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Mit der Behauptung, stets werde der Bote für die schlechte Nachricht verantwortlich gemacht, hat sich der Journalismus mehr Kritik vom Leibe gehalten, als ihm gut tut. Dass er aber durch sein Tun und Lassen die Weltläufte zum Besseren wenden könne, mit dieser Annahme würde man ihn und seine Möglichkeiten weit überschätzen. Seine Kundschaft stößt sich gleichwohl daran dass der Journalismus zu sehr auf das Negative fixiert ist. Das ist er tatsächlich. Nur, gibt es ein paar Gründe dafür, dass es gar nicht anders sein kann. Das viel beklagte Defizit an guten Nachrichten geht auf die raison d'être des journalistischen Gewerbes zurück. Am Anfang steht ein Satz, der von vielen Kritikern als das Erbübel, als die Crux des ganzen Metiers betrachtet wird: Bad news is good news, heißt es: nur böse Nachrichten ließen sich gut verkaufen.
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Mauerbau 1961
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Mauerfall 1989
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Die gute Nachricht ließ sich 28 Jahre Zeit
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Der Zyniker meint, damit sei der Journalismus hinreichend und abschließend gekennzeichnet. Der Blauäugige findet, das sei zwar leider so, müsse aber nicht so sein, und mit ein wenig gutem Willen könne die Publizistik ihrer Kundschaft die Weltläufte auch etwas erfreulicher präsentieren, vielleicht so wie bei der beliebten Witzgattung, die immer eine schlechte mit einer guten Nachricht paart. Der Realist, der in jedem Journalisten stecken sollte, kann dem Zyniker nicht folgen, weil er dessen unausgesprochene Unterstellung, nur das Schreckliche lasse sich zu Geld machen, für zu einseitig hält. Und er enttäuscht den Blauäugigen, der den Journalismus für die Verbesserung der Welt und für die Lebenshilfe in Anspruch nehmen will, weil dadurch das, was sich ereignet, von dem, was erwünscht ist, verdrängt würde. Es ist eben doch nicht das Bessere des Guten wahrer Feind, sondern das Interessante.
Der Journalismus lebt schon lange mit dem Vorwurf, er vermittle Bilder und Vorstellungen vom Zeitgeschehen, die mit der Wirklichkeit oder der Wahrheit nur wenig zu tun hätten. Unvollständig, verzerrt, aus dem Zusammenhang gerissen, zu sehr auf Negatives fixiert - solche Kritik zeigt an, dass die in den Medien gespiegelte Welt den Mediennutzern unheimlich vorkommt. Sie klagen auf Abbau des Defizits an Erfreulichem. Das Ganze ist das Wahre! Sagte Hegel, und dem gebildeten Leser, Hörer, Zuschauer dient es immer noch als als Anspruchsgrundlage gegen die Berichterstatter, die sich auf das Auschnitthafte, das Zusammengeraffte, das Formatierte beschränken.
Aber wer mag sich im beschädigten Leben, in einer beschädigten Welt noch auf das Ganze verlassen?, setzt die kritische Philosophie dagegen. Ist das Ganze nicht schon lange das Unwahre?, wie Theodor W. Adorno seine Einrede formulierte. Unwahr deswegen, weil wir gelernt haben, uns mit Fragmenten zu begnügen und das Ganze samt der heilen Welt längst dem Reich der Wünsche und Hoffnungen überlassen haben.
Und was macht die arme Nachrichtenredaktion wirklich? Sie muss auswählen, und sie kann das nur nach folgenden Grundsätzen: Das Ungewöhnliche, das Exzeptionelle das noch nie oder lange nicht Dagewesene, das Unerhörte, Skandalöse, Aufregende, das Neue schlechthin, das alles lässt sich aus der Flut der Ereignisse und dem breiten Strom des Nachrichtenmaterials verhältnismäßig leicht aussortieren, eben weil es auch das Seltene oder das auffällig Häufige ist. Aus dem Alltäglichen, dem Normalen, dem Nichtskandalösen eine Auswahl zu treffen, das wäre eine kaum lösbare Aufgabe, die allenfalls nach sehr subjektiven Kriterien angegangen werden könnte.
