EAnsichtssachen

aus der Website von  Gerhard E. Gründler

Politik macht so hässlich...

...und Regieren nicht schöner, auch wenn die Jacke noch passt


Vorsicht!

Dieser Job
gefährdet Ihr Aussehen

Die Jahresringe des mächtigen Kanzlerkörpers von Helmut Kohl warnen seinen Nachfolger: So viel kann aus einem Bauchansatz zu Amtszeiten werden.


I. Handlungsschwäche trotz Übergewicht

W
er in die Politik geht, darf wenigstens auf eine Karriere als Witzfigur ihoffen. iDas geht dann so: Filmstars brechen Herzen, Politiker nur Wahlversprechen. Oder so: Wenn ein Politiker eine Idee in die Tat umsetzen will, dann hat er sie falsch verstanden. Oder so: Parlamentarier stimmen lieber für neue Brücken als für neue Schulen, weil sie nie wieder zum Unterricht müssen. Sie lernen auch nicht aus Fehlern, weil sie keine machen. Oder so: Die Zahl seiner Flugkilometer ist direkt proportional zur Unfähigkeit des Kandidaten. Oder auch so: Wenn die Tatsachen gegen den Politiker sprechen, dann beruft er sich auf das Gesetz, sprechen die Gesetze gegen ihn, dann beruft er sich auf die Tatsachen, hat er Tatsachen und Gesetze gegen sich, dann schimpft er. So etwas erfreut den Stammtisch und längst auch die Internetgemeinde.

Den Frauen und Männern, die Politik machen, ein schlechtes Ansehen zu bescheinigen, wäre eine Untertreibung. Der Journalist Johannes Gross sagte ihnen sogar eine höhere Kriminalitätsrate nach als der übrigen Bevölkerung. Ausgemachte Minusfiguren sind sie! Als Gruppe jedenfalls, als Kategorie, als Gesamtheit. Dem Bundespräsidenten, dem Kanzler, Parlamentariern, die ihre Wahlkreise bereisen, Kabinettsmitgliedern, die neue Brücken freigeben oder Festreden halten, begegnet man durchaus höflich und respektvoll, fühlt sich durch ihre Nähe sogar geehrt, hofft vom Glanz ihrer Prominenz etwas


Fischers Jo-Jo: mal dünner, mal dicker
abzubekommen. Aber die Politiker generell dürfen ihrer Missachtung ganz sicher sein. "Selbst schuld", knurrte Joschka Fischer, als eine Fernsehmoderatorin seinen Redefluss stoppen wollte, "Sie haben sich Politiker eingeladen." - Ist der Ruf erst ruiniert, wird damit noch kokettiert.

Hässlich macht die Politik auch. "Fetter Bauch regiert nicht gern" heißt ein Buch des Parteienkritikers Hans Herbert von Arnim, in dem er die sogenannte politische Klasse als selbstbezogen und abgehoben bezeichnet. Der stern widmete den Jahresringen des mächtigen Kanzlerkörpers von Helmut Kohl eine Titelgeschichte und zeigte damit zugleich seinem nächsten Titelhelden Gerhard Schröder, was aus seinem Bauchansatz im Kanzleramt noch werden kann. Von Oskar Lafontaine heißt es, er habe den bösen Blick. Ihren Generalsekretär Protzner wollte die CSU am liebsten im Büro verstecken. Unter der Überschrift "Feixende Fratzen" ließ Fritz J. Raddatz in der Zeit seinem Ekel freien Lauf:: "Sie fühlen sich so wohl, sie räkeln sich in ordinär prall spannenden Hemden, sie verabschieden sich übergewichtig zu Fastenkuren mit dem Rat an 'die Menschen draußen im Lande', doch bitte den Gürtel enger zu schnallen ... Unsere Regierer ... geben ein ekelhaftes Bild der satten Erfolgsmenschen ab." Ende des Zitats.

