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Mit den Träumen der Leute spielen
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Diesem Henri Nannen ist wahrlich ein reiches Leben beschert worden. Ihn ein Glückskind zu nennen, wäre keine Übertreibung. Mit 31 Jahren kam er ohne Schrammen, ohne politische Belastung aus dem Krieg zurück. Bald danach hat er eine Publikumszeitschrift gegründet und groß gemacht. Und als er sich mit über siebzig für seinen stern zu alt fühlte, verwandelte er seine Kunstsammlung mit den vielen Expressionisten in eine Kunsthalle für seine Heimatstadt Emden. Sie wird mit seinem Namen verbunden bleiben, wenn die meisten stern-Leser schon gar nicht mehr wissen, wer dieser Henri Nannen eigentlich war.
Er war ein Journalist, der treffend und eingängig formulieren konnte. Ich habe elf Jahre für ihn als Redakteur und Reporter gearbeitet und bestaunt, wie er mit breitem grünen Filzstift seine oft polemischen, immer eingängigen Kolumnen auf seinen DIN-A 2-Schreibtischblock malte; oder wie er auf einer Reiseschreibmaschine schwache Bildunterschriften so umformulierte, daß jeder Leser erfassen konnte, was und wer alles auf dem Foto zu sehen war.
Wenn er nach Redaktionsschluss am Tisch des Chefgrafikers erschien und sich den Bildumbruch der Eröffnungsseiten zeigen ließ, begann das große Zittern. Jetzt alles umzuschmeißen, machte ihm großes Vergnügen. Er ließ sich noch einmal alle Fotos von Adenauers Begräbnis oder vom Filmfestival in Cannes heraussuchen und wählte neu aus, das eine größer, das andere schmaler, nein, doch lieber breiter. Er wusste, daß ihn alle verfluchten, die länger arbeiten mussten. Das freute ihn. Sie wurden doch sehr gut bezahlt; er nahm ihnen ja nur, was dem stern ohnehin zustand. Kam der Andruck des neuen Heftes auf den Tisch, mussten alle, die er in der Nacht so genervt hatte, zugeben, daß der "Alte" der Story erst den richtigen Pfiff gegeben hatte.
Einen gedruckten stern schaute er sehr ungern an, weil daran überhaupt nichts mehr zu ändern war. Er war bekennender Perfektionist. Mit eben der Akribie und Beharrlichkeit, mit der er eigenhändig an seinem Blatt herumfeilte, baute er sein Haus aus, durchforstete er seinen Garten, richtete er sich seine Motoryacht Positano ein; das technisch raffinierte Bordklo ließ er aus New York kommen. Seine großen, kräftigen Hände wiesen ihn als zupackenden
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Hermann Schreibers sorgfältig recherchierte und glänzend erzählte Biografie des stern-Gründers ist bei Goldmann auch als Taschenbuch erschienen. Originalausgabe:
"Henri Nannen - Drei Leben",
C. Bertelsmann München, 1999.
ISBN 3-570-00196-2
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Handwerker aus. Wer die Kindermalschule, die Waschbecken oder die Bilderrahmen in der Emdener Kunsthalle betrachtet, erfährt, daß sich das Wort perfekt sehr wohl noch steigern lässt. Auch da hat er kräftig Hand angelegt.
Ausgerechnet ihn versuchte ein publizistischer Gegner zum alternden Playboy zu stempeln, nachdem der stern den Bundespräsidenten Heinrich Lübke als kleinkariert beschimpft hatte. Gewiss, Henri Nannen sah gut aus, wirkte auch im Glanz der weißen Haare attraktiv. Aber er war in erster Linie ein Arbeitstier, und entwickelte seinen vollen Charme als Chefredakteur, wenn es darum ging, neue Federn, neue Köpfe fürs Blatt zu gewinnen. Dass der Charme im Redaktionsalltag nur zu rasch verflog, hat so mancher journalistischen Diva schwer zu schaffen gemacht.
