Ein Mann blickt zurück und erinnert sich einer ersten Begegnung mit einem Zeitgenossen: Berlin Anfang 1927, ein ungemütlicher Wintermorgen mit Nieselregen. Der Lehrer Fritz Sänger, frisch gebackener politischer Kontaktmann des Deutschen Beamtenbundes in der Reichshauptstadt, erscheint zur Antrittsvisite beim Präsidenten des Preußischen Staatsrates, dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Der empfängt die Beamtenfunktionäre, ohne ihnen einen Stuhl anzubieten.
Er ist schlecht gelaunt und desinteressiert. Er gähnt.Die lange Bahnreise vom Rhein an die Spree habe den Herrn Präsidenten sicherlich angestrengt, sagt einer der Besucher. "Ja, ja", entgegnet Adenauer, "bis Braunschweig geht das immer noch. Dann wird es langweilig, da beginnt für mich die Steppe."
Als Adenauer 22 Jahre später in Bonn zum Bundeskanzler gewählt wird, dauert es nicht lange, bis Fritz Sänger erkennt, daß in der Berliner Episode mehr steckt als nur eine Anekdote. Der Satz, hinter Braunschweig beginnt die Steppe, erscheint ihm immer stärker als Schlüssel zum Verständnis der Politik des Bundeskanzlers und dessen Verhältnisses zum deutschen Osten.
Sänger, der im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik als Chefredakteur an der Spitze der Deutschen Presse-Agentur (dpa) steht, stammt selbst aus dem Osten. 1901 in der pommerschen Hauptstadt Stettin geboren, lernte er nach dem Lehrerexamen beim General-Anzeiger seiner Heimatstadt das journalistische Handwerk. Von Anfang an ist er ein skeptischer Beobachter der Bonner Politik, und bald steht für ihn fest, daß der Kanzler "keine innere Beziehung zu diesem Teil des ganzen Deutschland" besitzt.
Bei der zweiten Begegnung der beiden Männer am 12. Mai 1950 macht der Bundeskanzler sogleich deutlich, daß er den Sozialdemokraten Sänger nicht gern an der Spitze von dpa sieht. Alles, was Sänger nach dem Krieg zunächst als Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung und in dem von ihm wiedergegründctcn Sozialdemokratischen Pressedienst geschrieben oder als SPD-Abgeordneter im niedersächsichen Landtag gesagt hat, findet Adenauers Mißbilligung: "Das sind aber gar nicht meine Meinungen."
Der Besucher hat das schon vermutet und antwortet ebenso unverblümt: Er wisse sehr wohl, daß der Herr Bundeskanzler des öfteren einen Wechsel an der dpa-Spitze gefordert habe. Doch Konrad Adenauer, Hand aufs Herz, beteuert: "Das sind alles Lügen, das müssen Sie nie glauben." Unzufrieden sei er allerdings über den Umstand, als Bundeskanzler von einem politischen Gegner über das Zeitgeschehen informiert zu werden.
Es dauert neun Jahre, bis der CDU-Kanzler von diesem sozialdemokratischen Ärgernis befreit wird. Am 1. Juni 1959 scheidet Sänger als Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur aus. Vorausgegangen sind ständige Attacken aus dem Regierungslagcr. Den letzten Stoß freilich führen einige Verleger im dpa-Auf-sichtsrat, denen es nicht paßt, daß sich der Gewerkschafter Sänger, Mitglied der Deutschen Journalisten-Union, immer wieder öffentlich für Reformen in der Struktur des Pressewesens ausspricht: für ein organisches Verhältnis zwischen Redaktion und Verlag ohne Über- und Unterordnung; für das Zeitungsmachen als "geistige Aufgabe ... der das kommerzielle Interesse des Verlegers zu dienen hat".
Wer Sängers nüchterne, unpolemische Schilderung seines damaligen Hinauswurfs liest, wird merken, daß dieser Mann gewiß kein schlechter Sachwalter der Unabhängigkeit und Objektivität der dpa-Berichterstattung war. Seine Berufsauffassung, noch geprägt von der alten Frankfurter Zeilung, für die er bis 1943 aus Berlin berichtete, bewahrte ihn davor, eigene Überzeugungen oder gar politisches Wunschdenken zur Richtschnur des Nachrichtengeschäfts zu machen.
