EAnsichtssachen

aus der Website von  Gerhard E. Gründler

Ein Facharbeiter namens Schmidt

Vier Jahre am Ruder: Wie ich den zweiten sozialdemokratischen Kanzler
auf dem Höhepunkt seiner Amtszeit erlebte

Altkanzler, Raucher...
Die deutsche Facharbeiterausbildung mit ihrem Nebeneinander von Lehre und Berufsschule könnte kaum jemand anschaulicher beschreiben als Helmut Schmidt. Im Herbst 1978 erläuterte der Kanzler am Ende einer Ostasienreise in Singapur ein Entwicklungsprojekt, das er mit Premierminister Lee Kuan Yew vereinbart hat: eine Fachschule zur Ausbildung von Handwerksmeistern und Berufsschullehrern. Das ist ein Ding so recht nach seinem Herzen: Denn ohne eine breite Schicht von Facharbeitern - davon ist Schmidt fest überzeugt - gibt es keine politische Stabilität.

Weil er sich der Fachausdrücke nicht ganz sicher ist, wechselt er von seinem amerikanisch eingefärbten Nato-Englisch ins Deutsche und bittet den Chefdolmetscher des Auswärtigen Amts, Heinz Weber, seine Lektion zu übersetzen. Der brilliert in makelloser Oxford-Diktion, muß sich aber in einem Punkt vom Kanzler korrigieren lassen: Die Berufsausbildung in der Bundesrepublik erfolge nicht auf zwei Stufen, sondern in zwei parallelen Säulen. Unbeirrt übersetzt Weber weiter, während Regierungssprecher Klaus Bölling ins Ohr des Kanzlers flüstert. Das Ergebnis seiner Intervention hört man, als der Dolmetscher fertig ist. "Sehr schön!" lobt Helmut Schmidt mit lauter Stimme.

Die Szene im Präsidentenpalast zu Singapur zeigt wie immer einen Kanzler, der kompetent ist und Bescheid weiß. Sie zeigt aber auch einen Helmut Schmidt, den das glimpfliche Abschneiden von SPD und FDP bei der Landtagswahl in Hessen sowie steigende Sympathiekurven lockerer gemacht haben. Ein angehender Volkskanzler bemüht sich, wenigstens ein paar Leute zu versöhnen, denen er bewußt oder unbewußt mit seiner Überkompetenz - einige nennen das Arroganz - auf die Füße tritt.

Nur ganz wenigen Menschen hat er bisher den Eindruck gegönnt, vor seinem kritischen Blick bestehen zu können. Jetzt, da er ziemlich sicher ist, noch über 1980 hinaus regieren zu können, scheint es ihm leichter zu fallen, auch einmal Milde walten zu lassen. Seine Schilddrüse läßt ihn in Ruhe. Medikamente braucht er keine, wenn man Menthol, Schmalzler und Cola nicht dazu rechnet. Nur für Erkältungen ist er anfällig, bringt auch prompt aus Ostasien eine fiebrige Grippe mit. Im übrigen fühlt er sich gut in Form. Seine Umgebung weiß es zu schätzen. Doch wie bei Adenauer, dessen Popularitätsmarke für ihn erreichbar geworden ist, hat die Menschenfreundlichkeit Grenzen.

Regieren heißt Probleme lösen

So zählt bei ihm die Opposition nicht einmal als Gegner, der gegenwärtige Oppositionsführer schon gar nicht. Kohl hat er nicht auf der Rechnung, Strauß jedenfalls so lange nicht, als dem die Rolle des allein würdigen Kanzler-Herausforderers vorenthalten bleibt. Schmidt ist Sadist genug, um zu wissen, wie seine demonstrative Geringschätzung den provinziellen Kohl verwundet - so sehr, daß der Pfälzer über des Kanzlers Verhalten nur noch zetern kann: "Erbärmlisch und unerträglisch." Ernstzunehmende Gegner sieht Schmidt ohnehin nicht in Personen, sondern in Problemen. Um deren Lösung zu kämpfen, das heißt für ihn: regieren.

Ganz obenan steht dabei die "Umstrukturierung unserer Volkswirtschaft". Die ständige Anpassung an Weltmarktbedürfnisse wird noch viele tausend Arbeitnehmer zwingen, Beruf und Wohnort zu wechseln. Diesem Hauptziel, möglichst vielen Bürgern Arbeit und Auskommen zu sichern, ordnet Schmidt alles übrige unter - auch die "Krise unseres Bildungssystems", für ihn das größte Ärgernis: Es produziert aufsässige Studenten, und er kann mangels Zuständigkeit wenig dagegen tun.

Der Unterricht ist ihm nicht berufsbezogen genug. Das föderalistische Schuldurcheinander zerstört die Chancengleichheit und die zum Abbau der Arbeitslosigkeit notwendige Mobilität. Die Schulen sind nicht einmal in der Lage, 100 000 Türken- und Griechenkinder ordentlich zu integrieren. Schmidt will deshalb den früheren Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Heinz Kühn, bitten, sich um bessere Unterrichtschancen für Gastarbeiterkinder zu kümmern.

