--Kurzwaren

aus der Website von  Gerhard E. Gründler

Es gibt solche Scoops und solche

Was, wann, wo und wie zuerst berichtet oder verkündet wurde


SOLOKARPFEN. - Einen Scoop zu landen, wünschen sich alle, die mit Ehrgeiz dem journalistischen Beruf nachgehen. Aufsehen erregende Nachrichten, Dokumente, Radiotexte, Fotos oder Videos, die eine Zeitung, eine Zeitschrift oder Agentur, ein Sender oder ein Internetportal vor allen Konkurrenzmedien veröffentlichen, begründen publizistisches Renommee. Im alten Prag nannten die Zeitungsleute so etwas einen "Solokarpfen". Ein Scoop verschafft Lustgewinn, weil er der Konkurrenz zeigt, was eine Harke ist. Er fördert Prestige und Karrieren derer, die ihn liefern oder verbreiten. Doch hängt sein Prestigewert auch davon ab, wie man ihn ergattert hat: mit eigenen Recherchen, Reportergeschick und redaktioneller Fleißarbeit - oder per Zufall, Zuträger und Zuzahlung. Seitdem Blogger und Onlineportale den Konkurrenzkampf anheizen, sind Scoops eine rasch verderbliche Ware geworden. Die gedruckte Presse muss damit rechnen, dass clevere Onliner von professionell erarbeiteten oder teuer gekauften Scoops Wind bekommen und eigene kleine Scoops daraus machen, indem sie die Scoops anderer vorab enthüllen. Solche Knallfröschlein sind allerdings nur Spielverderber, nicht vergleichbar mit markanten publizistischen Ereignissen, an die hier erinnert wird.



Aus erster und allerhöchster Quelle


Die Nachricht von der Zeitenwende: ... es waren Hirten auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde ... Des Herren Engel ... sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht; siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. (Lukas 2, 8-11)

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Eine Eilmeldung aus Marathon


Darius
Miltiades
Im Jahre 490 v. Chr. ankerte die Flotte des persischen Großkönigs Darius vor der griechischen Küstenstadt Marathon. Seine Truppen gingen an Land, um den Widerstand der griechischen Stadtstaaten zu brechen, die sich ihm nicht unterwerfen wollten. Doch die Athener unter ihrem Feldherrn Miltiades traten dem persischen Heer entgegen und besiegten es in der Ebene vor Marathon. Miltiades schickte den Läufer Pheidippides (vielleicht hieß er auch Eukles oder Thersippos) in die Hauptstadt, der die Siegesnachricht überbringen sollte. In voller Rüstung bewältigte der Bote die gut vierzig Kilometer lange Strecke ohne Pause, verkündete im Areopag mit letzter Kraft WIR HABEN GESIEGT und brach tot zusammen. So weiß es die Legende, und seit 1896 erinnert der Langstrecken-Wettkampf der olympischen Spiele an diese antike Übermittlung einer Exklusivnachricht. Im Bericht des Historikers Herodot, dem frühesten, den wir haben, kommt der Siegesbote gar nicht vor. Deshalb wird heute in Zweifel gezogen, dass sich der Marathonlauf so wie überliefert zugetragen hat. Doch mögen Zweifel auch Berge versetzen, gegen Legenden haben sie einen schweren Stand.

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Kolumbus, Reporter der eigenen Entdeckungsfahrt



Christoph Kolumbus "entdeckte" im Jahre 1492 Amerika. Er hatte im Auftrag des spanischen Königspaares mit seinem Segler Santa Maria einen westlichen Seeweg nach Indien erkunden sollen, erreichte aber auf seinen verschiedenen Reisen die Küste von Mittelamerika. Doch blieb er davon überzeugt, einen neuen Weg in den Orient gefunden zu haben. Erst nach seinem Tod gab es die Gewissheit, dass er einen gänzlich unbekannten Erdteil entdeckt hatte.

Im März 1493 kehrte er mit den zwei ihm verbliebenen Schiffen nach Europa zurück und sorgte als Reporter in eigener Sache selbst dafür, dass die Nachricht von seiner Entdeckung alsbald verbreitet wurde. Ende März gelangte ein Brief nach Florenz, in dem vom Besuch auf einer Insel berichtet wird, deren Einwohner ihre Genitalien mit Blättern verhüllt hatten. Sein ausführlicher Erlebnisbericht an den spanischen Königshof war am 1. April 1493 gesetzt, gedruckt und verbreitet worden. Die ersten Druckpressen hatte man in Spanien schon 23 Jahre zuvor montiert und in Betrieb genommen. Hunderte von Pamphleten machten die Runde, in denen Kolumbus seine Entdeckungen "in seinen eigenen Worten" beschrieb. Ein Exemplar davon, "The Spanish Folio Letter", ist erhalten geblieben. Die am 29. April 1493 ins Lateinische übersetzte Fassung dieses oder eines ähnlichen Briefs, Anfang Mai in Rom gedruckt, wurde ein "best seller", wie der Columbus-Biograph Samuel Eliot Morison versichert. Kurz darauf erschienen Nachdrucke des Briefs in Paris, und bis Jahresende auch in Antwerpen, Basel und Florenz.

Dazu Mitchell Stephens in seiner "History of News": "So schaffte es Gutenbergs Druckerpresse, die Erfindung des Jahrhunderts, Columbus' Entdeckungsfahrt, die Story des Jahrhunderts, innerhalb weniger Monate bei einem Großteil des lesekundigen Publikums in Europa zirkulieren zu lassen." Damit hatte sie ihre Bewährungsprobe als erstes Instrument rascher Nachrichtenverbreitung bestanden.

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Die amerikanischen Kolonien erklären ihre Unabhängigkeit


George III. muss vom Sockel
Als erste Europäer erfuhren die Leser der nordirischen Zeitung The Belfast News-Letter, mit welchen Worten die amerikanischen Kolonien am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone erklärt hatten. Das Blatt veröffentlichte am 23. August 1776 den Text der Declaration of Independence, bevor König George III. und das Parlament ein Exemplar dieses Dokuments zu sehen bekamen. Ein Reiterstandbild des Königs war beim New Yorker Denkmalsturz am 9. Juli 1776 vom Sockel geholt worden.

Das Schiff mit einer für London bestimmten Kopie der Unabhängigkeitserklärung an Bord geriet vor der Nordküste Irlands in stürmisches Wetter und suchte Schutz im Hafen von Londonderry. Ein reitender Bote wurde mit der Kopie für den König nach Belfast geschickt, von wo aus die Post mit einem anderen Schiff nach London gebracht wurde. Doch dank guter Beziehungen schaffte es der Chefredakteur des Belfast News-Letter, das wertvolle Dokument vorher zu sehen, zu kopieren und den Text auf seiner Titelseite abzudrucken. Reproduktionen dieser historischen Zeitungsseite sind begehrt und werden noch immer gehandelt.

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Vor der Haustür: Admiral Nelson siegt und stirbt

Trafalgar in Öl

Den Gibraltar Chronicle gibt es immer noch; er bekam am 21. Oktober 1805, vier Jahre nach seiner Gründung, ein Stück Weltgeschichte vor der Haustür geboten: Als erste Zeitung der Welt konnte er vom Sieg des britischen Admirals Horatio Nelson über die französisch-spanische Flotte unter Admiral Villeneuve berichten. Bald nach der Schlacht von Trafalgar hatte der Schoner Flying Fish die britische Flotte passiert und eine Siegesmeldung des Admirals Collingwood für Henry Edward Fox, den Gouverneure von Gibraltar, mitgenommen, die der Chronicle am 24. Oktober in englischer und französischer Sprache veröffentlichte - unter der Schlagzeile "Destruction of the combined French and Spanish fleet and death of Lord Nelson". MIt drei Ausrufungszeichen dahinter.. Nach London gelangten Berichte über den Ausgang des Seegefechts erst zwei Wochen später. So erntete der Gibraltar Chronicle, der am nächsten dran war, den Ruhm. Aber seiner sehr bescheidenen Verbreitung wegen blieb auch sein publizistischer Ruhm bescheiden. Nelsons Sieg in dieser Schlacht vor der Südküste Spaniens sicherte die britische Seeherrschaft im Kampf gegen Napoleon. Britanniens großer Seeheld bezahlte ihn mit einer tödlichen Verwundung. Die Royal Navy brachte seinen Leichnam für das Staatsbegräbnis nach London. Von den in der Schlacht getöteten britischen Seeleute fanden nur zwei ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von Gibraltar, der später ihretwegen den Namen Trafalgar Cemetary erhielt; fast alle übrigen Gefallenen blieben auf See.

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Reuters meldet Lincolns Ermordung in Europa zuerst


Attentat im Theater
P. J.  Reuter
Vanity Fair
Die Nachrichtenagentur Associated Press berichtete vom Attentat auf Abraham Lincoln am Abend des 14. April 1865. Die tödlichen Schüsse, die der Schauspieler John Wilkes Booth in einer Loge des Washingtoner Ford-Theaters auf den Präsidenten abgegeben hatte, sorgten am nächsten Morgen für große Schlagzeilen der amerikanischen Presse. Zeitungsleser in Europa erfuhren von dem Verbrechen erst zwei Wochen später, nachdem die Londoner Zeitungen am 26. April durch eine Meldung von Reuters informiert worden waren.

Die von dem gebürtigen Deutschen Paul Julius Reuter 1851 in London gegründete Agentur kam der Konkurrenz um zwei Tage zuvor. Als ihr Amerika-Korrespondent McLean von dem Attentat erfuhr, eilte er sofort zum Hafen in Manhattan, doch da war der Postdampfer nach Europa gerade ausgelaufen. Deshalb charterte er eine schnelle Segelbarkasse und fuhr dem Schiff hinterher. Einem Matrosen, der oben an der Reeling stand, warf er die Box mit der Meldung zu. Als das Postschiff Tage später die irische Küste passierte, warteten dort schon ein Boot mit Reuters-Mitarbeitern, um die wasserdichte Nachrichtenbox aufzufischen. An Land zurück telegraphierten sie die Nachricht nach London - über eine Leitung, die Reuter zwei Jahre zuvor hatte legen lassen. Acht Stunden bevor das Postschiff in Southampton anlegte, landete die Meldung von Lincolns Ermordung auf seinem Schreibtisch.

