Dies ist das Logo der Staatsuniversität von Indiana. 1953 verbrachte ich auf dem Campus von Bloomington ein Semester als Gaststudent. Diese Hochschule im mittleren Westen war hierzulande vor allem bekannt wegen des Professors Alfred C. Kinsey, der die sexuellen Verhaltensweisen der Amerikaner erforschte. Ich freilich hörte dort einige
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Praktiker am Katheder
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Vorlesungen zur amerikanischen Geschichte und zur Kommunalpolitik, verbrachte aber die meiste Studienzeit in den Übungen und im Hauptseminar des Journalistik-Professors Dr. John E. Stempel.
Das Lehrbuch, das alle seine Studenten im Buchladen der Universität erwerben mussten, war 1942 in einer zweiten, von ihm überarbeiteten Auflage erschienen: "Newspaper Editing, Make-up and Headlines". Die erste Auflage kam 1924 heraus, verfasst von Norman J. Radder, einem ehemaligen Nachrichtenredakteur der New York Times, der zwanzig Jahre vor Stempel als Journalismus-Professor an der Indiana University wirkte.
Dieses Buch zweier Praktiker und Menschenkenner habe ich bis heute gehütet. Es ist prall gefüllt mit Ratschlägen und Regeln für das Bearbeiten von Texten und das Layout von Zeitungsseiten, mit Anleitungen für korrekte Schlagzeilen und Warnungen vor juristischen Fallstricken. Die Beispiele für verkorkste Headlines hatten es mir besonders angetan: "Roosevelt gelang das meiste, was er vorhatte; Kongressabgeordneter plötzlich tot" - "Schlange beißt Frau; stirbt" -"Hunde beißen sechs Leute; klagen gegen die Besitzer" - "Vom Toten erschossene Frau erholt sich". Eine Mahnung aus diesem Buch, einem kanadischen Zeitungsmann zugeschrieben, habe ich als Redakteur fest im Hinterkopf behalten: "Der normale Mensch vergibt jede Gemeinheit, wenn aber sein Name falsch buchstabiert wird, ist es mit seiner Nachsicht für immer vorbei."
Einen Hochschullehrer wie Stempel hätte ich an der Universität Kiel, wo damals noch der Rektor als Magnifizenz und die Dekane als Spektabilitäten angeredet und respektiert wurden, nicht finden können. Ganz ungewohnt war es für mich, vom Professor mit Vornamen aufgerufen zu werden. Noch ungewohnter, dass eine Kommilitonin, sie hieß Nancy Hyatt, eines Tages unseren ungewohnt missgelaunten und einsilbigen Lehrer unverblümt fragte: "Dr. Stempel, do you sell your words today?" Da musste er denn doch lachen, schob seinen halben Kaugummi von der linken in die rechte Mundhälfte und versuchte mit einer professionellen Anekdote, an die ich mich leider nicht mehr erinnere, seine Lektion zu einem vergnüglichen Ende zu bringen. Früher, so wussten ältere Semester zu berichten, sah man ihn selten ohne die von der Unterlippe herabhängende Zigarette. Mich erinnerte er wegen seiner kräftigen Nase, seiner sonoren Stimme und seines trockenen Humors an den Komiker W. C. Fields.
