Zeitungen und Zeitschriften, die sich Kolumnisten halten, erweitern die engen Grenzen der Pressefreiheit. Der Satz gilt freilich nur unter einer Bedingung : Man muß für diese Aufgabe einen unabhängigen und originellen Kopf bestellen, der Verlag und Redaktion
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Foto: teutopress
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immer wieder daran erinnert, daß sie sich auf ein geistiges Abenteuer eingelassen haben. Daß ein Kolumnist mit Mark Twain wissen muß, wie sich das beinahe richtige Wort vom genau treffenden unterscheidet, wie das Glühwürmchen vom Blitz nämlich, versteht sich von selbst.
Sebastian Haffner war zwölf Jahre lang politischer Kolumnist für den "stern". Im ersten Drittel dieser Zeitspanne war ich verantworlicher Redakteur für seine Kolumne. Deshalb weiß ich aus unmittelbarem Erleben, daß die Beziehungen zwischen Blatt und Kolumnist leicht unter Hochspannung geraten können. In jenen politisch aufgeheizten Jahren der auslaufenden CDU-Vorherrscbaft und der Aufnahme der SPD in das Machtkartell der Großen Koalition mußte ein streitbarer Journalist wie Haffner, der kaum einem Tabu aus dem Wege ging, früher oder später den Zorn der Mächtigen auf sich ziehen. Es gibt Sozialdemokraten, die ihn damals noch mehr gehasst haben als es seine Intimfeinde bei der Union schon immer taten.
Am 31, August 1966 - Bundeskanzler Ludwig Erhard war schon angeschlagen, die Große Koalition formierte sich - schrieb ein V-Mann des Bundesnachrichtendienstes mit der Nummer 12 619 über Haffners "Umtriebe" ein Dossier: "Es scheint so, als ob H. seine Direktiven vom SED-Propagandachef Norden erhält. Möglich ist auch, daß er selbst die SED-Agitation anregt (...) Eine Einschränkung der Wirksamkeit von H. kann nur erreicht werden, wenn ihm die publizistische und wirtschaftliche Basis beim stern zerstört wird." Als Mittel dazu empfahl Gehlens Agent, mit einer Haffner-Dokumentation "Druck", auf den stern auszuüben: "Man muß H. als unglaubwürdigen, opportunistischen, querulanten Schreiberling darstellen."
Im Zeitschriften-Beobachtungsdienst "Die Woche in den Illustrierten", herausgegeben vom Deutschen Industrie-Institut, häuften sich die Angriffe auf Haffner, Ende Oktober 1966 stand dort zu lesen: "Der Kolumnist versteigt sich zu der provokativen Äußerung, wenn es in der BRD je wieder Hunderttausende von Arbeitslosen sollte, wären sie nicht wehrlos wie in England, sondern sie hätten einen Ausweg. Sie könnten in die ,DDR' gehen, wo man jeden Mann und jede Frau gebrauchen könne." - Danach gab es bald zwei, drei Millionen Arbeitslose und kaum einen davon zog es nach drüben. Seit 1990 gibt es kein "drüben" mehr.
Haffner, wie ich ihn kannte, hätte später gerne zugeben, daß er sich in diesem Fall - wie in einigen anderen Kolumnen - vergalloppiert hatte. Nur: Die Irrtümer eines geistreichen Mannes sind oft erhellender als die Wahrheiten eines Flachkopfes. Daß die Existenz der DDR zeitweilig eine heilsame Wirkung auf den sozialen Besitzstand in der Bundesrepublik ausgeübt hat, dieser Gedanke hat einiges für sich. Der Satz über die Arbeitslosen und die DDR mußte natürlich jedem Arbeitgeber Schluckbeschwerden machen.
Auch Verleger sind Arbeitgeber, also schickte der damalige Mitverleger Gerd Bucerius dem stern-Chefredakteur Henri Nannen den industriellen Illustrierten-Beobachter mit folgendem Kommentar über Haffner "Der Mann schnappt allmählich über (...) Sie wissen, daß wir draußen (auch und vor allem bei den Anzeigenkunden) alles vertreten, was sich irgend vertreten läßt. Bei Haffner können wir viel verkraften, weil er als Kolumnist angesehen wird. Und auch dort gibt es irgendwo eine Grenze." - Aber wo liegt die?