Ein Transatlantikkabel und die drahtlose Telegrafie standen damals dem Nachrichtengeschäft noch nicht zur Verfügung. Für die Übermittlung von Börsenkursen in Europa hatte der findige Reuter anfänglich noch Brieftauben eingesetzt. Die Nachricht von Lincolns Ermordung sorgte für große Unruhe auf den europäischen Finanzmärkten.

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Leitung nach London frei mit Bismarcks Amtshilfe


Otto von Bismarck
Am 26. Februar 1871, einem Sonntag, erschien nachmittags ein Extrablatt des Londoner Daily Telegraph, das in zwei langen Spalten das Waffenstillstandsabkommen des deutsch-französischen Krieges veröffentlichte. Die Redaktion verdankte die Enthüllung ihrem Korrespondenten William Beatty-Kingston - und Otto von Bismarck, dem preußischen Ministerpräsidenten und Kanzler des Norddeutschen Bundes.

Der britische Journalist war als Kriegskorrespondent bei den preußischen Truppen akkreditiert und irgendwie in den Besitz der Kapitulationsbedingungen gelangt, wusste aber nicht, wie er seine heiße Ware nach London übermitteln sollte. Alle Kabelverbindungen wurden von den deutschen Truppen kontrolliert. Deshalb
entschloss er sich zu dem kühnen Schritt, in Bismarcks Hauptquartier um eine Audienz mit dem künftigen Kanzler des gerade erst gegründeten deutschen Reichs nachzusuchen. Die wurde ihm gewährt. Er zeigte Bismarck seinen ausformulierten Text, ließ sich dessen Richtigkeit bestätigen und bat um die Erlaubnis, ihn telegraphisch nach London übermitteln zu dürfen. Frankreich, so stand da schwarz auf weiß, tritt Elsass-Lothringen ab, erhält aber Belfort zurück, Paris zahlt fünf Milliarden Francs an Reparationen, Teile Frankreichs, darunter Festungen wie Sedan, bleiben in deutschem Besitz, bis die Friedensbedingungen erfüllt sind.

Bismarck, erschrocken und erbost, weil diese streng geheimen Abmachungen in die Hände eines ausländischen Journalisten geraten waren, lehnte brüsk ab. Beatty-Kingston ließ nicht locker, bettelte, flehte und versuchte den siegreichen Staatsmann davon zu überzeugen, dass seine Depesche doch jenseits des Kanals nur den Ruhm der siegreichen deutschen Truppen mehren würde. Bismarck witterte vermutlich die Chance, durch eine Veröffentlichung den Briten Respekt gegenüber dem Reich beizubringen. Listig - er wollte nicht als Informant in Verdacht geraten - lenkte er unter einer Bedingung ein: Die Depesche müsse ungezeichnet und ohne Angabe eines Absenders übermittelt werden.

So geschah es und die Verantwortlichen des Daily Telegraph hatten selber zu entscheiden, ob sie den Bericht für authentisch halten sollten oder nicht. Zwar kannten sie weder den Absender noch die Umstände der Entstehung des Berichts. Aber die konkreten Details der Abmachungen, das Vertrauen zu ihrem Mann in Paris, der jede Gelegenheit Informationen zu liefern, nutzen würde, sowie ihre eigene Urteilskraft ließen das Risiko, einer Ente aufzusitzen, erträglich erscheinen.

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Dr. Livingstone, I presume?


Treffen am Tanganjikasee
Mit seiner zweiten Expedition wollte der schottische Missionar und Afrikaforscher David Livingstone 1864 nach den Quellen des Nils suchen. Lange Zeit war nichts von ihm zu hören, und Gerüchte machten die Runde, er sei tot oder verschollen oder in Gefangenschaft geraten. Dicke Schlagzeilen fragten "Wo ist Livingstone?" Da beauftragte James Gordon Bennett Jr., der Verleger des New York Herald, den Reporter Henry Stanley, mit 190 Trägern und Begleitern zu einer eigenen Expedition aufzubrechen und Livingstone zu suchen.

Bennett war süchtig nach Scoops. Egal was es koste, sagt der Verleger, wenn sein Blatt nur exklusiv berichten könne, wo der berühmte Afrikaforscher stecke und was aus ihm geworden sei. Wörtlich: "Draw a thousand pounds now, and when you have gone through that, draw another thousand, and when that is spent, draw another thousand ... and so on; but find Livingstone!" Die strapaziöse Suche dauerte fast acht Monate, raubte vielen Expeditionsmitgliedern die Gesundheit oder gar das Leben und endete am 10. November 1871 in Udschidschi, einem kleinen Dorf am Ufer des Tanganjikasees. Stanley stand vor einem kranken, ausgemergelten Greis mit weißem Bart, den er - wie jedenfalls von ihm berichtet - mit den Worten begrüßte: "Dr. Livingstone, I presume?" Der Exklusivbericht für den New York Herald musste nur noch übermittelt werden.

Boten brauchten acht Monate, um das Telegramm nach Sansibar zu schaffen. Von da ging es per Schiff nach Bombay, per Telegraph nach London und weiter nach New York. Am 2. Juli 1872 informierte der Herald die Welt, dass sein Reporter Dr. Livingstone gefunden habe. Als Stanley nach England kam, machten sich Londoner Zeitungen über ihn lustig und bezweifelten, dass Livingstone überhaupt verschwunden gewesen sei und es nötig hatte, sich von einem Reporter wieder finden zu lassen. Doch Queen Victoria bat Stanley zum Lunch, und er wurde berühmt als der Mann "who found Livingstone".

Vier Monate blieb er bei dem Kranken, pflegte ihn, half ihm, wieder zu Kräften zu kommen. Es entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung. Vergeblich hatte Stanley den Doktor gedrängt, nach Großbritannien zurückzukehren. Livingstone starb am 1. Mai 1873, anderthalb Jahre nachdem der New York Herald seinetwegen die teure Scoop-Expedition unternommen hatte.

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Priamos-Schatz gefunden und selbst vermeldet

Schliemanns griechische Frau Sophie ließ sich nur einmal mit dem edlen Fundstück fotografieren
Noch eine Jahrhundert-Meldung: Der Archäologe Heinrich Schliemann schrieb am 17. Juli 1873 aus Troja einen Bericht für die Augsburger Allgemeine, in dem er mitteilte, er habe den Schatz des Priamos gefunden. Am 5. August veröffentlichte das Blatt seinen Text, der folgendermaßen begann: "Es scheint, daß die göttliche Vorsehung mich für meine übermenschlichen Anstrengungen während meiner dreijährigen Ausgrabungen in Ilion auf eine glänzende Weise hat entschädigen wollen, denn im Anfang dieses Monats stieß ich in 8 1/2 Metern Tiefe auf der ... großen trojanischen Ringmauer, und unmittelbar neben dem Hause des Priamos, auf einen großen kupfernen Gegenstand höchst merkwürdiger Form, der umso mehr meine Aufmerksamkeit auf sich zog, als ich hinter demselben Gold zu bemerken glaubte."

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Die London Times präsentiert den Vertrag von Berlin


Henri de Blowitz
Zeichnung: Vanity Fair
Auf dem Berliner Kongress berieten die führenden Staatsmänner der europäischen Großmächte und der Türkei unter Vorsitz Otto von Bismarcks vom 13. 6. bis zum 13.7.1878 über die Bedingungen für einen Friedensschluss im russisch-türkischen Balkankrieg. Der Reichskanzler wurde als "ehrlicher Makler" respektiert, weil Deutschland in dem Konflikt nicht Partei war. Er hatte die Teilnehmer zu strikter Diskretion über den Verhandlungsgang ermahnt, um den Erfolg nicht zu gefährden. Vor allem sollte über den Vertragstext nichts an die Öffentlichkeit dringen, bevor er unterzeichnet war. Der Kongress brachte Russland um seine Vormachtstellung auf dem Balkan. Es musste auf ein Protektorat über Bulgarien verzichten, das in ein Fürstentum unter türkischer Oberhoheit und in eine türkische Provinz Ostrumelien geteilt wurde. Dafür erhielten die Russen Teile Bessarabiens von den Rumänen, denen als Ausgleich die Dobrudscha zufiel. Aus Serbien und Montenegro wurden unabhängige Staaten. Österreich-Ungarn erhielt das Mandat zur Besetzung Bosniens und der Herzegowina.

Der Pariser Sonderkorrespondent der Londoner Times, Henri de Blowitz, ein gebürtiger Böhme, der die franzözische Staatsbürgerschaft besaß, hatte sich für den Kongress ein ergiebiges Verbindungsnetz aufgebaut. Wegen seines abenteuerlichen Backenbarts und seiner Vorliebe für üppige weiße Jabots wurde der kleinwüchsige Journalist bestaunt und belächelt. Nachdem er von Bismarck zum Abendessen eingeladen worden war, konnte er aber auf wichtige Informanten aus Delegationskreisen zählen. Ein junger Sekretär in der Kongressleitung versorgte ihn mit farbigen Details aus den Beratungen, ohne dass er je zusammen mit ihm gesehen worden wäre. Man speiste auf Abstand bedacht im "Kaiserhof" und benutzte die Hutablage. Der Informant versteckte seine Notizen unter dem Schweißband seines Hutes, den Blowitz beim Verlassen des Restaurants statt seines eigenen mitnahm. Beim nächsten Treffen steckten die Informationen im Hut des Journalisten.

Bismarck war wegen der Indiskretionen und der detaillierten Kongressberichte der Times höchst ungehalten. Doch seine Sicherheitsagenten konnten keine Kontakte des Korrespondenten mit Delegationsmitgliedern vermelden, so dass der Kanzler in einer Sitzung aus Spaß unter dem Verhandlungstisch nachschaute, ob etwa Blowitz dort sitze. Der nun wollte seinem Erfolg die Krone aufsetzen und den Wortlaut des Balkanvertrages so rechtzeitig nach London übermitteln, dass er schon am Morgen seiner Unterzeichnung exklusiv in der Times veröffentlicht werden konnte. Das gelang ihm, weil er einen Tag vor Abschluss des Kongresses den fast vollständigen Vertragstext von einem ihm wohlgesinnten Diplomaten zugesteckt bekam. Es fehlten noch die Präambel und die sieben letzten Artikel, die erst am letzten Kongresstag ihre Endfassung erhielten.

