Herbert Wehner ist nicht mehr Minister - er ist mehr. Willy Brandt sitzt der SPD vor, Wehner sitzt ihr im Nacken. Er, der ehemalige Kalkulator, rechnete lange, aber richtig, als er die sozialistische Tante SPD zur bürgerlichen Mutti formte. Nach zehn Jahren konsequenter Taktik ging Wehners Rechnung 1969 auf: Die "vaterlandslosen Gesellen" von einst regieren heute der Deutschen Vaterland. Und Wehner paßt auf, daß es so bleibt.
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Beim Interview mit Reinblick
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Jetzt sitzt er mit Rheinblick im Zimmer 124 des alten Bundestagsflügels, verdient jeden Monat viertausend Mark weniger als in seinen Ministertagen und passt auf, dass der Bonner Regierungszug nicht vom Gleis springt. Mit 63 Jahren wurde der Bundesminister a. D. Herbert Wehner als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Bundestagsfraktion wieder zum ersten Parteikämpfer. Die SPD konnte es sich nicht leisten, ihren besten politischen Kopf auf dem Podest des Staatsmannes zu belassen. Herbert Wehner gilt in Deutschland als einer der widersprüchlichsten und umstrittensten Politiker. Für die nationale Rechte ist er immer noch ein "Sowjetspion", für die Kommunisten ein "Renegat", für die Traditionssozialisten ein "Verräter", für die eigene Partei aber ist Herbert Wehner "Motor des Erfolgs", und für die oppositionelle CDU ist er neuerdings gar ein Wundermann, den man am liebsten abwerben würde.
1969 war für Herbert Wehner das Jahr des Sieges; das Jahr, in dem er nach zehnjährigem Marathonmarsch seine Partei endgültig an die Macht brachte: unduldsam, klug taktierend, schimpfend, manchmal resignierend, bienenfleißig und steinhart gegen Andersdenkende in der Partei, als "Zuchtmeister" von den Freunden belobigt, als »stalinistischer Kontrolleur« von seinen Gegnern kritisiert. Zehn Jahre nach dem Godesberger Programm, der endgültigen Abkehr der Sozialdemokraten vom Marxismus, ging Herbert Wehners These auf: Da der Wille des Wählers schwerer zu ändern ist als das Gesicht einer Partei, muss sich die Partei dem Wählerwillen anpassen.
Nun ist der Anpasser Wehner zum Aufpasser geworden. Als Fraktionschef muss er im Bundestag die schmale Mehrheit seiner Regierung sichern Trotzdem wehrt er sich: "Ich bin kein Antreiber und auch kein Kontrolleur." Aber er will schon darüber wachen, dass diese Regierung ihren Fahrplan einhält. Über die begrenzten Möglichkeiten macht er sich keine Illusionen. Illusionen sind nach fünf Jahrzehnten Politik sowieso nicht mehr seine Sache.
Wehner stammt wie sein langjähriger Gegenspieler Walter Ulbricht aus Sachsen. Als erstes Kind der Schneiderin Antonie und des Schuhmachers Richard Wehner kommt er am 11. Juli 1906 in Dresden zur Welt. Nachdem sein Vater in den Ersten Weltkrieg gezogen ist und seine Mutter zunächst mit 42 Mark für die ganze Familie auskommen muss, verdingt er sich mit neun Jahren für zwei Mark Wochenlohn bei einem Tischler als Laufbursche. Später absolviert er per Stipendium einen dreijährigen Verwaltungslehrgang, lernt in einer Maschinenfabrik kaufmännisches Rechnen - und geht in die Politik. Die Firma Zeiss-Ikon, bei der er dann in Dresden als Kalkulator arbeitet, feuert ihn bald, weil er gegen die schlechten Arbeitsbedingungen agitiert hat.
Auf dem Umweg über die zersplitterte anarchistische Linke kommt er 1927 zur KPD und wird schon drei Jahre später, mit 24 Jahren, stellvertretender Vorsitzender ihrer sächsischen Landtagsfraktion. Anfang der dreißiger Jahre avanciert er zum Berater und ständigen Begleiter des KPD-Vorsitzenden Thälmann.
