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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Herbert Wehner
(11. 07. 1906 - 19.01. 1990)



Sozialdemokratische und der Partei nahe stehende Journalisten wurden montags in der Baracke aus bester Quelle informiert. Der stellvertretende Vorsitzende Herbert Wehner besorgte das auf seine Art, mal stockend und leise, mal laut schimpfend, oft sarkastisch, unvermittelt grimmig und höhnisch auflachend, gelegentlich wieder lyrisch, plötzlich verstummend und vor sich hinbrütend, dann aber unvermittelt losbrüllend. Nur Bernhard Minetti konnte das besser. Zwischen zwei Schachtelsätzen stopfte sich der "Onkel", ohne den Faden zu verlieren, schon mal die Pfeife zündete sie umständlich an, bevor er nach zwei, drei Zügen endlich weiterredete.

Ich erlebte die "Morgenandachten" als Chefredakteur der sozialdemokrat
ischen Wochenzeitung Vorwärts, und mir bereitete sein oft minutenlanges Schweigen großes Unbehagen. Am liebsten hätte ich mit einer Frage das Gespräch wieder in Gang gebracht. Aber das - so wurde mir bald klar - verstieß gegen die Regeln dieser Runde. Die erfahrenen Teilnehmer wussten, dass Wehner "ergiebiger" war, wenn man ihn vor sich hinbrüten ließ und geduldig abwartete, bis er den Faden wieder aufnahm. So wurden die "Morgenandachten" - wie diese regelmäßigen Hintergrundgespräche in der Baracke genannt wurden - auch zu einem Selbstbeherrschungskurs der Teilnehmer. Einer der


Zeicnung: A. Wiemers

einflussreichsten Männer in der Partei und in der Koalition vermittelte Politik aus erster Hand. Man erfuhr, wohin der Hase lief, vorausgesetzt man hatte gelernt, die stenogrammähnlichen Andeutungen zu entschlüsseln.

Ohne eine gründliche Kenntnis der Nachrichtenlage und der Akteure verstand man nur Bahnhof. Auch war es ratsam, nicht durch laienhafte Fragen mangelnde Vertrautheit mit dem parlamentarischen Geschäftsgang zu verraten; der Fraktionsvorsitzende Wehner sah einem da nichts nach. Ohne Grundkenntnisse in der Geschichte der Arbeiterbewegung, ihrer Parteien und Gewerkschaften war niemand imstande, aus all seinen Anspielungen und Vergleichen irgendwelche Erkenntnisse zu gewinnen. Mitunter verlor er sich in Wortspielereien, hinter denen man besser keine tiefere Bedeutung suchte. Auch gegen politische Fehleinschätzungen war der "Onkel" keineswegs gefeit.

In seinen Hintergrundgesprächen war vieles zu erfahren, wenn auch nicht alles davon journalistisch verwertet werden konnte. Auf keinen Fall durfte der Informant als Quelle zitiert werden. Selten ließ er
sich in dieser Runde zu bloßer Agitation oder Propaganda hinreißen. Meist bestach er durch illusionslose, sarkastische Lageanalysen und durch brutale



Christoph Meyers faire,
sehr lesenswerte Bio-
graphie erschien 2006
bei dtv München.
ISBN 3-423-24551-4

Kritik an der SPD, ihrem Personal und ihren Fehlern. Seine eigenen Irrtümer und Einäugigkeiten zu entdecken, blieb uns Zuhörern überlassen. Wenn er in dieser Runde doch einmal parteiisch wurde, konnten wir daraus schließen, dass er die Lage für äußerst gefährlich hielt. Die zerbröselnde Mehrheit der Regierung Brandt/Scheel versetzte ihn verständlicherweise in Alarmstimmung. Dann galt es besonders genau zu unterscheiden, ob er nach innen oder nach draußen sprach.

Dann konnte ihm sogar die Logik abhanden kommen. So hielt er es für selbstverständlich, dass die SPD-Fraktion ihre Dissidenten in den Ausschüssen durch verlässliche Abgeordnete ersetzte, was übrigens mit zum Fraktionswechsel des SPD-Abgeordneten Herbert Hupka beigetragen hatte, der als Vertriebenenfunktionär zu den Gegnern der Ostverträge gehörte. Als aber der CDU-Abgeordnete Theodor Blank sein Mandat niederlegte, höhnte Wehner: "Sie disponieren mit jeder Stimme und das sieht bedauernswert aus."