Blowitz, der den Text von Brüssel aus nach London telegraphieren wollte, ließ sich die Präambel von Graf de St. Vallier, dem französischen Botschafter, langsam vorlesen, bevor er im reservierten Abteil die Bahnreise nach Paris antrat. Mit einer Abschrift hatte der Graf ihm nicht dienen wollen. Im Zug diktierte Blowitz aus dem Gedächtnis seinem Sekretär die Präambel; vorsichtshalber wurde der Text zusammen mit den 57 Vertragsartikeln ins Futter des Mantels seines Times-Kollegen Donald Mackenzie Wallace eingenäht, der in Köln in den Zug nach Brüssel umstieg. Rechtzeitig erreichte er dort das Telegraphenamt und ließ das lange Dokument nach London übermitteln. Am nächsten Morgen meldete eine Depesche aus der britischen Hauptstadt, die Times habe den französischen Text der Präambel und der Vertragsartikel samt einer englischen Übersetzung veröffentlicht. In Berlin erregte die Publikation große Aufregung. "Wie konnte die Zeitung schon gestern die Präambel haben, als sie noch gar nicht verabschiedet war?", wollte Bismarck vom französischen Botschafter wissen. "Waren Sie es nicht, Graf, der sie herausgegeben hat?" Graf de St. Vallier bekannte freimütig, was geschehen war. "Und was hat er da gesagt?", fragte der Times-Mann den Botschafter später. "Verzeihen Sie", antwortete der lächelnd, "er hat mir nicht gestattet, es Ihnen gegenüber zu wiederholen."

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Den eigenen Rücktritt frei Haus geliefert

Randolph Churchill
Die Londoner Times meldete am 23. Dezember 1886 exklusiv den Rücktritt des Schatzkanzlers Lord Randolph Churchill. Sie verdankte diese Nachricht nicht eigener Recherche, sondern seiner Lordschaft höchst persönlich. Der Vater des damals 12jährigen Winston Churchill ließ sich am Vorabend von einer Kutsche vorm Verlagsgebäude absetzen, in der er nach einem kurzen Besuch in der Redaktion wieder davon fuhr. Eine 26-Zeilenmeldung und zwei ausführliche Kommentare der Times machten am nächsten Morgen die Sensation perfekt. Der Schatzkanzler sah sich zum Rücktritt gezwungen, weil ihm der Premierminister Lord Salisbury beim Nein gegen hohe Etatforderungen des Kriegsministers und des Ersten Lords der Admiralität die Rückendeckung verweigerte. Der ahnungslose Regierungschef erfuhr erst am Morgen aus der Times, dass sein Schatzkanzler mit sofortiger Wirkung zurücktreten werde.

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Das geheime Tagebuch des deutschen Kaisers


Friedrich III.
 F. H. Geffcken
Kaum waren die lachsroten Monatshefte der Deutschen Rundschau am 20. September 1888 mit einer Auswahl von vertraulichen Tagebuchnotizen des verstorbenen Kaisers Friedrich III. in die Buchläden gekommen, witterte Reichskanzler Otto von Bismarck einen Abgrund von Landesverrat. Da wurde der tote Monarch zum Gegenspieler seiner Politik gemacht und das Andenken an den Kaiser, so sein Verdacht, "zur Erschütterung der Stellung des Kanzlers" ausgebeutet.

In seiner Empörung hielt er die Veröffentlichung für das Werk einer Fronde aus dem Freundeskreis des Kronprinzen- und späteren Kaiserpaares, die, wie er argwöhnte, seit langem gegen ihn intrigiert hatte. Freisinnige Verschwörer sah er am Werk, die seinen Sturz betreiben wollten. Der Hamburger Juraprofessor und Publizist Friedrich Heinrich Geffcken hatte die Aufzeichnungen, die ihm sein Studienfreund, der damalige Kronprinz, 1873 zu lesen gab, ohne Erlaubnis kopiert und der Rundschau zum Abdruck überlassen. Seine geschickt getroffene Auswahl vermittelte der Öffentlichkeit zum ersten Mal den Eindruck, dass die Rolle des Kronprinzen bei der deutschen Einigung höher und die Bismarcks und des alten Königs Wilhelm um einiges niedriger zu bewerten war. Und sie ließ den Kaiser Friedrich als die liberale und zukunftsträchtigere Alternative zur konservativen Junkerherrschaft seines Sohns Wilhelm II. erscheinen, der noch ganz unter dem Einfluss des Bismarck-Lagers stand.

Was der Kronprinz, der so hoch gerühmte Heerführer von Königgrätz, damals notiert hatte, musste beim Kanzler stärksten Unwillen auslösen: dass eigentlich ER es war, der seinen Vater und Bismarck überhaupt erst zur Vision von Kaiser und Reich bekehrt habe, dass eigentlich nur ER die erforderliche Härte beim Umgang mit den der deutschen Einheit unter Preußens Führung abgeneigten süddeutschen Königen und Fürsten an den Tag gelegt habe, dass nur ER wegen seiner verfassungstreuen und liberalen Grundsätze vom Volk als zukunftsgemäßer Herrscher betrachtet werde. Geradezu als Enthüllung wurde empfunden, wie kritisch der damalige Kronprinz die bismarcksche Lösung der deutschen Frage beurteilte.

Für Bismarck war das strafbarer Landesverrat. Die Oktober-Ausgabe der Deutschen Rundschau mit den Tagebuchnotizen durfte nicht mehr vertrieben werden, zweitausend unausgelieferte Exemplare wurden beschlagnahmt. Geffcken wurde eingesperrt, doch nach drei Monaten verwarf das Reichsgericht die Anklage und hob die Untersuchungshaft auf. Bismarck war blamiert. Seine Überreaktion in der Tagebuchaffäre legte erste Keime für das Zerwürfnis mit Wilhelm II., das ein Jahr später zur Entlassung des "eisernen Kanzlers" führte.

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Gladstone und der hellhörige Butler


Gladstone
Am 31.Januar 1894 erschien die Londoner Pall Mall Gazette mit der Schlagzeile RESIGNATION OF GLADSTONE. Die Exklusivmeldung vom Rücktritt des 84jährigen, schwerhörigen und fast blinden Premierministers sorgte für helle Aufregung; denn die Öffentlichkeit und seine Anhänger hatten nicht den geringsten Anlass zu erwarten, er werde "fast umgehend von seinem Amt zurückzutreten", wie es das Blatt zu melden wusste; sein fortgeschrittenes Alter und die Anstrengungen der vergangenen Sitzungsperiode des Parlaments hätten zu dem Entschluss beigetragen. Eine offizielle Bestätigung gab es nicht. Gladstone hatte sich in der Nähe von Biarritz aufs Land zurückgezogen, und als er dort mit Nachfragen überschüttet wurde, ließ er seinen Privatsekretär Sir Algernon West dementieren, eine solche Entscheidung getroffen zu haben. Doch die Pall Mall Gazette blieb dabei: Der Rücktritt stünde unmittelbar bevor. Nach ein paar Tagen stand denn auch fest, dass die Nachricht zwar verfrüht, aber doch korrekt war. Wie die Redaktion davon erfahren hatte, verriet sie nicht. Es gilt aber als sicher, dass der Premier einem engen Vertrauten beim Abendessen von seinem bevorstehenden Rücktritt erzählt hat. Der Butler, der sie bediente, konnte das Mitgehörte nicht für sich behalten.

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Titanic-Untergang: Gewissheit durch Nachdenken


Carr V. van Anda
Die Katastrophe - gezeichnet
Carr V. van Anda, Chefredakteur der New York Times, war ein studierter Mathematiker; Physik und Astronomie faszinierten ihn, die Resultate naturwissenschaftlicher Forschung verfolgte er mit größerer Leidenschaft als das politische Geschehen. Es war seine Expertise, die dem Blatt am 15. April 1912 den Vorsprung bei der Berichterstattung über den Untergang der in New York erwarteten Titanic sicherte.

Die erste Meldung von der Kollision des britischen Luxusliners mit einem Eisberg kam von der Marconi-Funkstation in Neufundland. Der Newsroom der Times empfing sie nachts gegen 1.20 Uhr. Weil die Nachrichten bruchstückhaft blieben und die Titanic als unsinkbar galt, beschränkten sich die Morgenblätter darauf, den Zusammenstoß mit dem Eisberg zu melden und an die Unsinkbarkeit des Schiffes zu erinnern - mit Ausnahme der Times.

Deren Korrespondenten in Montreal und Halifax hatten herausgefunden, dass der Schiffsfunk dreißig Minuten nach dem ersten Notruf verstummt war. Chefredakteur van Anda prüfte sorgfältig das vorliegende Material, darunter auch Schiffsmeldungen aus dem Unfallgebiet, in denen von mehreren Fast-Kollisionen mit Eisbergen die Rede war. Die komplette Funkstille der Titanic und eigene nautische Berechnungen verschafften ihm Gewissheit: das Schiff sinkt. Und mit dieser Nachricht als Aufmacher kam allein die Times am Morgen des 15. April auf den Markt.

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Ein Dementi enthüllt den Spionagefall Redl


Alfred Redl
Egon Erwin Kisch, der später als "rasender Reporter" firmierte, arbeitete 1913 als Lokalredakteur für die deutschsprachige Prager Zeitung Bohemia. Als leidenschaftlicher Amateurspieler kickte er in seiner Freizeit als Obmann des Fußballclubs "DBC Sturm". Eine Stütze seiner Mannschaft namens Wagner, von Beruf Schlosser, fehlte unentschuldigt bei einem Spiel gegen "Union Holeshowitz", das der "Sturm" prompt verlor. Von Kisch am Tag danach zur Rede gestellt, erzählte Wagner ihm, dass er im Auftrag hoher Offiziere aus Wien eine Wohnung habe öffnen und dort sämtliche Schubladen aufbrechen müssen; eine seltsame Wohnung sei das gewesen, "wie von einer Dame, mit Brennscheren, parfümierten Briefen und Photos junger Männer".