Auf höherer Etage artikulierte Karl Heinz Bohrer im Merkur seinen Widerwillen: Den "Geist der Geistlosigkeit" sah er da verkörpert und nahm das zum Anlass, die Wissenschaft von der Physiognomie aus der Ablage zu holen. Es gebe eben doch eine Beziehung zwischen Körper, Gesicht und Charakter, "weil - so Bohrer - "nur der sensuell ganz Unempfindliche übersehen

Ein Foto, das die
Republik lächerlich machen sollte
Doch waren die adligen Vorgänger
auch nicht schöner



Reichwehrminister Noske
und Reichspräsident Ebert 1919 am Ostseestrand
von Haffkrug
Reichskanzler von Bethman-Hollweg, Vorgänger Fürst Bülow 1910 beim Bad im Tiber
kann, in welch drastischer Weise das Bild vom hässlichen Deutschen sich in den Physiognomien unserer Politiker wieder verkörpert". Außer Richard von Weizsäcker kann solchen ästhetischen Ansprüchen niemand gerecht werden. Das ganze kleinbürgerliche Personal unserer Republik hält den Vergleich mit den Edelprofilen der britischen und französischen Führungselite schon gar nicht aus. So löst bei der gehobenen Kulturkritik ästhetisches Unbehagen aristokratische, vordemokratische Reflexe aus; sie konnte sich schon mit Friedrich Ebert und Gustav Noske in der Badehose nicht abfinden.

Einiges, was landauf landab gegen Politiker ad personam oder als "Klasse" vorgebracht wird, könnte man bei gutem Willen ausräumen. Vielfach angeprangerte Missstände wie Überversorgung, Selbstbedienung oder übermäßige Inanspruchnahme staatlicher Fuhrparks und Flugdienste ließen sich abstellen. Auch die Umgangsformen gegenüber Parteifreunden und politischen Gegnern könnten erheblich verfeinert werden. Wer auf öffentliche Achtung wert legt, der sollte mal versuchen, seinesgleichen zu respektieren... Kosmetik allein tut's freilich nicht, und all die Abspeckkuren mindern das Übergewicht immer nur vorübergehend. Der Sex Appeal, der den Medienstars der Politikszene zugesprochen wird, stärkt gewiss ihre Chancen, gewählt zu werden, nicht unbedingt auch ihr Prestige. Sie schaffen es nicht, gutes Aussehen in besseres Ansehen zu verwandeln.

Jedenfalls hat die Missstimmung gegen "die da oben" ganz andere Dimensionen als Bereicherung, Übergewicht oder schlechte Manieren. Was lässt sich gegen Vorwürfe wie Ineffektivität und Handlungsunfähigkeit ausrichten? Oder gegen den Eindruck, den meisten Politikern sei das Gemeinwohl aus dem Blick geraten? Was tun gegen den Verdacht, es komme auf die Politik schon lange nicht mehr an, Politiker würden kaum noch gebraucht? Die Entscheidungsschwäche der Politiker liefert derzeit ein besonders starkes Motiv für den Missmut. Nur ist dieses Unbehagen keine Besonderheit unserer Tage. In den USA war es schon immer ein Volkssport, die Angehörigen der "politischen Klasse" nicht nur als korrupt, sondern vor allem als unfähig und nutzlos zu schmähen. Die amerikanische Demokratie hat dadurch kaum an Vitalität eingebüßt.

Doch werden die Gewählten ja nicht allein deshalb verachtet, weil sie immer weniger zustande bringen; einige macht es eher sympathisch, dass sie einfach nur da sind und dank eines unterentwickelten Tatendranges nicht allzu Schlimmes anrichten können. Es müssen noch andere Ursachen im Spiel sein, wenn das Ansehen der Frauen und Männer, die sich der Politik verschrieben haben, hierzulande nun auch einen Tiefpunkt erreicht hat. Da mischen sich in berechtigte Enttäuschungen nur zu gern auch Vorurteile und Zynismen. Die Demokratie gilt ja - anders als in der Nachkriegszeit - nicht mehr als Errungenschaft, sondern als selbstverständlicher Besitz. Sie gehört zum Alltag, und der verführt in seiner grauen Normalität zum Meckern. Demokratien mit ihrem hektischen Medienbetrieb und ihren rasch wechselnden Volksstimmungen lassen an ihrem politischen Personal kaum noch ein gutes Haar.

Sind die im Wahlkampf geweckten hohen Erwartungen erst einmal verflogen, beginnt der Temperatursturz der Empfindungen - von der Enttäuschung zur Resignation, vom Nichtszutrauen zum Nichternstnehmen, von der Lächerlichkeit zu Missachtung. Der Glaube an den guten Willen und das ebenso selbstlose wie zielbewusste Handeln des politischen Personals geht dabei leicht verloren. Kommen dann, in vermeintlichen oder wirklichen Krisenzeiten, begründete und unbegründete Ängste um die eigene wirtschaftliche Existenz oder auch nur um den immer noch auskömmlichen Besitzstand hinzu, dann werden aus den Gewählten die Sündenböcke der Nation. Insofern ist die überall zu spürende Geringschätzung politischer Tätigkeit und die Missachtung derer, die sie ausüben, auch ein Reflex der deutschen Misere.

