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"Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muss", sagt der Narr zu König Lear.
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Aufeinander angewiesen sind sie schon. Dass aber Politik und Publizistik, dass Politiker und Journalisten erhebliche Verständigungsprobleme miteinander haben, wird niemand bestreiten. Wo es die Zensur nicht gibt, kann es auch nicht anders sein. Der Konflikt wurzelt im Grundsätzlichen. Es sind die Berufsbilder, die sich nicht vertragen wollen. Warum das so ist, warum es so sein muss, darüber nachzudenken, lohnt einen Versuch. Auf eine heute etwas gravitätisch anmutende Weise hat sich der Soziologe Max Weber 1919 noch unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der Militärdiktatur und des Kaiserreichs mit dem Beruf zur Politik wie mit dem inneren Beruf zur Wissenschaft befasst. Beide Vorträge regen dazu an, auch den professionell ausgeübten Journalismus zu betrachten. Weber hatte manchem Politiker als Berater gedient. Vom imperialistischen, nationalistischen und rassistischen Geist seiner Frühschriften war er abgerückt, statt dessen für einen Verständigungsfrieden und für die Abdankung des Kaisers eingetreten.
Seine Betrachtungen über die Wissenschaftler galten weniger den Forschern als den akademischen Lehrern. Was er dabei zum Thema "intellektuelle Rechtschaffenheit" und zum Respekt vor unbequemen Tatsachen angemerkt hat, wird jeder Journalist auch heute noch mit Gewinn lesen. Noch interessanter ist aber seine Frage, welche persönlichen Vorbedingungen die Politik bei dem voraussetzt, der sich ihr zuwendet. Weil der Journalismus mit der Politik manche Berührungspunkte hat und weil ihn mit der Wissenschaft eine noch größere Aversion verbindet als mit der Politik, lässt sich mit den von Weber beschriebenen Berufsbildern deutlich machen, was es denn wohl mit der journalistischen Profession auf sich haben könnte.
Weber betrachtete den politischen Journalismus, wie er an der Schwelle zur Weimarer Demokratie, verstanden und ausgeübt wurde, noch als Alternative zu politischer Aktivität oder als gute Vorschule für Berufspolitiker, er zählte ihn zur Politik. Der "Journalist als Typus des Berufspolitikers" war ihm eine
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Max Weber
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Selbstverständlichkeit, während er deutlich sah, dass der Berufspolitiker als Journalist schon damals nicht mehr reüssieren konnte. In der Redaktion der Frankfurter Zeitung war er mit der journalistischen Praxis vertraut gemacht worden, wusste, was es heißt, "sofort, auf Kommando", unter Zeitdruck und ohne eigenen Antrieb schreiben zu müssen.
Heute können die Berufsprofile des Politikers und des Wissenschaftlers dem angehenden Journalisten nur als Gegenbilder dienen. Die spezifischen Fähigkeiten von Politikern und Wissenschaftlern, erst recht ihre Ziele und Wertvorstellungen wären dem professionellen Journalismus unserer Tage geradezu abträglich. Zweierlei verträgt sich mit journalistischer Arbeit überhaupt nicht: Das ständige Bemühen um die Zustimmung des Publikums und das Streben nach Erkenntnis ohne Rücksicht darauf, ob das Erkannte auch attraktiv und verständlich zu machen ist.
Gewiss, Journalisten sind mit Erfolg in die Politik gewechselt, obwohl nicht jeder Politiker, der seinen Beruf mit "Journalist" angegeben hat, dem professionellen Standard von heute genügen könnte. Nur bei den Sozialdemokraten war schon immer zu registrieren, "dass Parteiführer aus den Reihen der Presse hervorgingen". Und auch das blieben Ausnahmen, weil - wie Weber erkannte - journalistische und politische Tätigkeit nebeneinander für den "vermögenslosen und also berufsgebundenen Journalisten" wegen der gesteigerten "Intensität und Aktualität des journalistischen Betriebes" kaum zu vereinbaren waren: "Die Notwendigkeit des Erwerbs durch tägliches oder doch wöchentliches Schreiben von Artikeln hängt Politikern wie ein Klotz am Bein..."