Kisch recherchierte und war bald sicher, dass es sich um die Wohnung von Oberst Alfred Redl handeln musste. Der war damals Generalstabschef beim k. u. k. Armeekorps in Prag; zuvor hatte er an der Spitze des militärischen Abwehrdienstes Spione verfolgt. Aus Wien verlautete, Redl habe sich in einem "Anfall von Geistesverwirrung" erschossen. Er war der Spionage für Russland überführt und zum Freitod genötigt worden. Die Russen hatten ihn wegen seiner homosexuellen Kontakte erpresst und gefügig gemacht. Das Wiener Kriegsministerium, das den Skandal vertuschen wollte, veröffentlichte einen Nachruf für den "hochbegabten Offizier", der vor einer "großen Karriere" gestanden habe. Sogar ein Ehrenbegräbnis war geplant. Kisch überlegte, wie er den Skandal an die Öffentlichkeit bringen könnte.

Um nicht die Konfiskation des Blattes zu riskieren, formulierte er die Sensation als offizielles Dementi, das am 28. Mai 1913 fettgedruckt auf Seite 1 erschien und alles enthielt, was er recherchiert hatte: "Von hoher Stelle werden wir um Widerlegung der speziell in Militärkreisen aufgetauchten Gerüchte ersucht, dass der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Alfred Redl, der vorgestern in Wien Selbstmord verübte, einen Verrat militärischer Geheimnisse begangen und für Russland Spionage getrieben habe..." Dagegen vorzugehen, sah der Presse-Staatsanwalt keinen Anlass, und so sorgte Kisch mit einem "Dementi" dafür, dass es der Militärführung misslang, den Spionageskandal geheim zu halten. Zu Recht konnte er sich dramatischer Wirkungen rühmen: "Verweigerung des Heeresbudgets nach tobender Parlamentssitzung, ... Pensionierung der höchsten Militärs, Debatten im In- und Ausland über die Wehrfähigkeit der österreichischen Monarchie." Das Ehrenbegräbnis wurde übrigens auch abgesagt .

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Absahnt, wer etwas ahnt

W. J. Bryan
David Lawrence
Der konservative amerikanische Journalist David Lawrence (1888-1973), der einst das Nachrichtenmagazin U.S.News and World Report gegründet und viele Jahre Kolumnen für die Herald Tribune geschrieben hat, arbeitete 1915 als junger Reporter der Associated Press in Washington. Ein Kollege, der mit Rücksicht auf seinen Gewährsmann keinen Gebrauch von der Information machen konnte, flüsterte ihm zu, im Zusammenhang mit der Versenkung des britischen Luxusdampfers Lusitania durch ein deutsches Unterseeboot hänge eine dicke Geschichte in der Luft.

Unter den Opfern waren 128 amerikanische Staatsbürger gewesen, und im Kabinett von Präsident Woodrow Wilson stritten sich wieder einmal die Neutralisten mit den Befürwortern eines Kriegseintritts der USA. Politische Intuition und Kombinationsvermögen ließen Lawrence ahnen, dass es um das politische Schicksal des Außenministers gehen musste. Der hieß William Jennings Bryan und war ein strikter Neutralist.

Lawrence versuchte sein Glück bei dem ihm gut bekannten Kriegsminister Lindley M. Garrison und sprach ihn auf allerlei aktuellen Themen an, um dann beiläufig anzumerken: "Schade um Bryan, nicht wahr?" Darauf Garrison: "Wirklich schade. Es tut mir leid, dass er geht." Lawrence, weiterhin um Beiläufigkeit bemüht, fragte: "Wann soll's denn passieren?" Antwort des Ministers: "Vermutlich morgen Nachmittag gegen zwei Uhr." Lawrence war fündig geworden, die AP-Story über den Rücktritt des Außenministers stand.

Präsident Wilson hatte in zwei Noten von Deutschland verlangt, die Versenkung der Lusitania als Verbrechen zu verurteilen. Sein Außenminister protestierte, weil die Noten den Charakter eines Ultimatums hatten und die Vereinigten Staaten in einen Krieg mit Deutschland verwickeln konnten. Nach Bryans Meinung hatte Deutschland das Recht zu verhindern, dass seinen Feinden von neutralen Staaten Kriegsmaterial geliefert wird. Wenn Schiffe mit solcher Ladung in der Hoffnung, nicht angegriffen zu werden, Passagiere an Bord nähmen, so sei das keine legitime Schutzmaßnahme.

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Wallis und Edward - sie oder die Krone


Wallis und Edward

Im Wikipedia-Eintrag über Eugene Meyer, den Verleger der Washington Post, kann man lesen, er habe dank seiner Freundschaft mit dem britischen Botschafter Lord Lothian seinem Blatt zu einem Scoop verholfen: zu der Exklusivmeldung nämlich, dass König Edward VIII. ein Verhältnis mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson unterhalte. Die Journalisten in London hatten längst davon erfahren, waren aber nach Gesetz und Recht gehalten, die königliche Liaison tot zu schweigen, die schließlich zu Edwards Abdankung führen sollte, weil die Regierung ihn vor die Wahl stellte: sie oder die Krone. Und Edward übte Verzicht - "for the woman I love".

Die Washington Post hatte ihre Enthüllung vom 12. März 1936 in einen Agenturbericht von United Press eingebaut, der sich mit den gerüchteweise gehandelten möglichen Bräuten des Königs beschäftigte. Die Story begann auf Seite 1 unter der Schlagzeile BRITEN SEHEN EUGENIE ALS QUEEN IN EDWARDS HOCHZEITSPLAN. Der Tipp galt der dunkelhaarigen Prinzessin Eugenie von Griechenland, 26 Jahre alt. Erst in der Fortsetzung auf Seite 2 kam die Post mit jener Information heraus, die Lesern britischer Blätter noch längere Zeit vorenthalten wurde: Keines der erwähnten Girls habe der König "in seinen sorgenfreien Tagen als Prince of Wales zur Partnerin beim Schwimmen und Tanzen gewählt. Stattdessen wurde er meist in Gesellschaft einer hübschen Amerikanerin gesehen - Mrs. Wallis Simpson aus Baltimore".
Auf die Anfrage bei der Redaktion in Washington, ob das denn wohl der in Wikipedia genannte Scoop gewesen sei, schrieb die Redaktionsassistentin Jean Hwang: "Auch ich hatte Schwierigkeiten herauszufinden, welche story wohl gemeint war. Da diese aber die früheste war, die mir bei der Suche unterkam, vermute ich in ihr den scoop."

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Erste Nachricht vom Ausbruch des zweiten Weltkriegs


Clare Hollingworth damals --- und 2009
Der erste Bericht über die anrollende Invasion Polens durch die deutsche Wehrmacht erschien am 29. August 1939 im Londoner Daily Telegraph. Die Reporterin Clare Hollingworth (27), die ihn der Redaktion übermittelt hatte, arbeitete erst seit einer Woche für das Blatt. Man hatte sie nach Polen geschickt, um über die wachsende Kriegsgefahr zu berichten. Sie überredete den britischen Generalkonsul in Kattowitz, John Anthony Thwaites, ihr seinen Dienstwagen und seinen Chauffeur für eine Erkundungsfahrt ins Grenzgebiet zur Verfügung zu stellen. Auf deutscher Seite wurde die Limousine unweit von Gleiwitz von einem Pulk deutscher Kradmelder überholt. Die am Straßenrand als Sichtblende aufgespannten Persenningbahnen flatterten im Wind und gaben immer mal wieder den Blick frei auf die dahinter gen Osten aufgefahrene Streitmacht, die auf den Befehl zum Losschlagen wartete: Truppen, Panzer, Geländefahrzeuge, Artillerie. Hitlers Polenfeldzug stand unmittelbar bevor. Der Daily Telegraph brachte ihren Exklusivbericht am nächsten Morgen auf seiner Titelseite unter der Schlagzeile 1000 TANKS MASSED ON POLISH BORDER - TEN DIVISIONS REPORTED READY FOR SWIFT STROKE.

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Was die Atombombe in Hiroshima angerichtet hat


Daily Express vom 5. 9. 1945
Wilfred Burchett
Der australische Journalist Wilfred Burchett (1911-83) war der erste ausländische Korrespondent, der einen Monat nach dem Abwurf einer amerikanischen Atombombe auf Hiroshima die grauenvollen Folgen gesehen und geschildert hat. Er war als Kriegsberichterstatter bei den amerikanischen Militärbehörden akkreditiert, um die Kapitulationsverhandlungen mit den Japanern an Bord des Schlachtschiffs Missouri zu beobachten.

Unter Missachtung des für die akkreditierte Presse geltenden Reglements gelangte er auf eigene Faust in dreißigstündiger Eisenbahnfahrt am 2. September nach Hiroshima. Seine Schilderung des Massensterbens und der Strahlenschäden der Bevölkerung einer verwüsteten Stadt mit vergifteten Nahrungsvorräten und verseuchtem Trinkwasser erschien am 5. September 1945 auf Seite 1 des Londoner Daily Express unter der Schlagzeile DIE ATOMARE PEST und begann so: "Dreißig Tage nachdem die erste Atombombe die Stadt zerstört und die Welt erschüttert hat, sterben in Hiroshima auf mysteriöse, schreckliche Weise immer noch unverletzt gebliebene Menschen an einem unbekannten Übel, das ich nur als atomare Pest bezeichnen kann. Die Stadt sieht nicht wie zerbomt aus, sie sieht so aus, als hätte eine Monster-Dampfwalze sie überrollt und zu Tode geqetscht."

Was heute als einer der größten Scoops des 20. Jahrhunderts gilt, waren Informationen, die nach dem Willen des US-Oberbefehlshabers in Fernost, General Douglas MacArthur, und der amerikanischen Behörden keinesfalls an die Öffentlichkeit dringen sollten. Dem Mann, der das cover up sabotiert hatte, warfen sie zu Unrecht vor, er sei auf japanische Greuelpropaganda hereingefallen. Burchett stand politisch weit links und hat später in Kriegsberichten aus Korea und Vietnam die US-Kriegsführung heftig kritisiert. Seine Nachsicht mit kommunistischen Diktaturen ließen Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit aufkommen. Seinen Bericht über das, was der Nuklearkrieg in Hiroshima [und zwei Tage später auch in Nagasaki] angerichtet hatte, in Zweifel zu ziehen, gelang der US-Militärpropaganda aber nur für kurze Zeit.

