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Links von der Mitte
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Sie ist eine geborene Bremerin, Tochter des Getreide-Kaufmanns Johann Anton Ordemann und einer Schweizer Mutter. Wenn sie spricht und lebhafter wird, bricht der bremische Tonfall auch heute noch durch. Zu bremischer Art gehört auch ein bißchen Strenge mit sich selbst. Sie freut sich also, daß es ihr nach dem Abschied von der Villa Hammerschmidt so rasch gelungen ist, die auf der Waage ablesbaren Folgen von Gala-Diners und Staatsbanketten wieder loszuwerden, obwohl sie doch - nach eigenem Bekenntnis - immer eine leidenschaftliche Esserin war. Kurzum, wer die Frau des dritten Bundespräsidenten eine große und schlanke Erscheinung nennt, der sagt keine Artigkeit, sondern die Wahrheit.
Ihr volles weißes Haar nimmt zunächst den Blick des Besuchers gefangen; sodann das norddeutsche Gesicht, hohe Stirn, kräftige Mund- und Nasenpartie, hinter den Gläsern flinke Augen, die scharf beobachten und das Einschätzen von Menschen und Situationen gelernt haben, ein Gesicht, aus dem durchaus Harmonie und Grazie sprechen, gewiß, dem aber auch lautes Lachen nicht schwerfällt, das den Ausdruck rührender Hilflosigkeit nicht scheut, auf dem sich Unmut, Empörung oder gar Zorn dem aufmerksamen Beobachter beizeiten ankündigen. Solche Aufkleber wie "mütterlich" oder "damenhaft" haften nicht an Hilda Heinemann. Wer es sich mit ihr so einfach machen wollte, würde mit Sprödigkeit und abweisender Distanziertheit gemaßregelt werden. Auch das gut gemeinte Presse-Klischee "First-Lady" trifft es nicht das, was ihr an der Zeit ihres fünfjährigen Wirkens in der Villa Hammerschmidt wirklich wichtig war: die Förderung mitbürgerlichen Denkens und Handelns.
Sie wollte als Frau eines demokratischbürgerlichen Staatsoberhauptes nicht, wie man früher sagte, etwas vorleben, einen Stil oder eine Lebensform, obwohl sie für Stil und Mode viel übrig hat; sie weiß zu genau, daß die glücklichen Umstände, unter denen sie aufwuchs, und unter denen ihre eigene Familie lebt, für die allermeisten Deutschen nicht gegeben sind. Sie wollte also nicht ganz allgemein "etwas vorleben", sie wollte ganz praktisch, möglichst konkret, etwas vormachen: wie man Vorurteile überwindet, etwa Drogensüchtigen. Fürsorgezöglingen oder Strafgefangenen gegenüber; wie man taubblinden oder geistig behinderten Menschen hilft, die uns vielleicht zunächst erschrecken und deren Anblick wir nicht glauben ertragen zu können.
"In unserem Lande", so stellte sie bald fest, "möchte man sich gerne vom Elend distanzieren." Und dieser Neigung wollte sie entgegenwirken durch ihr öffentlich bekundetes Interesse für all jene, denen mit Geld allein ein Platz an der Sonne nicht zu schaffen ist. In der Hilda-Heinemann-Stiftung mit ihren Wohnheimen für geistig behinderte Erwachsene haben diese Bemühungen ihren segensreichen Ausdruck gefunden.
Daß sie zunächst eigene bürgerliche Hemmungen und Vorurteile überwinden mußte, gibt sie freimütig zu. Viele Jahre lang hatte sie sich auf die Arbeiten einer Hausfrau und Mutter konzentriert. Nur das Kochen lag ihr nicht; für die Küche war meist eine Hilfe da im Hause Heinemann. Sie zog vier Kinder auf, und die Fotos von dreizehn Enkeln zieren das Treppenhaus der Villa in der Essener Schinkelstraße, in der Heinemanns seit vierzig Jahren zur Miete wohnen. Dabei hatte sie sich doch - was damals für eine höhere Tochter noch ungewöhnlich war - auf einen Beruf vorbereitet, hatte in München und Marburg Religionswissenschaften, Geschichte und Deutsch studiert. 1926 das Examen als Studienreferendarin bestanden.
Aber nicht das Lehramt, sondern die im gleichen Jahr in Marburg geschlossene Ehe mit dem Rechtsanwalt Gustav Heinemann wurde ihre Bestimmung. In dieser Ehe gelang ihr an der Seite eines dem Öffentlichen und Politischen zugewandten Mannes ein Grad von Selbstverwirklichung, wie ihn nur wenige berufstätige Frauen erreichen können. Doch ist sie sich dankbar des Umstandes bewußt, daß ihr erst die Abwesenheit finanzieller Sorgen jene Muße geschenkt hat, die sie dann für öffentliches Wirken und auch für die Beschäftigung mit Literatur und Kunst nutzen konnte.
Obwohl ihr Mann immer allein das Geld verdient hat, zögert man, ihm die dominierende Rolle in dieser Ehe zuzuschreiben. Denn sie hat beider Zusammenleben entscheidend mitgeprägt; etwa indem sie, die "Schmalspurtheologin", wie sie sich scherzhaft nennt, ihn, den späteren Präses der EKD-Synode, in der Frühzeit ihrer Ehe überhaupt erst in ernsthafte Berührung mit der Evangelischen Kirche brachte. Sie führen seitdem, was man eine christliche Ehe nennen darf, wobei aber helfendes Tätigwerden stets größer geschrieben wurde als fromme Innerlichkeit. Für beide kam es darauf an, über den Kreis der eigenen Familie hinauszuwirken.
