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"Kanzler der Alliierten "
Schumacher über Adenauer
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"Agent der Labour Party"
Adenauer über Schumacher
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Tote können sich nicht wehren. Die Lebenden geraten deshalb immer wieder in Versuchung, unter Berufung auf die Verstorbenen ihre selbstsüchtigen Absichten zu fördern. Das Rotieren im Grabe gehört nicht von ungefähr zu den sprichwörtlichen postumen Tätigkeiten.
Was unter Freunden und Verwandten üblich ist, darauf kann die Politik schon gar nicht verzichten. Das hat der neunzigste Geburtstag Kurt Schumachers auf atemraubende Weise gezeigt. In der innerparteilichen Auseinandersetzung der Sozialdemokraten wird der erste Vorsitzende nach 1945 vom rechten Parteiflügel beansprucht. Eine Kurt-Schumacher-Gesellschaft soll die Erinnerung an diesen großen Mann wachhalten. Wer wollte das tadeln? Aber der kaum verhüllte Nebenzweck dieser Gründung liegt darin, die jetzige Parteiführung mit dem Stigma zu versehen, sie grenze sich von den Kommunisten nicht so scharf ab, wie es Kurt Schumacher - wenn er noch lebte - tun würde. Würde er? Niemand kann es wissen.
Für den politischen Gegner der SPD, für die CDU und die CSU, ist der innerparteiliche Grabpflegestreit Anlass genug, noch eins draufzusetzen: In der Unionspropaganda wird der tote Schumacher als freiheitlicher Sozialdemokrat bejubelt, der nie einen Zweifel an der Verankerung der Bundesrepublik im westlichen Lager zugelassen hätte - ganz im Gegensatz zu den Leisetretern und Neutralisten, die doch angeblich in der Baracke den Ton angeben. Man spürt so richtig, wie konservative Herren sich danach sehnen, einen Schumacher an der Spitze der heutigen SPD zu wissen.
Immerhin werden sich aber wenigstens ein paar Senioren noch daran erinnern, welchen Skandal Schumacher auslöste, als er bald nach Gründung der Bundesrepublik den ersten Bundeskanzler Adenauer einen "Kanzler der Allierten" nannte. Den Kanzler dürfte das damals weniger aufgeregt haben als seine Getreuen; denn es war nicht so lange her, da hatte er von Schumacher als von einem "Agenten der Labour Party" gesprochen, weil er argwöhnte, die britische Besatzungsmacht bevorzuge auf Weisung der Labour-Regierung in London die deutschen Sozialdemokraten.
Wer immer den toten Schumacher für sich und seine politischen Zwecke einspannen will, der kann froh sein, wenn er nicht allzu genau beim Wort genommen wird. Denn es hilft ja nichts: Der Mann, er war mit nur noch einem Arm aus dem ersten Weltkrieg zurückgekommen, war für eine Politik, die Aufrüstung größer schreibt als Verständigung, keinesfalls zu haben. So sehr er dem Machtanspruch der Kommunisten trotzte, wollte er doch nicht, dass Deutschland zum Aufmarschgebiet gegen die Sowjetunion würde. Der Mann, der geschunden aus dem Konzentrationslager kam, hätte sich auch einen viel schärferen Trennungsstrich zwischen dieser Republik und der Nazi-Vergangenheit gewünscht, als es vielen seiner neuen Bewunderer von rechts opportun erscheint. Dass er mit dem Kapitalismus nichts im Sinn hatte, dass er auf ein sozialistisches Zeitalter hoffte, sei nur der Vollständigkeit hinzugefügt.
Nein, der Mann taugt nicht zum Eideshelfer gegen seine eigene Partei. Seitdem auch Sozialdemokraten Geschmack daran gefunden haben, den alten Adenauer gegen die CDU auszuspielen, ist freilich mit allem zu rechnen. Aber eines sollte uns erspart bleiben: Ein Enkel Adenauers, der auch noch Schumachers Großneffe sein möchte.
"Auf ein Wort", NDR/WDR 17.10.1985, 19.15 Uhr