Demokratisches Regieren fußt freilich auf der Überzeugung, dass gewählte Repräsentanten die öffentlichen Angelegenheiten besser, jedenfalls menschenfreundlicher richten können als absolute Herrscher, Autokraten und Diktatoren. Gewählte Regierungen, kontrolliert von gewählten Abgeordneten, gewinnen und behalten Macht und Einfluss nur dann, wenn sie die Interessen vieler Wähler bedienen. Irgend jemand, das haben selbst die ärgsten Meckerer im Hinterkopf, muss doch die öffentlichen Dinge, die Staatsgeschäfte, die Wahrnehmung und den Ausgleich der Interessen betreiben; denn nicht alle Wahlberechtigten können oder wollen sich selber damit abgeben. Deshalb gehen ja auch immer noch verhältnismäßig viele Deutsche zur Wahl - gewiss, mal weniger mal mehr, eine ganze Menge jedenfalls immer dann, wenn die Zeichen wieder auf Veränderung und Wechsel stehen und die Stimmabgabe etwas zu bewirken verspricht.

II. Zuständig für alles und jedes

D
ie Leute erwarten von den Politikern alles und halten von ihnen nichts. Zu idiesem verständlichen Stoßseufzer Reinhard Höppners, der mal Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt war, gehört immerhin eine Vorgeschichte. Allzu lange haben allzu viele Politiker die Anmaßung kultiviert, sie und der Staat, den sie zu regieren haben, seien für alles und jedes zuständig, könnten in allen Lebensbereichen den Ton angeben. Deshalb wurde von ihnen und vom Staat für alles und jedes eine Antwort, eine zweckmäßige Lösung erwartet. Tatsächlich offenbarten die verfahrenen Verhältnisse und der Reformstau aber nur die Ratlosigkeit des politischen Personals. Die allgemeine Enttäuschung darüber hat die Gewählten erst so richtig in Verruf gebracht. Nur eine entschiedene Begrenzung staatlicher Zuständigkeit und Betätigung wird die Bürger unmissverständlich daran erinnern, dass sie mitverantwortlich sind, dass sie den Politikern deshalb auch nicht alles in die Schuhe schieben dürfen. Aber davon sind wir weit entfernt.

Statt dessen kompensieren wir Wähler die dunkle Ahnung von unserer Mithaftung mit Verachtung für die üblichen Verdächtigen "da oben". Dabei sind wir es doch, die sich in einer Art Vorwärtsverteidigung so gerieren, als dürfe die Politik uns nichts abverlangen. Dabei sind wir es, die eher auf eine vernünftige Energie- und Verkehrspolitik verzichten, als dass Autofahren und Fliegen teurer werden dürften. Dabei sind wir es, die aus eigener Ratlosigkeit und Angst vor dem Wandel seit Jahren keine wirklich entscheidungs- und handlungsfähigen


Gesichter
deutscher
Politik
Unerreicht:
v. Weizsäcker
Unwirsch:
Müntefering
Ungelenk:
Merz
Unscharf:
Benneter

Unfehlbar:
Lafontaine

Unvorzeigbar:
Protzner

Unruhig:
Gabriel
Unbefangen:
Beck
Undurchsichtig:
Koch
Unverfroren:
Westerwelle

Mehrheiten bilden. Auch die allgemeine Abneigung gegen Majoritätsbeschlüsse und die Vorliebe für Runde Tische mit endloser Konsenssuche schwächt die politische Handlungsfähigkeit und beschädigt das Ansehen der Entscheidungsträger.

Dagegen hilft, so hört man von Analytikern und Kommentatoren, nur die überzeugende Demonstration von Führungskraft und Überzeugungsstärke seitens der Gewählten. Leider kann die niemand herbeizaubern. Gelänge es den Gewählten aus eigener Anstrengung ihrem Ansehen, ihrer Autorität aufzuhelfen, gewönnen sie mehr Führungskraft; doch erst ein Mehr an Führungskraft könnte nachhaltig auch ihr Ansehen stärken. Wo soll man anfangen? Der Teufelskreis lässt vermuten, dass für die Abwertung politischer Tätigkeit auch noch Umstände und Tendenzen verantwortlich sind, denen mit gutem Willen und kräftigem Vorsatz allein nicht beizukommen ist.