In Schweden mußte er ins Zuchthaus
Als der junge KP-Spitzenfunktionär eine Wahlrede in Niederbayern halten muss, warnen ihn die Genossen vom Ortsverein vor dem Gendarmen, der die Versammlung überwacht: Sobald die Töne zu radikal werden, setzt der seinen Helm auf und schließt die Versammlung. Herbert Wehner lässt während seiner Rede den Beamten keine Minute aus den Augen. Er agitiert und polemisiert wie immer, prangert Missstände an. Plötzlich sieht er den bayerischen Gendarmen zum Helm greifen - und bereinigt blitzschnell die Situation, indem er sagt, seine Vorwürfe gälten dem Land Preußen. Beruhigt lässt da der Polizist seinen Helm auf dem Tisch liegen. Er ist ja nur daran interessiert, dass dieser Kommunist aus dem fernen Berlin nicht die Ehre des Freistaates Bayern befleckt.
Die Nazi-Diktatur kommt. Wehner, der bald kritisch die Haltung seiner Partei zu überprüfen beginnt, sieht ein: Die KPD widmet sich zu stark dem Kampf gegen die "Sozialfaschisten" von der SPD und vernachlässigt darüber den gemeinsamen Kampf gegen Hitler und seine NSDAP. Wehner organisiert die Untergrundarbeit der KP, sucht die Zusammenarbeit mit SPD-Leuten. 1935 wird er bei einem Treff in Prag von der Polizei aufgestöbert und verhaftet. Tschechische Politiker sorgen dafür, dass er freikommt und über die polnische Grenze abgeschoben wird. Endstation: Moskau.
Wehner nimmt am VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) teil, wo er sogar in der Plenardebatte kurz sprechen darf. Folge: Molotow lässt seinen Sekretär die Personalien des deutschen Redners feststellen. Dem späteren Sowjetaußenminister fiel auf, dass da einer aufsteht, der nicht vom Blatt abliest, sondern in freier Rede seine Ansichten vorträgt, was in Moskau nicht üblich ist. Wehner wird ins Zentralkomitee der KPD gewählt.
Mit luxemburgischem Pass reist er 1936 wieder gen Westen, kurbelt im Ruhrgebiet und in Berlin die illegale Parteiarbeit an, sammelt in Paris die ersten hundert Freiwilligen der KPD für den spanischen Bürgerkrieg und muss dann nach Moskau zurück. Er soll dort, wie sein Gegner Ulbricht es nennt, "Rede und Antwort" stehen. Denn er hat den Fehler begangen, einen Flugblatt-Text Ulbrichts zu kritisieren.
Das Untersuchungsverfahren gegen Wehner fällt in die Zeit der unheimlichen Moskauer Schauprozesse. Es zieht sich hin von Anfang 1937 bis zum Juli 1938, Mit Ausgangsbeschränkungen lebt er im Emigrantenhotel "Lux", aus dem täglich Bewohner abgeholt werden und für immer verschwinden. Freunde ziehen es vor, sich nicht mehr zu kennen, Misstrauen, Hysterie und Terror sind überall. Eines Nachts im Dezember 1937, er liegt mit Fieber im Bett, holt der Staatssicherheitsdienst NKWD auch ihn in das berüchtigte Lubjanka-Gefängnis. Vernehmungsoffiziere stellen ihm die Standardfrage, ob er etwas über Trotzkisten und deren Tätigkeit sagen könne. Wehner antwortet, das sei er schon vor Monaten gefragt worden. Mehr als damals könne er heute auch nicht dazu sagen. Widersprüche sind ihm nicht nachzuweisen, und er wird wieder freigelassen.
Danach darf er aus Moskau ausreisen. Sein Auftrag: die deutsche Exil-KP in Schweden zu überprüfen und von dort aus die illegale Parteiarbeit in Deutschland zu verbessern. Zu diesem Zeitpunkt hat Wehner längst erkannt, dass sein "Versuch, mit freimütiger Stellungnahme auf eine Erneuerung der Partei hinzuwirken", gescheitert ist. Der Bürokrat Ulbricht ist der kommende Mann im deutschen Kommunismus.