Als wachsamer, scharfer Beobachter hatte er sich selbst von den raffinierten Tricks der Nazi-Propaganda nicht täuschen lassen. Auf der Pressetribüne des Berliner Sportpalastes erlebte Sänger mit, wie Hitlers Propaganda-Minister Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 den "totalen Krieg" ausrief. Die Beifallsstürme, die damals aus allen Radiolautsprechern in Deutschland tönten, erweckten den Eindruck überwältigender Begeisterung für Hitlers Krieg. Doch der Berichterstatter der Frankfurter Zeitung durchschaute, was da gespielt wurde.
Karten für den Sportpalast waren nur an zuverlässige Mitglieder der Nazi-Partei, vor allem an höhere Funktionäre ausgegeben worden. Goebbels hatte sichergehen wollen, daß "nichts passierte", wie ein Beamter des Propagandaministeri-ums einigen Journalisten gegenüber zugab. Wenn nach besonders auf Wirkung getrimmten Goebbels-Phrasen der Beifall aufbrandete, ließen die Sportpalast-Regisseure zusätzlich Schallplatten mit früher aufgenommenem Ovationslärm einblenden, wodurch Lautstärke und Dauer der Begeisterung gesteigert wurden.
Von der Pressetribüne herab konnte Sänger, wie er nach der Kundgebung in einem vertraulichen Bericht für seine Redaktion schrieb, "beobachten, ob sich die Hände bewegten, wie die Menschen reagierten, wie die Gesichter aussahen. Es gab keine totale Einmütigkeit, keine euphorische Zustimmung. Wir waren erstaunt zu sehen, daß sich viele Hände niemals rührten, daß die Menschen zum Teil zögernd aufstanden, mag es Faulheit, Müdigkeit oder Mangel an Engagement gewesen sein. Sie standen mit gesenktem Kopf, so als ob sie etwas über sich ergehen lassen mußten. Alles in allem war die Stimmung gewiß erregend, aber einmütig oder überzeugend war sie nicht".
Als Sänger nach dem Kriege amerikanischen Besatzungsoffizieren seine Wahrnehmungen bei jener Goebbels-Kundgebung schilderte, warfen sie ihm Beschönigung
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Fragen und Recherche? - Instruktion und Inkoktrination!
Goebbels 1937 : "1. Reichslehrgang für pressefachliche Fortbildung"
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vor und nannten ihn einen "unverbesserlichen Nazi". Sein Resümee: "Ich wollte damals wie heute verhindern, daß ein unwahres oder trügerisches Bild gesehen wird." Wahrheitsstreben und Mut haben ihm stets innere Unabhängigkeit gesichert. Er riskierte es sogar, einem ausdrücklichen Verbot zuwider die in Berlin ausgegebenen Weisungen der Nazi-Regierung an die deutsche Presse zu sammeln - ein Dokument schändlicher Presse-Gängelung, das er 1975 veröffentlicht hat (Politik der Täuschungen, Mißbrauch der Presse im 3. Reich, Europa Verlag Wien 1975).
Seine eigene Meinung ließ er sich auch von seinen sozialdemokratischen Freunden niemals abhandeln. Als der damalige SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer ihm die Chefredaktion der Parteizeitung Vorwärts antrug, antwortete Sänger: "Ja, aber nur, wenn Ihr die Redaktion nach Hamburg verlegt." Er wußte, daß die redaktionelle Unabhängigkeit im Schatten der Bonner Vorstandsbaracke nur schwerlich hätte gewahrt werden können. Im gleichen Geist wirkte er von 1961 bi» 1969 als Bundestagsabgeordneter. Der Abgeordnete, so schreibt er als Ermunterung für heutige Fraktionsabweichler, muß seine "Pflicht in voller Unabhängigkeit erfüllen, auch frei von Forderungen, die seine Partei oder Fraktion ihm stellen".