Der allgemeine Autoritätsabbau trifft selbstverständlich auch die Autoritäten der Politik. Weil die Umgangsformen gelitten haben, weil Kraftausdrücke und obszöne Gesten zum Ausweis zeitgemäßen Lebensstils geworden sind, weil verbales Niedermachen fast überall Begeisterung auslöst, deshalb bleiben auch jene nicht verschont, die man zwar gewählt, aber keineswegs für sakrosankt erklärt hat. Auch Flegeleien genießen Grundrechtsschutz. Was als Missachtung oder Geringschätzung der Politiker empfunden wird, ist doch nur Gleichbehandlung in unserem unfreundlichen Umgangsklima. Man ist nicht besonders nett zueinander. Es gibt, wie die Juristen sagen, keinen Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht: Was andere sich herausnehmen, darf ich noch lange nicht. Dass es aber fast zu einer Pflicht geworden ist, sich in der Unkultur wechselseitiger Geringschätzung gleich - das heißt: eben so mies wie alle anderen - behandeln zu lassen, damit müssen sich Politiker wohl abfinden.

Im Unterschied zu den Gründern der zweiten Republik und der ersten Generation ihrer Repräsentanten, schützt die Nachfahren weder ein historischer noch ein heroischer Bonus an Respekt. Die Helden der Jugendbewegung von 1968 trauen ja ihrem eigenen Nimbus nicht. Adenauer, Heuß, Erhard und Heinemann, Reuter, Schumacher, Wehner, Brandt, Schmidt und Strauß haben die Weimarer Epoche, die Nazizeit oder die Emigration durchlebt, waren während des Koreakrieges, der Berlinblockade und der Kubakrise politisch tätig. Das verhalf ihnen zu einem erheblichen Ansehensvorschuss. Sie ragten herüber aus anderer Zeit. Selbst Verleumdungen seitens fanatischer Gegner oder Tiefschläge untereinander, wie Adenauer, Wehner und Strauß sie gerne austeilten, konnten ihrem öffentlichen Ansehen kaum etwas anhaben. Ja, das viel bestaunte politische Urgestein, die Kärrner, die Fuhrleute! Dahin, dahin. Und dahin sind auch die finanziell Unabhängigen wie der Bankier Pferdmenges oder der Verleger Bucerius, denen man noch abnahm, dass sie Politik nicht als Broterwerb, sondern aus Lust am Mitgestalten betrieben. Alle die heute Politik machen, sind Kinder der Normalität und der Angestelltenkultur, so wie die große Mehrheit ihrer Wähler; sie agieren unter Ihresgleichen.

Zumal zwei Entwicklungen beschleunigen und verschärfen den Abwertungsprozess. Zum einen lassen die Europäisierung der Politik, die internationale Verflechtung und der voll ausgebrochene weltweite Wettbewerb die Gestaltungsspielräume und die Kompetenzen der nationalen Politik schrumpfen; längst läuft die Wirtschaft der Politik den Rang ab. Zum anderen geraten und drängen die politischen Akteure ins immer greller werdende Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Eine ausdünnende politische Szene mit viel Personen und wenig Handlung wird permanenter Überbelichtung ausgesetzt. Die Zunft der Entscheidungsschwachen, lässt sich in ihrer ganzen Impotenz vor aller Augen ausleuchten. Und - masochistisch wie sie ist - tut sie es lustvoll, obwohl dabei auch noch die bescheidensten Meriten verblassen und alle Schwächen, neuerdings auch die privaten, um so deutlicher hervortreten. Maximierte Publicity bei minimierter Performance. Und so etwas sollte sich nicht rufschädigend auswirken?

Es mag ja sein, dass Wahlen vom Fernsehen entschieden werden, genauer gesagt: von dem Eindruck, den Spitzenkandidaten vor den Kameras und auf den Bildschirmen machen. Doch der Eindruck kann rasch wechseln, so wie das Interesse der Wochenmagazine, die heute einen Hoffnungsträger lobpreisen, um ihn morgen um so wirkungsvoller als Skandalpolitiker entzaubern zu können. Die Medienstars der Politik sollten auf die Loyalität der Medien nicht bauen. Hoch auf dem gelben Wagen laufen sie ständig Gefahr, abgeworfen zu werden. Mediale Präsenz, der ihr verdankte Bekanntheitsgrad, die grassierende Personalisierung der Politik fordern ihren Preis. Die Macht nutze nur den ab, der sie nicht hat, spottete der Machiavellist Andreotti; doch die Mediendemokratie mit ihren gigantischen Abnutzungseffekten, das hatte er nicht bedacht, beschädigt alle Mächtigen, spätestens dann, wenn sie die den richtigen Zeitpunkt zum Abtreten verpassen.

