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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Raab
Schärf
Figl
Kreisky
Metternich
Wie vier Demokraten den uneinigen Alliierten den Staatsvertrag abgeluchst haben, das hätte sogar dem Antidemokraten Metternich imponiert

"Lauschigstes Eckchen der Welt"

Wie alt ist eigentlich Österreich?

I.

Also wirklich? Österreich soll tausend Jahre alt sein? Ich dachte immer, es sei noch älter. Versetzt sich der Fremde in die Zeit des alten Kaisers Franz Josef, was nahe liegt und in Österreich keine Mühe macht, so kommt er leicht auf die depperte Idee, Österreich



Kaiser Franz Josef
sei zeitlos, Österreich habe es schon immer gegeben. Unsinn, selbst mit Österreich muss es irgendwann einmal angefangen haben, mögen seine wahren Ursprünge auch völlig im Dunkeln liegen.

Glaubhafter wäre vielleicht eine Angabe a la Laurence Sterne: ein Land, ungefähr 1007 Jahre alt. Oder so ähnlich. Was bedeutet es schon, dass der Name Ostarrichi zum ersten Mal in einer Urkunde aus dem Jahre 996 erwähnt wird? Wo doch unser erstes Vorurteil besagt, dieses Volk sei etwas schlampert! Vielleicht haben Archivare ein paar noch frühere Akten verkramt, haben vorgeschichtliche Hofräte von vornherein nur lückenhaft beurkundet - gerade die Genauigkeit des Jubeldatums ist so verdächtig. Dieses Land macht sich jünger als es ist.

Dabei ist Österreich längst frisch und jugendlich genug, um getrost mit seinem Alter kokettieren zu können. Eben seine Urgründung aufs Paradoxe garantiert ihm Ewigkeit, schafft ihm Vertrauen. Nur deshalb haben ihm die Sieger nach dem Zweiten Weltkrieg im doppelten Sinne des Wortes das Versprechen abgenommen, sich "immerwährender Neutralität" zu befleißigen. Fast schon obsolet, jedenfalls zur Diskussion freigegeben. Dafür können die Österreicher nicht, das liegt an den Launen der Weltgeschichte. Dank wundersamer Fügung erwies sich ihr Land als noch ein bisschen ewiger als das Interesse der anderen an seiner ewigen Neutralität.

II.

Wer auch nur eine Folge der ORF-Serie Der Salzbaron gesehen hat und am nächsten Vormittag in Bad Ischl an der Traun flaniert, um im Gartencafé beim Zauner seinen großen Braunen zu nehmen, der muss keine Zeitmaschine bemühen, der kriegt zu drei Stück Zucker stets ein Stück Ewigkeit mitserviert. Alles sieht genau so aus wie die goldene Vergangenheit im Fernsehen, auch wenn die böse Handlung zeigt, wie das Kaiserreich an den Abgrund gerät.

In eben dieser Atmosphäre muss Weltgeschichte einfach so funktionieren wie andere Geschichten auch. In diesem Land gibt es viele solcher Plätze, an denen die Zeit vorübergegangen zu sein scheint. Die Klischees zumal - vom süßen Mädel bis zum weißen Rössl - sind außerordentlich dauerhaft. Schon Karl Kraus wollte "in verkehrstoller Straße" den Ausruf gehört haben: "Weinstube Rosenkavalier - lauschigstes Eckchen der Welt". So hätten die Fremden Österreich noch heute gern!

Ach ja, Bad Ischl. Der Blick auf die Autoschlange, die über die zierliche, gleichwohl verkehrstolle Traunbrücke kriecht, stellt unweigerlich Gegenwart her. Die Österreicher verstehen sich darauf, ihren hochentwickelten Gegenwartssinn mit Nostalgie zu kaschieren. Nicht alle gehören zu den Unglücklichen aus Thomas Bernhards Pandämonium, die nur die Vergangenheit genießen können, die Gegenwart aber als Zumutung empfinden. Erst die Melange aus beidem macht's, reichlich Zukunft inbegriffen.