Man ist entweder Politiker oder Wissenschaftler oder man ist Journalist; sicherlich kann man die Wissenschaft oder die Politik aufgeben, um sich vorübergehend oder auf Dauer dem Journalismus zu widmen, was aber seltener gelingt als der Wechsel vom Journalismus zur Wissenschaft oder in die Politik. (Ob Politik und Wissenschaft ihrerseits miteinander zu vereinbaren sind, soll hier nicht erörtert werden. Jedermann weiß, dass es immer wieder gerne versucht wird, wenn auch nur selten mit befriedigendem Ergebnis.) Max Weber selbst scheiterte l9l9 bei der Demokratischen Partei in Frankfurt mit seiner Kandidatur zur Nationalversammlung, und er wusste warum: "Der Politiker muss Kompromisse machen, der Gelehrte darf sie nicht decken." Universitätslehrer mit dem Ehrgeiz, auch noch als Chefredakteure von Tageszeitungen zu wirken, sind damit ebenso gescheitert wie aktive Politiker, die es versuchten und dabei ihr Renommee beschädigt und ihre Blätter ruiniert haben.
Andererseits sind viele Politiker und Wissenschaftler hervorragende Publizisten und Autoren; mit ihren Kommentaren und Analysen bereichern sie Presse, Funk und Fernsehen. Aber eine gute Feder und ein kluger Kopf allein machen noch nicht den ganzen Journalisten aus. Der nämlich weiß noch etwas besser als die meisten Politiker und Wissenschaftler, was die Leute lesen, hören und sehen wollen; vor allem hat er ganz schwache Hemmungen, ihnen das auch anzubieten. Gehemmt von den taktischen Bedenken der Politiker und den Zweifeln der Wissenschaftler wäre im hochtourigen publizistischen Betrieb niemand wettbewerbsfähig.
Was aber den professionellen Journalismus von der Politik und von der Wissenschaft nachgerade trennt, das ist sein subjektives, oft zufälliges, jedenfalls vorläufiges, auf Aktuelles und Neues fixiertes Verhältnis zur Wahrheit. Demgegenüber gehört zur Politik eine instrumentelle, zur Wissenschaft eine existentielle Beziehung zur Wahrheit. Es ist die strenge Objektivität, die eine unüberwindliche Barriere zwischen Wissenschaft und
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Das Unvereinbare hat Verständigungsprobleme

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| Der Journalismus |
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| Die Wissenschaft |
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| Die Politik |
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Journalismus schafft, und es ist der unbezähmbare Macht- und Gestaltungswille der Politiker, der sie letztlich sogar zu Gegnern des Journalismus macht, weil der ihre Machtpositionen unterläuft, sei es auch nur dadurch, dass er die naturgegebenen, gleichwohl als peinlich empfundenen Unterschiede zwischen ihrem Tun und ihren laut verkündeten Absichten ins öffentliche Bewusstsein rückt, oder dass er ihre Tagesordnung und ihre Themenliste durcheinander bringt.
Selbstverständlich ist das Wahrheitsstreben der Politiker nicht immer allein von ihren Interessen gesteuert. Aber dass erfolgreiche Politiker die Wahrheit auch instrumentell handhaben müssen, werden selbst sie nicht bestreiten. Die einfache, die reine und die lautere Wahrheit im richtigen Moment einzusetzen, gehörte schon immer zur Staatskunst. Welcher Politiker wird ohne Not alles für eine Entscheidung relevante Wissen, das komplette Für und Wider also, auftischen? Er sagt nicht alles, was er weiß, und manches, was zu sagen wäre, will er lieber gar nicht wissen.
Das aber trennt die Politik vom geschwätzigen und stets neugierigen Journalismus und - noch radikaler - von der Wissenschaft mit ihrem absoluten, idealiter kompromisslosen Wahrheitsstreben, das keine Grenzen der Erkenntnis respektiert. Das tut der Journalismus zwar auch nicht, aber sein Erkenntnisdrang scheut vor der Tiefe und bleibt regelmäßig schwächer als sein Mitteilungsdrang. Wissenschaft und Journalismus sind in ihrem untaktischen Wahrheitsverständnis etwas näher beieinander als Wissenschaft und Politik, aber immer noch weit genug entfernt, um jedem Wissenschaftler angesichts der journalistischen Arbeits- und Ausdrucksweise die Haare zu Berge stehen zu lassen.