Den Verkehrsnöten will er mit weiteren Autobahnen und Flugplätzen beikommen; denn auch das sichert Arbeitsplätze. "Wer den Wunsch nach einem eigenen Auto hat, der soll es sich kaufen können; wernach Mallorca fliegen will, soll fliegen dürfen", heißt sein Credo. Zugleich möchte er aber mit Hilfe weiterer Investitionsspritzen den öffentlichen Personenverkehr so attraktiv machen, daß die Privatautos seltener benutzt werden.

Wie es gemacht werden könnte, erfuhr Schmidt in Singapur. Zwischen sieben und zehn Uhr morgens dürfen nur Privatwagen in der Innenstadt fahren, in denen mindestens vier Personen sitzen. Ausnahmen kosten pro Tag vier, pro Monat 80 Mark. Das hat den Stoßverkehr um 30 Prozent gedrosselt. Einen solchen Eingriff in den geheiligten Indi-vidualverkehr würde daheim schon der liberale Regierungspartner nicht dulden.


...und elder Statesman
Immerhin sieht der Regierungschef den Tag voraus, an dem unsere Straßen neue "Brummis" nicht mehr verkraften werden. Die defizitäre Bundesbahn darf deshalb nicht verkommen, muß vielmehr entschlossen saniert werden. Dabei reiben sich starke Gruppeninteressen des Güterfernverkehrs am Allgemeinwohl. Da einen Ausgleich zu suchen, hält Schmidt für eine der schwierigsten Regierungsaufgaben. Einen ähnlich aussichtslosen Balanceakt muß er vollführen, um Arbeitsplatz- und Umweltschutzinteressen auszugleichen.

Daß er im Konfliktfall für neue Fabriken und Kernkraftwerke und gegen den Umweltschutz entscheiden würde, hängt mit seiner Überzeugung zusammen, Vollbeschäftigung in beschädigter Natur sei allemal menschlicher als die Muße arbeitsloser Massen im wiederhergestellten Paradies. Als Mann der Arbeitsethik hält er ein Leben ohne Erwerbstätigkeit und Pflichten für sinnlos. Das verbindet ihn fest mit den Lebensanschauungen der deutschen Facharbeiter. "Die betrachte ich als meine persönliche Wählerbasis", sagt er.

Das klingt dann fast so, als würde er am liebsten auch das höchste Regierungsamt zum Facharbeiterjob herunterstilisieren, bei dem es vor allem auf eine gediegene Ausbildung und viel Erfahrung ankommt. Der frühere Innensenator, Fraktionsvorsitzende, Verteidigungs-, Wirtschafts- und Finanzminister hat ja in der Tat die bestmögliche Kanzlerlehre absolviert. Aber da war doch noch was? Führungsstärke, Ausstrahlung, Persönlichkeit? Warum muß er alle Großen dieser Welt persönlich treffen? Gibt es nicht für solche Kontakte Diplomaten?

Abkehr vom Feldwebelton

Schmidt schiebt das Kinn vor und verkündet: "Im Gegensatz zu Diplomaten und Managern bin ich davon überzeugt, daß Personen doch Geschichte machen." Er weiß also genau, daß er zu den Großen seiner Zeit gehört. Die meisten seiner Tätigkeiten hält er deshalb von vornherein für bedeutend. Und so adelt er selbst noch die bloße Verwaltung des Status quo, die man je nach Geschmack Stabilität oder Immobilismus nennen kann.

Er erweckt den Anschein, als könne er allein durch gutes Zureden die Weltwirtschaft in Ordnung bringen. Ein europäisches Währungssystem mit festeren Wechselkursen soll den Anstoß geben. Dafür wirbt er bei Callaghan, Giscard und Andreotti, bei den Regierungschefs von Holland und Norwegen. Persönlich will er sie auf sein Stabilitätskonzept einschwören. Den Feldwebelton, den die Franzosen an ihm monierten, hat er abgelegt. Jetzt muß er acht geben, daß er nicht in die Guru-Pose verfällt.

Viele Staatsmänner in aller Welt beneiden ihn, machen ihm überschwengliche Komplimente, bitten um seinen Rat. Zugleich sehen sie verwundert, auf welch schmaler Machtbasis der tüchtige Herr Schmidt sich bewegen muß. Ein paar tausend Stimmen für die FDP bei den Landtagswahlen in Hessen weniger, und unter ihm hätte der Boden gewankt. Denn er schafft es trotz überzeugender Kanzler-Darstellung nicht, die Wählerlandschaft in Bewegung zu bringen.

Freilich: Zwischen seinem immer noch wachsenden Ansehen draußen und der knappen SPD/FDP-Mehrheit daheim in Selbstmitleid zu verfallen und den großen Verkannten zu spielen ist des Kanzlers Sache nicht. Darauf angesprochen, macht er sogleich aus der Not eine Tugend: "Mit einer Zweidrittelmehrheit kann jeder regieren." Er ist nicht jeder, natürlich nicht. Was heißt da dünne Mehrheit? Er zeigt das Blitzgebiß und sagt: "Wenn der Kanzler direkt gewählt würde, sähe die Mehrheit doch ganz anders aus." Er weiß, daß er einen Kanzler abgibt, wie ihn die Deutschen sich wünschen.

