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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Hans-Jürgen Wischnewski
(24. 7. 1922 - 24. 2. 2005)





Er war ein bewährter Aushelfer und Ausputzer. Gesegnet mit starken Nerven, gelassen, verbindlich wusste er als Bundesgeschäftsführer der SPD manchen innerparteilichen Ärger zu entschärfen, bevor der noch publik werden konnte. Seine Hilfe beim Machtwechsel von 1969 hat ihm Willy Brandt nie vergessen. Sich deshalb mit heute gängigen Sprüchen wie "Geht nicht gibt's nicht" dicke zu tun, wäre diesem Krisenmanager und Kontaktgenie nicht in den Sinn gekommen. "Mal sehen ob's geht", entsprach eher seinem weniger ostpreußisch als kölsch geprägtem Naturell. Mit seinem Verhandlungsgeschick hatte er der Öffentlichkeit imponiert, als er im europäischen Seekrieg um die Fangquoten auf eine gütliche Einigung hinwirken konnte. Dazu Willy Brandts Kommentar: "Ben Fisch kennt vor Island jeden Kabeljau persönlich."

Schon als Jungsozialist knüpfte er an einem Verbindungsteppich zur arabischen Welt. Das trug ihm den Zweitnamen Ben Wisch ein und machte ihn zu einem viel gefragten Kontaktmann und Türöffner für Diplomatie und Wirtschaft. Was seine "Arabian Connection" wirklich wert war, zeigte sich bei der Befreiung des Lufthansajets Landshut auf dem Flughafen von Mogadischu. Heiner Bremer und ich haben ihn bald nach seiner Rückkehr in Hamburg für den stern befragt. Es wurde eine mehrstündige Nachtsitzung im "Blauen Satelliten", so hieß die Bar im obersten Geschoss des Hochhaus-Hotels am Bahnhof Dammtor. Wir begriffen, dass es ein Glücksfall für die Republik war, so einen Feuerwehrmann in Diensten zu haben. Er blieb beim Chivas Regal, wir beim einfachen Scotch. Die drei Sicherheitsbeamten, die ihn nicht aus den Augen ließen, bekamen nur alkoholfreie Cocktails mit phantastischen Namen serviert, aber die machten am Ende weit über die Hälfte der Rechnung von gut 600 Mark aus. Ob wir die beim stern einreichen konnten? Der Krisenmanager war auch um banalen Rat nicht verlegen: "Jeder von Euch reicht die Hälfte ein."

Als ich für den Vorwärts verantwortlich war, hat mir der Bundesgeschäftsführer Wischnewski, loyal zur Seite gestanden und stets offen berichtet, wenn im Parteivorstand oder im Präsidium mal wieder Unzufriedenheit mit dem eigenen Wochenblatt laut geworden war. Ende 1971 waren prominente Genossen wegen ihrer Verbindung zu einer reaktionären Wirtschaftskaderschmiede in Bad Harzburg im Vorwärts kritisiert worden. Im Präsidium, so eröffnete mir Wischnewski, sei bedauert worden, dass der Chefredakteur sich zu "heiklen Themen" vorher keine Ratschläge einhole. "Ich weiß doch vorher, was Du mir raten würdest." - "Richtig", sagte er, "ich hätte Dir abgeraten." Er wusste nur zu genau, dass vorab eingeholte Ratschläge jede unbefangene Berichterstattung unmöglich machen. Aber das konnte er ja in offizieller Funktion als Tadelsüberbringer nicht zugeben. Stattdessen versuchte er, meine Sorge, das Verhältnis des Chefredakteurs zur Parteispitze sei zerrüttet, mit der Aufmunterung zu zerstreuen: "Du hast mehr Freunde als Du glaubst." So etwas hört man nicht alle Tage, aber doch gern, auch wenn's nicht stimmt.

Als wir dieses Gespräch führten, war er längst auf dem Abmarsch aus der Bonner Vorstands-"Baracke", dem provisorischen SPD-Hauptquartier. Sein Vorschlag, den Bundesgeschäftsführer vom Parteitag wählen zu lassen, hatte
Ben Wisch auf Radio Eriwan