Wehner wird von der schwedischen Polizei verhaftet, kommt wegen seiner Untergrundtätigkeit gegen ein "befreundetes Land" vor Gericht, ins Zuchthaus und danach in das Internierungslager Smedsbo. Dort versorgt ihn Lotte Burmester, die Witwe eines von den Nazis ermordeten Hamburger Kommunisten, mit Lebensmitteln und Büchern. Sie hat selber zwei Jahre in Deutschland im Gefängnis gesessen, konnte aber 1937 mit ihren Kindern nach Schweden entkommen. Nach Ende seiner Internierungshaft heirateten die beiden 1944.
Er sah sich als ein Gebrannter
Nachdem Wehner, nach dem Kriege zunächst Redakteur beim sozialdemokratischen Hamburger Echo, 1949 vom damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher zur Kandidatur für den Bundestag in Bonn überredet worden ist, weiß er, was ihn erwartet: "Ich habe Kurt Schumacher gesagt: Sie werden mir dort von allen Seiten... die Haut vom Leibe reißen. Ja, sagte Schumacher, das werden sie, aber du wirst das auch aushalten." Er hält es aus.
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Mit Kurt Schumacher 1949
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Zunächst tut er freilich wenig, um Verleumdungen und Verdächtigungen entgegenzutreten. Im Gegenteil, wenn er zu aufdringlich mit seiner KP-Vergangenheit konfrontiert wird, reagiert er störrisch und schadet sich durch barsche Antworten noch mehr. Im Anschluss an einen Vortrag im Essener "Kaiserhof" vor dem Rhein-Ruhr-Club im Juli 1953 fragt ihn ein katholischer Pressemann: Ob er sich denn nun von einem Komintern-Saulus in einen (westlichen) Paulus verwandelt habe. Seine schroffe Antwort lautet: "Nein!" Schlussfolgerung seiner böswilligen Gegner: Er ist immer noch Kommunist, und so einer führt bei den Sozialdemokraten das Wort.
Einem Mann, der mit solchen Mitteln bekämpft wird, springt nicht gerade der Humor aus dem Gesicht. Dabei weiß Wehner kauzige Geschichten zu erzählen, bei Stegreifinterviews vor den Fernsehkameras ist er häufig oft witzig wie ein Conferencier. Aber mit Redensarten und Belanglosigkeiten ist er nur schwer aus der Reserve zu locken. Wer sein Wesen ergründen, wer seine freundlichen Seiten sehen will, muss ihm zuhören, ihn erzählen lassen. Freunde berichten, dass er Gäste auf seiner Ferieninsel Öland mit Mundharmonikaspiel verabschiedet.
Es ist, als wolle er seinen verletzlichen Kern vor einer allzu lange feindlich gesonnenen Umwelt schützen. Auf dem Godesberger Parteitag von 1959 nannte Wehner sich selbst einen "Gebrannten" und warnte seine Genossen vor dem Rückfall hinter die menschenfeindlichen ideologischen Drahtverhaue. Seine Empfindlichkeit lässt ihn häufig mit übertriebener Grobheit zurückschlagen. Doch all der Hohn und Spott, dessen er fähig ist, arten niemals in Hass und Zynismus aus. Hinter der Härte, die er zu seinem Panzer gemacht hat, ahnt man seinen Nachholbedarf an Anerkennung und Zuneigung. Aber die Denkmalspflege an sich selbst, ihm keineswegs ganz fremd, interessiert ihn nicht mehr, sobald eine neue Aufgabe auf ihn wartet.
