgängerinnen sein konnten. Die Arbeit für die Krebshilfe profitierte davon, schaffte zugleich weitere Popularität für sie.

Sie brauchte den Schub an allgemeiner Zustimmung, um den noch aussichtslosen Kampf gegen die Tumorkrankheit weiterzuführen und das allgemeine Bewusstsein so zu wecken, dass für Forschungsarbeiten, Therapiemaßnahmen, Früherkennung, Krankenbetreuung und Registrierung aller Krebsfälle, dass vor allem für den Schritt zur Vorbeugung genügend Geld locker gemacht werden kann. Dass eines Tages der Erfolg den Aufwand rechtfertigen würde, davon war Mildred Scheel überzeugt: "Die Vernunft wird siegen", sagte sie und meinte damit, dass immer mehr Menschen zur Vorsorgeuntersuchung gehen und immer weniger Menschen krebserzeugende Substanzen einatmen oder schlucken werden.

Aus der Politik hielt sie sich geradezu demonstrativ heraus. "Ich verstehe zuwenig davon", betonte sie immer wieder. "Als Ärztin habe ich es immer als Zumutung empfunden, wenn Laien alles besser wissen wollten." Tatsächlich hatte sie für politische Entwicklungen eine recht gute Nase. Wetten über Wahlausgänge im Bekanntenkreis pflegte sie haushoch zu gewinnen. Beim Staatsbesuch in Teheran im Frühjahr 1978 ließ sie sich freilich von der Hofatmosphäre blenden und schrieb in der Bunten über den Schah: "Die Zukunft hat in seinem Land begonnen."

Gegen Ende der Amtszeit ihres Mannes ging sie wieder mit der Sammelbüchse "auf die Dörfer", um Autogrammstunden zu halten. Sie wusste, dass der Spendenstrom nach der Zeit in der Villa Hammerschmidt nachlassen würde, setzte deshalb stärker auf Mitgliedsbeiträge und Stiftungserträge, was ihrer Arbeit auch mehr Unabhängigkeit sicherte. Und die brauchte sie, um den Schritt von der Krebsvorsorge und der Tumorforschung hin zur Prävention, zur Vorbeugung tun zu können. Sie wusste, dass ihr beim Kampf gegen das Rauchen, den Krebsauslöser Nummer l, gegen krebsverursachende Ernährungsfehler und Umweltbelastungen die betroffenen Industriezweige die Unterstützung entziehen und härtesten Widerstand leisten würden.

Sie hielt nicht viel von Förmlichkeiten. Den Mut, sich unbeliebt zu machen, hatte sie schon im Streit mit jenen Kollegen bewiesen, die ihr böse sind, weil sie einigen Ärzten oberflächliche Vorsorgeuntersuchungen vorgeworfen hat. Auf solche Kontroversen angesprochen, sagte sie: "Man muss umstritten sein, sonst ist man nichts wert." Als in Siegburg ein junger Mann mit beiden Händen in den Hosentaschen auf sein Autogramm wartete, wies ihn ein Stadtoberer zurecht: "In meiner Jugendzeit durften wir uns so nicht vor eine Dame stellen!" Verwirrt blickte der Benimmsünder sie an - die Hände immer noch in den Taschen. Sie lächelte und zog die Schultern hoch, als wollte sie sagen: "Also mich stört's nicht."

Die bei Staatsbesuchen üblichen Orden lehnte sie grundsätzlich ab. Schecks für die Krebshilfe waren ihr lieber. Hüte hasste sie (kein Wunder bei 1,79 Größe) und hielt sie bei offiziellen Anlässen so lange in der Hand, wie es das Protokoll gerade noch erlaubte. Überhaupt hängte sie die Dinge gern niedriger und beteuerte stets: "Ich will keine First Lady sein." Ihre saloppen Sprüche ("Ist ja irre"), ihr lautes Lachen ("Das befreit") und ihre Verbindungen zur Münchner Boheme machten sie - die in Köln geborene, in der Oberpfalz aufgewachsene Arzttochter - nicht gerade zu einem Typ, der für das politische Bonn geschaffen war. Sie schickte sich, wie man so sagt. Doch der skeptische Diagnose-Blick ihrer wasserblauen Augen hat manchen Wichtigtuer irritiert.

Walter Scheel hatte die Röntgenärztin Dr. Mildred Wirtz 1968 nach seiner Nierensteinoperation im Sanatorium kennen gelernt. Seine erste Frau Eva-Charlotte war 1966 an Krebs gestorben. Die Trauung fand im Wahlkampf 1969 statt, kurz bevor er Außenminister und Vizekanzler wurde. Dass die beiden regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gingen, verstand sich für Mildred Scheel von selbst.

stern Nr. 1, 1979 (gekürzt)

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Nachtrag: Im Alter von 52 Jahren starb Mildred Scheel am 13. Mai 1985. Sie litt seit längerer Zeit an Darm- und Leberkrebs.


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
21.07.2010
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