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Hauptstadtaffäre: Warum Bonn und nicht Frankfurt?

Im Jahr 1950 gelang dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel eine erste große Enthüllung. Verlag und Redaktion waren gerade erst von Hannover nach Hamburg gezogen. Recherchen der Zeitschrift brachten zutage, dass bei Entscheidung des Bundestages gegen Frankfurt und für Bonn als Hauptstadt der Republik Bestechungsgelder geflossen waren. Abgeordnete der Bayernpartei hatten üppige Zuwendungen aus Fonds von Wirtschaftsverbänden kassiert. Der Fall beschäftigte den ersten Untersuchungsausschuss des Parlaments. Doch sah sich dieser "Spiegel-Ausschuss" am Ende außerstande, einen Zusammenhang zwischen den Zahlungen und dem Abstimmungsverhalten der Begünstigten nachzuweisen.

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Konrad Adenauer deprimiert wie noch nie


Der Spiegel-Korrespondent Lothar Rühl belauschte Bundeskanzler Konrad Adenauer am 28. September 1954, wie er in nächtlicher Runde in der Lobby des Londoner Hotels Claridge's drei Ministerkollegen aus den Benelux-Ländern mit beschwörenden Worten vor schlimmen Folgen des Scheiterns der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) warnte: "Wenn ich einmal nicht mehr da bin, weiß ich nicht, was aus Deutschland werden soll ..." Ein Bericht über die nächtliche Szene erschien in der Ausgabe des Spiegel vom 4. Oktober. Der Zusammenbruch des EVG-Projekts im Spätsommer 1954 hatte den Kern von Adenauers Außenpolitik getroffen. Die Franzosen wollten keine Europa-Armee. Der Kanzler war zutiefst erschüttert, gab sich jedenfalls so; er wollte seinen westlichen Partnern die Dringlichkeit einer Ersatzlösung im Rahmen der NATO klar machen. "Ich bin", sagte er, "fest überzeugt, hundert-prozentig überzeugt davon, daß die deutsche Nationalarmee, zu der uns [der französische Ministerpräsident] Mendes-France zwingt, eine große Gefahr für Deutschland und Europa werden wird - wenn ich einmal nicht mehr da bin, weiß ich nicht, was aus Deutschland werden soll..." Einen deprimierten Adenauer hatten die Deutschen bis dahin nicht gekannt. Vom amerikanischen Nachrichtenmagazin Time war ihr Kanzler erst neun Monate zuvor zum "Mann des Jahres" gekürt worden.

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Chruschtschow verdammt Stalins Verbrechen


--Nikita Chruschtschow

Der XX. Parteitag der KPdSU in Moskau, der erste nach Stalins Tod, löste in der Sowjetunion und im Ostblock ein politisches Beben aus. Der neue Kremlchef Nikita Chruschtschow nutzte ihn, um am Morgen des 25. Februar 1956 hinter verschlossenen Türen in einer vierstündigen Rede mit seinem Vorgänger abzurechnen und seine Verbrechen zu verdammen: Stalin sei ein Verbrecher, ein Wahnsinniger, ein Massenmörder. Die Delegierten hörten, dass während des Großen Terrors von 1936 bis 1938 viele ehrliche Kommunisten aufgrund "gefälschter, lügnerischer Beschuldigungen" verhaftet und erschossen wurden und dass allein von den 1966 Teilnehmern des XVII. Parteitages im Jahre 1934 der Diktator 1108 ermorden ließ. Niemand durfte Aufzeichnungen und Notizen machen. Journalisten und Gäste, die nicht der Partei angehörten, waren zu dieser Sitzung nicht zugelassen.

Zuhörer berichteten später, das Publikum habe die Rede schweigend und mit blankem Entsetzen aufgenommen. Wichtige Passagen wurden den Parteimitgliedern in den folgenden Tagen verlesen. Sie mussten sich mit der bislang undenkbaren Tatsache abfinden, dass ihr Idol, der "Gottgleiche", der Siegesheld des vaterländischen Krieges, ein Verbrecher war. In der Sowjetunion und ihren "sozialistischen Bruderländern" gab es einen Kurswechsel, der eine "Tauwetter-Periode" einleitete. Sogar die Fesseln der Zensur wurden gelockert. In Literatur, Kunst und Film durfte offener diskutiert werden. Die Dynamik der Entstalinisierung führte im Laufe des Jahres zu Unruhen in Polen und zum Aufstand der Ungarn, wo Moskau sich schließlich gezwungen sah, der Reformregierung von Imre Nagy ein blutiges Ende zu bereiten.

In den Westen drangen zunächst nur einzelne Informationen der Chruschtschow-Rede. Die Nachrichtenagentur Reuters verbreitete dann am 18. März 1956 die erste Meldung darüber, in der schon wesentliche Inhalte mitgeteilt wurden. Am 4. Juni 1956 erschien in der New York Times eine Wortlautfassung, die ihr sowie dem angesehenen Kreml-Experten des Londoner Observer, Edward Crankshaw, vom US-Geheimdienst CIA mit Erlaubnis von Präsident Dwight D. Eisenhower zugespielt worden war. Der Observer als Sonntagszeitung konnte Chruschtschows Redetext erst in seiner Ausgabe vom 10. Juni veröffentlichten. Der polnische Journalist Wiktor Grajewski, der mit einer der Sekretärinnen von Edward Ochab, dem Parteichef der Polnischen Kommunisten, befreundet war, hatte von ihr das Originalmanuskript für einige Stunden erhalten und eine Kopie davon der israelischen Botschaft in Warschau zugeleitet. Der israelische Geheimdienst Mossad gab die Information an die CIA weiter. Weil die Sowjetführer den von ihnen herausgegebenen Text redigiert hatten, blieb aber bis heute offen, was alles Chruschtschow dem Parteitag tatsächlich offenbart hat.

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Andrea Doria-Untergang - Zuspätkommen lohnt sich


Die "Andrea Doria" sank ganz langsam
Rund 200 Seemeilen vor New York stieß bei dichtem Nebel der schwedische Dampfer Stockholm mit dem italienischen Passagierschiff Andrea Doria zusammen, das am 26. Juli 1956 im Atlantik versank. Es war erst wenige Wochen zuvor für die Überfahrt nach New York in Dienst gestellt worden. Vermutlich hatten reflektierende Nebelschwaden die Radaranlagen der beiden Schiffe gestört.

Die Kollision verursachte ein mehrere Meter breites Loch im Rumpf der Andrea Doria, die wegen der rasch eindringenden Wassermassen sofort Schlagseite bekam, aber nur allmählich sank. Dank der ruhigen See konnten 1692 Passagiere und Besatzungsmitglieder auf der Stockholm in Sicherheit gebracht werden, doch fanden 51 Menschen den Tod. Die Schiffskatastrophe erzeugte in den USA ein beispielloses Medienspektakel: Von Hubschraubern und Flugzeugen aus berichteten Fernsehreporter live von der Unglückstelle. Doch allein einem Kamerateam der Fernsehgesellschaft CBS, gelang es, auch noch die letzte Szene des Dramas zu filmen und exklusiv auf die amerikanischen Bildschirme zu bringen: als die Andrea Doria schließlich kenterte und mit dem Bug voran unter der Wasseroberfläche verschwand.

Dabei hatten die CBS-Leute zunächst ganz schlechte Karten. Don Hewitt, der Produktionsdirektor von CBS News, der Nachrichtenmoderator Douglas Edwards und ihr Kameramann Tony Petri waren zu spät ins Hauptquartier der US Coast Guard auf Rhode Island gekommen. Der Reporterpool war längst zur Unglücksstelle abgeflogen. Was tun? Ein Pilot der Coast Guard hatte den Nachrichtenmoderator Edwards erkannt und sich bereit erklärt, das CBS-Team hinterherzufliegen. Die Maschine erreichte das sinkende Schiff gerade im richtigen Moment. "Lasst bloß die Kamera laufen", sagte der Pilot, "sie geht jetzt unter." Wären sie zehn Minuten später geflogen, hätte es nichts mehr zu filmen gegeben. So aber waren die "CBS-Abendnachrichten mit Douglas Edwards" das einzige Programm mit aktuellem Filmmaterial vom Untergang des Luxusliners.

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Ex-Fallschirmjäger interviewt Fallschirmjäger


H. U. Kempski Jacques Massu
Das Interview, das Hans Ulrich Kempski, Chefreporter der Süddeutschen Zeitung, 1960 mit dem Fallschirmjägergeneral Jacques Massu führte, löste eine Revolte aus, die Charles de Gaulle beinahe das Amt des Staatspräsidenten kostete, den interviewten General aber umgehend seine Stellung in Algerien. Am Tage nach der Veröffentlichung gab es dort 25 Tote und 140 Verwundete. Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein schrieb dazu später: "Wäre de Gaulle gestürzt, hätte Kempski ein weltbewegendes Ereignis initiiert. Der Journalist löst zuweilen dadurch, dass er seiner Profession leidenschaftlich genug nachgeht, Wirkungen aus, die er nicht vorhersehen kann und die er nicht beabsichtigt." (SZ v. 6.10. 1995)

Massu hatte im Januar 1957 den Oberbefehl über die Region Algier erhalten. Unter seinem Kommando gelang es der 10. Fallschirmjägerdivision in der "Schlacht von Algier" im September 1957 die Kasbah der Stadt von den Kämpfern der FLN zu säubern. Dafür wurde ihm von den dort lebenden Franzosen der Ehrentitel "Held von Algier" verliehen. Dass seine Truppen auch vor Foltermethoden nicht zurückschreckten, stieß später auf heftige Kritik. Als ihm von den Folterungen berichtet wurde, soll er einige der Methoden an sich selbst ausprobiert und sie für erträglich befunden haben. Nach dem Putsch in Algier am 13. Mai 1958 war er kurzzeitig Präsident des sogenannten "Wohlfahrtsausschusses", bevor de Gaulle eine neue Regierung bildet. Im Dezember 1958 wurde er zum Oberkommandierenden der französischen Truppen in Algerien ernannt und zugleich mit dem das Amt eines Regionalpräfekten betraut.