"Verborgene Fäden" (Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1978) heißt dieses Erinnerungsbuch eines vorbildlichen Journalisten. All jene Fäden aber, die Fritz Sänger geknüpft hat, um Kollegen zu helfen, erwähnt er nicht. Es sind so viele - einige reichen auch in die Redaktion des stern -, daß sie hier wenigstens in Dankbarkeit angedeutet werden sollen.
stern, 31/1978
Fritz Sänger starb am 30. Juli 1984 in München. Die Nachricht von seinem Tod ging mir nahe; er war ein väterlicher Freund und Kollege, dessen Zuspruch mir in schwierigen Vorwärts-Jahren geholfen hat, mich nicht als Parteiverräter fühlen zu müssen. Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt schrieb in seinem Nachruf (Vorwärts 2. August 1984):
>> Das Stehvermögen, das er bewies, als sich der dpa-Aufsichtsrat dem politischen Druck der Konservativen beugte, hat Fritz Sänger zum Vorbild eines selbstbewußten Journalismus gemacht. Er ist in den vielen Jahren seither ein sensibler, kritischer und selbstkritischer Begleiter der Entwicklung des deutschen Presse- und Rundfunkwesens geblieben. Zu seinem 80. Geburtstag hat seine Partei einen Fritz-Sänger-Preis für unabhängigen, kritiscnen Journalismus geschaffen. (...) Ihm verdanken wir wesentliche Arbeit bei der Formulierung des Godesberger Programms von 1959. Wer weiß heute noch, daß die der Öffentlichkeit vorgelegte letzte Fassung seiner redaktionellen Feder entstammt? (...) Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, daß Fritz Sänger - ohne je ein Staatsamt ausgeübt zu haben - einen wesentlichen Anteil an der demokratischen Entwicklung unserer Bundesrepublik gehabt hat. <<
Der von der SPD 1981 gestiftete Preis soll die Bedeutung Sängers für die Entwicklung einer demokratischen deutschen Presse würdigen und all jene ermutigen, "die für die Freiheit der Meinungsäußerung sowie für die die Presse- und Rundfunkfreiheit im Sinne des Grundgesetzes eintreten". Nachdem der Preis dreimal verliehen worden war, wiesen die beiden Preisträger des Jahres 1989 die Auszeichnung zwei Tage vor der Zeremonie zurück. Sie glaubten, der Namensgeber habe über Jahre hinweg dabei geholfen, Goebbelsche Propagandalügen zu verbreiten. Damit geriet ein bis dahin hoch geachteter sozialdemokratischer Journalist in arges Zwielicht. Und er konnte sich nicht wehren.
Der Vorwurf bezog sich zum einen auf Sängers Tätigkeit im Berliner Büro der Frankfurter Zeitung, wo er, von den Nazis wegen seines SPD-Parteibuchs als Redakteur der Preußischen Lehrerzeitung entlassen, nach Aufhebung seines Berufsverbots 1935 wieder eine Anstellung gefunden hatte; er übermittelte seiner Redaktion die auf der Reichspressekonferenz verkündeten Meldungen, Parolen, Sprachregelungen und Hintergrundinformationen. Zum anderen wurden Sänger einige zweifellos von ihm verfasste Zeitungsberichte aus den letzten Kriegstagen vorgehalten, die geeignet sind, ihn als Kriegspropagandisten und Durchhaltetrommler zu diskreditieren.
Seine Tätigkeit für die Frankfurter Zeitung, die von den Nazis eine Zeit lang als bürgerliches Vorzeigeblatt geduldet wurde, hatte Sänger nach dem Krieg mehrfach und ausführlich beschrieben. Auch verschwieg er nicht, dass er 1943 nach dem Verbot der FZ als Berliner Korrespondent für das Neue Wiener Tageblatt und die Kieler Zeitung ("Gauamtliches Organ der NSDAP") berichtet hatte. Die Tätigkeit für diese beiden Blätter ersparte ihm, für den nationalsozialistischen Angriff zu arbeiten, dem er schon zugewiesen worden war. Zum Inhalt seiner Artikel aus dieser Zeit hat er sich aber nicht detailliert geäußert, sondern beließ es bei dem Satz: "Ich glaube nicht, daß ich heute etwas verleugnen müßte von dem, was ich geschrieben habe."