Denn im Journalismus wird weder streng zielgerichtet untersucht, noch systematisch gefragt oder recherchiert, weder mit letzter Eindeutigkeit und Seriosität formuliert, noch begrifflich scharf getrennt. Vorurteil und Zufall, Lust und Laune, Faible und Fortüne machen die journalistische Wahrheitssuche zu einer so subjektiven, nicht selten spielerischen und abenteuerlichen Angelegenheit, dass sie - im Gegensatz zur Politik - so gut wie niemals zur Entscheidungsreife beiträgt und - im Gegensatz zur Wissenschaft - auch kaum jemals zu lückenloser Beweisführung vordringt.
Es sind Tages-, oft nur Stundenwahrheiten, die der Journalismus registriert und transportiert. Und wenn der Journalismus seine Wahrheiten verbreitet, so tut er das zwar auch, um seine Kundschaft über die Haupt- und Staatsaktionen, über das aktuelle Zeitgeschehen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport zu unterrichten, zugleich aber in der jedem Wissenschaftler suspekten Absicht, neben dem Wissensdurst auch die blanke Neugier und das unstillbare Abwechslungs- und Unterhaltungsbedürfnis von Hörern, Lesern und Zuschauern zu stillen.
In diesem Populismus berühren sich Journalismus und Politik: Wie der Politiker darauf bedacht sein muss, dass seine Wahrheiten möglichst vielen Wählern bekannt werden und zusagen, so will der Journalist mit seinen Produkten und Wahrheiten ein möglichst großes Publikum erreichen und zufrieden stellen. Während der auf Zweck und Ziel gepolte Politiker jedoch instinktiv allen ihm schädlichen Wahrheiten ausweicht, steckt in jedem Journalisten der fahrlässig oder mit bedingtem Vorsatz handelnde Sponti und Zündelfritze. Er ist Agent des Öffentlichkeitsprinzips, das eigenen Regeln folgt, die nicht die der Wissenschaft und der Politik sind.
Die von Max Weber in die Politik getragene Unterscheidung zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik war dort schon wenig hilfreich. Sie ist stärker zur Polemik seitens der Macher gegen die Moralisten genutzt worden, als dass sie eine allgemein brauchbare Handlungsanleitung abgegeben hätte. Im Journalismus hat sie jedenfalls noch weniger zu suchen. Alles, was an Verantwortungsgefühl angemahnt wird und über die presserechtliche Verantwortung hinausweist, dient nur als Tarnung von Bemühungen, die Publikationsfreiheit einzuschränken. Wer Verantwortungsethik für den Journalismus fordert, lädt ein zur Bedenkenträgerei und ersetzt das Recht des Publikums, sich selbst ein Urteil über Publiziertes zu bilden, durch eine Fürsorgepflicht der Anbieter; deren Prognose möglicher Risiken und Nebenwirkungen beruht aber auch nur auf subjektiven Überzeugungen, im Zweifel also auf Vorurteilen.
Der Journalist nimmt die absehbaren wie die unberechenbaren Folgen einer Verbreitung seiner Wahrheiten bewusst und leichten Herzens in Kauf, soweit sie - versteht sich - nicht Interessen seines Verlages oder seines Senders betreffen. Was eine Meldung, was eine Recherche politisch anrichten oder was sie für das Schicksal von Menschen bedeuten könnte, danach fragt er - wenn überhaupt - zuletzt. Was man erfährt, was einem zugetragen wird, das wird auch gemeldet, gedruckt oder gesendet, schon weil es nicht der Konkurrenz überlassen werden soll. "Publish and be damned!"
Die Entrüstung über die zynisch anmutende Seite solchen Verhaltens mag von dem Umstand gedämpft werden, dass es - unabhängig von den Motiven - im Dienst des gnadenlosen Prinzips Öffentlichkeit steht. "Wahrheit", sagt der Narr zu König Lear, "ist ein Hund, der ins Loch muss." Dass die dicksten Hunde dort möglichst nicht hinauskommen, daran haben viele ein Interesse, darunter sogar Journalisten, die ja von Voreingenommenheit, von Partei- oder Verbandsloyalität, von persönlichen Bindungen nicht frei sind. Allein die Rücksichtslosigkeit beim Publizieren, die in jeder freien Medienlandschaft herrscht, verhilft auch unbequemen Wahrheiten ans Licht. Weil die Parteipresse diesem Prinzip journalistischer Rücksichtslosigkeit niemals richtig folgen durfte, hat sie am Markt nicht überlebt. Wo immer die Medien einigermaßen frei sind, können Wahrheiten nicht auf Dauer unterdrückt oder auch nur geschönt, dosiert, bewirtschaftet und gesteuert werden.