Selbst wenn den Nachrichtenredaktionen auferlegt würde, in jedem Fall eine Ansammlung von Schreckensmeldungen zu vermeiden und immer einige angenehme, freundlich stimmende Notizen von guten Taten oder gnädigen Fügungen anzuhängen oder einzuflechten, würde das vermittelte Weltbild dadurch kaum wahrer oder auch nur weniger unwahr. Es würde bestenfalls willkürlich aufgehellt, es würde geschönt. Journalistische Kriterien müssten durch Gesichtspunkte der Lebenshilfe, der Sinnstiftung, der Tröstung ergänzt werden.
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| 1918: Nachricht und Drohung zugleich |
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Aber wer, wenn er sich ehrlich fragt, möchte von seiner Zeitung, seinem Radio oder von der Tagesschau getröstet werden? Sie sollen uns, bitteschön, informieren, und wenn das auch auf unterhaltsame Weise geht - umso besser.
Nachrichtenfülle und formelhafte Nachrichtensprache tragen dazu bei, den Unterschied zwischen den Ereignissen selbst und dem, was über sie mitgeteilt wird, zu verwischen. Die Nachrichten spielen sich als Realitäten auf, nähren die Illusion, die Realität sei sogar dann noch konsumierbar, wenn sie längst als unerträglich empfunden wird. Noch die schlimmsten Meldungen entfalten entlastende Wirkungen. Wo eigentlich die Worte fehlen, haben die Agenturen immer schon welche gefunden. Es gibt in Wahrheit nichts mehr, was seine Beschreibung noch verweigern könnte. Das durchweg Benennbare verliert an Schrecken. Es gehört zur speziellen Dienstleistung der Nachrichtenredaktionen, das Grausame und Schaurige mit Worten zu bannen und dadurch die schreckliche Wirklichkeit erträglicher zu machen.
Weil Publizistik und Journalismus, weil die Medien, auch die öffentlich-rechtlichen, ein auf Erfolg, auf Quoten und Auflage erpichtes Gewerbe sind, wissen die Programmleute und Redakteure ziemlich genau, was ihr Publikum will. Deshalb fehlt es im Gesamtangebot erfolgreicher Sender und Blätter auch keineswegs an Erbaulichem, Vergnüglichen und Erfreulichem; andernfalls würde das Publikum zur fröhlicheren Konkurrenz abwandern. In den Nachrichtenspalten und Nachrichtensendungen aber würden Mischungsauflagen dieser Art nur den Meinungen, Weltanschauungen, Wertvorstellungen und Vorurteilen der Verantwortlichen Eingang verschaffen. Wer in den Nachrichten ein Minimum an Objektivität erwartet, kann das nicht wollen. Gemeldet wird, was Informations- oder Neuigkeitswert besitzt. Basta! Wenn aber das Neue nicht interessant und das Interessante nicht neu ist, darf die Nachrichtenlage als normal gelten. Und hört man gar von den Mächtigen nur noch Erhabenes, ist nicht etwa die Welt gut geworden, sondern nur die Berichterstattung unfrei.
Selbstverständlich spiegeln Nachrichten niemals die ganze Wirklichkeit des Tages. Sie berichten von bestimmten Tagesereignissen, die sich vom Alltäglichen eher abheben, die aber für aktuelle Entwicklungen unserer Welt - in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur, im Sport oder in der Unterhaltung - relevant sind oder an die Gefühle und Empfindungen vieler Menschen rühren. Nachrichten bündeln einen Teil des Tagesgeschehens, liefern nur einen Ausschnitt, der dann aber über die Zeitung, den Bildschirm oder die Lautsprecher selbst ein Teil unserer Alltagswirklichkeit
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| 1963: Ein Attentat verstört die Welt |
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wird. Wenn wir die Nachrichten mancher Tage und Wochen als besonders schrecklich und deprimierend empfinden, bestätigen wir uns selbst, dass die ganze Wirklichkeit ganz anders ist und das Schreckliche doch die Ausnahme bleibt. Das Unbehagen am Nachrichtenjournalismus kommt aus der Furcht, das Schreckliche könnte das Normale werden.
