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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Hans Zehrer
(22. 06. 1899 - 23. 08. 1966)


Berlin, 13.9.1965: der Regierende
Bürgermeister Willy Brandt ehrt Zehrer
im Rathaus Schöneberg
mit dem Bundesverdienstkreuz

Keine Frage: Der Mann imponierte mir. Als ich im Sommer 1958 von der sozialdemokratischen, gleichwohl nicht allzu provinziellen Kieler Volks-Zeitung in die Redaktion der Welt kam, sah ich dieses Blatt in der Nachfolge jenes urbanen Journalismus' der Weimarer Zeit, über den ich viel gelesen hatte und den ich sehr bewunderte.

So wie Hans Zehrer im berlinernden Tonfall die Redaktionskonferenzen leitete, - zunächst mit dem Abfragen der Ressorts: Politik, Handel (nein, niemals hätte er das Wort Wirtschaft in den Mund genommen) Sport, Vermischtes - um dann in knappen Sätzen und lakonischen Formulierungen eigene Vorschläge, Anregungen, Rückfragen vorzubringen, so hatte ich professionelles Zeitungmachen noch niemals erlebt. Ja doch, er imponierte mir. In der sozialdemokratischen Volks-Zeitung wurde weniger diskutiert; man war ja im "Wesentlichen" ohnehin einer Meinung. In der Welt-Redaktion aber ging es damals hoch her. Und Zehrer hatte offfensichtlich seinen Spaß daran. Genussvoll drückte er seine ovale Orientzigarette für die runde Zigarettenspitze zurecht und steckte sie vor dem Anzünden kurz in den Mund, um sie anzufeuchten.

Ich wurde 1959 Assistent der Chefredaktion und bestaunte, mit welcher Bestimmtheit Zehrer mit grünem Stift auf Agenturmeldungen kritzelte, welcher Redakteur, welcher Reporter aus dem Thema etwas machen sollte: Kommentar, Bericht, Reportage. Er kannte seine Leute zwar nicht näher, umso genauer sah er ihre Talente, und er witterte, was in den Themen steckte. Die Seite 3 der Welt war gewiss nicht so gut geschrieben wie die der Süddeutschen, aber sie lag mit ihren Kurzkommentaren, Reportagen und Analysen gut im Nachrichtenstrom. Extrem wetterfühlig wie er war, beharrte er darauf, dass die ausführliche meteorologische Notiz auf Seite 1 niemals fehlen durfte.

Sein äußerstes Entgegenkommen, wenn er begründen sollte, warum er ein Thema oder einen Text nicht in der Welt sehen wollte, war der Satz "Der Mann will das nicht." Der Mann, das war für ihn der Leser. Leserinnen hatte er nicht auf der Rechnung. Dazu passte der Kasinoton, den er gerne anschlug. So war der Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß, dessen Vater eine Schlachterei betrieb, für ihn nur "Metzgers Bester". Abschätzig kommentierte er, dass der US-Außenmister Christian Herter sich nur an zwei Stöcken fortbewegen konnte: "Weltmacht an Krücken!"

Im März 1960 meldeten Ost-Berliner Zeitungen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen der DDR zur der afrikanischen Republik Guinea. Wenn es zutrifft, müßte Bonn - der Hallstein-Doktrin folgend - seine Beziehungen zu Conakry abbrechen. Zehrer sagte in der Redaktionskonferenz, Präsident Sékou Touré wolle Ost-Berlin gegen Bonn ausspielen und meinte grimmig: "Die Baumaffen erpressen uns." Ich hatte mich nicht
verhört - nein, so etwas hätte bei der Volks-Zeitung niemand



gedacht, geschweige denn gesagt. Als in der Konferenz von einem alerten jungen Höfling des Verlegers die Rede war, der als homosexuell galt, gab Zehrer höhnisch grinsend seinen Kommentar dazu: "Der hat im wahrsten Sinne des Wortes Dreck am Stecken."