Die Politik findet sich so schwer damit ab, weil sie dadurch ihre Besitzstände bedroht sieht. Die von Journalisten mitgeteilten und kommentierten Wahrheiten liefern den unentbehrlichen Rohstoff für die politische Meinungsbildung und beeinflussen unmittelbar die Marktanteile der Parteien. Darüber keine Kontrolle zu haben, frustriert den politischen Instinkt. Der Journalismus bringt immer wieder Dinge ins Gespräch, die der Politik ungelegen kommen, vernachlässigt Themen, die sie ins Gespräch bringen will, und er lässt Informationen fließen, deren Strom die Politik nicht regulieren kann, die aber ihre Positionen zu unterspülen drohen.
Der Wunsch, die eigene Position dadurch zu halten oder auszubauen, dass möglichst wenige schädliche und möglichst viele nützliche Wahrheiten verbreitet werden, bringt die Politiker in einen unaufhebbaren Gegensatz zu den Journalisten. Denn die denken nicht an Wahlen, sondern an Auflagen und Reichweiten. Das alles macht diese Berufe unvereinbar.
Die Wissenschaft wiederum, deren verfassungsmäßig garantierte Freiheit viel weiter geht als die Freiheit von Presse, Funk und Fernsehen, betrachtet die Journalisten als undisziplinierte, unstandesgemäße und unberechenbare Verwandtschaft. Ja doch, verwandt ist man schon, lebt auch spätestens seit der Aufklärung vom selben ererbten Kapital der freien Rede und der freien Meinung. Aber der Journalismus - so denken die Wissenschaftler - macht davon nicht den rechten Gebrauch. Er strengt sich geistig nicht richtig an, strebt nicht nach gesicherter Erkenntnis, begnügt sich viel zu oft mit vorläufigen Wahrheiten und vereinzelten Erkenntnissen, mit dem, was Aufsehen erregt und Schlagzeilen macht.
Weil umgekehrt dem Wissenschaftler nichts ferner liegt, als Vorläufiges, Unfertiges, nur Vermutetes und Geargwöhntes zu publizieren, könnte er im Journalismus niemals reüssieren. Mit der Angst vor dem Verlust des wissenschaftlichen Rufs ist nun einmal kein erfolgreicher Journalismus zu machen. Gewiss, auch Journalisten wollen sich nicht mutwillig blamieren, doch ist ihr Mitteilungsdrang allemal stärker als die Furcht vor der Blamage.
Journalismus als Beruf - wo liegt der Reiz, was bietet er im Vergleich zur Politik, um bei Max Weber zu bleiben, an inneren Freuden? Die Lust, gedruckt und gesendet zu werden oder auf dem Bildschirm zu erscheinen, ist vielen Journalisten zwar schon Anreiz genug. Aber bekannt und beachtet zu werden, befriedigt nur das Ego. Zu fragen bleibt, ob der Journalismus darüber hinaus noch etwas an Erfüllung gewährt. Was die inneren Freuden der Berufspolitiker angeht, so verweist Weber auf das "Machtgefühl". über den Alltag hinausheben könne den Berufspolitiker selbst in formell bescheidenen Stellungen nur "das Bewusstsein von Einfluss auf Menschen, von Teilnahme an der Macht über sie, vor allem aber: das Gefühl, einen Nervenstrang historisch wichtigen Geschehens mit in den Händen zu halten". Nichts davon im Journalismus.
Die Wirklichkeit zeigt, dass die inneren Freuden dieses Metiers um einige Nummern kleiner ausfallen als jene, die dem Politiker verheißen werden. Und was das Bewusstsein oder Gefühl angeht, als Journalist Macht ausüben zu können, so ist das ein Kapitel für sich. Der Alltag der allermeisten Journalisten entbehrt jedenfalls der Hochgefühle und des großen Glanzes, worauf schon ihre Berufsbezeichnung verweist: Tagesschriftsteller heißen sie und wenn sie es wirklich sind, dann sind sie noch gut dran; nicht wenige frönen im Schichtdienst, verwalten, redigieren und arrangieren nur, was andere zugeliefert haben. Die tägliche Erscheinungsweise der Zeitungen, der Sendebetrieb rund um die Uhr kettet die meisten Journalisten geradezu an den Alltag. Selbst Sonn- und Feiertage hat der journalistische Betrieb längst in die Alltagsroutine einbezogen.