Die Crux mit den aus good will oder aus volkspädagogischer Absicht präsentierten erfreulichen Nachrichten hat ungewollt eine Pfarrerin aus Lüdenscheid verdeutlicht. Auch sie, die zum Vorstand der Konferenz Evangelikaler Publizisten gehörte, beklagte 1988, daß die Medien zu wenig Positives brächten. Über jugendliche Steinewerfer werde berichtet, nicht jedoch darüber, dass sich zu Pfingsten tausende von jungen Christen zum Gebet träfen. Muß man ihr nicht Recht geben? In der Bergpredigt allerdings, wie sie Matthäus überliefert hat, bewertet Christus das Auftreten all derer, "die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf dass sie von den Leuten gesehen werden", als etwas Negatives. Das Positive wäre für ihn das im Verborgenen, das bei geschlossener Tür im Kämmerlein
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Böse Nachrichten werden zu Ikonen
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1912: Titanic
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| 1937: Lakehurst |
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1945: Hiroshima
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1986: Tschernobyl
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2004: Banda Aceh
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2011: Fukoshima
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gesprochene Gebet. Kapitel 6, Vers 6. Wenn nun aber das Evangelium einerseits und eine Sprecherin der Evangelikalen andererseits von positiv und negativ so gegensätzliche Vorstellungen haben, warum dann nicht lieber der Schrift folgen?
Das Beispiel lehrt, dass die journalistischen Auswahlkriterien nicht an gute Absichten anknüpfen dürfen, sondern allein an das, was die Menschen, was jedenfalls die allermeisten Menschen interessiert. Mit den guten und den schlechten Nachrichten verhält es sich nämlich wie mit den Annehmlichkeiten und den Übeln des Lebens überhaupt. Der Schuh, der drückt, ärgert uns mehr als der bequemste Pantoffel uns jemals beglücken könnte. "Das Glück", sagt Voltaire, "ist nur ein Traum, der Schmerz aber ist Wirklichkeit." Das Schlimme erleben wir konkret, das Erfreuliche, das Gute und das Normale erscheinen uns bestenfalls als selbstverständlich, regelmäßig empfinden wir es gar nicht direkt, sondern erst auf dem Umweg über die Übel und Misshelligkeiten, die alles Gute und Normale sogleich vergessen machen.
Warum der Mensch eine Affinität zu den schlechten Nachrichten hat, begründet Arthur Schopenhauer mit der Lebenserfahrung: "Wenn", so schreibt er, "der ganze Leib gesund und heil ist bis auf irgendeine kleine Wunde oder sonst schmerzende Stelle, so tritt jene Gesundheit des Ganzen weiter nicht ins Bewusstsein, sondern die Aufmerksamkeit ist beständig auf den Schmerz der verletzten Stelle gerichtet, und das Behagen der gesamten Lebensempfindung ist aufgehoben. Ebenso, wenn alle unsere Angelegenheiten nach unserem Sinn gehen, bis auf eine, die unserer Absicht zuwiderläuft, so kommt diese, auch wenn sie von geringer Bedeutung ist, uns immer wieder in den Kopf: wir denken häufig an sie und wenig an jene anderen wichtigeren Dinge, die nach unserem Sinn gehen."
Schopenhauer will darauf hinaus, dass wir eben nicht den guten, den angenehmen und normalen Zustand als positiv empfinden, sondern nur die Aufhebung des Ärgernisses, des Schmerzes, oder der Behinderung. Das Glücksempfinden darüber ist aber nur von kurzer Dauer. Und von kurzer Dauer ist auch das Wohlgefühl, das ausgesucht gute Nachrichten vermitteln könnten. Die allgemeine Aufmerksamkeit würde sich nur zu bald wieder den neuesten, regelmäßig schlechten Nachrichten zuwenden, die uns niemand zugedacht hat, die uns heimsuchen, die aber reale Ereignisse und Vorkommnisse - wer, wann, wo, was, wie, warum - konkret benennen und aus der Normalität herausheben. Die Normalität nämlich ist eher zeitlos, herrscht überall und nirgendwo, ein Dauerzustand, ein Nonevent, so berichtenswert wie grauer Alltag.
Die Abwesenheit von schlechten Nachrichten - das wäre die veritable gute Nachricht - zugleich auch die mieseste Nachrichtenlage. Die aber mag sich keine Redaktion herbeiwünschen. Sie wäre auch schwerlich in lesbare Form zu bringen. Ihretwegen kauft niemand eine Zeitung, schaltet niemand Fernsehen oder Radio ein. Von der Komplikation, dass ein und dieselbe Nachricht von A. als erfreulich und von B. als schrecklich empfunden werden kann, gar nicht zu reden. Wo der eine Wahlen gewinnt, hat der andere verloren. Sogar ein Autounfall erfreut wenigstens noch den Abschleppdienst. An unterschiedlichen Interessen scheitert auf dem freien Informationsmarkt jede Art von Nachrichtensteuerung.