Nach Bildung der SPD/FDP-Koalition 1969 gab Sowjet-Botschafter Zarapkin ein Essen, zu dem auch Ben Wisch und Horst Ehmke eingeladen waren. Der Gastgeber fragte, ob Bonn nicht zum Lenin-Jahr eine Sondermarke zu Ehren des Erbauers der Sowjetunion herausgeben könne. "Nee, bestimmt nicht", sagte Ben Wisch. Ehmke wiegelte ab: "Wir werden das prüfen." Darauf Zarapkin: "Wer hat bei Ihnen mehr zu sagen - Partei oder Regierung?" - "Na klar die Regierung", sagte Ehmke. Darauf Ben Wisch: "Im Prinzip ja. Aber diese sehr spezielle Frage ist bei uns so geregelt, wie bei Ihnen alles."

keine Mehrheit gefunden. Seine Gegner, allen voran die sogenannten "Kanalarbeiter" sagten, man wolle keinen Generalsekretär; diese Funktion passe eher zu stalinistischen Kaderparteien. In Wahrheit gönnten sie dem Bundesgeschäftsführer - kräftig bestärkt vom Schatzmeister Alfred Nau - keine eigene Autorität. Und der Schatzmeister konnte bleiben, was er war: nach den Vorsitzenden der mächtigste Funktionär und vor allem der unkontrollierte alleinige Hausverwalter.

Damals schrieb ich Ben Wisch, sein Entschluss, als Bundesgeschäftsführer abzutreten, gefiele mir, obwohl meine eigene Arbeit ohne ihn nicht leichter werde: "Aber das ist nicht wichtig. Du hast es geschafft, in dieser Partei endlich mal die wesentliche Frontlinie sichtbar zu machen. Sie verläuft ja nicht zwischen links und rechts. (...) Sie verläuft zwischen denen, die den Apparat und seine Ingenieure mit dem Wesen der Politik verwechseln, und jenen anderen, die Politik aus dem Wollen (und nicht aus Milieu und alten Gewohnheiten) produzieren möchten. Diejenigen, die die Sperrminorität gegen Dich zusammengeholt haben, werden in ihrer graumäusigen Vereinsmentalität nicht eher ruhen, bis jedem, der sich erlaubt, was besonderes zu verlangen, weil er anders das Ungewöhnliche nicht zustande brächte, die Lust vergeht. Da musste mal einer zeigen, dass er sich diesem unmenschlichen Solidaritäts-Verständnis, das auf Unterwerfung und Gleichschaltung aus ist, nicht anschließt. Jetzt reden sie von Pflicht, meinen aber nur das Kuschen. (...)" Und als er 1982 sechzig wurde, gratulierte ich telegraphisch: "Mein Gruß gilt einem Steher."

Als Staatsminister im Kanzleramt und Bevollmächtigter der Bundesregierung in Berlin kappelte er sich immer mal wieder mit Günter Gaus, dem egomanischen Ständigen Vertreter Bonns in Ost-Berlin. Der beanspruchte ein Monopol für die Kontakte mit der DDR-Führung - nach der Devise: "Entweder mache ich alles oder gar nichts." Damit war er bei Ben Wisch aber an der falschen Adresse. "Ich nehme an, Du hast Dir das nicht bieten lassen", vermutete ich. Er sah aus dem Fenster und grummelte: "Ich bin aufgestanden und habe ihn sitzen lassen."

Im Juni 1972 - damals ohne Amt und Funktion, aber doch einflussreicher Abgeordneter des Bundestages - bat er mich, ihn in seinem Haus in Liblar zu besuchen und den Ersten Sekretär der sowjetischen Botschaft, Eugen Ditschenko, mitzubringen, der ganz in meiner Nähe wohnte. Beide wollten mal zusammen ihre Briefmarkenalben durchblättern - politsche Kontaktpflege sucht sich gern eine Legende. Tatsächlich freute sich Ditschenko, dem Gastgeber einige Doppelstücke aus seiner Lenin-Sammlung überlassen zu können, und war sichtlich überrascht, dass ein deutscher Sozialdemokrat überhaupt Lenin-Marken sammelte. Politisiert wurde bei dieser fast konspirativen Begegnung nur andeutungsweise und scherzhaft. Dafür unterhielt uns Wischnewski mit Anekdoten und Erläuterungen zu den vielen Reiseandenken aus seiner Amtszeit als Entwicklungshilfe-Minister. Bei der Rückfahrt nach Bonn, sagte ein enttäuschter Ditschenko, ihm falle auf, wie stark sich Politiker immer selber herausstellten; das sei bei ihm zuhause auch so, hänge also nicht mit der Gesellschaftsordnung zusammen.

Ben Wisch aber hatte bekommen, was er wollte: Einen Eindruck von Gromykos Briefmarkensammler, der angehalten war, enge Kontakte zu den Sozialdemokraten zu knüpfen.

© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
11.10.2010
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