Iwan Gontscharow lässt seinen Romanhelden Ilja Iljitsch Oblomow äußerst Niederziehendes über die Tätigkeit des Journalisten Penkin sagen, nur weil der noch in der Nacht schreiben muss, um am Morgen sein Manuskript in der Druckerei abliefern zu können: "In der Nacht - schreiben!" dachte Oblomow, "und wann schlafen? Nun, seine Fünftausend im Jahr wird er zusammenschuften! Aber immer nur schreiben, sein
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Iwan Gontscharow ließ seinen Oblomow die Journalisten bedauern: schreiben, glühen, lodern, niemals Ruhe...
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Denken und Fühlen für Kleinigkeiten verzetteln, die Überzeugungen wechseln, mit Verstand und Einbildungskraft Handel treiben, seine Natur vergewaltigen, sich aufregen, glühen, lodern, keine Ruhe kennen und immerzu nach irgendetwas streben... Und nur schreiben und schreiben wie ein Rad, wie eine Maschine: morgen, Übermorgen... Ein Feiertag kommt, es wird Sommer - er aber schreibt und schreibt! Wann macht er denn halt, wann ruht er aus? Der Unglückliche!"
Das klingt nach dem Journalismus von gestern. Doch die eher unattraktiven, die düsteren Seiten, die Gontscharow benennt, gehören nach wie vor zu diesem Beruf. Sicherlich, viel mehr als Fünftausend im Jahr - von welcher Währung auch immer - wirft er inzwischen ab, oh doch, selbst mit den Tarifgehältern lässt sich leben. Die Klage aber, man verzettele sein Denken und Fühlen in Kleinigkeiten, wird immer noch in vielen Redaktionen angestimmt, wenn auch in moderner Fassung: Vor lauter Routine komme man nicht mehr zum Nachdenken, nicht mehr zur gründlichen Recherche, nicht mehr zur sorgfältigen Formulierung.
Auch der Druck, die Überzeugungen wenn schon nicht zu wechseln, so doch zu vergessen, ist keineswegs gewichen. Nicht mehr nur Verstand und Einbildungskraft werden vermarktet, sondern auch Gefühle und intimste Empfindungen. Das Glühen und Lodern der Empörung auf Bestellung oder per Selbsterregung kennzeichnet so manchen Leitartikel und so manche preisgekrönte Reportage. Da ist jedenfalls nichts, was den Journalisten - so wie das Machtgefühl den Politiker - über den Alltag hinaushebt und ihm so starke innere Freuden bereitet, dass er darüber die Schattenseiten seines Berufs vergessen könnte. Er muss, dem Alltag verhaftet, mit der Genugtuung darüber auskommen, dass er dabei sein und miterleben darf, dass er als Augen- und Ohrenzeuge anderen darüber berichten kann, dass er mit seiner Arbeit seinem Publikum das Zeitgeschehen vermittelt, dass er durch Fakten, Argumente und Räsonnement ihre Ansichten und Meinungen beeinflusst. Wo andere Geschichte machen, macht er Berichte. Auf Nachruhm darf er nicht hoffen. Wichtig genommen wird er nicht so sehr als Person, sondern vor allem als Vertreter seines Blattes oder seines Senders.
Schon deshalb wollte Max Weber schwachen Charakteren zum Beruf des Journalisten nicht raten, insbesondere denen nicht, die nur "in einer gesicherten ständischen Lage" - heute würde er wohl von einer respektierten gesellschaftlichen Position sprechen - "ihr inneres Gleichgewicht behaupten können". Deshalb konnte er die journalistische Existenz nur als Hasardspiel deuten, ohne "feste ständische Konventionen", die den Journalisten vor "Entgleisung" und "oft bitteren Erfahrungen im Berufsleben" bewahren konnten.