Damit greife ich nun ein wenig vor, will ja auch nicht die touristische Bilanz unserer alpinen Nachbarn aufbessern, obwohl sie das am liebsten hätten. Weder die Lipizzaner noch die Philharmoniker, weder die Mozartkugel noch die Weine der Wachau, weder Mehlspeis noch Tafelspitz müssen ein weiteres Mal besungen werden. Vom Wiener Kaffeehaus ganz zu schweigen.

Stattdessen soll an ein paar andere Spezialitäten erinnert werden, die den Österreichern auch nach tausend Jahren so leicht niemand nachmacht, nicht zuletzt an ihre Neigung zu kreativer Unzufriedenheit, die zu Unrecht als pure Nörgelei verstanden wird. Die, zumal in ihren extremsten Formen, bewahrt das Restland der gewesenen Donaumonarchie davor, sich in der verklärten Vergangenheit so gemütlich einzurichten, dass es Gegenwart und Zukunft vertun, versäumen oder gar verschlafen könnte. Die jüngste, gern verdrängte Vergangenheit stört ohnehin noch genug.

III.

In der guten alten Zeit, als es das Kaisertum Österreich noch gab, da war es, wie Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften versichert, noch möglich, den Zug der Zeit einfach zu verlassen. Man musste sich nur "in einen

Zurück in die Heimat:
Robert Musil
gewöhnlichen Zug einer gewöhnlichen Eisenbahn setzen und in die Heimat zurückfahren". Es gab noch nicht die Zwänge der modernen Zeiten. Man konnte einfach aussteigen, abspringen und dem "Heimweh nach Aufgehaltenwerden, Nichtsichentwickeln, Steckenbleiben" nachgeben.

Kakanien, kaiserlich-königlich oder auch kaiserlich und königlich (wer kannte sich da schon genau aus?), die Österreichisch-Ungarische Monarchie Kakanien wurde klerikal regiert, aber ihre Bürger lebten freisinnig. Diese Lebensform war so prägend, weil Fürst Metternich, Henry Kissinger hat es ihm bescheinigt, ihren unvermeidlichen Untergang so lange verzögern konnte. Kakaniens Regierungsgrundsatz hieß: sowohl als auch; oder noch lieber: weder noch. Sparsam verwendet, hat er noch immer allerhand für sich.

Die Abneigung gegen den Mitbürger anderer Nationalität, weiterhin bemühe ich Robert Musil als Gewährsmann, "war dort bis zum Gemeinschaftsgefühl gesteigert"; vor allem, handelte man "anders als man dachte, oder dachte anders, als man handelte". Das freilich, warnt uns Musil, sollen wir nicht für Liebenswürdigkeit oder für eine österreichische Charakterschwäche halten. Überhaupt sei es "falsch, die Erscheinungen in einem Land einfach mit dem Charakter seiner Bewohner zu erklären". Soll auch beileibe nicht geschehen. Stattdessen vertrauen wir uns wieder dem Zug der Zeit an und nähern uns der Republik Österreich, die im ersten Anlauf nicht Heimat werden konnte.

Die Republik ist das, was nach dem Ersten Weltkrieg von Kakanien, vom Habsburger Reich und der Donau-Monarchie übriggeblieben ist. Ohne eine neue Rolle, mit einer viel zu großen Hauptstadt und ohne die nötigen Ressourcen zur Sicherung staatlicher Selbständigkeit

Hitler auf dem Heldenplatz in Wien: "... melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich."
wusste diese Republik zu wenig mit sich anzufangen. Das ihr auferlegte Verbot, sich ans deutsche Reich anzuschließen, betrachteten viele Österreicher als das Hindernis auf dem Weg zur Besserung ihrer Verhältnisse.

Die Zweifel an ihrer Lebensfähigkeit wurde die erste Republik niemals los. Eingeklemmt zwischen Hitlers NS-Reich und Mussolinis faschistischem Italien, versuchte Österreich seine Selbständigkeit zu retten, indem es sich in einen - die Etiketten sind noch immer umstritten - austrofaschistischen oder nur autoritären, klerikalen Ständestaat verwandelte. Davon unbeeindruckt, stellten die österreichischen Nazis, von Berlin gelenkt, die Weichen für den Einmarsch der deutschen Wehrmacht. Diese, von der Mehrheit der Österreicher bejubelte "Heimkehr ins Reich" ist dem Land schlecht bekommen.

IV.