Für den rechten Gebrauch seiner Anmerkungen war es jedenfalls ratsam, seine Abneigungen und Vorlieben zu kennen, dabei aber vor allem zu bedenken, wie rasch beides wechseln konnte. In den aufregenden Wochen von Ende 1971 bis Frühjahr 1972 war ich nur dank der "Morgenandachten" in der Lage, der Redaktion ungefähr zu sagen, wie sich aus der Sicht der Parteiführung und der Bundestagsfraktion die politische Entwicklung darstellte. Für den Vorwärts als Wochenzeitung blieben Wehners Einschätzungen und Einordnungen die wichtigste authentische Orientierungshilfe im Dickicht sozialdemokratischer Meinungs- und Willenbildung.

Für diejenigen in der Runde, die Wehners Kommentare tagesaktuell verwerten konnten, waren diese Hintergrundgespräche noch wertvoller als für mich. Jochen Schulz, Sprecher d
es Parteivorstands, fand in dieser Runde vor allem Gelegenheit, seine Kenntnis von den doch unterschiedlichen Positionen der Troika an der Parteispitze zu vertiefen. Wolfgang Jansen, Sprecher der Bu

"Wennn ich mal
flach liege, werden
sie sagen das ist
auch nur Taktik."
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Eine seiner Lieblingsgranteleien

ndestagsfraktion und enger Vertrauter ihres Vorsitzenden, saß nur als unentbehrlicher Begleiter seines Herrn in der Runde; er hätte die meisten unserer Fragen auch selber im Sinne des Chefs beantworten können, wenn auch kaum so offen und schon gar nicht auf eine so originelle und souveräne Weise.

Es ging nicht um parteiamtliche Sprachregelung oder Presselen- kung, sondern um Einschätzungen des zweiten Mannes an der Parteispitze, von denen wir nach eigenem Gutdünken und in eigener Verantwortung Gebrauch machen konnten oder auch nicht. Vorab wurden keine Parolen oder Sprachregelungen ausgegeben und hinterher gab es keine Manöverkritik. Ein kritisches Wort zur publizistischen Verarbeitung des hier Gehörten ist mir nie zu Ohren gekommen.

Aus "Einmal vorwärts und zurück", Hamburg 2002

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Sätze, die es in sich hatten

Seine Rede galt einer außenpolitischen Bestandsaufnahme, und der Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen Opposition und Regierung. Dann aber fielen - für die Zuhörer überraschend - am 30. Juni 1960 im Bundestag jene Sätze, mit denen Herbert Wehner in einem kühnen Alleingang die SPD auf die außen- und sicherheitspolitischen Grundsätze der Regierung Adenauer festlegte und seinen von der CDU/CSU als neutralistisch verdammten Deutschlandplan öffentlich verbrannte:

- "Dieser Deutschlandplan ... ein Versuch zur Entlastung Berlins ... hat sich nicht durchsetzen lassen. Damit ist ... er ein Vorschlag, der der Vergangenheit angehört."

- "Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands geht davon aus, dass das europäische und das atlantische Vertragssystem, dem die Bundesrepublik angehört, Grundlage und Rahmen für alle Bemühungen der deutschen Außen- und Wiedervereinigungspolitik ist."

- "Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat nicht gefordert und beabsichtigt nicht, das Ausscheiden der Bundesrepublik aus den Vertrags- und Bündnisverpflichtungen zu betreiben."

- "Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands bekennt sich in Wort und Tat zur Verteidigung der freiheitlichen demokratischen Grundrechte und der Grundordnung und bejaht die Landesverteidigung."

- "Die Bundesrepublik ist ein zuverlässiger Vertragspartner, gleichgültig ob die jetzige Regierung oder die gegenwärtige Opposition als Regierung die Geschäfte führt."

