EZur Person

aus der Website von  Gerhard E. Gründler

Weißer Jahrgang, Datenschutz gelockert
Wir glauben Erfahrungen zu machen,
aber die Erfahrungen machen
uns.
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Eugène Ionesco
1973: National Presss Club, Washington, D.C. Foto: Agentur Sven Simon


Aus dem "Wer ist wer?"*)

Gründler, Gerhard E., Journalist,
geb. 21. 3. 1930 Sachsenberg b. Schwerin; Abit. Max-Planck-Obersch. Kiel; Stud. Univ. Kiel (Rechts- u. Staatswiss.), Indiana Univ., Bloomington, USA (Journalismus); 1. jurist. Prüf. 1956; Volont. Schlesw.-Holst. Volks-Ztg., Kiel; 1958-63 Redakt. u. Korresp. D. Welt; 1963-71 Redakt. u. innenpolit. Ressortleit. Stern; 1971-76 Chefredakt. Vorwärts; 1976-79 Stern-Reporter; 1979-81 Bonner Korresp. WDR-Hörf.; 1981-92 Dir. NDR-Landesfunkhaus Hamburg.
BV: Das Gericht der Sieger (mit A. v. Manikowsky), 1967;
Einmal vorwärts und zurück, 2002; Bismarck auf Treibjagd, 2009.
Liebh.: Lit.

*) Verlag Schmidt Römhild



Berufliches

Zersplitterte Interessen


Was einer vom Jahrgang 1930 so alles gemacht hat? Bei der alten VZ, der in Kiel erscheinenden Schleswig-Holsteinischen Volks-Zeitung - sie ist wie fast alle sozialdemokratischen Blätter längst dahingegangen - habe ich als freier Mitarbeiter fürs Lokale und fürs Feuilleton angefangen und dank des Repetitors 1956 auch noch mein juristisches Studium mit dem Referendarexamen abschließen können. Von der wieder eingeführten Wehrpflicht war ich - wie alle aus den "weißen" Geburtsjahrgängen 1930 bis 1936 - ausgenommen. Als Redaktionsvolontär lernte ich dann bei der VZ, wie man Nachrichten auswählt und redigiert, wie man Seiten umbricht und Schlagzeilen formuliert.

Zwei Redakteure der Welt, die ich aus ihrer Zeit bei den Kieler Nachrichten gut kannte, legten bei ihrer Chefredaktion ein gutes Wort für mich ein. So kam ich im Sommer 1958 zur Welt nach Hamburg und redigierte vermischte, also eher unpolitische Nachrichten. Dann wurde ich Assistent der Chefredaktion und musste die dritte Seite mit ihren Kommentaren und Hintergrundberichten nicht nur pünktlich druckfertig machen, sondern die Texte möglichst auch so behutsam einrichten und kürzen, dass sich die Protestrufe der Autoren in Grenzen hielten. Zur Belohnung schickte man mich 1961 auf den frei gewordenen Posten eines Korrespondenten für Nordrhein-Westfalen nach Düsseldorf. Nach einem Bericht über die Photokina in Köln machte mir Henri Nannen 1963 das Angebot, zum stern nach Hamburg zu kommen.

Die Aussicht auf verdoppeltes Gehalt und vervierfachte journalistische Möglichkeiten machten mir den Wechsel leicht. Ich arbeitete zunächst als Reporter, dann als innenpolitischer Ressortleiter und wechselte Ende 1969 ins Bonner Büro. Nach einigem Ärger im Ressort schied ich Anfang 1971 beim stern aus und übernahm die Chefredaktion der sozialdemokratischen Wochenzeitung Vorwärts, die heute nur noch monatlich erscheint. Weil die SPD nicht bereit war, den Vorwärts finanziell besser auszustatten, habe ich nach knapp fünf Jahren, Nannens Angebot, zum stern zurückzukehren, angenommen. Es folgten drei Jahre als politischer Reporter. Inmitten der heißen Auseinandersetzungen um die Nachfolge des Chefredakteurs kam die Chance, als Korrespondent und Kommentator in die Bonner Redaktion des WDR-Hörfunks einzutreten. Für die Weltwoche in Zürich übernahm ich als freier Mitarbeiter die Berichterstattung aus Bonn.