Leider - so scheint er zu denken - hat das Grundgesetz zwischen Volkskanzler und Volk noch Parteien und Abgeordnete geschoben, Helmut Schmidt kann sich nur schwer damit abfinden, daß es die Partei nicht schafft, seine eigene Popularität in eine Verbreiterung der SPD-Wählerbasis umzusetzen. Er fühlt sich von seinen Genossen noch immer nicht ausreichend unterstützt, geschweige denn geliebt. Doch dieses Gefühl würde er wohl erst los, wenn die Parteilinke ihm durch einen niederknienden Erhard Eppler die bedingungslose Kapitulation anböte.

"Helmut, laß das sein"

Dennoch weist er die Behauptung zurück, er sei wegen der knappen Mehrheit von wenigen Abgeordneten des linken SPD-Flügels erpressbar. 1977 wollten ihm einige Linke die Gefolgschaft verweigern, weil sie in der Senkung der Vermögenssteuer eine unvertretbare Konzession an die betuchte FDP-Klientel sahen. Die Vorlage passierte schließlich mit Hängen und Würgen die SPD-Fraktion und das Parlament. Der Kanzler erzählt, daß er damals zur Vertrauensfrage fest entschlossen gewesen sei, obwohl Willy Brandt und Herbert Wehner ihn beschworen hätten: "Helmut, laß das sein." Heute läßt er wissen: "Ich hätte es trotzdem getan."

Nur zögernd geht er auf das Verhältnis zu seinem Amtsvorgänger ein. Noch kein ExKanzler hat seinem Nachfolger so gut zugearbeitet wie Willy Brandt ihm. Schmidt erkennt das an, scheint davon aber immer noch ein wenig überrascht zu sein. Offenbar hatte er erwartet, Brandt würde der Neigung zum Rückzug ins Schneckenhaus nachgeben. Inzwischen sieht er den Vorgänger unbefangener; denn die wiederhergestellte Stabilität der Regierungskoalition gibt ihm nun doch die Chance, sich vor der Geschichte als seinem Vorgänger ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen zu erweisen, seine Konjunktur beginnt erst richtig, wenn die andere sich so erholt, wie es die Institute jetzt voraussagen.

Schmidt zieht an der unvermeidlichen Reyno, schaut dem Rauch nach und sinniert: "Eigentlich hatte ich nur einen einzigen richtigen Krach mit ihm. Das war 1974 an dem Wochenende in Münstereifel, als er zum erstenmal vom Rücktritt sprach. Ich war dagegen, wurde laut und fiel aus der Rolle. Dafür schulde ich ihm noch eine Entschuldigung." Er weiß heute, daß Brandt damals am Ende seiner Kräfte war.

Der Nachlaßverwalter kennt inzwischen den Preis des höchsten Regierungsamtes. Lust am Regieren? Er verspürt sie nur zeitweilig. Sagt er jedenfalls. Bei seinen großen internationalen Auftritten, beim Wirtschaftsgipfel, vor der Uno, im Nato-Rat, bei Staatsbesuchen merkt es ihm freilich jeder Beobachter an: Er beherrscht nicht nur die Rolle des Repräsentanten einer beneideten, wenn auch wenig geliebten Mittelmacht, er genießt sie.

Also wäre die manchmal zur Schau getragene Amtsmüdigkeit nur Koketterie? Unwirsches Kopfschütteln, Zurückstreichen der silbergrauen Tolle. Er beklagt den vollständigen Verlust des privaten Lebens, das Unmenschliche der totalen Inanspruchnahme durch das Amt. Die Zeit zum Nachdenken wird immer knapper. Statt dessen wächst die Zahl leichtgewichtiger Besucher, "die zu Adenauers Zeiten über das Vorzimmer gar nicht erst hinausgekommen wären".

Und dann das Telefon. Wer sich mit Anrufen zurückhält, ist seines Lobes sicher; etwa sein Staatssekretär Manfred Schüler, der Mann mit dem Gefühl für das wirklich Wichtige. Negative Beispiele nennt er nicht. Aber jeder, der die Telefonsüchtigkeit des Vizekanzlers kennt, kann sich leicht ausmalen, wieviel Geduld Schmidt zusammenkratzen muß, um zu früher Sonntagsstunde dem Dauer-Anrufer Genscher zuzuhören.

Der Kanzler behauptet zwar, mit den Jahren geduldiger geworden zu sein. Aber auch wenn er am 23. Dezember 60 wird, dürfte sich wenig daran ändern, daß er zweierlei Sorten Mensch nicht ausstehen kann: "Faulpelze und Leute, die Girlanden reden, statt zur Sache zu kommen." Darin versteht er sich mit Hans-Dietrich Genscher gut. Und gerade das macht es dem so schwer, dem deutschen Volk an Stelle des Herrn Schmidt einen Kanzler namens Kohl zu bescheren.

stern, 44/1978


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
24.02.2011
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