Allem Unbehagen am Negativjournalismus zum Trotz, steht offenbar das Leben selbst auf Seiten der schlechten Nachrichten. Skandalblätter werden lieber gelesen als Traktätchen. Die Tatsache, daß Erbauungsliteratur verteilt werden muss und ungelesen im Papierkorb landet, Boulevardblätter aber für Geld weggehen und verschlungen werden wie warme Semmeln, beweist - Niveau hin, Niveau her - eines ganz gewiss: Mit guten Nachrichten lassen sich weder die Verhältnisse noch die Menschen bessern.
Der Beweis fürs Gegenteil, dass nämlich schlechte Nachrichten Menschen und Verhältnisse noch schlechter machen als sie es ohnehin schon sind, wäre erst noch zu erbringen. Ohne diesen Beweis liefern zu können, treten Medienkritiker mit der These auf den Plan, erst die journalistische Gewohnheit, die Welt hässlich und schlecht zu finden, hätte die Welt hässlich und schlecht gemacht. Fein, möchte man Ihnen antworten, dann müsste die Welt ja auch wieder schön und gut werden, wenn wir sie nur laut und ausdauernd als schön und gut besingen. - Mancheiner glaubt das wirklich
Die menschliche Natur folgt auch in dieser Hinsicht dem Prinzip des Jenachdem. Wenn es unseren Wünschen oder unseren Vorurteilen entgegenkommt, dann wird selbst das Schreckliche noch als positiv empfunden. Dann machen auch schlechte Nachrichten gute Laune. Weil überhaupt etwas darüber bekannt wird, liefert manche Niedertracht den Stoff für eine nützliche, deshalb positive Information. Ob wir eine Nachricht als gut oder schlecht empfinden, hat also durchaus nicht nur mit ihrem Inhalt, sondern mindestens ebensoviel mit unserem Interessenstandpunkt zu tun. Gut für mich, schlecht für den Nachbarn... Allein diese Erkenntnis, wenn man sich ihr denn überhaupt stellen mag, müsste die Diskussion über zu viele negative Schlagzeilen versachlichen. Tut sie aber nicht.
Um nichts unversucht zu lassen, soll der umstrittene Staatsrechtler Carl Schmitt zitiert werden, der in seiner Politischen Theologie die Ausnahme für interessanter als den Normalfall erklärt hat: "Das Normale", schreibt er dort, "beweist nichts, die Ausnahme beweist alles..." Er hatte es ja mit dem Ausnahmezustand, der die Staatsgewalt von den Fesseln der Verfassung befreit. Die Pressefreiheit freilich lebt davon, dass es diese Fesseln gibt. Im Ausnahmezustand verkümmert sie. Deshalb sind die meisten Journalisten keine Schmittianer. Sie könnten dem Verächter der liberalen Demokratie aber sehr wohl in der Erkenntnis folgen, dass die Ausnahme auf mehr Interesse stößt als der Normalfall. Womit das viel beklagte Defizit an guten Nachrichten überzeugend erklärt wird. Wo er recht hat, hat er recht.
William Shakespeare hatte das Problem im Hamlet eigentlich schon abschließend behandelt. "Etwas ist faul im Staate Dänemarks", sagt Marcellus im l. Aufzug. Etwas, nicht etwa alles. Und von eben diesem Etwas wird im Hamlet berichtet, eben weil es Shakespeare und sein Publikum
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Weil wir aus der Hirnforschung wissen, dass bei der Aufnahme von Informationen eine Hierarchie des Anstößigen stattfindet, also die als skandalöser empfundene Information die harmlosere im Gehirn quasi verdrängt, haben wir inzwischen sogar die neurologische Begründung für die alte journalistische Weisheit: Bad news are good news.
Bundesfinanzminister Schäuble
bei der Verleihung des Herbert Riehl-Heyse-Preises (SZ v. 6.5. 2011)
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für viel interessanter gehalten haben als all das andere, nicht verfaulte, dessen Reizwert gegen Null tendiert. Endgültiges dazu im 2. Aufzug:
HAMLET: "Was gibt es Neues?"
ROSENKRANZ: "Nichts, mein Prinz, außer dass die Welt ehrlich geworden ist."
HAMLET: "So steht der jüngste Tag bevor; aber eure Neuigkeit ist nicht wahr."