An die neue Tätigkeit hatte ich mich gerade gewöhnt und meine alten Bonner Kontakte wieder gut geknüpft, als der NDR für sein neu gegründetes Landesfunkhaus in Hamburg einen Direktor suchte. Zwölf Jahre bin ich das gewesen, zwölf Jahre, in denen ich selbst nur noch wenig journalistisch habe arbeiten können, statt dessen dafür sorgen musste, dass andere ihren journalistischen Freiraum wahren und ihr Können entfalten konnten. Nach Auslaufen meines Vertrages wurde ich wie vor vierzig Jahren wieder freier Journalist, und konnte meine Interessen zersplittern, eine schädliche Neigung, die mir schon mein verehrter Klassenlehrer Fritz Heber bescheinigt hatte.



Drei Chefredakteure und was von ihnen zu lernen war

Karl Rickers, Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung

Man soll zuende studieren oder einen Beruf lernen und dann Journalist werden

Hans Zehrer, Die Welt

Gut geschriebene Artikel gehören ins Blatt, auch wenn sie einem unbequem sind

Henri Nannen, stern

Wer predigen will, muss zunächst dafür sorgen, dass die Kirche voll ist



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Schule
Die falsche war die richtige


Kaum vorstellbar: wie die OR II mal aussah...

Beim Volkssturm durfte ich als Schüler noch an der Panzerfaust herumfummeln. Als dann das Nazi-Reich hinweggefegt worden war und im Herbst 1945 die höheren Schulen wieder geöffnet wurden, schickten meine Eltern mich auf die Kieler Gelehrtenschule. Ich sollte dort fortsetzen, was ich auf dem Stettiner Marienstifts-Gymnasium im August 1941, wenige Wochen nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, begonnen hatte: den humanistischen Bildungsweg, so richtig mit viel Latein und Griechisch. Aber im Griechisch-Unterricht fand ich den Anschluss nicht mehr; der unregelmäßige Unterricht während der letzten Kriegswochen hatte Lücken verursacht, denen mein mäßiger Fleiß nicht gewachsen war. Der Gedanke, die Schule zu wechseln, keimte und ließ mir keine Ruhe. Wozu sollte ich mich mit dem vielen Latein und vor allem mit dem schweren Griechisch herumquälen, wenn ich doch weder Theologie (wie mein Großvater) noch Medizin (wie mein Vater) studieren wollte? Ingenieur wollte ich werden, und dafür, so lag ich meinen Eltern in den Ohren, wäre doch eine Oberrealschule genau das richtige.

Auf die Idee, Ingenieur zu werden, hatte mich, ohne daß es auch nur im Traum ihre Absicht gewesen wäre, meine Mutter gebracht. Weil nach der Kapitulation nicht abzusehen war, wann der Unterricht wieder beginnen würde, schickte sie mich als Volontär in die feinmechanische Werkstatt von Paul H. Meyer in Preetz. Dort lernte ich mit Schraubstock und Feile umzugehen, durfte mich an Drehbänken, Bohr- und Fräsmaschinen versuchen und konnte schließlich sogar Lötlampe und Schweißbrenner handhaben. Maschinen und Werkzeuge schlugen mich voll in ihren Bann. Ich las die Biographien von Eugen Diesel, Julius Robert Mayer und Werner von Siemens, Lektüre, die mich nur darin bestärken konnte, Techniker zu werden. Ich wollte also unbedingt die Schule wechseln.