Unter unseren egalitären Verhältnissen ist das Leben eines Journalisten kein Würfelspiel mehr, wenn es auch mit dem gesellschaftlichen Ansehen immer noch nicht weit her ist. Aber bittere Erfahrungen und Demütigungen hält es noch genug bereit. Viel mehr Genugtuung als jene, die aus der eigenen Professionalität und aus der Behauptung der inneren Unabhängigkeit erwachsen, sollte ein Journalist besser nicht erwarten. Für jenes Hochgefühl jedenfalls, das dem Politiker zuwächst, weil er als Machtausübender über das "Mittel der legitimen Gewaltsamkeit" verfügt, gibt es im Journalismus kein Äquivalent. Der Journalist kommt gar nicht in eine Lage, wo er sich mit jenen "diabolischen Mächten" einlassen müsste, die laut Weber in jeder Gewaltsamkeit lauern. Das Quantum an Gewaltsamkeit, das in bösartigen Schlagzeilen, Falschmeldungen, Verleumdungen und Kampagnen lauert, mit den Dimensionen politischer Gewaltausübung zu vergleichen, würde zu einer unangebrachten Dämonisierung eines weitgehend gezähmten, banalisierten in jedem Fall untragischen Berufs führen.
Stärker auf Neuigkeiten als auf Macht fixiert, erliegt der Journalist eher den Versuchungen kurzbeiniger Teufel: der Entstellung, der Übertreibung, der Verharmlosung, der Beschönigung, der Halb- oder Teilwahrheit, eben der Lüge in all ihrer Vielgestaltigkeit. Auch die Politik ist diesen Versuchungen - neben weit schlimmeren - ausgesetzt. Aber so mancher höherer Zwecke wegen wird ihr so manches nachgesehen. Wer im Journalismus diesen Versuchungen nachgibt, der riskiert Ansehen und Glaubwürdigkeit, wenn auch nicht unbedingt die Karriere.
Wenn Politik - wie Weber gesagt hat - "ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß" bedeutet, was macht dann den Journalismus aus? Im Normalfall doch wohl eher ein schnelles Bohren dünner Bretter, bei dem Leidenschaft lächerlich wirkt und Augenmaß ohnehin nicht gefragt ist. Webers Politikerideal in die journalistische Alltagsrealität zu übertragen, mag als unfair empfunden werden. Es führt zudem in die Irre: Auch der Idealjournalist, wenn er denn sein Publikum nicht verlieren will, wäre mit dem langsamen Bohren harter Bretter völlig falsch beschäftigt. Entweder findet er schärfere Bohrer, also: kräftigere Argumente und Tatsachen, denen das Hartholz nicht widersteht. Oder er sucht sich ein anderes Thema. Die meisten Journalisten interessiert gar nicht mehr, was aus ihren Anstößen wird, weil sie längst wieder etwas anderes fasziniert oder aufregt.
Jene "sterile Aufgeregtheit", die Max Weber (seinen Freund Georg Simmel zitierend) zu den Sünden des Politikers zählt, kann nämlich den Journalismus durchaus reizvoll machen. Weber meinte damit eine "ins Leere verlaufende Romantik des intellektuell Interessanten ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl". Gerade die aber hat uns doch von der Midlife Crisis über allerlei Paradigmenwechsel und Zeitbrüche bis zur Politikverdrossenheit und zum Werteverfall schon äußerst publikumswirksame Themen beschert.
Weil im Journalismus abgehandelt, aber nicht gehandelt, bestenfalls unterschieden, aber nicht entschieden wird, weil die Journalisten nur dem Publikumsinteresse, aber nicht dem Gemeinwohl verpflichtet sind, deshalb fehlt dem Gewerbe von vornherein die Dimension des Konflikts zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Dieser Konflikt, den Max Weber im Beruf des Politikers geradezu schicksalhaft angelegt sieht, findet sich im Journalismus allenfalls in einer ganz verdünnten und ausschließlich kommerziellen Variante: Publizitäts- oder Ertragsethik? Veröffentlichen um jeden Preis oder immer nur mit Rücksicht auf Quoten, Auflagen und Anzeigenerlöse?
Wo es an Verbindlichkeit fehlt, wirkt Verantwortungsethik jedenfalls einige Nummern zu groß, von Gesinnungsethik ganz zu schweigen, weil die im Journalismus noch mehr Schaden stiften kann als in der Politik, wo ihr von Weber in Grenzsituationen ja durchaus Respekt gezollt wird. Was die besondere Ethik des journalistischen Handwerks angeht, so sucht man sie tunlichst ein paar Etagen unterhalb der Ebene, auf der politische oder die sich neuerdings häufenden Gewissensentscheidungen fallen. Drei Qualitäten verlangt Max Weber von einem Politiker: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Stünden sie dem Journalisten nicht ebenfalls gut an? Nein, sie würden ihn letztlich für seinen Beruf verderben. Dass übersteigertes Verantwortungsgefühl zur fragwürdigen Publikationshemmung werden kann, liegt auf der Hand. Der Journalist genügt seiner Verantwortung, wenn er sich bemüht, der Wahrheit auf die Spur zu kommen und dann auch in dem, was er veröffentlicht, bei ihr bleibt. Was alle möglichen Folgen seiner Veröffentlichung angeht, so sollte er sich nicht zum Fürsorger seines Publikums machen.