Als "gewissenhafter Anwalt des deutschen Volkes" lässt er sich nur im Wahlkampf feiern. Danach ist er wieder der erste Arbeiter seiner Partei. Als ihr Fraktionsvorsitzender muss er heute
• die eigenen Leute zu eiserner Sitzungsdisziplin anhalten, um dem sozial-liberalen Regierungsbündnis die knappe Parlamentsmehrheit zu sichern;
• die FDP-Fraktion durch ständigen Kontakt bei Koalitionslaune halten, damit auch der rechte FDP-Flügel bei der Fahne bleibt, und
• die CDU/CSU-Opposition so in Schach halten, dass sie der Regierung Brandt/Scheel nicht gefährlich werden kann.
Wie er die SPD auf Trab brachte
Mit den eigenen Leuten fertig zu werden, fiel ihm niemals schwer. Er bugsierte die hundertjährige SPD aufs Reformgleis, säuberte sie von Linksabweichlern, befreite die Partei von ideologischem Ballast und machte ihr das dreijährige Bündnis mit der früher so bitter bekämpften CDU/CSU schmackhaft. Der "Zuchtmeister" Wehner sieht sich selbst freilich eher in der Rolle des freundlichen Helfers, ohne den Widerspruch aufzuklären, wie er denn als Samariter die SPD hätte auf Trab bringen können.
Er versucht sich vom Führungsstil seiner Vorgänger Erler und Schmidt im Fraktionsvorsitz abzusetzen: "Mein Prinzip ist, möglichst viele zu Wort kommen zu lassen. Das ist sicher auch das Bemühen der anderen gewesen. Aber die haben immer - entweder aus Neigung oder unter dem Druck der Entwicklung - der Forderung nachgegeben, dass der Vorsitzende beinahe bei jeder Gelegenheit für die Fraktion das Wort nehmen müsste. Das versuche ich auf das Mindestmaß zu beschränken."
Er will keine Maßregeln für Sitzungsschwänzer einführen, erwartet aber von der neuen Fraktionsgeschäftsordnung ein besseres Kontrollsystem. Wobei er gleich hinzusetzt, dass es sich dabei um Selbstkontrolle handeln müsse. Die einzelnen Abgeordneten sollten davor bewahrt werden, sich zu übernehmen und zu verzetteln: "Sonst kommen sie unter den Schlitten." Er sagt es im milden Tonfall, doch man merkt, dass er es auch anders formulieren könnte: ... sonst fahre ich mit ihnen Schlitten.
An den Umgang mit den liberalen Verbündeten freilich musste er sich erst gewöhnen. Früher nannte er die FDP verächtlich eine "Ausweichpartei", die sich in die Rolle begeben habe, "unzufriedene CDU-Wähler aufzufangen und sie dadurch der CDU wieder zuzuführen, dass sie neben der CDU mitregieren darf". FDP-Politiker haben Wehner vor mehr als zehn Jahren einmal ihr Leid geklagt: Die Geldgeber ihrer Partei seien daran interessiert, dass es niemals eine Situation geben dürfe, in der die Wähler nur noch zwischen CDU/CSU und SPD zu wählen hätten; es müsse immer eine dritte Partei da sein, die schließlich das Stimmendefizit der Unionsparteien wieder ausgleichen könne.
Diese Klage brachte Wehner zu der Überzeugung, seine Partei könne von einer Wahlrechtsreform und dem damit verbundenen Verschwinden der FDP nur gewinnen. Dass von den Liberalen auch in der Sache wenig zu erwarten sei, macht er noch im November 1968 den Hamburger Genossen am Beispiel Mitbestimmung klar, wo bei der FDP "gar nichts drin" sei: "Aber bei euch genießen die ja Paragraph 51. Dabei ist da vorn nichts, hinten nichts, und man tut doch, als seien sie liebenswert."
Als aber die neuen FDP-Führer Scheel, Genscher und Mischnick bei der Wahl des Sozialdemokraten Heinemann zum Staatsoberhaupt beweisen, dass sie nunmehr auch ein Stimmendefizit der Sozialdemokraten auszugleichen bereit sind, und als die FDP dann im Wahlkampf auch noch auf die Koalition mit der SPD losmarschiert, stellt sich auch Wehner auf die neue Lage ein.