Er stammte aus Bloomington, wo seine Mutter und sein Vater als Universitätsdozenten für vergleichende Philologie wirkten. Seine Großeltern väterlicherseits waren aus Deutschland eingewandert. Schon mit zwölf wollte er unbedingt Journalist werden, und lieferte als vierzehnjähriger Schüler für die Lokalzeitung Bloomington Evening World seine ersten Meldungen über die High School und über ihr Basketball-Team. An Wochenenden durfte er schon mal eine für Lokalzeitungen damals wichtige
Aufgabe wahrnehmen: "to meet the trains". Der damit beauftragte Reporter sprach am Bahnsteig mit Leuten, die dort warteten, über Ziel und Zweck ihrer Reise oder versuchte herauszufinden, wer erwartet wurde; so war gut an Gesellschaftsklatsch, aber auch an Geschäftsmeldungen heranzukommen. Zugleich suchte er nach ortsbekannten Gesichtern unter den Ankommenden. Damals kam ja auch die Prominenz noch per Bahn; Autos waren selten, Buslinien gab's erst nach dem 1. Weltkrieg. Die Klatschkolumnistin Louella Parsons hatte mit dieser Methode den Grundstein zu ihrer Karriere gelegt, als sie 1914 anfing, Filmstars auf der Reise von New York nach Hollywood beim Halt in Chicago im Abteil zu überfallen und auszufragen.
Stempel hat in Bloomington auch studiert - nicht Journalismus, der wurde damals dort nur als Nebenfach gelehrt, sondern Geschichte. Er empfand das als sinnvoll, hielt er doch Zeitungen für eine unentbehrliche Geschichtsquelle und sagte gerne: "History is just congealed journalism." Im Studentenheim schlug ich im Collegiate Dictionary von Webster nach, was er denn wohl mit congealed gemeint haben mochte. Aha: gelierter, verfestigter, erhärteter, vielleicht auch: erstarrter Journalismus. Fachhistoriker, so war zu hören, hat er mit dieser ironischen Definition gerne irritiert. Uns Studenten aber ermahnte er damit, niemals zu vergessen, dass wir sowohl unseren Lesern als auch der Nachwelt sorgfältige und möglichst verlässliche Arbeit schulden.
Natürlich war er auch mal Chefredakteur der Universitätszeitung Indiana Daily Student gewesen, übrigens im Wechsel mit seinem Kommilitonen Ernie Pyle, der sich, obwohl er sein Studium abgebrochen hatte, im 2. Weltkrieg als Frontberichterstatter einen Namen machte und im April 1945 einer japanischen MG-Garbe zum Opfer fiel; Stempel sorgte später als Leiter des Department of Journalism dafür, dass dessen Neubau auf dem Bloomington Campus 1954 nach dem Pulitzer-Preisträger "Ernie Pyle Hall" benannt wurde.
Mit dem "Masters Degree in History" war Stempel 1927 zur Columbia University in New York gewechselt, wo er den "Master of science degree in journalism" erwerben konnte. Von 1929 bis 1936 arbeitete er bei der New York Sun am copy desk, ging anschließend als managing editor zu einer kleinen Zeitung in Pennsylvania. Der Vollblutjournalist entschloss sich dann aber, angehenden Presseleuten das Nötige an Theorie und ein Maximum an Praxis zu vermitteln und wurde, aus Indiana heimgerufen, Dozent für Journalismus. Von 1938 bis 1968 war er dann Chairman der "School of Journalism" in Bloomington und machte sie - auch durch Einrichtung einer umfassenden Fachbibliothek - zu einer der angesehensten Ausbildungsstätten für Journalisten in den USA.
Als ich zusammen mit meinem Kieler Studienfreund Horst-Diether Hensen sein Seminar besuchte, ging es um die Pressefreiheit, um die Gesetzgebung zur Regulierung der elektronischen Medien und um die Gefahren der Pressekonzentration. In seinen Übungen lernte man Nachrichten und Reportagen zu redigieren, Zeitungsseiten zu umbrechen und Schlagzeilen zu formulieren. Da waren laut Agenturmeldung einer Schauspielerin durch ein Mißgeschick die Kleider vom Leib gefallen und sie stand
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Besuch beim Indianapolis Star:
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Chefredakteur James A. Stuart erklärt uns die Organisation des Blattes, I.U.-Prof. Poynter McEvoy hat ihm H.-D. Hensen (r) und mich als special students from Germany vorgestellt.
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ungewollt splitternakt auf offener Bühne. Dazu erfand Freund Hensen die Schlagzeile THERE WAS NOTHING - BUT APPLAUSE... Diesen Einfall konnnte Stempel nur mit "very good!" benoten.