Und das Augenmaß? Zuviel davon trägt nur dazu bei, diesen Beruf zu verfehlen. Was der Journalist statt dessen braucht, ist der Blick fürs Neue, Ungewöhnliche, Absonderliche, Skurrile, Paradoxe und Schräge, gerade auch fürs Modische, nicht zu vergessen. Augenmaß verweist auf den Typus des abgeklärten Betrachters, der sich von Firlefanz und Oberflächlichkeit überhaupt nicht mehr beeindrucken lässt. Augenmaß impliziert die tendenziell endgültige, verbindliche Sichtweise. Der Journalist beschränkt sich tunlichst auf eine vorläufige Betrachtung der Dinge. "Journalist mit Augenmaß" klingt wie die Beschreibung eines Langweilers. Die Leidenschaft schließlich, so wie Weber sie dem Politiker wünscht, taugt für den journalistischen Tugendkatalog erst recht nicht. Leidenschaft im landläufigen Sinne schadet in den wenigsten Berufen, trägt freilich in einigen Branchen doch eher komische Züge. Aber so, wie viele Arzt oder Gärtner oder Förster aus Leidenschaft sind, so kann jemand leidenschaftlicher Reporter, Moderator oder Kommentator sein. Die Leidenschaft zum Beruf, zum Metier und zu den damit verbundenen Tätigkeiten meinte Weber aber mit Blick auf den Politiker gerade nicht.
Wo nämlich nur der politische Betrieb an sich, das so genannte politische Handwerk, Gegenstand von Leidenschaft wäre, da ist nach Webers Kriterien der Beruf zur Politik schon verfehlt worden. Denn dazu gehört für ihn mehr: die "leidenschaftliche Hingabe an eine "Sache", an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter ist". Und bei dieser "Sache" handelt es sich um nicht mehr und nicht weniger als um die politischen Ziele, um die Ideen und Programme, um all das, was ein Politiker bewahren oder durchsetzen will. Heutzutage geschieht das ohnehin nicht mehr mit Leidenschaft, sondern mit Engagement, sprich: Überengagement. Ein Journalist, der über seine Leidenschaft zur Profession und zum eigenen Handwerk hinaus mit leidenschaftlicher Hingabe einer bestimmten "Sache" dienen wollte, überschreitet die professionell gebotene Grenze, die den Journalismus von der Agitation und der Propaganda, erst recht vom politischen Handeln fernhalten soll.
Der überengagierte Journalist passt nicht mehr in unsere Medienlandschaft, wird, wenn er das nicht merkt, zur komischen Figur. Als Staatsbürger und Privatmann, durchaus auch als Kommentator, Kolumnist, Leitartikler und Polemiker mag ein Journalist sich seiner "Sache", seinen politischen Überzeugungen, ideologischen oder weltanschaulichen Positionen, verpflichtet fühlen. Reporter und Redakteure aber, die ihren Hörern, Lesern und Zuschauern möglichst unbefangen mitteilen und verständlich machen wollen, was um sie herum und draußen in der Welt geschieht, enthalten sich der leidenschaftlichen Hingabe an solche "Sachen".
Ihre Hingabe gilt nur dem Journalismus selber, ihrem Handwerk und Metier. Denn der Journalismus ist noch wichtiger als das, was er transportiert. Er hält, solange er frei bleibt, das Bedürfnis nach Öffentlichkeit wach. Er ist - unabhängig von der Integrität, Kompetenz und Integrität seines Personals - das unentbehrliche Selbstreinigungsinstitut einer freien Gesellschaft. Dazu bekennt sich auch die Politik. Ihr Personal freilich interessiert sich für die Ladung sehr viel mehr als für das Vehikel - jedenfalls solange es auf dessen Lenkung keinen Zugriff hat.
Schlusskapitel aus Einmal vorwärts und zurück, gesendet auf NDR 4 am 4. 3. 1997
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