Als er in seinem am 19. Januar 1960 veröffentlichten Interview mit Kempski beweifelte, dass de Gaulle wirklich an einem französischen Algerien festhalten wolle, wurde er durch direkten Präsidentenbefehl abberufen. Die Versetzung des bei den Algerienfranzosen sehr populären Generals führte zu mehrtägigen, blutigen Unruhen. Trotz seiner Abberufung stand Massu weiterhin loyal zu de Gaulle, der ihm sein Interview mit einem deutschen Journalisten, der im Zweiten Weltkrieg selber Fallschirmjäger gewesen war, alsbald verzieh.

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Enthüllung + Verratsvorwurf = Spiegelaffäre


Rudolf Augstein wird verhaftet
Anfang Oktober 1962 druckte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel Passagen aus einem geheimen Bundeswehrbericht über das Nato-Manöver "Fallex 62", aus denen der stellvertretende Chefredakteur Conrad Ahlers folgerte, das Militärbündnis könne einem sowjetischen Angriff nicht standhalten. Deshalb sei der Westen nur "bedingt abwehrbereit" - so auch auf dem Titelblatt zu lesen.

Wenige Tage später ließ die Bundesanwaltschaft die Redaktionsräume in Hamburg durchsuchen. Der Herausgeber Rudolf Augstein, sowie Ahlers und andere Redakteure wurden verhaftet. Kanzler Konrad Adenauer sagte im Bundestag: "Wir haben einen Abgrund von Landesverrat in unserem Lande." Die Bevölkerung reagierte mit massiven Protesten, weil die Ermittlungsmaßnahmen als Angriff auf die Pressefreiheit empfunden wurden. Später stellte sich heraus, dass der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß die Ermittlungen und Festnahmen angeheizt hatte. Er war zuvor in Spiegel-Artikeln immer wieder angegriffen worden, so dass ihm viele einen Rachefeldzug gegen das lästiges Blatt unterstellten.

Der Verratsverdacht gegen die Spiegel-Redakteure war aber nicht zu halten, die Ermittlungen wurden eingestellt. Strauß, der vor dem Bundestag wahrheitswidrig versichert hatte, er habe mit den Maßnahmen gegen den Spiegel nichts zu tun, trat von seinem Ministeramt zurückt und Kanzler Adenauer - damals schon 86 - ging politisch geschwächt aus der Affäre hervor, musste auf Druck der FDP versprechen, ein Jahr später sein Amt an Ludwig Erhard abzugeben.

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Auch Überläufer lechzen nach dem Heimatblatt

Kim Philby
Murray Sayle,dem angesehenen Kriegskorrespondenten der Londoner Times und der Sunday Times, gelang es 1967, den zu den Sowjets übergelaufenen britischen Geheimdienstagenten Kim Philby in Moskau aufzuspüren und zu interviewen. Geduldig wartend entdeckte er ihn vor dem Hauptpostamt, weil er zu Recht vermutete, dass ein Brite fern der Heimat - in der Cricketsaison zumal - aus dem Postfach sein Times-Abostück holen würde, das ihm die Sowjets zugestanden hatten. "Nach ein paar Tagen", so Sayles Erinnerung, "erschien ein Mann, gekleidet wie ein Intellektueller der dreißiger Jahre mit Lederflicken auf den Ellbögen seiner Tweedjacke. Ich sprach ihn an: Mr.Philby?" Er war es, und man verabredete sich für den nächsten Tag zum Interwiew; es sollte zwanzig Jahre lang Philbys einziges bleiben.

Sayle traf ihn auf einer Büroetage des KGB in einem fast leeren Zimmer mit nur einem Tisch und zwei Stühlen. Auf dem Tisch standen zwei Gläser und eine Flasche Scotch, daneben lag ein Revolver."Man kann niemals zu vorsichtig sein", sagte Philby. Sayle empfand ihn als "höflichen Mann", dem sein neues Leben zu gefallen schien, der aber den Verratsvorwurf zurückwies: "Um etwas zu verraten, muss man dazugehören. Ich habe niemals dazugehört." Am 1. Oktober 1967 erschien die Sunday Times mit der Schlagzeile I SPIED FOR RUSSIA FROM 1933 auf der Titelseite. Seitdem weiß die Welt dass Harold Adrian Russell ("Kim") Philby der Dritte Mann einer Gruppe ehemaliger Cambridge-Absolventen war, die Stalin mit britischen Geheimnissen belieferten. Die beiden anderen Überläufer hießen Guy Burgess und Donald Maclean.

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Das Kriegsverbrechen von My Lai


William Calley
Seymour Hersh
Das Verbrechen geschah am 16. März 1968. Leutnant Calley hatte seine Truppe in das Dorf Ly Mai in der Quang Ngai Provinz geführt. Dort schoss sie auf alles, was sich bewegte. An die 500 Vietnamesen wurden niedergemetzelt. Wie sich später herausstellte, waren unter den Getöteten nur vier oder fünf Vietcong-Kämpfer. Lange konnte die US- Armee das Kriegsverbrechen verheimlichen, bis der zwanzigjährige Ex-GI Roland Ridenhour die Schweigemauer durchbrach.Er war Ende April 1968 nach Vietnam zurückgekommen, wo er im Stützpunkt alte Kameraden traf. Einer von ihnen, der in My Lai dabei war, erzählt ihm, was dort geschehen war. Ridenhour wollte es zunächst nicht glauben und befragte andere Soldaten der Kompanie. Zwölf von ihnen bestätigten das Massaker. Am 29. März 1969 verschickte er einen Brief an Kongressmitglieder, Senatoren, ans Verteidigungsministerium sowie und an hohe Offiziere, mit allen Namen der von ihm befragten Zeugen. Er erhielt nur drei positive Reaktionen.

Doch dann kam Leutnant Calley im September 1969 tatsächlich vors Kriegsgericht. Der freie Journalist Seymour Hersh (32), von einem Freund auf den anstehenden Prozess gegen einen ungenannten Offizier aufmerksam gemacht, begann zu recherchieren und die Hintergründe aufzuhellen. Kreuz und quer reiste er durch die Vereinigten Staaten und suchte nach Zeugen des Massakers. Nach vielen Gesprächen und Telefonaten gelingt es ihm, den Angeklagten als William Laws Calley Jr. zu identifizieren und dessen Verteidiger zu erreichen. Hersh flog nach Fort Benning in Georgia, wo Calley zuletzt stationiert gewesen war, und fuhr so lange auf dem Stützpunkt herum, bis er schließlich an einer Kreuzung auf den Leutnant stieß. Er spendierte Steaks und Whisky und löcherte ihn die ganze Nacht mit seinen Fragen - bis die Geschichte stand.

Hersh schrieb sie auf dem Rückflug nach Washington und bot das Manuskripte den Magazinen Life und Look an, aber die wollten die Geschichte nicht bringen, weil sie die Hinweise auf das Massaker nicht wichtig nahmen: So etwas sei doch alltäglich im Vietnamkrieg. Die Manuskriptagentur Dispatch News Service seines Nachbarn David Obst, offen für kritische Berichte freier Journalisten, übernahm den von Hersh recherchierten Bericht am 12. November 1969 und 36 Tageszeitungen druckten ihn. Eine Woche später zogen Time, Life and Newsweek nach. Erste Fotos von den Todesopfern, die der Armeefotograf Ronald Haeberle aufgenommen hatte, wurden gedruckt und im Fernsehen gesendet. Viele Amerikaner waren entsetzt, weil sich eine Einheit von GIs als Bande von Massenmördern aufgeführt hatte. Die Antikriegsstimmung breitete sich aus. Hersh erhielt 1970 den Pulitzer-Preis. Leutnant Calley wurde am 31. März 1971 zu lebenslanger Haft verurteilt, die Präsident Nixon schon am nächsten Tag in Hausarrest umwandelte, ehe er ihn 1974 vollends begnadigte.

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Richard Nixon kommt seiner Amtsenthebung zuvor

Richard Nixon
Am 17. Juni 1972 verhörte ein Richter in Washington fünf Männer, die ins Wahlkampfhauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Hotel hatten einbrechen wollen. Einer der Geschnappten, nannte leise seinen früheren Arbeitgeber - den US-Geheimdienst CIA. Der Lokakreporter Bob Woodward, noch neu bei der Washington Post, spitzte die Ohren. Er ahnte, dass es um mehr als einen lokalen Einbruch gehen musste, wenn ein früherer CIA-Agent damit zu tun hatte. Er und sein Kollege Carl Bernstein witterten eine weitreichende politische Verschwörung unter Beteiligung des Weißen Hauses mit dem Ziel, die Wiederwahl Präsident Nixos zu sichern und den Wahlkampf der Demokraten zu sabotieren.


Carl Bernstein, Bob Woodward
Die beiden Reporter gingen allen möglichen Indizien nach, suchten Mitwissser und führten endlose Telefonate.

Auf eine sichere Spur führten
ihre Recherchen, als sich nach den ersten Watergate-Berichten in der Washington Post ein Gewährsmann bei Woodward meldete, der ihm mit Andeutungen und verdeckten Hinweisen immer weiter führende Recherchen ermöglichte. Unter seinem Decknamen "Deep Throat" - entliehen dem Titel eines damals laufenden Pornofilms - ist der Informant in die Pressegeschichte eingegangen. Woodward traf ihn nachts in einer öffentlichen Tiefgarage. Er allein wusste, wer der Mann war, weihte aber weder die Blattleitung noch seinen Kollegen Bernstein ein. Es war Mark Felt, der als stellvertretender Direktor der Bundesskriminalpolizei FBI über den Stand der Ermittlungen bestens informiert war. Erst kurz vor seinem Tod hat er sich 2005 öffentlich zu seiner Rolle beim der Aufklärung des Skandals bekannt.