Wirklich, ihn richtig einzuschätzen fiel mir schwer; denn es irritierte mich sehr, wie er sich in seinen langen, mit zierlicher Handschrift gekritzelten Leitartikeln abfällig über logisch-diskursives Denken verbreiten konnte. Nicht auf Erkenntnis, aufs Erahnen und Erfühlen schien er aus zu sein. Für mich war Schreiben seit meinen Schultagen mit Namen wie Lessing, Lichtenberg und Heine verbunden. Hier erlebte ich eine journalistische Leitfigur, die es offenbar mehr mit Oswald Spengler, Swedenborg und anderen weltlichen Sehern hielt. Aber war er nicht ein Christ? Hatte er nicht für den Bischof Lilje das evangelische Sonntagsblatt redigiert? Also - was seine Meinungen anging war der Mann nicht so ganz mein Fall; aber ich fand es gut, dass er - jedenfalls damals noch - neben seinen eigenen auch ganz andere akzeptieren konnte und sie keineswegs aus dem Blatt fernzuhalten suchte.

Ich ahnte noch nicht, hätte es auch nicht wahrhaben wollen, dass die goldenen Jahre der Welt schon bald nach meinem Eintritt in die Redaktion zuende gehen sollten. Gehörten neben dem Konservativen Walter Görlitz und dem Liberalen Paul Sethe nicht auch linke Publizisten wie Joachim Besser, Erich Kuby und Gösta v. Uexküll zur Redaktion? Die inneren Spannungen, die sich nach der missglückten Moskau-Visite Axel Springers und Hans Zehrers im Januar 1958 in der Redaktion aufgebaut hatten, konnte ich als begeisterter Novize noch nicht ausmachen, habe die Indizien wohl auch zunächst bagatellisiert. Bis ich eines Tages in der Konferenz von Zehrer den Satz hörte: "Dann werden wir eben die Berlin-Krise bis zum Knall anheizen." Worauf ihm Gert v. Paczensky, der außenpolitische Ressortleiter, kühl entgegnete: "Dann werden Sie sehen, dass Ihnen nicht viele in dieser Redaktion auf diesem Wege folgen werden." Da merkte ich es auch: Das Blatt wurde umgesteuert, weg vom Pluralismus hin zu einer einheitlicheren Redaktionsmeinung.

In den fünfziger Jahren aber besaß Zehrer zunächst freie Hand, die Welt so zu redigieren, wie einst die Vossische Zeitung redigiert worden war, für die er - es war seine erste Redakteursstelle - sechs Jahre lang gearbeitet hatte. Gerade 26 Jahre war er alt, als ihm die Leitung des außenpolitischen Ressorts übertragen wurde. Die "Voss" mit ihrer fast zweihundertjährigen Tradition gehörte dem Ullstein-Verlag an der Berliner Kochstraße; heute steht dort das Springer-Hochhaus. Die jüdischen Brüder Ullstein hatten das


Blatt vor dem ersten Weltkrieg übernommen und es in der Weimarer Zeit zu einem liberal-demokratischen Diskussionsforum entwickelt. Toleranz, Diskussionsfreude und Streitlust prägten den Geist der Redaktion. Sie besaß ein Maß an Meinungs- und Gestaltungsfreiheit, das unter dem Dach eines Verlages oder einer Zeitung nur ausnahmsweise zu finden ist. Dort schrieben und redigierten Liberale, Sozialdemokraten, Rechtskonservative, aber auch der eine oder andere Kommunist, die sich bei allen Differenzen immer wieder auf das gemeinsame Ziel konzentrierten, eine gute Zeitung zu machen. Und In diesem Geist führte er die Welt einige Jahre, die ihr Renommee begründeten.