Ohnehin schneiden politische Fernsehgrößen im Vergleich zu den anderen Stars dieses Mediums, den Komödianten und Entertainern, auf Dauer nicht allzu gut ab. Ihr Unterhaltungswert ist geringer, ihr Repertoire enger, deshalb wird man ihrer früher überdrüssig. Das Verfallsdatum für ihre erfolgreiche Vermarktung ist mitunter schon erreicht, bevor sie selbst es überhaupt ahnen. Weil sie ständig auf dem Bildschirm sind, weil sie außerdem nach demokratischen Maßstäben viel zu lange in ihren Ämtern und Funktionen verweilen, erzeugen sie selber das Bedürfnis nach anderen Gesichtern und neuen Sprüchen. Nur eine rigorose Amtszeitbegrenzung könnte solcher Erosion entgegen wirken. Wer zu lange auf der überbelichteten Szene verharrt, darf sich jedenfalls nicht wundern, wenn sein Ansehen verschlissen wird. Zudem liegt die Ansehensbeschädigung der Gewählten - so grausam es klingt - sogar im Interesse des Ganzen.

Macht ist nur zu kontrollieren und zu begrenzen, wenn ihre Exponenten immer mal wieder vom hohen Podest auf den Boden zurückgeholt werden. Aus Gewählten sollen ja keine Idole oder Führer werden. Fernsehen, Funk und Presse verstehen sich besonders gut darauf, Großkopferte wieder auf menschliche Maße zurückzustutzen. Nicht jedermann hält das für eine besonders vornehme Tätigkeit; ihr öffentlicher Nutzen wird aber keineswegs dadurch gemindert, dass ihr auch Unsympathische und Unwürdige nachgehen. Allein das Ergebnis zählt. Ihre führende Rolle bei diesem nicht überall verstandenen, gleichwohl notwendigen Geschäft haben die Medien nicht usurpiert; sie ist ihnen von der Verfassung garantiert worden.

Mögen die Eigentümer und Betreiber all der vielen Sender und Gazetten auch mit den Mächtigen sympathisieren, ihr Geschäftssinn weiß, dass erkennbare Parteinahme oder zu heftige Lobgesänge den Auflagen und den Quoten nicht gut tun. Gegenüber der Politik und ihren Machern wollen sie heute alle kritisch sein, nach allen Seiten selbstverständlich. Das Publikum verweigert sich dem Richtungsjournalismus. Deshalb sind die Parteizeitungen verschwunden und Radio- oder Fernsehsendungen mit ständiger Schlagseite setzen sich der Lächerlichkeit und der professionellen Verachtung aus. Selbst von ihnen nahestehenden Journalisten werden Politiker seltener und vorsichtiger in freundliches Licht gerückt. Gewiss, man liest und hört immer wieder auch positive Beiträge und bewundernde Porträts. Doch die sind nicht etwa Produkte einer verlässlichen redaktionellen Linie vor dem Hintergrund gemeinsamer Überzeugungen oder Ziele. Sie dienen den Bedürfnissen der Redaktionen und folgen der Dramaturgie von Hosianna! und Kreuzigen! Die alten Zeiten, in denen man wenigstens von einer Seite gerühmt und nur von der anderen angekratzt wurde, kommen nicht wieder.