Immerhin ist das tausendjährige Reich des Braunauers für seine heimgeholte Heimat nach nur sieben Jahren zuende gegangen. Das mindestens tausend Jahre alte Österreich aber hat dabei seine historische Lektion gelernt. So wäre der zweiten Republik auch gewiss zu vielerlei zu gratulieren, hätten die Österreicher nicht gar so ein empfindliches Ohr dafür, wenn bei Huldigungen zu dick aufgetragen wird. Zumal dann, wenn die Hommage von einem Piefke käme.

Ich halte mich zurück und bestaune noch immer und vor allem, wie österreichische Staatskunst - ein Hoch auf Julius Raab, Adolf Schärf, Leopold Figl und Bruno Kreisky - den uneinigen Siegern mitten im Kalten Krieg den Staatsvertrag abgeluchst hat. Selbst dem Antidemokraten Metternich hätte das imponiert. Den anderen europäischen Regierungen klar zu machen, daß die Österreicher nur mit ehrlich anhaltendem inneren Widerwillen zuverlässige EU-Partner bleiben können, wird ganz gewiss zum nächsten großen Befähigungsnachweis österreichischer Diplomatenkunst werden.

Die zweite Republik mit ihrer vielbelächelten, allmählich erodierenden Konsensdemokratie hat Österreich nicht nur den Staatsvertrag und den Wohlstand beschert. Sie schaffte auch, was der ersten Republik misslang: Sie wurde zur - wenn vielleicht nicht geliebten, so doch unentbehrlichen - politischen Heimat. Die Abneigung gegen den Bürger anderer politischer Couleur hat sich "zum Gemeinschaftsgefühl gesteigert". Dass nur böse geredet, aber verträglich gehandelt wird, kann auch ein Segen sein. Wer will, mag es die politische Kultur des Niemals - aber Trotzdem nennen.

V.


Thomas Bernhard
Was Thomas Bernhard zum Jubeljahr für ein Stück geschrieben hätte? Er hat Österreich geliebt, wie er immer versicherte, fand nur die Konstruktion von Staat und Kirche und die Kombination von katholisch und nationalsozialistisch scheußlich und hassenswert. Es blieb bei seinem Heldenplatz: "Sechseinhalb Millionen Alleingelassene, die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien. Der Regisseur wird kommen und sie endgültig in den Abgrund hinunterstoßen."

Freunde des Autors halten das für prophetisch. Doch wirkt es auf mich als Übertreibung, wenn sie sogar schon einem Jörg Haider, dem populistischen Rechtswender der FPÖ, solche Regie zutrauen. Thomas Bernhard war wie kaum einer von der Erinnerung an die braune Vergangenheit besessen, abergläubisch hat er den Wiederholungszwang gefürchtet, hielt sich aber auch für den "größten Übertreibungskünstler". Seine Hassliebe und sein Zorn waren Ausdruck extremster Zuwendung zu seinem Land, das er lieber ein bisschen weniger niedrig als alle anderen Länder gesehen hätte. Leider lebt die Entrüstung über seine Ausbrüche zu einem Gutteil von der Abneigung vieler Österreicher, die dunkle Seite ihrer Geschichte wahrzunehmen.


Sigmund Freud
Als Sigmund Freud 1938 von seinem Schüler Ernest Jones gedrängt wurde, nach London zu emigrieren, zögerte er. Es widerstrebte ihm, sein Land zu verlassen. Um ihm den Entschluss zu erleichtern, erzählte Jones die Geschichte vom Ersten Offizier der Titanic. Der war bei der Katastrophe von der Wucht einer Kesselexplosion an die Wasseroberfläche gedrückt und dadurch gerettet worden. Vor der Untersuchungskommission antwortete er auf die Frage, warum er das Schiff verlassen habe: "Ich habe das Schiff nie verlassen, Sir. Es hat mich verlassen." Freud verstand. So weit war es gekommen: Das Österreich, in dem er immer hatte leben und arbeiten wollen, hatte ihn im Stich gelassen. Dem tausendjährigen Österreich, wie alt es in Wahrheit immer sein mag, ist kaum Besseres zu wünschen, als dass es die Seinen und alle, die es lieben, niemals verlassen möge.

Die Welt, 21. 10. 1996


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
01.07.2011

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