Zu Zehrers sechzigstem Geburtstag schrieb Ferdinand Fried (alias Prof. Friedrich Zimmermann), sein alter Gefährte aus dem Tat-Kreis für die Seite 3 eine Würdigung. In der Druckfahne des Artikels suchte ich nach einer Textstelle für die Schlagzeile, als Zehrer den Kopf in die Tür steckte:" Wo ist das Ding?" Ich wusste, was er suchte, und er nahm das Ding mit in sein Zimmer. Nach einer halben Stunde lag es wieder auf meinem Tisch. Mit grünem Kugelschreiber hatte er geändert, was ihm allzu lobhudelnd klang. "Wie ein erratischer Block aus der großen Zeit des deutschen Journalismus ragt Zehrer in die heutige Zeitungswelt hinein", so Zimmermanns Anfangssatz. Das Wort erratisch war gestrichen und hinter seinem Namen hat der Jubilar ergänzt: "...mit den wenigen, die noch der gleichen Epoche entstammen..." Auch der ihm bescheinigte beinahe übernatürliche Spürsinn für Nachrichten und Tatsachen musste einem nur ausgeprägten weichen. Das Ansehen der Welt war nicht im wesentlichen sondern nur noch sehr stark mit sein Verdienst sein.- Soweit also die Abstriche von der Denkmalspflege.

Weil er nun sechzig werde, so schrieb Zimmermann, müsse der Chefredakteur sich schon mal gefallen lassen, "daß man ihn bei dieser Gelegenheit feiert". Sollte suggerieren: Obwohl der das doch eigentlich gar nicht will! Um das wirklich glaubhaft zu machen, hatte Zehrer noch eigenhändig ergänzt: "Es ist dies auch einer der seltenen Beiträge, die ohne sein Wissen und seinen Willen ins Blatt kommen." - Gewußt hat er's nicht, gewollt hat er's nicht, auf der Fahne heimlich nachredigiert hat er's aber doch. Und der erratische Block stand dann am Ende doch im Blatt, wer immer nun dafür gesorgt haben mochte. Die geheime Schlussredaktion hatte nicht am Tisch des zuständigen (aber beileibe nicht verantwortlichen) Redakteurs stattgefunden.

Wie Axel Springer seinen publizistischen Paladin schließlich entmachtete - damals arbeitete ich schon beim stern - , das verfolgte ich mit einem Anflug von Mitleid. Es galt dem Journalisten Hans Zehrer, nicht dem politischen Träumer und Visionär. Der hatte ja auch für Springer längst an Faszination verloren, seitdem der Großverleger glaubte, in der Rolle des Propheten sei er seinem früheren Mentor schon seit langem weit überlegen. Dass Zehrer damals schon todkrank war, wusste ich nicht.



Als er sich selbst aufgab

Zehrer war Ende 1958 vor die Entscheidung gestellt, zusammen mit dem überwiegenden Teil seiner Redaktion unabhängig von Verlegereinmischung die Linie differenzierter Weltschau beizubehalten, oder aber sich den Wünschen seines Verlegers zu beugen und damit selbst manche eigene Erkenntnis zu revidieren. Während schon eine Meldung über die bevorstehende Ablösung Zehrers in Fachkreisen kolportiert wurde, entschied sich Zehrer für die zweite Lösung. Wäre er gegenüber seinem Freund und Schüler stark geblieben, so hätte das zweifellos seine völlige Entmachtung zur Folge gehabt. Der mittlerweile 59-jährige Zehrer, der endlich Ruhe in sein wechselvolles Leben gebracht sah, hätte schwerlich an anderer Stelle eine gleichwertige Funktion finden können. Zu verführerisch war daher, trotz allem, seine Position. Nach dieser, durchaus so zu bezeichnenden Selbstaufgabe wurde Zehrer dann jedoch zum konsequenten Interpreten der neuen Politik. Und man muß ihn wohl nur deswegen nicht als ein vollends williges Werkzeug in der Hand des Verlegers sehen, weil er schließlich dann doch selbst an das glaubte, was für Springer Politik war.

Aus: Ebbo Demant: Von Schleicher zu Springer, Hans Zehrer als politischer Publizist,
v. Hase & Köhler Verlag, Mainz 1971, S. 191, ISBN 3-7758-0815-9

Weitere Literatur:

Hans Schueler: "Parlament und Parteien müssen ausgeschaltet werden...", Hans Zehrer als Weimarer Publizist, Sendung auf NDR 3, 28.03. 1990, 16.30-17.00 Uhr

Hans B. von Sothen: Hans Zehrer als politischer Publizist nach 1945, in: Die kupierte Alternative, Konservativismus in Deutschland nach 1945, Duncker und Humblot, Berlin 2005,
ISBN 3-428-11781-6


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
21.07.2010
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