Zwei Freunde aus Preetz gingen auf die OR II, auf die Oberrealschule am Königsweg, wie sie damals noch hieß. Mit den beiden in einer Klasse zu sein, erschien mir aus einem noch ganz anderen Grunde als Gipfel des Erstrebenswerten: Sie hatten Schichtunterricht im

...und was von ihr 1945 übrig war

wöchentlichen Wechsel, wohingegen wir Gelehrtenschüler immer nur nachmittags zu erscheinen hatten. Die Gelehrtenschule war bei einem Luftangriff zerstört worden und sie war - sozusagen als Untermieter - beim Humboldt-Gymnasium am Knooper Weg zwangseingewiesen worden. Ich wollte auch mal freie Nachmittage haben. Kurzum: Ostern 1946 wurde ich zwar nach Klasse 5 versetzt, bekam sogar bescheinigt, "die meisten Lücken ausgefüllt" zu haben, aber beim Griechischen hatte der Klassenlehrer auf eine Note verzichtet und es bei dem gütigen Hinweis belassen, ich sei "in der Grammatik noch etwas rückständig". Meine Eltern gaben schweren Herzens nach, und ich durfte auf die Oberschule am Königsweg wechseln.

Jetzt musst du das ganze Englisch nachholen", sagte meine Mutter. Dafür hab' ich's in Latein um so leichter", hielt ich ihr entgegen. Ich war überzeugt, daß mir das Englische keine Schwierigkeiten machen würde, weil ich doch von den "Tommies" schon einiges aufgeschnappt hatte. Aber dann kam das Herbstzeugnis mit der Englischnote "genügend (schwach)" und Weihnachten wurde daraus gar ein "mangelhaft", ergänzt durch die Bemerkung, die "Lücken in Englisch" müssten ausgefüllt werden. Der Nachhilfe-Unterricht war fällig. Die beiden Preetzer, mit denen ich so gerne auf derselben Schule hatte sein wollen, eröffneten mir, daß sie nun auf die Oberschule in Plön wechseln würden; dort gebe es überhaupt keinen Schichtunterricht und der Schulweg sei auch kürzer. War ich nun doch auf der falschen Schule gelandet?


Arno Ekke
Fritz Heber
Meine Englischnoten wurden besser, meine Mathematikzensuren schlechter. Bei den Proportionen und der simplen Geometrie lag ich noch gut im Mittelfeld. Für meine Schwierigkeiten mit der Infinitesimalrechnung und ihrer Anwendung auf physikalische Aufgaben reichte die Geduld unseres Mathematik- und Physiklehrers Arno Ekke nicht aus.
Seitdem unser neuer Deutschlehrer Fritz Heber mein Interesse für Literatur und Philosophie geweckt hatte, geriet mein früheres Berufsziel Ingenieur immer mehr in den Hintergrund. Zeitschriften wie Der Monat und die Frankfurter Hefte, das Feuilleton der von den Amerikanern herausgegebenen Neuen Zeitung gehörten bei Heber zum Lehrmaterial. Auf mich wirkte solche Lektüre geradezu suggestiv. Ich wusste es nun ganz genau: Journalist wollte ich werden.

Die Spannungen zwischen dem Geisteswissenschaftler Heber und dem Mathematiker und Physiker Ekke, die Polaritäten zwischen den Ideen und den Realien, entwickelten dabei ihren besonderen Bildungswert. Während uns der eine - wir nutzten auf einer Klassenfahrt die Wartezeit auf den Anschlusszug nach Köln in der Hamburger Kunsthalle - vor einer Waldlandschaft mit Teich das Naturempfinden der Rokokomaler erläuterte, machte uns der andere darauf aufmerksam, dass die von der kraulenden Nymphe geschlagenen Wellen allen Gesetzen der Strömungslehre Hohn sprächen. Während uns der eine vor der Abfahrt des Rheindampfers nach Bacharach auf die wilhelminischen Elemente am spät vollendeten Kölner Dom aufmerksam machte, warf der andere schon Korkstückchen vom Anleger, drückte auf die Stoppuhr und gab zu verstehen, dass sogar Deutschlands Schicksalsstrom von einer so banalen Größe wie seiner Strömungsgeschwindigkeit bestimmt wird. Was könnte ein Realgymnasium besseres vermitteln als die Mahnung, bei gedanklichen Höhenflügen die Daten und Fakten nicht aus den Augen zu verlieren?