Gute Nachrichten sind immer verdächtig, wenn nicht von vornherein unglaubwürdig. Selbst wenn sie wahr sind, bleibt noch zu fragen, mit welcher Absicht sie der Überbringer vorträgt. Was im einzelnen wahr ist, kann doch Teil einer großen Täuschung sein. "Das Wahre und das Unwahre bilden einen Brei", sagt der österreichische Stückeschreiber Peter Turrini, der sich und auch die Journalisten zu den Berufslügnern zählt. Genau wie Turrinis Alpenglühen ist das Bedürfnis nach guten Nachrichten auch nur eine Lüge. Die da nach mehr guten Nachrichten rufen, lesen gerne schlechte. Der ungebrochene Erfolgstrend der Massenpublizistik zeigt, dass die meisten Menschen beim Konsum von Neuigkeiten lieber Schauder und Schrecken, Mitleid oder Schadenfreude, Neid oder Entrüstung empfinden wollen als Erbauung und Erleichterung. "Der Spaß ist", sagt Hamlet im 3. Aufzug, "wenn der Feuerwerker mit seinem eignen Pulver auffliegt."
Es müsste doch zu denken geben, dass große Schriftsteller dem Frieden und der Idylle der guten Nachrichten überhaupt nicht trauen. Keine gute Tat, sagt der Skeptiker, bleibt unbestraft, und ausgerechnet eine gute Nachricht sollte? Die Zeiten und die Menschen werden doch nicht besser als sie immer waren. Würden sie besser, würden erst die Narren und dann die Journalisten arbeitslos. Dass die Pressefreiheit in der Narrenfreiheit ihre Wurzeln hat, war zu vermuten. Daß aber dort, wo die Narren nichts mehr spaßig finden, auch die Journalisten entbehrlich werden, ist bei Laurence Sterne in der Sentimental Journey nachzulesen. Sein empfindsamer Reisender weist einen Grafen darauf hin, dass die zügellose Regierungszeit Karls des Zweiten nun vorbei sei und Narren nicht mehr gebraucht würden: "Seitdem haben sich unsere Sitten nach und nach so verfeinert, dass gegenwärtig unser Hof so voller Patrioten ist, die nichts wünschen als die Ehre und den Reichtum ihres Vaterlandes, und unsere Damen sind alle so keusch, so rein, so gut, so fromm, dass nichts da ist, worüber ein Spaßmacher einen Spaß machen könnte." - "Voila" un persiflage!", rief der Graf.
Um bei der Literatur zu bleiben: Thomas Mann macht im Doktor Faustus auf ein der Moderne eigenes Paradoxon in der von seinem Helden Adrian Leverkühn komponierten Apokalypse aufmerksam, auf das Paradoxon nämlich, dass "die Dissonanz darin für den Ausdruck alles Hohen, Ernsten, Frommen, Geistigen steht, während das Harmonische und Tonale der Welt der Hölle, in diesem Zusammenhang also einer Welt der Banalität und des Gemeinplatzes vorbehalten ist". - Das legt den Gedanken nahe, unser alltäglich Wehklag über das Defizit an guten Nachrichten komme aus einer tiefen Sehnsucht nach der Welt der Banalitäten und Gemeinplätze. Übrigens wollte auch Jean Paul ja lieber "10 Höllen als 1 Himmel malen", und der Graf Tolstoi pflegte zu sagen, über glückliche Familien gebe es nun mal keine Geschichten zu erzählen.
Das Nachrichtengeschäft beruht aber auf dem Recht, mit unerfreulichen Geschichten zu missfallen und Anstoß zu erregen und Geheimes oder Verborgenes öffentlich zu machen. Was viele schon
wissen, was viele nicht schert, wollen viele nicht hören. "Was viele nicht interessiert" - hieß eine von Friedrich Torberg beim alten Prager Tagblatt gepflegte Rubrik; sie kann als die klassische Definition der Nicht-Nachricht gelten. Auch eine so genannte gute Nachricht ist, was viele nicht lange interessiert.
Wir kommen zum Wetter...Der Wetterbericht bietet Abwechslung und ständige Wiederkehr des Gleichen, eine Mischung, die seine Beliebtheit schon unabhängig von den meteorologischen Inhalten garantiert. Schlechte Wetternachrichten machen überhaupt kein schlechtes Gewissen, wenn man nichts dagegen unternimmt. Sie erzeugen die ideale Betroffenheit: die lethargische nämlich, die uns nicht vom Stuhl reißt. "Alle reden übers Wetter, aber niemand tut was dafür", wunderte sich Mark Twain. Das Wetter macht passiv und lässt sogar jene verstummen, die sonst das Defizit an guten Nachrichten bejammern.
© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
02.06.2011
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