EAnsichtssachen

aus der Website von  Gerhard E. Gründler

Der Sandsack und die Solidarität

Im Alltag rückt das Volk wieder auseinander



Not lehrt beten, hieß es einst. Heute wird seltener gebetet, deshalb aber nicht weniger mitgelitten und weniger Hilfe geleistet als früher. In der Hochwassernot, bedrängt von den Schreckensfluten an Donau, Elbe und Mulde rückten die Menschen zusammen, brachten ihre bedrohten Nachbarn in Sicherheit, füllten Sandsäcke ab, pumpten Keller leer, packten mit an - selbst wenn sie ihre eigene Bleibe und Habe schon verloren hatten. Als ob sie nur darauf gewartet hätten, endlich einmal zeigen zu dürfen, was sie leisten können, wenn es auf ihr Mittun ankommt. Die Millionenbeträge, die von privaten Spendern eingingen, noch mehr die Millionen Sandsäcke, die tausende freiwillige und professionelle Helfer vor Türen und auf Deichkronen legten, haben die Erinnerung an diese Jahrhundertflut geprägt. Der Sandsack als Symbol praktizierter Solidarität.

Der Bundespräsident bestärkte uns in dem guten Willen, "ein solidarisches Volk" zu sein. "Was wir brauchen", sagte Johannes Rau, "sind Zusammenhalt, Tatkraft - und Beharrlichkeit." Mit dieser Flut fertig zu werden, müsse die Sache aller Deutschen sein. Das waren unpathetische, nüchterne Worte, die der schlimmen Lage gerecht wurden. Keine Frage: Das Ausmaß der Hilfsbereitschaft machte uns Deutschen alle Ehre, auch wenn Gaffer und Katastrophentouristen denn doch daran erinnerten, dass auch hierzulande der mitmenschliche Impuls nur vorübergehend aufblüht, die allzu menschliche Sensationslust und das Beiseitestehen aber dem normalen Verhalten entspricht. Johannes Rau mit seinem christlichen, deshalb skeptischen Menschenbild wusste, dass die Welle der Solidarität nicht dauern konnte, dass es im Alltag kein Volk von Brüdern und Schwestern gibt, sondern vielmehr eine Gesellschaft von Menschen mit unterschiedlichen und regelmäßig widerstreitenden Interessen.

Der Bundeskanzler hingegen, dem das Hochwasser in letzter Minute wieder Oberwasser für seine festgefahrene Wahlkampagne bescherte, bemühte sich sogleich, engagiertes Mittun und großzügiges Spenden als Bestätigung der Wertvorstellungen seiner Partei zu deuten. Alle Menschen werden Brüder, sozialdemokratische, wenn irgend möglich. Die Flut, so fand Gerhard Schröder, habe all jene eines besseren belehrt, die sagen, Solidarität sei unmodern. Für ihn war Solidarität über Nacht zu einem Zauberwort geworden, das ihm doch noch politisches Überleben versprach. Was an den aufgeweichten Deichen und den vollgelaufenen Straßen an Solidarität praktiziert wurde, nahm er als Beweis dafür, dass es trotz allem Gerede von der Ich-Gesellschaft, der Ellenbogenmentalität und der sozialen Kälte eine starke Neigung zu gemeinschaftsorientiertem Handeln gebe. Er witterte und ergriff die Chance, sich als Kanzler des Allgemeinwohls darzustellen. Wobei er hoffte, es möge unbemerkt bleiben, dass er damit nur traditionelle SPD-Programmatik zu entstauben suchte, die zu erneuern er als Parteivorsitzender leider versäumt hatte.

Einige politische und publizistische Äußerungen dieser Katastrophentage ließen gar die Sehnsucht anklingen, das bewegende Erlebnis des Miteinanders in der Not möge für den Fortgang der Dinge, insbesondere für die Zeit des Wiederaufbaus bestimmend bleiben. Sollte denn die gerade eben erst zusammengeführte Nation schon morgen wieder dem Parteienstreit und den Interessenkämpfen ausgesetzt werden? Konnte der Wahlkampf nach dem Gemeinschaftserlebnis des Kampfes gegen die Fluten nicht sachlicher geführt werden? Seht her, ihr Politiker, die Menschen tun selber etwas, wenn sie herausgefordert werden! Eigentlich werdet ihr gar nicht gebraucht. Es geht doch ohne euch, warum nicht immer so? Solche Traumvorstellungen reichten bis zu dem allzu kühnen Schluss, man könne den Deutschen doch mehr zumuten, als ihre Politiker wahrhaben möchten.

Tatsächlich lassen wir uns eher von den Umständen, von Gefahren, von Leid und Not etwas zumuten und auch bewegen als ausgerechnet von der Politik. Wenn das aber so ist, darf man dann darauf hoffen, Solidarität, guter Wille und Gemeinsinn, die in Notzeiten so prompt, so spontan, so selbstverständlich wirksam werden, ließen sich in den gesellschaftlichen und politischen Alltag hinüberretten? Die realistische Antwort auf diese Frage lautet: Nein. Niemand ist allerdings gehindert, es immer mal wieder zu versuchen.

