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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Jochen Steffen
(19. 9. 1922 - 27. 9. 1987)



Journalismus war ihm zu wenig, aber für die Politik war er zu journalistisch. Er konnte beides. Was er nicht konnte, war: sich einpassen. "Roter Jochen" - das war sein Etikett als Politiker. Innerhalb der Sozialdemokratischen Partei wurde seine Rolle gerne mit "Ziehvater der Linken" beschrieben. Er wußte mehr von politischer Theorie, kannte die Geschichte der Arbeiterbewegung und alle ideologischen Nuancen des Sozialismus viel besser als die meisten, die auf diesem Felde Expertenruf genießen. Als Jochen Steffen aus Kiel, auch ein Sozialdemokrat, Ende l979 keiner mehr sein wollte, waren in seiner Partei fast alle erleichtert, daß er fortan keiner mehr war.

Seine Austrittserklärung nebst Begründung erreichte die Parteizentrale am Kleinen Kuhberg in Kiel erst nachdem er alles schon in einer illustrierten Zeitschrift öffentlich gemacht hatte. Noch unverständlicher erschien es seinen Freunden, daß er den

sozialdemokratischen Bundeskanzler Helmut Schmidt angesichts eines Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß nicht mehr für unterstützenswert hielt und stattdessen auf die Grünen setzte, als Wähler jedenfalls. Aber dieser Jochen Steffen besaß in seiner Partei immer eine große Narrenfreiheit; nicht nur, weil in ihm ein Eulenspiegel steckte, sondern weil er für seine Partei doch einiges auf die Beine gestellt hatte.

Die SPD in Schleswig-Holstein, deren Vorsitzender er von l965 bis l975 war, hatte unter seiner Führung an Boden gewonnen. Dieser Linke brachte das Kunststück fertig, mit linker Politik den Landesverband intakt zu halten, als anderswo - in München, in Frankfurt, in Berlin - die Fetzen flogen. Ich erinnere mich noch heute mit Bewunderung daran, wie er in den fünfziger Jahren, damals mehr Journalist als Politiker, als Alleinredakteur der kleinen sozialdemokratischen Wochenzeitung Flensburger Presse viele Werftarbeiter, die mit der Partei der dänischen Minderheit sympathisierten, mit seinen Artikeln für die SPD zurückgewinnen konnte.

Das Blatt wurde in Kiel bei der Volks-Zeitung gedruckt, und am Tag des Redaktionsschlusses erschien Steffen mit einer dicken Aktenmappe im Reporterzimmer und richtete die neueste Ausgabe ein. Von Hand, in etwas altmodscher Schrift, schrieb er den Aufmacher, den zweiten, dritten und
vierten Artikel, die Reportage für die Seite drei, eine Glosse und dazu noch viele, viele Meldungen; außerdem redigierte er die paar Texte, die ihm freie Mitarbeiter für wenig Honorar zugeliefert hatten.

Seine Glossen auf Missingsch waren die Anfänge des politischen Volksschriftstellers Kuddel Schnööf, der achtersinnige Sachen über seine Natalje, über Sozialisten und Reaktionäre so zu formulieren wußte, dass sogar politische Gegner darüber noch lachen mußten. Als Landtagsabgeordneter und dann als - wie es zunächst noch hieß - Oppositionsführer im Landtag von Schleswig-Holstein war er noch vor dem witzigen Abgeordneten der dänischen Minderheit bei weitem der originellste Redner. Das sozialdemokratische Wählerpotential auf dem Kieler Ostufer wußte er so auszuschöpfen, daß Kommunisten dort kein Bein an Deck kriegen konnten.

Doch, obwohl Sozialdemokrat hielt er stets mehr von Bewegung und Mobilisierung als von Ordnung und Organisation. Auch fiel es ihm schwer, anderer Leute Parolen nachzubeten oder den Sprachregelungen aus der Bonner Baracke zu folgen. Da konnte er den Journalisten in sich nicht verleugnen. Lieber dachte er sich mit feinem Grinsen und gebleckten Vorderzähnen etwas eigenes, oft Überraschendes aus. Das Bestehen auf dem Selbstgedachten brachte ihn immer wieder in Konflikt mit den Parteioberen in Bonn.

Spätestens nach dem Amtsantritt des Bundeskanzlers Helmut Schmidt begann er zu spüren, daß seine angeborene Aufsässigkeit immer unzeitgemäßer wurde. Sein sozialdemokratisches Naturell verbot ihm aber eine abrupte Abwendung von der Partei. Der Entfremdungsprozess hatte ja auch schon begonnen, als Brandt noch Kanzler war. Koalitionsrücksichten mochte Steffen niemals nehmen. Er löste sich schichtweise von der SPD. Nach der Wahlniederlage gegen seinen ehemaligen Kommilitonen Gerhard Stoltenberg gab er 1973 das Amt des Fraktionsvorsitzenden im Kieler Landtag auf. Zwei Jahre später legte er den Vorsitz im SPD-Landesverband nieder, dann auch den Vorsitz der Grundwerte-Kommission beim Bonner Parteivorstand. Später verzichtete er auch auf sein Landtagsmandat und auf den Sitz im Bundesvorstand.

Schließlich wurde er zum gewesenen, zum aufgehörten Sozialdemokraten. Seinen Zorn auf die sogenannten Sachzwänge, seine Lust am Widerspruch konnte er als Mitglied einer Regierungspartei nicht ausleben. Als Journalist hätte er das auch nicht mehr gekonnt. Wo, von linken Traktätchen abgesehen, wären seine unzeitgemäßen Texte gedruckt worden? Er zog sich auf die Rolle des oppositionellen Schriftstellers zurück, fand sogar noch Spaß daran, fürs politische Kabarett zu schreiben.

Als seine Partei, die wenig Humor besitzt und auch sonst wenig zu lachen hat, ihn schließlich als Mitglied los wurde, merkte sie gar nicht, dass sie ärmer geworden war. Nur weil ein Original aufgibt, wird ja die Politik nicht schöner. Jochen Steffen starb am 27. September 1987 im Alter von 65 Jahren nach langer Krankheit in Kiel. Obwohl er beides konnte, Politik und Journalismus, konnte er in beidem auf Dauer nicht heimisch werden. Die Doppelbegabung mit letztlich Unvereinbarem drängte ihn ins Abseits.

NDR-Hörfunk, Auf ein Wort, 28.9.1987

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Passé: "roter Jochen" zur See

Steffens Sohn Jens-Peter hat 1997 im Kieler agimos verlag eine "Personenbeschreibung" seines Vaters mit "Biographischen Skizzen eines streitbaren Sozialisten" und einem Interview mit Siegfried Lenz herausgegeben (ISBN 3-9311903-09-5). Er schickte mir ein Exemplar und schrieb dazu: "Nun heißt ... eine Pkw-Fähre nach Jochen - manches geht schon wunderliche Wege." - Von 1999 bis 2001 hatten zwei Unternehmer versucht, die Fährlinie Brunsbüttel-Cuxhaven zu betreiben. Ihre drei "roten" Fährschiffe "Hinrich-Wilhelm-Kopf", "Wilhelm Kaisen" und "Jochen Steffen" erwiesen sich aber als unrentabel auf dieser Route. Deshalb wurde die die Verbindung, die Autofahrern den Umweg über den Elbtunnel ersparen sollte, bald wieder eingestellt.

Ergänzendes zu Jochen Steffen findet sich in der Postmappe.


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
02.06.2011
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