Seinen Assistenzprofessor J. Poynter McEvoy schickte er mit seinen beiden deutschen Gaststudenten nach Indianapolis; wir sollten sehen, wie eine große Provinzzeitung funktioniert. Regelmäßig prüfte er, wie aufmerksam wir die Morgenzeitung gelesen hatten. Mit Multiple-Choice-Fragebögen wurden die von einem Tornado im mittleren Westen angerichteten Schäden ebenso abgefragt wie die Umstände vom Ableben Josef Stalins oder Details des Budgets von Präsident Eisenhower.
Seine tägliche Pflichtlektüre war die New York Times, deren Redakteure er am liebsten regelmäßig als Gäste in seinen Kollegs präsentiert hätte. Doch sie kamen nur selten nach Indiana. Zuletzt war ein leitender Redakteur im Herbst 1952 dagewesen. Mit spürbarem Stolz berichtete Stempel von diesem Besucher, dessen schlagfertige Antworten die Studenten beeindruckt hatten. Eine Callgirl-Affäre des Margarineerben Minot Mickey Jelky beherrschte damals die Schlagzeilen. Warum, so wurde der Gast aus New York gefragt, berichte denn ausgerechnet die seriöse Times so ausführlich und detailliert über diesen Skandal. "In jeder anderen Zeitung", so seine Antwort, "wäre das Schmutz und Schund gewesen; in der Times war's Soziologie." Stempel lachte laut; er liebte diese Anekdote. Sein halber Kaugummi wechselte mal wieder die Seite.
Um zu lernen, wie man Seiten umbricht, Fotos plaziert und Überschriften formuliert, mussten wir aus dem Bleisatz früherer Ausgaben des Indiana Daily Student selber Titelseiten zusammenstellen. Dabei sollten wenigstens die Schlagzeilen einen Hauch von Aktualität verraten. Den Zeitungstitel durften wir uns aussuchen; ich entschied mich für THE OBSERVER, was rechts und links oben Platz für Stempels mit rotem Kugelschreiber gekritzelten Kommentar ließ: "Schriftauswahl gut, Verteilung von schwarz gut. Nach unseren Umbruchsvorstellungen hätte das Foto links oben plaziert werden müssen und einer der zweispaltigen Aufmacher rechts außen." Er übte Nachsicht, wusste ja, dass es bei uns zuhause eher andersherum üblich war. Auf ein Motto neben dem Titel hatte ich verzichtet. Die New York Times - "All the news that's fit to print" - zu bemühen, wäre mir anmaßend vorgekommen. Ach, wäre mir doch nur eingefallen, was eine unserer gewitzten Kommilitoninnen oben neben ihrem gebastelten Campus Inquirer (so ähnlich hieß er wohl) einkastelte: "All the news that fits to print". Das war's ja. Die Texte mussten reinpassen, auch wenn sie keinen rechten Sinn mehr machten.
Stempel glaubte völlig zu Recht, junge Leute könnten auch mit witzigen Spielchen noch etwas lernen. Und er war bekannt dafür, dass er großen Anteil am beruflichen Fortkommen seiner Schüler nahm. Dafür vor allem wurde er allseits geschätzt. Niemand hätte ihn absichtlich kränken wollen. Über einen Abzug unserer Spielseiten hatte jemand den verballhornten Titel Indiana Daily Stupid gesetzt. Da alle wussten, wie sehr unser Lehrer an der von ihm betreuten Universitätszeitung hing, wurde dieses Blatt mit Zustimmung aller sogleich zerrissen. Es sollte ihm gar nicht erst unter die Augen kommen.
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Wertvolle Hinweise für diesen Text verdanke ich einem Interview
mit John E. Stempel, das Bobby Taylor am 24. 2.1976 für das
Center for the Study of History and Memory der Indiana University geführt hat.
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