Durch Tipps von "Deep Throat" stießen die Reporter der Washington Post auf immer neue Belege für die Beteiligung der Nixon-Administration am Einbruch im Wahlkampfhauptquartier der Demokraten. Vertraute des Präsidenten hatten von dem kriminellen Akt gewusst und nach seiner Aufdeckung unter Leitung und Mitwirkung Nixons versucht, ihre Beteiligung zu vertuschen. Doch Tonbandaufzeichnungen konnten die direkte Verwicklung des Präsidenten in die Affäre beweisen. Nach einer Untersuchung durch einen Senatsausschuss beschloss der Rechtsausschuss des Repräsentantenhauses die Einleitung eines Verfahrens zur Amtsenthebung (Impeachment) gegen Nixon wegen Amtsmissbrauchs, Behinderung der Justiz und Missachtung des Kongresses. Mit seinem Rücktritt kam Nixon einer Amtsenthebung zuvor. Als erster Präsident der amerikanischen Geschichte war er gezwungen worden, das Weiße Haus in der Mitte seiner Amtszeit zu verlassen. Sein Nachfolger wurde Vizepräsident Gerald R. Ford. Er gewährte Nixon Straffreiheit für alle ungesetzlichen Handlungen im Zusammenhang mit der Watergate-Affäre.

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Willy Brandt tritt zurück, meldet der NDR



Nach dem Verzicht
Bonn, 6. Mai 1974: (...) der Chefredakteur des sozialdemokratischen Wochenblatts Vorwärts, Gerhard E. Gründler, der bei einer Fête in der niedersächsischen Landesvertretung präsent war, wurde zum Telefon gerufen. Ein Anrufer, der sich nicht mit Namen meldete, den Gründler aber sofort an der Stimme erkannte, sagte nur: "Gleich wird es einen Rücktritt geben. Der Brief an den Präsidenten ist unterwegs." - "Wessen Rücktritt?", fragte Gründler. "Na, ein Rücktritt von dem natürlich", sagte der Anrufer und legte auf, ohne Gründlers "Habe verstanden" abzuwarten. Der Anrufer war Heinrich Sprenger, Referent in der Presseabteilung des Bundeskanzleramts. (... )

Der Anruf war eine Indiskretion, aber eine arglose, denn Sprenger wusste, dass der Vorwärts erst zwei Tage später, also nach der offiziellen Mitteilung des Kanzlerrücktritts erscheinen konnte. Er wollte Gründler einen Gefallen tun, indem er ihm Zeit verschaffte, die redaktionell nahezu



J. Kellermeier

abgeschlossene nächste Ausgabe des Vorwärts entsprechend umzubauen. (...) Gerhard Gründler, Journalist aus Passion, kannte nun die sensationelle Neuigkeit, auf die alle lauerten, und konnte sie nicht loswerden. Das hielt er wohl nicht aus. Er verriet sie seinem Freund, dem ebenfalls zu den Niedersachsen geladenen Dr. Jürgen Kellermeier, seinerzeit Hörfunkkorrespondent des Norddeutschen Rundfunks. Der begann zu rotieren. Er wollte eine offizielle Bestätigung. Zugleich musste er seinen Sender alarmieren, um noch in die um 23.30 Uhr beginnende NDR-WDR-Sendung Berichte von heute zu kommen. Beides erwies sich als extrem schwierig.

Im Presseamt wusste man noch von nichts; der Regierungssprecher Rüdiger von Wechmar war gar nicht in Bonn. Und der Dienst habende Redakteur weigerte sich zunächst, die bereits fertige Sendung wieder aufzumachen, weil das erstens unbequem war und weil er zweitens der Sensationsmeldung des Korrespondenten ohne offizielle Bestätigung über die Nachrichtenagenturen nicht recht traute. Aber Kellermeier schaffte es nach etwa einer Stunde dennoch, live in Berichte von heute als erster Bonner Korrespondent Brandts Rücktritt zu melden. Genau um Mitternacht kam dann die Deutsche Presseagentur mit der »eil eil«-Meldung auf den Markt: "ndr: brandt soll rücktritt eingereicht haben." Die offizielle Bestätigung des Presseamts wurde erst um 0.30 gesendet.

So hat Hermann Schreiber in seinem Buch "Kanzlersturz" (S. 235 f., München 2003) erklärt, warum der NDR-Hörfunk als erster den Rücktritt Brandts vom Amt des Bundeskanzlers melden konnte.

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Der Anfang vom Ende der Neuen Heimat



Tatort Hamburg: NH-Zentrale
Das Spiegel-Heft vom 8. Februar 1982 konnte mit strafwürdigen Gaunereien im gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzern "Neue Heimat" aufwarten: Drei Vorstandsmitglieder hätten sich jahrelang über Tarnfirmen und mit gefälschten Abrechnungen persönlich auf Kosten des Unternehmens bereichert. Die Redaktion stützte sich auf zwei Ordner mit den Aufschriften "Teletherm" und "Wolbern". Die stammten aus dem Aktenschrank eines Vorstandsmitglieds und verrieten, dass er und seine Kollegen, voran der Vorsitzende Albert Vietor, über Strohmänner Firmen gegründet hatten, die mit der "Neuen Heimat" Geschäfte machten, bei Verhandlungen also praktisch auf beiden Seiten saßen und mit sich selbst kontrahierten. Die Firmen lieferten Wärme, warteten Antennen, erschlossen Grundstücke - alles Leistungen, für die die Neue Heimat und ihre Mieter teuer bezahlen mussten.

Das brisante Material hatte der Spiegel vom früheren Sprecher des Wohnungsbaukonzerns, John Siegfried Mehnert, erhalten. Der bekam Geld dafür, nicht runde 100.000 Mark, wie es gerüchteweise hieß, aber doch eine stolze Summe im fünfstelligen Bereich. Der stern, dem er die Akten ebenfalls angeboten hatte, konnte sich nicht schnell genug zum Ankauf entschließen. Mehnert hat stets bestritten, dass er durch einen Einbruch in den Besitz der beiden Ordner gelangt sei: die Tür zum Büro des Vorstansmitglieds habe offen gestanden, der Schrankschlüssel auf dem Schreibtisch herumgelegen. Er habe sich auch nicht von Rachegefühlen leiten lassen, weil ihn der Vorstand wegen eines nicht verhinderten kritischen Zeitschriftenberichts über den Konzern entlassen habe. Als überzeugter Gewerkschafter habe ihn aber empört, dass es in einem gewerkschaftseigenen Unternehmen keine Kontrolle des Managements gab und - noch schlimmer - dass dem Management auch die Kontrolle über sich selbst abhanden gekommen sei.

Wenige Jahre später musste der größte westeuropäische Wohnungs- und Städtebaukonzern Konkurs anmelden. Der Skandal und die Liquidation kosteten die Gewerkschaften einen Großteil ihres Vermögens und diskreditierten den gemeinnützigen Wohnungsbau. Vergeblich hatte der Vorstandsvorsitzende Vietor versucht, die Privatgeschäfte als legal darzustellen. Der DGB setzte ihn und die betroffenen beiden Vorstandskollegen vor die Tür. Der neue Unternehmenschef Diether Hoffmann meldete Ende 1982 einen Verlust von mehr als 190 Millionen Mark bei der Neuen Heimat und 560 Millionen Mark bei der Tochter Neue Heimat Städtebau. Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ermittelte, dass allein die Privatgeschäfte Vietors den Konzern 105 Millionen Mark gekostet haben. Mit Verbindlichkeiten in Höhe von 16 Milliarden Mark verkaufte der DGB das Unternehmen 1986 an den Berliner Bäckereiunternehmer Horst Schiesser für den symbolischen Preis von einer Mark. Dessen Sanierungsplan akzeptierten die Banken aber nicht und der Vertrag wurde rückabgewickelt. Eine Auffanggesellschaft löste die Neue Heimat schließlich auf. Die meisten Regionalgesellschaften wurden an Bundesländer und Privatinvestoren verkauft.

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Ein Schiff von Greenpeace wird gesprengt


Charles Hernu
Wrack der Rainbow Warrier
Laurent Fabius, der französische Premierminister, enthüllte ein offenes Geheimnis: "Agenten des französischen Geheimdienstes haben das Schiff versenkt; sie handelten auf Befehl." Mit diesem späten Eingeständnis, zweieinhalb Monate nach dem Anschlag auf das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior", ein halbes Jahr vor den Parlamentswahlen, geriet die Affäre zur gefährlichsten Krise in der Amtszeit von Präsident Francois Mitterrand.

Schon früher hatten Greenpeace-Aktivisten im Testgebiet der Franzosen im Südpazifik Störmanöver gegen Atomversuche unternommen. Ein geplanter neuer Einsatz vor dem Mururoa-Atoll endete am 10. Juli 1985 jäh am Kai von Auckland auf Neuseeland. In Höhe des Maschinenraums zerfetzte eine von Tauchern angebrachte Haftmine die Bordwand der Rainbow Warrier. Das Schiff sackte ab. Als Sekunden später eine zweite Sprengladung explodierte, ertrank der portugiesische Photograph Fernando Pereira, der seine Kameras von Bord retten wollte.

Die linksliberale Zeitung Le Monde meldete den Vorfall zunächst nur kurz in der Rubrik "Verschiedenes". Als aber zwei Pariser Zeitschriften behaupteten, die französischen Geheimdienste seien für den Anschlag verantwortlich, begann der neu zum Blatt gestoßene Reporter Edwy Plenel mit intensiven Recherchen. Zusammen mit anderen Redaktionsmitgliedern gelang es ihm, handfeste Beweise für die Beteiligung von Regierungsstellen an dem Attentat zusammenzutragen. Am 18. September 1985 erschien Le Monde mit der vierspaltigen Schlagzeile
RAINBOW WARRIOR VON FRANZÖSISCHEN ELITEEINHEITEN VERSENKT. Verteidigungsminister Hernu musste zurücktreten, Admiral Pierre Lacoste, dessen Auslandsgeheimdienst die "Operation Satanic" angeordnet hatte, wurde entlassen.