Das freilich sah er gegen Ende seines Lebens in anderem Licht, wie seine Frau, Irmgard Schäfer-Sänger, notiert hat: "Man weiß, daß seit Stalingrad für Journalisten kein Spielraum mehr bestand, der Lügenpropaganda zu entgehen. Fritz Sänger hatte Familie. Er wollte überleben. Unter den gewaltigen Zwängen der Zeit entschied er sich dafür, nicht aufzufallen. Er kopierte Parolen und machte sich schuldig. Er litt darunter."
Wer damals in Hitler-Deutschland Journalist bleiben wollte, der konnte sich nur schuldig machen. Um darüber moralisch zu urteilen, müßten Nachgeborene die Umstände im Einzelfall schon sehr genau kennen. Der Sozialdemokrat Sänger war jedenfalls kein politischer Mitläufer, er war ein professioneller Mitmacher, der aber einem Journalisten in der Hauptstadt gebotene Informationsmöglichkeiten und Kontakte zur Opposition, zu Botschaften und zu ausländischen Journalisten mit aller Vorsicht auch zu guten und humanen Zwecken zu nutzen wusste.
o So sammelte er die in der Reichspressekonferenz ausgegebenen als "streng geheim" klassifizierten Weisungen, insgesamt mehr als 50.000 Dokumente, und ließ sie von einem Freund im Gifhorner Moor verstecken. Das war ausdrücklich verboten und hätte ihn, wäre es damals entdeckt worden, hinter Gitter gebracht. Nach dem Krieg ging das Konvolut an das Institut für Zeitungswissenschaften der Universität München und diente Sänger später für seine eigene Publikation.
o Männern des Widerstands, Julius Leber, Wilhelm Leuschner, Carlo Mierendorf, diente Sänger mit Informationen über Personalien aus dem Propagandaministerium und dem Auswärtigen Amt. Man hatte ihn selbstverständlich in Kenntnis seiner sozialdemokratischen Gesinnung darauf angesprochen. Leber bat ihn, sich für den Fall eines Staatsstreichs auf die Übernahme des Deutschen Nachrichtenbüros vorzubereiten und nach geeigneten Mitarbeitern umzusehen. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 sah sich Sänger unter verstärktem Druck, ja nicht aufzufallen, ja nicht von den offiziellen Sprachregelungen und Phrasen abzuweichen.
o Bald nach der "Machtübernahme" verbarg Sänger den sozialdemokratischen Stadtschulrat von Neukölln, Dr. Kurt Löwenstein, seine Frau und ihren Sohn vor den Nazis in seiner Wohnung und verhalf ihnen zur Flucht. Später besorgte er der Familie des Pressefotographen Karl Meyer falsche Pässe, um ihr die Flucht zu ermöglichen. Meyer, mit einer Jüdin verheiratet, galt als "nichtarisch versippt" und wurde mehrmals von Sänger gewarnt, wenn Razzien bevorstanden. Weitere Fälle waghalsiger Hilfsbereitschaft notierte Sänger in seiner Schrift "Der Freiheit dienen" (Steidl Verlag 1985). Und die Nachkommen derer, denen er geholfen hat, sind die besten Anwälte dieses verdienstvollen Mannes.
Wie er gestorben ist, hat der Münchner Journalist Ernst Müller-Meiningen jr. in seinen Erinnerungen (Orden, Spießer, Pfeffersäcke, Schweizer Verlagshaus, Zürich 1989) berichtet: "Sänger erklärte seinem Arzt in dessen Sprechstunde aufgeregt, soeben einem Mann mittlerer Jahre auf der Straße begegnet zu sein; er habe (...) gesagt, er sei jener, den Sängers erste Frau 1942 als Baby vor der Verschleppung nach Auschwitz gerettet, und den das Ehepaar Sänger anschließend in einem Schrebergarten versteckt und später ins Ausland gebracht hatte. Die aufgeregte Schilderung in der Artzpraxis endete mit tödlichem Herzschlag. In der Verwirrung seiner todgeweihten Phantasie war die schreckliche Vergangenheit noch einmal präsent geworden."
Im letzten Brief, den Fritz Sänger mir schrieb, erinnerte er sich an meine Heimatstadt _ __----------- 
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