Mit der höheren Mathematik und der modernen Physik konnte Ekke bei mir nicht mehr viel ausrichten; nur die Eins in Deutsch kompensierte am Ende die Fünf in Mathematik. War ich nicht wirklich auf die falsche Schule geraten? Meine Mutter war von dieser Vorstellung nicht abzubringen. Andererseits: Ekkes Satz, der Herrgott lasse sich nicht bescheißen, mit dem er die Beweisführung zur Unmöglichkeit des Perpetuum mobile krönte, ist in seinem erzieherischen Wert gar nicht zu überschätzen. Und diesem Lehrer verdanke ich auch meine frisch gebliebene Vorliebe für Laurence Sterne, dessen "Tristram Shandy" wegen subversiven Umgangs mit der Logik wiederum zur Dämpfung naturwissenschaftlicher Hybris bestens geeignet ist.

Die literarischen Interessen, die Heber bei mir geweckt hat, die mich aber zu seiner Enttäuschung nicht zur Philologie, sondern nur zum Journalismus führten, hätte mir sicherlich auch die Gelehrtenschule vermittelt. Aber dann wäre ich ganz bestimmt bei der Philologie gelandet. Der Neigung zur "Zersplitterung meiner Interessen", vor der mich der Studienrat Heber in einem Obersekunda-Zeugnis eindringlich gewarnt hatte, konnte ich nur unter dem Einfluss und mit dem Wohlwollen dieser beiden starken, einander ergänzenden Lehrer frönen. Falsche Schule? Nun gut, aber die falsche war für einen Journalisten gerade die richtige.

Veröffentlicht im Jahrbuch 1994 des Vereins der "Ehemaligen"
der Max-Planck-Schule in Kiel

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Studium

Über die Philologie zur Jurisprudenz

Christian-Albrechts-Universität Kiel

Beginn mit dem Sommersemester 1951: Philosophie, Germanistik, Anglistik; studentische Arbeitsgemeinschaft für Bühne und Publizistik

1952
Mitglied im Allgemeinen Studenten-Ausschuss als Referent für Gesamtdeutsche Fragen

Januar bis Mai 1953: Gastsemester an der Indiana University in Bloomington: Journalism, State and Local Government

ab Wintersemester 1953/54: Rechts- und Staatswissenschaften; regelmäßiger Gang zum Repetitor

November 1956. 1. juristische Staatsprüfung, OLG Schleswig


Erfahrungssache

Als das Tor noch unpassierbar war

Halt vorm Pariser Platz: vier Jahre vor dem Fall der Mauer
Es war wohl doch nicht nur Glaubenssache. Axel Springer hat fest daran geglaubt, daß es mit der Teilung Deutschlands eines Tages ein Ende haben würde. Meine Mutter ebenfalls, und wir haben uns deswegen heftig gestritten. Gewünscht habe ich es ja auch, aber nicht für möglich gehalten, weil ich mir den Zusammenbruch des sowjetischen Weltreichs noch zu meinen Lebzeiten nicht vorstellen konnte. Solche Kleingläubigkeit entsprach dem Zeitgeist, und ich will mir meine Skepsis gerne zum Vorwurf machen, wenn es denn wirklich der unbeirrbare Glaube Springers, meiner Mutter und anderer Verächter der Entspannungspolitik war, dem wir das Ende der DDR zu verdanken hätten. Die Ursachenforschung dauert ja noch an. Gewiß, nichts währt ewig, nur weniges hat Bestand. Kommentatoren, Leitartikler, Hintergrundbeleuchter tun gut daran, solche Kalenderweisheiten zu beachten. Gleich nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums fiel das leichter als in den Jahren davor. Das Räsonnement mit dem ständigen Vorbehalt, Wunder, Zufälle, glückliche Fügungen seien immerhin denkbar, setzt sich der Lächerlichkeit aus. Jeder Kommentator möchte Realist sein. Und welcher Realist glaubt schon an Wunder? Aber wenn die Wundergläubigen von einer glücklichen Entwicklung bestätigt werden, dürfen die Skeptiker sich mitfreuen. Der Erfahrung lehrt: Nicht recht zu behalten, muss nicht weh tun.


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
01.03.2010
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