In der Hitlerzeit, als der christliche Glaube dem Unrechtsstaat gefügig gemacht werden sollte, engagierten sich die Heinemanns für die Bekennende Kirche. Sie half mit bei der geheimen Vervielfältigung und Verteilung von Informationsschriften. Nach dem Krieg organisierte sie in Essen die Verteilung einer großen Lebensmittel- und Kleiderspende eines Evangelischen Hilfswerk in der Schweiz, die ihr Mann als damaliger Bergwerksdirektor und Oberbürgermeister der Stadt Essen erbeten hatte.
So war es für Hilda Heinemann selbstverständlich, daß sie nach der Wahl ihres Mannes zum Bundespräsidenten die Chance, etwas zu bewirken, nutzen würde. Teestunden mit Diplomatenfrauen allein hätten ihr nicht ausgereicht. Das bei beiden gemeinsam gewachsene Interesse an der Theologie, am Leben der Kirche, an Politik, an Literatur und moderner Kunst hatte ihrer Verbindung jene Qualität gegeben, die aus den fünf Jahren in der Villa Hammerschmidt einen, wenn man so will, Glücksfall für unsere Republik machten.
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Laufen auf einem Gleis
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Als ihr wegen ihres Engagements für die zeitgenössische Kunst und für die behinderten Mitbürger 1975 der Kulturpreis der Stadt Kiel verliehen wurde, erklärte sie das Wesen ihrer Tätigkeit an der Seite des Bundespräsidenten mit der Verbindung von Kunst und Helfen: "Wie die Kunst uns hilft und erfreut in unserem Leben, so macht sie auch Aussagen über die gegenwärtige Zeit, oft sehr krasse und befremdliche. Ich kann solche Aussagen nicht nur ästhetisch zur Kenntnis nehmen. Sie weisen hin auf die großen Nöte unserer Zeit ... Ich wollte Mut machen den künstlerisch Schaffenden wie auch den durch Krankheit, Umwelt, eigenes oder anderes Unglück Benachteiligten. Das war mein Versuch, die mir durch das Amt meines Mannes gegebene Chance wahrzunehmen."
Der sozialdemokratischen Partei ist sie nicht beigetreten. Aber ohne zu zögern antwortete sie auf die Frage nach ihrem eigenen politischen Standort: "Ich weiß genau, wo ich hingehöre: links von der Mitte." Sie hält nichts vom Warten auf Revolutionen oder grundlegende Systemveränderungen. Ihr christlicher Glaube verbietet ihr, paradiesischen Zuständen hier auf Erden entgegenzusehen. Sie will nicht warten, sondern, wo immer sie kann. sofort helfen. Auf die vollkommene Welt zu hoffen, das wäre für sie nicht mehr als ein Vorwand fürs Nichtstun. Hat sich Christus nicht der Kranken und Verlassenen angenommen, der Huren und der verachteten Zöllner? Warum pflegte der Heilige Franziskus Aussätzige? Christliche Nächstenliebe allein vermag nach Hilda Heinemanns Überzeugung jene Konventionen und Barrieren zu durchbrechen, die einer Hilfe für die wahrhaft Bedürftigen im Wege stehen.
Auf diesem Feld konnte sie die Arbeit ihres Mannes sinnvoll unterstützen. Hatte sich Gustav Heinemann doch als Bundespräsident neben seinen verfassungsmäßigen Pflichten die Aufgabe gesetzt, die Mehrheit an all jene Mitbürger zu erinnern, die am Rande der Gesellschaft dahinleben: Behinderte. Ausländer, Straffällige. Sobald ihr Mann als Anwalt der Underdogs auftrat, als Sprecher all jener, die kein öffentliches Gehör finden, konnte sie ihn ideal ergänzen. Die Stichworte auf den Aktenordnern ihrer Korrespondenz geben davon Zeugnis: soziale Fragen, Gefangenenbetreuung, Jugendfürsorge, Erziehungsfragen, Frauenarbeit, Weltkinderhilfswerk, Amnesty International... Kein Brief blieb ohne Antwort - ihr Anteil an der Bewältigung dessen, was er einmal die "Bundesklagemauer" genannt hat.
Keine Frage, laute Superlative wären zur Kennzeichnung Hilda Heinemanns wenig geeignet - mit einer Ausnahme vielleicht: Ihr galt ja das allerschönste Kompliment, das jemals ein bürgerlicher Staatsmann seiner Frau gemacht hat. "Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau", antwortete Gustav Heinemann auf den von rechts genährten Verdacht, der erste sozialdemokratische Bundespräsident lasse es an der nötigen Zuneigung zum Staat fehlen. Das war zwar vor allem ein treffendes Kürzel für die Überzeugung, daß der Staat als Notwendigkeit und nicht als Selbstzweck betrachtet werden müsse; zugleich war es aber das Bekenntnis zu seiner - inzwischen fünfzig Jahre dauernden - Ehe mit einer Frau, unter deren Einfluß sich seine eigenen Überzeugungen geformt und gefestigt haben. "Wir laufen auf einem Gleis", sagt Hilda Heinemann über ihre Ehe. Und in der Tat - eigentlich lassen sich die Heinemanns nur zusammen beschreiben.
Aus dem Sammelband "Glück gehabt mit Präsidenten, Kanzlern und den Frauen",
Belser Verlag, Stuttgart/Zürich 1976 (S. 95) |
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