Ja, Sir Henri pflegte seine Launen. Er war ebenso launisch und sprunghaft, wie er es seinem Publikum wohl mit einigem Recht unterstellte. Seine Nase für das, was normale Leute lesen und angucken wollen, ließ ihn selten im Stich. So spürte er auch rechtzeitig den Wind der Veränderung und begann seinen stern für politische Themen fitzumachen. Er heuerte politische Redakteure an, engagierte sich früh für eine Anerkennung der Oder/Neiße-Grenze, unterstützte später massiv die sozialliberale Koalition wegen ihrer Ostpolitik. Sein Instinkt verließ ihn bei der Bestellung seines Hauses. Seine Favoriten für die Nachfolge bescherten dem stern das peinliche Debakel mit den falschen Hitler-Tagebüchern, brachten die politische Kompetenz des Blattes wieder auf den Nullpunkt. "Das ist wie bei den Germanenfürsten", hat ein stern-Reporter damals gespottet, "die wollen immer auf ihrem Pferd begraben werden."
Nun, das Pferd namens stern hat er denn doch nicht mitnehmen können und auch nicht mitnehmen wollen.Er wusste, daß ein erfolgreiches Publikumsblatt nicht von Alten gemacht werden kann. Die Macher müssen imstande sein, unbefangen der grausamen Ästhetik des Ansehnlichen, Glänzenden, Erfolgreichen und Gesunden zu folgen. "Ihr müsst mit den schönen Träumen der Leute spielen", schärfte Nannen der Redaktion ein, "die Bruchbänder, Gebisse, und Leibbinden haben sie alle zuhause, davon wollen sie im Blatt, das sie kaufen, nichts sehen." Er wollte es auch nicht, fürchtete sich vor der Krankheit, ließ Medizin im stern auch nur aseptisch und ästhetisch anbieten. Sein Tod nach zwei schweren Operationen wäre keine stern-Story gewesen.
Deutschlandfunk und NDR, 13. 10. 1996
Brauchtum, Trachtengruppen, Volkstanzensembles - dergleichen Folklore kam bei ihm nicht ins Blatt. Leute, die dafür zu haben waren, lasen den stern doch ohnehin nicht. Zu dieser Erkenntnis brauchte er keine Leserforschung, machte er ihn doch genau so, dass diese Art von Kundschaft abgeschreckt wurde. Fotos, auf denen nur ein Hauch von Brauchtum lag, schob er mit zwei Worten beiseite: "Lore Volk".
Der stern war bei Ludwig Erhards Mitarbeitern nicht gut angeschrieben. Deshalb waren für seine Reporter 1965 im Wahlkampfzug des Bundeskanzlers auch keine Plätze frei. Wie also sollten der Fotograph Max Scheler und ich dem Wahlkämpfer Erhard dicht auf den Fersen bleiben, wenn er mit dem Zug
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Von Henri Nannen erfunden:
Staatskarosse für stern-Reporter
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durch die Republik dampfte und von dort auch noch in seine Mercedes-Karosse stieg, um über die Dörfer zu fahren? Henri Nannen wusste die Lösung und gab eine Order: »Der Fahrdienst soll einen großen Mercedes mit Fahrer anmieten. Der Mann kriegt eine Dienstmütze verpasst. Ihr sitzt beide hinten. Vorne an der Motorhaube montieren wir einen Stander.« Ich rief dazwischen: »Um Gottes willen, welchen denn?« Ob ich denn noch niemals so eine Lacklederhülle mit Druckknöpfen gesehen habe, fragte Nannen, die man über den Stander schiebe, wenn der Wagen unterwegs sei? Der Trick funktionierte. Überall wurde der stern-Mercedesvon der Polizei der Wagenkolonne des Kanzlers zugerechnet und mit durchgewinkt. Zwischen Tübingen und Wilhelmshaven hängte sie niemand ab.
In Wilhelmshaven bestieg Erhard eine Fregatte der Bundesmarine, die ihn nach Helgoland bringen sollte. Er wollte auch dort eine Wahlrede halten. Für die Journalisten lag eine zweite Fregatte am Kai. Ihr Kommandant war darüber verärgert, dass er nicht den Herrn Bundeskanzler, sondern nur das gemeine Pressevolk an Bord nehmen durfte. Deshalb überließ er es seinem Ersten Offizier, solche Gäste auf der Kommandobrücke zu begrüßen. Der Journalist Johannes Gross, ein witziger Kopf und von Erhard auch als Ratgeber geschätzt, ahndete den Fauxpas auf der Stelle. Er zog ein flaches, silbernes Fläschchen aus der Manteltasche, schraubte es auf, füllte mit sicherer Hand den als Trinkgefäß dienenden Verschluß und offerierte mir einen Cognac mit den Worten: »Herr Gründler, ich darf Sie im Namen des Kapitäns an Bord willkommen heißen.« Beifall und Gelächter an Bord.