Le Monde, damals bei kritischen Lesern im Verdacht, ein von der sozialistischen Regierungspartei hofiertes Meinungsblatt geworden zu sein, stärkte mit der Audeckung dieses Skandals wieder sein Renommee. Aber, so erinnert sich der später zum Redaktionsleiter aufgestiegene Plenel, wenn sich Premierminister Fabius nicht auf die Seite der Zeitung und gegen Hernu gestellt hätte und wenn die Regierung weiterhin dementiert hätte, "wäre die Sache für uns vielleicht böse ausgegangen."

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Die Affäre, die zwei Regierungschefs ruinierte


Barschels Ehrenwort
Einen Tag vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 13. 9.1987 berichtete Der Spiegel über schmutzige Machenschaften der Staatskanzlei des CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel gegen den SPD-Gegenkandidaten Björn Engholm. Einer der größten Politskandale der Bundesrepublik kam ins Rollen. Darin spielte ein vom Axel-Springer-Verlag an Barschels Staatskanzlei vermittelter "Medienreferent" namens Reiner Pfeiffer eine zentrale Rolle: Der hatte die Intrigen gegen Engholm selbst eingefädelt und sie dann dem Spiegel gesteckt, dem diese Informationen genügten, um eine zum "Waterkantgate" erklärte Wahlkampfsabotage zu Lasten der SPD ans Licht zu bringen.

Engholm war für Barschel zu einem gefährlichen Gegner geworden, und ein Regierungswechsel in Kiel galt als durchaus möglich. Der um sein Amt bangende Ministerpräsident brauchte einen "Mann fürs Grobe" - wie kritische Beobachter die Rolle Pfeiffers beschrieben. Pfeiffer begann seine Geheimaktion mit einer anonymen Strafanzeige gegen Engholm wegen Steuerhinterziehung. Auch wollte er eine Wanze in Barschels Telefon einsetzen und deren Entdeckung so inszenieren, dass der SPD ein Abhörskandal hätte angehängt werden können, doch ließ sich kein passendes Gerät beschaffen. Zudem wurde ein Detektiv ausgeschickt, der eventuell Abträgliches im Sexualleben Engholms finden sollte. Als Arzt "Dr. Wagner" rief Pfeiffer bei Engholm an und behauptete fälschlicher Weise, der habe mit einer an Aids leidenden Patientin von ihm sexuellen Kontakt gehabt.

Barschel versuchte sich zu entlasten, indem er vor der Presse mit seinem "Ehrenwort" bekräftigte, dass er mit diesen Vorgängen nichts zu tun und auch nichts davon gewusst habe. Zuvor hatte er drei Mitarbeiter der Staatskanzler zu falschen eidesstattlichen Erklärungen gedrängt, um seine Worte glaubhaft zu machen. Doch eine Woche später sah er sich gezwungen, vom Amt des Ministerpräsidenten zurückzutreten. Nach einem Urlaub auf Gran Canaria flog er nach Genf, wo ihn am 11.10. zwei Stern-Reporter tot in der Badewanne seines Zimmers im Hotel "Beau Rivage" auffanden. Er war tablettenabhängig und ob er sich selbst vergiftet hat oder von fremder Hand getötet wurde, ist eine offene Frage geblieben.

Engholms Rücktritt
Dass die Sozialdemokraten und ihr Spitzenkandidat in diese Affäre nicht nur Opfer waren, deutete sich schon an, als ihr Landesvorsitzender Günther Jansen und sein Pressesprecher Klaus Nilius am 9.10. zugeben mussten, dass Pfeiffer sie noch vor Erscheinen der ersten Spiegel-Meldung über seine Aktivitäten informiert habe. Das Ergebnis der Landtagswahl machte die SPD zur stärksten Partei, bei den Neuwahlen am 31.Mai 1988 gewann sie sogar die absolute Mehrheit, und Engholm wurde Ministerpräsident. Doch fünf Jahre später geriet er selber ins Kielwasser der Affäre, als eine ehemalige Geliebte Pfeiffers über dessen Kontakte zur SPD den Stern informierte. Das veranlassste den SPD-Landevorsitzenden Günther Jansen zur Vorwärtsverteidigung: Er gestand in einer Pressekonferenz, er habe dem mittelos dastehenden Pfeiffer aus sozialen Gründen 1988 und 1989 jeweils 20.000 Mark bar gezahlt. Das privat gesammelte Geld hatte er angeblich zuhause in einer Schublade aufbewahrt.

Als Konsequenz dieser "Schubladen-Affäre" legte Jansen den SPD-Landesvorsitz nieder. Wenige Wochen später trat Engholm als Ministerpräsident und dann auch als Bundesvorsitzender der SPD zurück, nachdem er zugeben musste,vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags falsch ausgesagt zu haben: Entgegen seiner Zeugenaussage hatte er nicht erst nach der Wahl von Pfeiffers Umtrieben erfahren, sondern schon geraume Zeit vorher.

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Abu Ghureib kompromittiert einen Rechtsstaat

Lynndie England
Seymour Hersh, der renommierte investigative Reporter, traf seinen Informanten in einem kleinen Hotel in Neuengland. Der Mann überließ ihm einen Umschlag mit etwa fünfzig Fotos und einen Untersuchungsbericht von 53 Seiten: Antonio Taguba, Generalmajor in der US-Armee, war bei einer vom Pentagon angeordneten Untersuchung auf ein "geradezu erschreckendes Ausmaß an systematischer Grausamkeit" gestoßen, durch das die Gefangenen "sowohl physisch als auch psychisch" fürs Verhör durch die US-Geheimdienste gefügig gemacht werden sollten.

Dieser "Taguba-Report" und das Fotomaterial bestätigten, dass US-amerikanische Militärangehörige und Geheimdienstmitarbeiter im Abu-Ghuraib-Gefängnis in Bagdad Kriegsgefangene gefoltert und gedemütigt hatten. In der Zeitschrift New Yorker, für die Hersh seit zehn Jahren als ständiger Reporter arbeitete, erschien am 10.Mai 2004 unter der Schlagzeile FOLTER IN ABU GHUREIB das Ergebnis seiner Recherchen, erhärtet durch die ihm überlassenen Unterlagen. Die Fernsehgesellschaft CBS, die auch im Besitz des für das Ansehen der USA so verheerenden Aufnahmen war, sendete sie zwölf Tage bevor der New Yorker am Kiosk lag. Doch hat erst der ausführliche Artikel von Hersh die ganze Dimension des Folterskandals verdeutlicht; auf ihn beriefen sich Zeitungen in aller Welt.

Durch die arabische Welt rollte eine Protestwelle, und das Ansehen der USA als einer "Republik unter der Herrschaft des Rechts" nahm schweren Schaden. Charles Graner galt als Rädelsführer der Folterer. Ein US-Militärgericht verhängte gegen ihn eine Haftstrafe von zehn Jahren Haft. Die auf vielen Bildern posierende Lynndie England erhielt drei Jahre Haft. Es gab weitere Verurteilungen von niedrigen Dienstgraden. Oberstleutnant Steven Jordan, der einzige angeklagte Offizier, kam mit einem verwaltungsrechtlichen Verweis davon.

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Der VW-Skandal als Mitbringsel von einer Party


Peter Hartz Klaus Volkert
Im Frühjahr 2005 hörte Kayhan Özgenc, Leiter des Hamburger Focus-Büros, auf einer Party von "unglaublichen Vorgängen" beim Autobauer Volkswagen: Gegen das Vorstandsmitglied der VW-Tochter Skoda, Helmuth Schuster, werde firmenintern wegen Korruption ermittelt. Der Verdacht reiche aber bis ganz oben. So habe der Wolfsburger Personalvorstand Peter Hartz über Jahre den wichtigsten Mitgliedern des Betriebsrats Prostituierte bezahlt. Auch der Betriebsratschef Klaus Volkert gehöre zu den Korrumpierten. Özgenc, traute seinen Ohren nicht. Der Informant konnte ihm jedoch nachprüfbare Details nennen und lieferte dem Focus-Reporter Ansätze für eigene Recherchen. Ende Juni 2005 brachte sein Blatt eine Story über Schusters Fall, und VW sah sich veranlasst, gegen seinen Mann bei Skoda Strafanzeige zu erstatten.

Özgenc recherchierte weiter und konnte Woche für Woche mit neuen Enthüllungen aufwarten. Volkert musste zurücktreten, Hartz dann auch. Staatsanwaltliche Ermittlungen, Anklagen und Strafurteile folgten. Der Enthüller der VW-Affäre bekam 2006 für seine Berichte den Henri-Nannen-Preis. Denn so befand die Jury: "Er hatte die richtige Witterung, gute Informationen und war allen anderen um eine Nasenlänge voraus. Sein Bericht war der erste und gab den Anstoß zur Aufdeckung der VW-Affäre, des größten deutschen Skandals der letzten Jahre. Und auch in den folgenden Wochen und Monaten, in denen dieser Skandal immer weitere Kreise zog, trug er mit den investigativ arbeitenden Journalisten anderer Blätter beharrlich zur Aufdeckung neuer Details der Affäre bei."

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Einschlägiges zum Thema

Mitchell Stephens, "History of News", Viking Penguin Inc., New York 1988
Evelyn Waugh, "Scoop", a Novel about Journalists, Penguin Books
]. P. Géné, "Die Scoops von Le Monde", Aufsatz in der Zeitschrift Message 4-2002
Frederick A. Talbot, "Some famous Newspaper Scoops", Artikel in The Harmsworth Magazine, London, Vol. 4
Henri G. S. Opper de Blowitz, "My Memoirs", Band I, London 1903
Und so kann man es auch machen

Einen Trick zur Sicherung eines Scoops verrät Ulrich Becher in seinem Roman "Murmeljagd" auf S. 219: Mit Schillers "Lied von der Glocke" den Telegraphen belegen, um die Eroberung Lembergs eine Stunde früher melden zu können als die Extrablätter der Konkurrenz. - Von Rebekah Brooks, der rothaarigen Londoner Statthalterin Rupert Murdochs, wird erzählt, sie habe sich - damals Chefredakteurin der inzwischen eingestellten News of the World - in der Druckerei einer anderen Zeitung eigenhändig ein Andruckexemplar organisiert, um mit dem so ausspionierten Scoop der Konkurrenz das eigene Blatt aufzumachen.


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
14.07.2011
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