III. Weniger Distanz, mehr Geringschätzung

U
m der sogenannten politischen Klasse wieder mehr Gerechtigkeit zuteil iwerden izu lassen, muss man vor allem weniger von ihr erwarten. Es liegt nahe, dort anzusetzen, wo von den Voraussetzungen und Fähigkeiten für die politische Tätigkeit die Rede ist. Das Leitbild des Politikers, wie es Pädagogen, Politologen und Publizisten vermitteln, und das öffentliche Image des real existierenden politischen Personals haben nicht mehr vieles gemeinsam. Jede Ähnlichkeit, wenn denn überhaupt eine festgestellt werden könnte, wäre eher zufällig. "Ein Politiker", so belehrt uns beispielsweise das Herdersche Staatslexikon, "braucht Gespür für zukunftsträchtige Entwicklungen, schöpferische Kombinationsgabe, Tatkraft und Mut, aber auch die Fähigkeit zur Koordination, zur Unterscheidung und zum Ausgleich der

Thomas von Aquin
Interessen." Schon das nötigt zu tiefem Durchatmen. Selbstverständlich kommen dann sogleich Max Webers viel zitierte Kriterien: Augenmaß, Leidenschaft und Verantwortung, wobei - wie zu erwarten - die Verantwortungs- vor der Gesinnungsethik rangiert. Nur ein Schritt trennt bekanntlich das Erhabene vom Lächerlichen, vom Wirklichen aber trennt es ein Abgrund.

Immerhin folgen auch noch etwas handfestere Passagen. Ein Politiker müsse ordnen und gestalten wollen. Guter Wille und moralische Unbescholtenheit allein reichten nicht aus. Begabung und Können müssten hinzukommen, Erfahrung könne helfen. Politik sei Kunst, die Kunst des Möglichen. Ein Politiker brauche - da verweist das Staatslexikon auf Thomas v. Aquin - architektonische Begabung, aber auch die Fähigkeit zum Kompromiss. Extreme Positionen seien weder mehrheitsfähig noch zur Erfüllung des Gemeinwohls dienlich. Zum Regieren gehörten Rationalität und Unabhängigkeit des Denkens und Entscheidens. Politik sei Dienst. Wer herrschen wolle, tauge für eine Diktatur. Zur Realisierung des Gemeinwohls beizutragen, verlange die Bereitschaft, sich in den Dienst der Menschen zu stellen. - Auch das klingt immer noch eher nach Berufung als nach Beruf. Der hohe Ton will zum Kleinklein des politischen Alltags nicht so recht passen.

Auf Ausschreibungstexte dieses Kalibers dürften sich eigentlich nur Übermenschen bewerben. Gemessen an solchen Kriterien wirkt das aktive politische Personal wenig eindrucksvoll, stehen allzu viele in viel zu großen Schuhen. In Wahrheit wird allerdings von den meisten nicht gleich Staatskunst, sondern nur politisches Handwerk verlangt. Wird die Politik idealisiert, kann ihr real vorhandenes Personal immer nur verlieren. Um den politischen Betrieb im Bund, in den Ländern und in den Kommunen aufrecht zu erhalten, braucht Deutschland rund 10.000 Berufspolitiker. Dass bei deren Auswahl vor allem der Durchschnitt und das Mittelmaß zum Zuge kommen müssen, immer wieder aber auch Versager, das dürfte niemanden überraschen. Tut es aber doch. Offenbar arbeiten die landläufige Staatsbürgerkunde und der gängige Demokratieunterricht mit Fiktionen, die wache Zeitgenossen nur bei übertriebenem Respekt vor den Lehrern noch mit der politischen Wirklichkeit in Einklang bringen können:
  • Obwohl die Gewählten denen, die sie gewählt haben, charakterlich gar nichts, intellektuell wenig und allenfalls rhetorisch oder agitatorisch einiges voraushaben, wird unbeirrt die Vorstellung von einer Führungselite gepflegt und die Sehnsucht nach charismatischen Spitzenfiguren wachgehalten.

  • Obwohl die in öffentlichen Ämtern wirkenden Frauen und Männer, die Mitglieder von Parlamenten, Regierungen, Gemeinderäten und Parteivorständen auch bei Sachentscheidungen stets um Einfluss, Interessen und Machtteilhabe ringen, obwohl ihnen nur selten gelingt, das als sachgerecht und vernünftig Anerkannte anstelle des eben noch Mehrheitsfähigen durchzusetzen, mögen sich politische Wissenschaft, Pädagogik und Publizistik vom Leitbild der uneigennützigen Sachwalter des Allgemeinwohls nicht trennen.

  • Obwohl das Ergreifen von Gelegenheiten die politische Praxis bestimmt, obwohl die Menschen regelmäßig opportunistisch handeln und das auch als typisch politisches Verhalten ansehen, stempelt die herrschende politische Philosophie den Opportunisten zum Übelbold schlechthin. Dabei ist "Nehmt, was ihr kriegen könnt" allemal politischer als "Haltet fest am Unerreichbaren".