Ein Radikalen-Beschluß wäre das Ende für einen Kolumnisten. Damals schien mir die Grenze fast erreicht gewesen zu sein. "Man muß zu weit gehen", sagt Heinrich Böll, "um zu wissen, wie weit man gehen darf." Haffner hatte noch Spielraum. Als ich den Chefredakteur fragte, ob man Haffner loswerden wolle, antwortete er gereizt: "Ich will den Haffner nicht loswerden. Ich will, daß er fair ist. Weiter nichts." Fair hieß: Was mir keinen Ärger macht.
Auf so elastischer Basis konnte es weitergehen. Denn wie bringt man die eigenen Vorstellungen von Fairneß einem Mann bei, dem man vertraglich die Freiheit zugesichert hat, all das schreiben zu dürfen, was er für richtig hält. Als verantwortlicher Redakteur jedenfalls kann man dem Kolumnisten gegenüber kaum mehr durchsetzen, als dass er seine Texte frei von strafbarem Inhalt hält und dem Verlag unkalkulierbare Schadensersatzansprüche erspart. Mehr zu verlangen, wäre schon vertragswidrig.
Nun war Haffner nicht der Mann, der ohne Rücksicht auf Verluste seine Artikel hätte ins Blatt boxen wollen. Er hat sachlich und rechtlich gebotene Änderungen stets bereitwillig akzeptiert, Abschwächungen im Ton gelegentlich aus Mitleid für den armen Redakteur, der's intern hätte ausbaden müssen, hingenommen. Zwei oder drei Mal haben wir uns diskret sogar über ein neues Thema verständigt, wenn mir die schon geschrieben vorliegende Kolumne allzu weit neben dem Leserinteresse zu liegen schien. "Och", sagte der schnell formulierende Haffner in solchen Fällen, "ich schreibe Ihnen was Neues."
Beinahe wären wir beide vor dem Kadi gelandet. Das war nach den Berliner Studentenunruhen, bei denen Benno Ohnesorg erschossen wurde. Haffner schrieb am 25, Juni 1967 über "Die Nacht der langen Knüppel", dabei geißelte er ein po1izeiliches "Pogrom" und "Greuel", wie sie "außerhalb der Konzentrationslager selbst im Dritten Reich Ausnahmeerscheinung gewesen sind". Auf Betreiben Berliner Polizisten erhob die Staatsanwaltschaft Hamburg Anklage wegen wegen Beleidigung gegen den Verfasser und den verantwortlichen Redakteur. Leider konnte die Sache nicht vor Gericht ausgefochten werden, weil wir in den Genuß der Amnestie von 1970 kamen. Ich war fest davon überzeugt, daß der scharfe und polemische Angriff den Ereignissen angemessen war und halte ihn deshalb noch heute für gerechtfertigt.
Der Verleger Gerd Bucerius hatte allerdings in meiner Abwesenheit eigenhändig einen distanzierenden Vorspann für "Die Nacht der langen Knüppel" verfaßt: "Nur weil wir die Meinungsfreiheit wirkllich für das höchste Gut der Demokratie halten, geben wir Sebastian Haffner das Wort zu seinem Aufschrei über die Berliner Vorfälle (...) Vergleiche mit Pogrom, SS, Faschismus, Auschwitz und Schreibtischtätern halten wir in diesem Zusammenhang für ganz und gar abwegig."
Diese Distanzierung war ein Fehler. Erstens konnte die Staatsanwaltschaft daraus schließen, daß sich der verantwortliche Redakteur seiner Sache nicht sicher und des beleidigenden Charakters der Kolumne bewußt war. Diesem Fehlschluß erlag der Staatsanwalt denn ja auch. Zweitens setzt sich die Redaktion mit solchem Vorspruch im Ausnahmefall dem Mißverständnis aus, mit allen Übrigen Texten des Verfassers sei sie mehr oder weniger einverstanden. Damit wird aber die Rolle eines Kolumnisten abgewertet. Er schreibt am besten auf eigene Rechnung und Gefahr.
Schlussbemerkung: Ein Kolumnist, der von der Linie seines Blattes und den Vorurteilen seiner Verleger, Redakteure und Leser allenfalls in Nuancen abzuweichen pflegt, ist gar keiner. Er ist Leitartikler. Der Kolumnist muß Unerwartetes und Unsagbares aussprechen, Unbequemes und Unerwünschtes vordenken. Er muß die Kunst beherrschen, sich quer zu legen, ohne darüber zum Querulanten zu werden. Solange ihm etwas einfällt, kann er seine wichtigste Aufgabe erfüllen, nämlich seine Leser herauszufordern. In diesem Sinne wirkt der Kolumnist als Provokateur in einer Republik, der mit Leisetreten nicht gedient ist.
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