In der Wahlnacht spricht er zwar noch einmal von der "Pendler-Partei", will damit aber, wie er heute versichert, "die FDP, wie sie früher war", gemeint haben. Seit dem 28. September hält er diese Partei für "gesundgeschrumpft". "Aber", und das macht ihm noch Sorgen, "unter denen, die gewählt worden sind, gibt es bei der FDP noch einige, die es lieber anders gesehen hätten und wohl auch noch lieber anders sehen würden, wenn die Verhältnisse es erlaubten. Und daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis, zusätzlich verschärft natürlich durch die verständlichen Bemühungen vor allem der CSU und auch der CDU, der FDP in den Ländern und Kreisen die Beine unter dem Hintern wegzuziehen."
Zögernd, fast stockend, dann ganz plötzlich - wie es seine Art ist - schneller und lauter sprechend, ohne dabei die obligate Pfeife aus dem Mund zu nehmen, spricht Herbert Wehner sein Loyalitätsbekenntnis zu dieser Koalition, in der doch von sozialdemokratischen Planzielen wie etwa der Mitbestimmung kaum die Rede sein wird: "SPD und FDP sind aufeinander angewiesen. Seiner Ansicht nach hat die FDP in der Partnerschaft mit der SPD die Gelegenheit, sich einen festen Standort zu schaffen. Dies ist der Vorteil gegenüber einem Zusammengehen mit der CDU/CSU. Dort würde sie wie Jonas im Bauche des Wals verschwunden sein, aber ohne die Aussicht, die der biblische Jonas gehabt hat: Da wieder lebend rauszukommen."
In diesen Worten schwingt die Genugtuung darüber mit, dass seine eigene Partei für den christdemokratischen Wal ein zu schwerer Brocken war, den die Union in drei Jahren Großer Koalition nicht zu schlucken vermochte. Wehner fürchtet die ehemalige Kanzlerpartei nicht. Sie muss ihn fürchten, sie weiß nach drei Jahren am gemeinsamen Kabinettstisch, was an politischer Energie, an Fleiß und Willen in ihm steckt. Und deshalb beneiden die Christdemokraten die SPD um Wehners organisatorische Fähigkeiten und möchten gern selber einen Wehner haben - ein Wunsch, der auf dem letzten CDU-Parteitag in Mainz offen ausgesprochen wurde.
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Zum sechzigsten Geburtstag:
Das Große Verdienstkreuz mit Stern
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Solchen Respekt zollt die jetzige Opposition einem Politiker, der ihr in vergangenen Regierungsjahren als Prügelknabe gedient hat. Aus seinem politischen Werdegang (Kommunist, Emigrant, Zuchthäusler in Schweden und linker Flügelmann der Nachkriegs-SPD) stopften christliche Politiker Propagandapatronen, mit denen sie die ganze SPD zu treffen suchten und jahrelang auch trafen. Wehners oft schroffes, manchmal ruppiges und polterndes Wesen, seine Vorliebe für Kraftausdrücke, seine Zornausbrüche passten vorzüglich zu dem bürgerlichen Zerrbild vom Proleten, das der CDU/CSU bei ihrem gnadenlosen Kampf gegen die SPD so nützlich war.
Während Wehners eigene Genossen unter den Verdächtigungen und Unterstellungen, den demagogischen Tricks, mit denen Politiker der damaligen Regierungsparteien die nationale Zuverlässigkeit, den Patriotismus der Sozialdemokraten in Zweifel zu ziehen suchten, zusammenzuckten, speichert er alles in seinem präzisen Gedächtnis ("bis jetzt hat es immer noch funktioniert"). Nichts geht verloren, keine Kränkung, keine Schmähung, keine Verdächtigung. Für die Gegner der SPD ist das ganze nur Taktik. Sie denken sich zumeist nichts weiter dabei, als dass sie es den "Sozis" möglichst schwermachen wollen, ihre Wähler zu mehren.