  • Obwohl sich längst herumgesprochen hat, dass die Abgeordneten als Berufspolitiker von Fraktionen und örtlichen Parteiorganisationen abhängig sind, gilt der Fraktionszwang, der im Alltagsgeschäft immerhin die Meinungsbildung und die Handlungsfähigkeit sichert, als etwas durchweg Verabscheuungswürdiges, bleibt ständiges Verdachtsmoment für die falsche, die unsachgemäße Entscheidung.
Überhaupt: Wer bestimmt eigentlich, was "richtig", was zu verantworten, was sachlich geboten, was im jeweiligen Fall vernünftig ist, was im wahren Interesse der Allgemeinheit liegt? Wer bestimmt, was Sache ist? August Bebel, der sozialdemokratische Parteipatriarch, meinte im Hinblick auf uneinsichtige Majoritäten, manchmal müsse man halt mit den Massen irren, um die eigene Führungskraft zu wahren. War das wirklich


Bebel: Manchmal muss man
mit den Massen irren...
nur Resignation dessen, der es besser wusste? Doch wohl auch die Einsicht des Weisen, der erfahren hatte, dass jene, die sich im Besitz der Weisheit, der Sachkunde, der Lösungs- und Entscheidungskompetenz wähnen, dank ihrer eigenen Vorurteile auch dem Irrtum ausgesetzt sind.

Vielleicht wird eines Tages der Computer ausrechnen, ob die Massen oder die Kompetenten häufiger irren. Mit der Entscheidung für die Demokratie sollte aber dieses Rätsel eigentlich ein für alle mal gelöst sein: Den Irrtümern der Vielen wird letztlich mehr verborgene Weisheit zugetraut, als den Weisheiten der Wenigen, die genau Bescheid zu wissen glauben. Auch nur eine Fiktion, gewiss, aber eine unentbehrliche: die letzte Schranke gegenüber der Oligarchie, der Herrschaft der wenigen Cognoscenti über die vielen Ignoranti.

Im politischen Alltagsbetrieb werden allem Elitengerede zum Trotz eben nicht die Besten und Edelsten - davon gibt's nie genug - als Kandidaten aufgestellt, sondern diejenigen, die zu den Interessen und dem Milieu ihres Dunstkreises am besten passen. Die Wähler entscheiden sich gerne für Ihresgleichen. Auch das mindert Distanz und erleichtert Geringschätzung. Wer schaut schon zu Seinesgleichen bewundernd empor? Man weiß doch, was man ehrlicherweise von sich selbst zu halten hätte, und empfindet wie der amerikanische Komiker Groucho Marx: Der wollte niemals einem Verein angehören, in dem Leute wie er als Mitglieder akzeptiert werden. Auch die viel gerühmte Zivilgesellschaft entwickelt halt nur wenig Glamour; ihr Glanz liegt eher in den Augen ihrer Verkünder. Politiker, die ihr - wie zuvor schon der "politischen Kultur" - so vieles zutrauen, sollten dabei jedenfalls nicht für ihr eigenes Prestige hoffen.

Steckte hinter der Geringschätzung politischer Tätigkeit wesentlich mehr als der in der Stimmungsdemokratie übliche Missmut, müsste man um die Grundlagen des Staates fürchten. Aber das ist keineswegs ausgemacht. Mehr spricht dafür, dass sich die Wähler in ihren Gewählten wiedererkennen und so ihrer Mithaftung gewahr werden. Es passt zur repräsentativen Demokratie, ist durchaus nicht systemfremd, dass die Repräsentierten die Unzufriedenheit mit sich selbst durch Missachtung ihrer Repräsentanten ausdrücken. Das Prestige der Volksvertreter spiegelt die Volksbefindlichkeit. Deshalb ist nicht schon die Demokratie bedroht, nur weil die meisten Politiker wenig geschätzt, schon gar nicht verehrt und so gut wie niemals geliebt werden. Die Herrschaften für unentbehrlich zu halten, würde durchaus genügen. Trotz der allgemeinen Missachtung werden einzelne sehr wohl respektiert, was die Bedrohung ebenfalls in Grenzen hält. Den wenigen Respektierten nachzueifern, wäre schließlich auch eine Möglichkeit, das eigene Ansehen zu heben
.

NDR 4, Forum 4, 29.04.98 (überarbeitet)


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
31.05.2011
Home