Später dann, am Bahnhof Iserlohn, stand unsere nachgemachte Staatskarosse nur noch drei Plätze hinter dem Kanzlergefährt neben dem Gleis. Max Scheler und ich stiegen aus und warteten mit der örtlichen CDU-Prominenz auf die Ankunft des Wahlkampfzuges. Der Mercedes mit dem eingepackten Stander erweckte keinerlei Argwohn, bis der Geschäftsführende Vorsitzende der CDU, Josef-Hermann Dufhues, auf der Bildfläche erschien und sich mit dem geschulten Blick des ehemaligen Innenministers von Nordrhein-Westfalen über das Autokennzeichen wunderte: »Hamburger Nummer und Stander, und dann hier im Kanzlertroß! Das gibt's nicht.« Welcher rote Amtshanseat hätte sich denn zu den Schwarzen begeben sollen? Dann entdeckte er uns stern-Reporter und sagte lächelnd: »Zu diesem Einfall kann ich nur gratulieren.« Wir gaben das Kompliment weiter und Nannen hat es genossen.
Nannen änderte eigenhändig einen neuen Vorspann für eine weitere Folge der unendlichen Geschichte des stern-Autors Henry Kolarz über die britischen Posträuber. Der Autor schaute dem Chef dabei über die Schulter, als der ohne aufzublicken fragte: "Schreibt man Kolarz eigentlich mit zwei 'l'?" Kolarz zog an seiner Zigarettenspitze und konterte: "Dett is mir janz ejal, Herr Nannen, solangese Henry nich mit 'i' schreiben." Ich stand daneben und merkte, dass Nannen für sein Lachen doch einigen Anlauf brauchte.
Mehrmals wurde ihm eine "braune Vergangenheit" vorgeworfen, so auch in der Frankfurter Rundschau vom 29. Januar 1983; er wehrte sich mit einem Leserbrief, den die FR am 3. Februar veröffentlichte:
»Der Berner FR-Korrespondent, Peter Amstutz, entnimmt aus der Jüdischen Rundschau die Behauptung, ich hätte eine "unleugbar tiefbraune Vergangenheit". Deshalb habe mich der "Verein der Schweizer Journalisten" als Festredner zu seinem 100jährigen Jubiläum wieder ausgeladen. Wie wär's denn mit ein bißchen Recherche, Herr Kollege? Sie hätte nämlich ergeben, daß es diese braune Vergangenheit nicht gibt. Ich bin ohne jedes eigene Verdienst davor bewahrt geblieben, ein Nazi zu werden. Als meine Mitschüler 1933 in Emden ihren Abiturientenball feierten, lag der "Rasseschänder Nannen"*) mit sechs Kopfwunden, die mir die SA beigebracht hatte, im Krankenhaus. Meinen Vater, der Beamter und sozialdemokratischer Bürgervorsteher war, warfen die Nazis 1934 ohne Pension auf die Straße, mir verboten sie das Studium und hängten mir 1935 ein Verfahren wegen "Widerstands gegen die Staatsgewalt" an. Nach einem Jahr als Bauarbeiter und Arbeiter in einer Faßfabrik durfte ich durch die Fürsprache des Münchner Verlegers Hugo Bruckmann mein Studium wieder aufnehmen, mußte mich aber "bewähren". Und da ich kein Held war, habe ich dann 3 (in Worten: drei) Artikel geschrieben, in denen ich mit nationalsozialistischer Terminologie nicht eben gespart habe. Wenn es in einem dieser Artikel hieß, man könne Emil Nolde und die von mir geliebten deutschen Expressionisten wohl kaum unter "jüdisch-bolschewistische Kunstzersetzung" subsummieren, so weiß ich allerdings nicht, was daran "antijüdisch" sein sollte. Dennoch sollte ich mich der drei erwähnten NS-Elaborate wohl schämen, aber als die Engländer mir 1945 die erste Zeitungslizenz in Niedersachsen gaben, haben sie meine politische Vergangenheit sehr genau geprüft und dann gemeint, die drei Artikel aus der Feder des 24jährigen Nannen seien durch sein späteres Verhalten mehr als aufgewogen. - Henri Nannen, Hamburg«
*) Die Nazis hatten ihm seine jüdische Freundin verübelt.
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