Der Alltag treibt das in der Not zusammengerückte Volk früher oder später wieder auseinander. Denn die Menschen halten die Nähe zu und die Gemeinsamkeit mit Nachbarn und Fremden immer nur vorübergehend aus; selbst dem Verhältnis zu Freunden und Verwandten bekommt es besser, wenn das Zusammensein die Ausnahme und die Distanz die Regel bleibt. Auch schwinden Großherzigkeit und Spendenfreude, sobald die Wasserstände zurückgehen und die Schreckensbilder auf dem Bildschirm seltener werden. Wir verhalten uns eben nur ausnahmsweise altruistisch. Im Normalfall lassen wir uns von unseren Interessen und individuellen Neigungen leiten. Deshalb bleibt Solidarität ein flüchtiges Gut, auf das allein eine staatliche Ordnung nicht gegründet werden kann. Sobald nämlich die Solidarität nachlässt, wird rasch deutlich, dass die Politik und sogar der viel gescholtene politische Betrieb unentbehrlich bleiben.

Wer anders als Parlamente, Regierungen, Magistrate und Stadträte könnte über die Prioritäten beim Wiederaufbau der verwüsteten Landstriche, Städte, Straßen, Bahnstrecken und Versorgungsleitungen entscheiden? Gewiss, die fälligen Entscheidungen werden von den politischen Interessen der beteiligten Personen und Parteien bestimmt, was aber nur Träumer und Romantiker irritieren dürfte.

Selbstverständlich sprang die Regierung den Flutgeschädigten nicht aus Mitleid und Solidarität mit einer Soforthilfe zu Seite. Auch der Kanzler handelte nicht aus Mitleid, sondern weil sein Amtseid ihn dazu verpflichtete und weil er mit einer raschen, entschlossenen Reaktion die Wähler beeindrucken wollte. Selbstverständlich folgte die Opposition nicht aus christlicher Nächstenliebe den Regierungsvorschlägen zur Finanzierung des Wiederaufbaus, sondern weil sie wusste, dass die ihr politisch verbundenen Ministerpräsidenten in Sachsen und Sachsen-Anhalt auf das Wohl ihrer Länder einen Amtseid abgelegt haben und deshalb im Bundesrat der Finanzierung der Hilfsmaßnahmen zustimmen mussten. Mit einem Nein hätte die Opposition die Wähler in den Notstandsgebieten gegen sich aufgebracht.

So also produziert der politische Wettbewerb mitunter relativ vernünftige Entscheidungen. So also gleichen das taktische Kalkül, der nackte Geschäftssinn und eine stets berechnende Kompromissbereitschaft das aus, was im politischen Gerangel an Menschenfreundlichkeit, Solidarität und gutem Willen nun einmal nicht zu haben ist. Es zu vermissen, ist gewiss jedermanns gutes Recht. Den empfundenen Mangel aber als Argument gegen die Politik zu kehren und gegen alle, die sich ihr widmen, das zeugt von völlig missverstandener Demokratie. Aus den von uns Gewählten selbstlose Heilige zu machen, wird nicht gelingen. Es kommt darauf an, ihnen zuzubilligen, dass sie sich im politischen Alltag gelegentlich so herzlos verhalten, wie wir selber es als Privatleute auch tun, wenn uns nicht gerade die Not anderer ans Herz greift und die Geldtasche öffnet. Selbst bei staatlichen Aufgaben, die zu "nationalen Anstrengungen", zum "nationalen Kraftakt" verklärt werden, müssen die Interessen aller Beteiligten mit Geben und Nehmen, mit Ködern und Drohen am Verhandlungstisch ausgeglichen werden.

Wer das weiß, wer sich klar macht, dass der Interessenausgleich auf allen staatlichen Ebenen organisiert und hergestellt werden muss, der fängt vielleicht an, die grassierende Verachtung für unser politisches Personal allmählich etwas zurückzufahren. Die Flutkatastrophe, mit allem was sie angerichtet hat, bot immerhin die Chance, endlich mal der schick gewordenen Politikverdrossenheit beizukommen. Von der Utopie fortdauernder Solidarität, die verständlicherweise in jenen Tagen viele fasziniert hatte, muss der Blick zwangsläufig wieder auf die Erfordernisse der politischen Alltagsroutine gelenkt werden.

Sandsack und Solidarität - eine Zeit lang gehörten sie eng zusammen. Die Solidaritätswelle bescherte uns ein Hochgefühl, wie es in den Tagen zu spüren war, als die Berliner Mauer fiel. Doch ebenso wenig, wie der Ruf "Wir sind ein Volk" die Mühseligkeiten und Enttäuschungen der deutschen Einigung überlebt hat, konnte die Vorstellung vom "solidarischen Volk" den zähen, den egoistischen Verteilungskampf um die Hilfsgelder aus den Katastrophenfonds und die Prioritätenliste für den Wiederaufbau überstehen.

Die Solidarität bringt sich in Sicherheit und schont sich für künftige, hoffentlich weit in der Zukunft liegende Anlässe. Die Sandsäcke aber - soweit sie nicht auf dem Sondermüll gelandet sind - mussten geleert und eingelagert werden. Sie bleiben abrufbare Instrumente und auch wohl Symbole praktischer Politik. Auf das Solidaritätsgefühl derer, die sie - wann immer - wieder füllen, tragen und auslegen sollen, können wir nur hoffen. Je weniger man ihm nachtrauert, je zurückhaltender man es beschwört, desto sicherer wird es sich neu beleben lassen.

NDR info, 25. 08. 2002, 13.30 Uhr (überarbeitet)

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Nur drei Minuten...

Spiegel: "Dabei schien das Land vor zehn Jahren, nach dem 11. September, die Reihen zu schließen."

Brooks: "Das hielt nur drei Minuten lang. Heute separieren wir uns immer mehr."

Aus einem Interview mit David Brooks, dem konservativen Kolumnisten der New York Times, über das Miteinandergefühl der US-Bürger nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center. (Spiegel 23/2011)


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
08.06.2011
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