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Ein alter Mann
erinnert sich
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Ist er nicht mal von so einer Wasch in die Uecker gefallen?
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Das Bollwerk in Ueckermünde
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Stettin: Denkmal Wilhelms I.
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Fritz Sänger
Widenmayer Str. 25
8000 München 22 |
München, 13. März 1983 |
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Lieber Herr Gründler,
Sie haben mir einen Brief geschrieben und einen Beitrag angelegt, den Sie im Rundfunk oder Fernsehen gesprochen haben. Er beginnt mit Ueckermünde, der Stadt, in der Sie wohl geboren sind oder aufwuchsen.
Was haben Sie in mir aufgerührt!
Wenn vor dem 1.Weltkrieg die Osterferien kamen oder die Herbstferien, manchmal auch dazwischen noch die paar Tage um Pfingsten herum - ich konnte von Stettin, wo ich geboren wurde und aufwuchs, nach Ueckermünde fahren. Und ich fuhr mit eben jenem Dampfer, den Sie erwähnten, allein, später zusammen mit meinem ein paar Jahre jüngeren Bruder. Es war doch für uns in dem Lebensalter um 10 und 12 Jahre oder ein Jahr später ein Erlebnis.Wir kamen in Ueckermünde zu Freunden meines Vaters, die direkt an der Brücke wohnten und dort ein Geschäft hatten. Münter hiess der Mann und seine Söhne Richard und Paul, und Sie könnten vielleicht die Schule gemeinsam besucht haben. [Nein, die waren älter als ich.]
Ihre Mutter, erzählten Sie, habe verlangt, daß jeder schwimmen [lernen] müsste, sonst dürfe er nicht an der Uecker spielen. Richtig! Da gab es doch eine "Wasch", ein Floss aus Brettern mit einem erhöhten Rand, auf dem die Frauen sassen und ihre Wäsche im langsam fliessenden Fluss wuschen. Wissen Sie es noch? Ich war auf der Wasch. Sie war am Ufer befestigt, nicht ganz nahe, es war ein Wasserstreifen zwischen dem Kai und dem Floss, und ich fiel genau da hinein. Wenn der älteste Junge von Münters nicht schnell zugegriffen hätte, wäre ich unter die Wasch geraten und wohl ertrunken. Er zog mich vor und raus. Ich lebe!
Und morgens, ich weiss es noch so gut, sahen wir aus dem Fenster auf das Haff hin. und die ersten Boote mit Motoren ratterten hinaus. Das waren die Kaufleute, die das (...) Schiff draussen, das sie gesichtet hatten, erreichen wollten, um es zu verproviantieren, wie sie sagten. Wer zuerst dort war, hatte die Chance.
Ja, die Wiesen und der herrliche Wald ringsum. Unvergessen sind die Fahrten in der Kutsche in den Maienwald über die Uecker hin nach Osten, unvergessen die Mühen, auf den Wiesen Frösche zu fangen, unvergessen die einsamen Wege in der Heide. Unvergessen ist für mich auch jene Nacht, in der ich Ueckermünde nur vom Haff her sah, seine Lichter und zwischen der Stadt und mir die tiefe Dunkelheit einer regenschweren Nacht lag, die dann mit einem Male von einem fast vollen Mond erhellt wurde.
Ich war aus Magdeburg mit dem Faltboot unterwegs zur Ostsee. Ich hatte den Weg von der Elbe über Berlin, die Havel, den Kanal nach Stettin, die Oder befahren, hatte in Stettin Halt gemacht und paddelte die Oder abwärts bis Stepenitz, nach "drüben" (zum Westufer) und blieb dort im Schilf liegen, bis es Abend war. Ich wollte in der Nacht über das Haff, weil es dann still sein würde.
Es war so still als hätte sich alle Stille der Erde hier vereinigt und über das Wasser gebreitet. Ich fuhr am Rande des Schilfs entlang bis zur Ueckermündung, dann quer hinüber über das freie Wasser zur Peene und bin dort in früher Morgenstunde an Land gegangen, auf eine Wiese. Im Schlafsack habe ich tief geschlafen, bis ein heisser Hauch mich weckte: Eine Kuh wollte wohl wissen, was da los war. Mein Boot war heil geblieben, sie hatte es nicht zertrampelt. Abends war ich auf der Ostsee und in Lubmin bei Greifswald.
Heimat, lieber Freund!
Jetzt vor zwei Jahren war ich in Stettin. Ich habe meine Vaterstadt niemals so schön gesehen wie vor zwei Jahren! 1927 am ersten Januartag hatte ich sie verlassen. Ich war dann nur immer für ein paar Stunden dort. Jetzt ging ich durch die alten Strassen, die neue Strassen geworden waren, (obwohl die Bogislav-Strasse noch immer so heisst) bepflanzt, mit zum Teil schon wieder geputzten Häuserfronten, mit neuen Springbrunnen, wo einst ein Kaiser-Denkmal gestanden hatte. Ich erlebte die Duldsamkeit, daß ich am Glambecksee, wenige hundert Meter von der Grenze zur DDR hin, noch aus dem Bus aussteigen konnte und an den See und um den See gehen durfte, ohne dass eine Polizei mich hinderte.
Erst auf der Rückfahrt, als wir Stettin verliessen und in die DDR einfuhren, kam das Wort Heimat wieder in den Sinn - mit einem anderen Klang.
Dank für Ihren Brief! [weiter handschriftlich] Es ist Mitternacht. Ich bin Ihnen sehr verbunden und will morgen noch ein paar Zeilen schreiben.
Ihr Fritz Sänger
Handschriftlich weiter unter dem 14. III. 1983:
Ich bin in einem tiefen Abgrund. Ich bin dort leider oft. Woran liegt es? Man sorgt für mich, man hilft mir - und ich bin ganz allein. Der kleine Hund liegt neben mir und schläft. Er ist bald 16 Jahre alt, aber mobiler als ich. Ja, hatte ich - ich hätte es besser wissen müssen! - gemeint, ich würde noch einen neuen Aufstieg der politischen Wirklichkeit erleben, bevor ich gehen müsste. Am 1. April werde ich das 63. Jahr meiner Mitgliedschaft in der SPD beenden und das 64. beginnen. Noch einmal vier Jahre warten? Ich werde es nicht mehr können. Also machen Sie es und ihre Altersgenossen. Es wird kein schöner Abschied, denn ich war nie passiv in dem Haufen. (...) Ich sähe Sie gern einmal wieder. Herzliche Grüße bis dahin und Dank! Ihr F.S.
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© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
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