Aber er, den sie sogar zum "Sowjetspion" stempeln wollten, der sich am meisten getroffen und am tiefsten verwundet fühlt, leitet aus diesen Angriffen eine neue Strategie ab. Und mit Hilfe dieser seiner Strategie kann die SPD ein Jahrzehnt später die Christdemokraten von der Macht vertreiben, die einige CDU/CSU-Politiker schon in Erbpacht zu haben glauben.
Wehners strategisches Grundmuster ist einfach. Es soll niemandem mehr Anlass gegeben werden, an der Zuverlässigkeit und Ungefährlichkeit der SPD zu zweifeln. Den Wählern ist klarzumachen, dass die SPD keineswegs einen ganz anderen Staat mit veränderten Menschen, sondern diese Bundesrepublik mit ihren Bürgern will: Wenn die Bürger nicht freiwillig zum Sozialismus kommen, dann muss eben der Sozialismus dem Bürger ein gehöriges Stück entgegenkommen.
Günter Gaus stellte Wehner 1966 die Frage: "Gibt es eine politische Pflicht, an sachlichen Forderungen, wenn sie als richtig erkannt sind, auch dann festzuhalten, wenn die Wähler das nicht gern haben?" Wehners Antwort: "Eine politische Partei muss das, was sie für richtig hält, vertreten und so erklären, dass es verstanden werden kann. Und wenn :sie einsehen muss, dass sie damit nur eine begrenzte Zahl von Menschen bewegt oder erreicht, so muss sie herausfinden, wie sie schließlich doch auch über diese Grenzen hinaus andere erreicht, um - wenn auch auf einem längeren Weg - zu dem inneren Ausgleich zu kommen, den sie ja mit Recht will... Man kann nicht an den Menschen herumschnitzen."
In der Weimarer Republik gab es viele Sozialdemokraten, die es mit dem Vers hielten: "Republik das ist nicht viel, Sozialismus heißt das Ziel." Diejenigen, die immer noch so denken, müssen nach Wehners Strategie mit dem Staat versöhnt, diejenigen, die die Versöhnung verweigern, aus der Partei ausgeschlossen werden. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), der auf Marxismus und Revolution beharrt, wird geopfert. Was Rosa Luxemburg einst von dem damaligen SPD-Vorsitzenden August Bebel sagte, sagt jetzt der linke SPD-Flügel von "Onkel Herbert": "Der Genosse Wehner hört nur noch auf dem rechten Ohr."
"Man muß auf sich aufpassen"
Mit dem Godesberger Programm - von Wehner maßgeblich beeinflusst - spricht die SPD 1959 ein eindeutiges Ja zur Landesverteidigung, bietet den Kirchen eine Partnerschaft an und befreit sich endgültig von ihrer Funktion als Ersatzkirche. Männer wie Heinrich Deist und Karl Schiller haben von langer Hand den Durchbruch von marxistischen zu sozial-liberalen Wirtschaftsprinzipien vorbereitet. Aber den Durchbruch zur Macht bringt das alles noch nicht. Wehner muss in einer Aufsehen erregenden Rede vom 30. Juni 1960 erst noch seinem - längst ad acta gelegten - Deutschlandplan abschwören, muss die Loyalität der SPD zur NATO einer schwerhörigen CDU/CSU in die Ohren hämmern, die nicht begreifen will, dass die SPD plötzlich kein Sicherheitsrisiko mehr sein soll.
Um die restlichen bürgerlichen Vorbehalte gegenüber den Sozialdemokraten abzubauen, steuert er zielstrebig auf ein Bündnis mit jenen Christdemokraten zu, die seiner Partei immer die Regierungsfähigkeit abgesprochen haben. Er weiß, dass die SPD die Unionsparteien im Wahlkampf so bald nicht schlagen kann. Wenn er nicht das langsame, aber stetige Anwachsen der SPD-Stimmen abwarten will, bleibt ihm nur jene Politik der Umarmung, die am treffendsten in dem amerikanischen Geschäftsprinzip ausgedrückt ist) "If you can't beat them, join them" - wenn du die Konkurrenz nicht schlagen kannst, musst du dich mit ihr zusammentun. Ludwig Erhards Sturz - von ihm prophezeit: "Den Mann werden wir noch ohne Hosen laufen sehen" - schafft die Gelegenheit.
Diese Rosskur des An-die-Macht-Drängens geht an der Partei nicht ohne Erschütterungen vorüber. Landtagswahlen bringen Rückschläge. Auf der SPD-Bundeskonferenz im November 1967 treten Wehners Kritiker auf den Plan, und man hört von ihm den Satz: "Selbstverständlich bin ich abwählbar, und meine Zeit, wie die jedes anderen Menschen, geht zu Ende. Und ich habe den Eindruck, sie geht bald zu Ende." Mit seiner Gesundheit steht es zu jener Zeit nicht zum Besten.
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-----------Endlich wieder ein SPD-Kanzler
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Vom STERN jetzt daran erinnert, will er nichts von früheren Resignationsgefühlen wissen. Unwirsch antwortet er: "Es geht über meine Fähigkeiten, Legenden zu zerstören. Ich kann sie nur überleben. Gerade in schwierigen Zeiten war ich immer auf Deck. Gesundheitlich geht's mir wie allen, die älter werden: Man muss auf sich aufpassen. Aber ich trau mir eine ganze Menge zu, wenn ich auch kein Wundermann bin."
Das Wahlergebnis vom 28. September und die Tatsache, dass nach fast vierzig Jahren wieder ein Sozialdemokrat Kanzler geworden ist, haben viele seiner Kritiker verstummen lassen. Sogar seine offensichtlich falsche Wahlkampftaktik ("Wir führen den Wahlkampf nicht gegen die CDU, sondern für die SPD"), die erst durch Schillers Ausbrechen und Vorwärtspreschen in der Aufwertungsfrage gerade noch rechtzeitig korrigiert worden ist, nimmt ihm in der Partei kaum noch jemand übel.
Nur noch wenige kommen mit der Wahlstatistik und sagen, die SPD hätte auch ohne Wehners radikale Annäherungsstrategie zu ihrem Stimmenanteil von 42,7 Prozent kommen können. Solche Kritik lässt außer acht, dass eine nicht im Godesberger Sinne reformierte SPD trotz dieses Stimmenanteils kaum die FDP als Koalitionspartner hätte gewinnen können. Jedenfalls stellte Wehner schon die Weichen für die Regierungsbeteiligung seiner Partei, als viele seiner Genossen noch ratlos ihre Wunden leckten.
Dieser Mann, der seine Partei aus der Oppositionsstarre gelöst hatte, stellte sich vor mehr als 25 Jahren als "einsamer Gefangener" in Schweden die Frage: "Wer wird denn nach dir verlangen, der du schon zehn Jahre im eigenen Volk ein Fremder warst, dem niemand Gastfreundschaft gewähren durfte, ohne sich schwerer Strafe auszusetzen?"
Weitere zwanzig Jahre hat es gedauert, bis sogar seine Gegner nach ihm verlangt haben: Der greise Kanzler Adenauer, der den "Sowjetspion" Wehner plötzlich zur Verlängerung seiner von der Spiegel-Krise bedrohten Herrschaft einspannen wollte, der fränkische CSU-Baron von Guttenberg zusammen mit dem katholischen CDU-Minister Paul Lücke, die ihn als Garanten gegen Regierungskrisen und störrische Liberale zu Hilfe holen wollten. Als er dann sechzig war, verlieh ihm das CDU-Establishment [durch Bundesinnenminister Paul Lücke] das Große Verdienstkreuz mit Stern, und wenig später wurde er in der Großen Koalition Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen.
Jetzt hat Herbert Wehner das Staatsamt wieder mit politischer Kärrnertätigkeit vertauscht, ist Vorarbeiter der Fraktion geworden, muss Acht geben, dass er seine knappe Herde zusammenhält, ist noch auf sanfte Töne eingestimmt, brüllt bald wieder seine Leute an, macht sich neue Feinde, entfremdet sich alten Freunden, wird missverstanden wie eh und je.
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stern 1/2, 1970 |