- "Innenpolitische Gegnerschaft belebt die Demokratie. Ein Feindverhältnis aber, wie es von manchen gesucht und angestrebt wird, tötet schließlich die Demokratie, so harmlos das auch anfangen mag. Das geteilte Deutschland kann nicht unheilbar miteinander verfeindete christliche Demokraten und Sozialdemokraten ertragen."

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Ende 1969 erklärte der stern Herbert Wehner zum "Mann des Jahres" - nicht so ganz zur Freude Henri Nannens; ich arbeitete damals im Bonner Büro des stern und hatte den Artikel über Wehner verfasst, der dem Chefredakteur nicht kritisch genug ausgefallen war. Nannen ließ deshalb in seinem Editorial Zweifel und Vorbehalte anklingen: Werde es der Regierung Brandt/Scheel mit ihrer Ost- und Deutschlandpolitik wirklich gelingen, "aus dem Wall von vermeintlichen Rechtspositionen und nationalen Prestige-Vorstellungen auszubrechen"? Wehner, dem ein Andruckexemplar in sein schwedisches Feriendomizil geschickt worden war, fühlte sich zugleich geehrt und missverstanden. Also verband er in einem handgeschriebenen Brief an Nannen seinen Dank mit einer Erläuterung seiner Vorstellungen:





Spjuterum, am 28. Dezember 1969

Sehr geehrter Herr Nannen!

Die Redaktion des "Stern" hat mich zum "Mann des Jahres" bestimmt. Als es mir mitgeteilt wurde, habe ich erwidert, dies stehe mir nicht zu. Wenn jemand "Mann des Jahres" zu sein hat, so wäre es Willy Brandt. Ich habe nur meine Aufgabe zu erfüllen versucht. Ohne ihn wäre es nicht gegangen.

Nachdem Sie bei Ihrer Entscheidung geblieben sind und ich den Andruck erhalten habe, bleibt mir nur übrig, Ihnen zu danken und Ihnen zugleich zu wünschen, dass Sie mit Ihrer Wahl nicht zusätzlich Ärger erfahren. Es wird genug Menschen geben, die ganz anderer Meinung sind und dies auch verlauten lassen.

Erlauben Sie mir, bitte, Ihnen heute einige Sätze zu schreiben, zu denen ich durch Ihr "Zum Mann des Jahres" angeregt worden bin. Von mir brauchen Sie nicht anzunehmen, ich "igelte" mich "hinter völkerrechtlichen Definitionen ein" und versäumte es, "rechtzeitig aus dem Wall von vermeintlichen Rechtspositionen und nationalen Prestige-Vorstellungen auszubrechen". Ohne mit Ihnen über "vermeintliche Rechtspositionen und nationale Prestige-Vorstellungen" rechten zu wollen, möchte ich heute nur versuchen, Ihnen verständlich zu machen, worum es mir in diesen vertrackten Fragen geht: Ein genügend großer Teil der Deutschen soll unbefangen genug sein, die Möglichkeiten des Miteinander-Umgehens im gespaltenen Deutschland zu finden, die uns leben lassen, wie wir selbst es wollen, ohne ausschließlich anderen zu Willen sein zu müssen. Ich bin überzeugt, dass es gelingen kann und werde von mir aus dazu tun, was in meinen Kräften steht.

Für das, was wir zu tun haben, gibt es keine "Preise". Aber es gibt allmählich normalere Umgangsformen. Wir müssen dabei auch ehrlich werden für das, was sich in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird.

So, damit will ich es genug sein lassen, damit's nicht eine Art von Leitartikel werde.

Ich wünsche Ihnen viel Gutes.

In vorzüglicher Hochachtung

Ihr

Herbert Wehner



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Nach einer Fernsehdiskussion "Journalisten fragen, Politiker antworten" erzählte Wehner 1975 im Studio mit einigem Sarkasmus von seinem Streit mit dem "Wirtschaftswunder-Siegfried Nannen" über die Große Koalition im Sommer 1966. Außer Leo Bauer sei damals auch "Tante Sethe" dabei gewesen und "der Gründler, der heute den Vorwärts zugrunde richtet".

Wehner hatte am 28. Dezember 1966, er war gerade Minister für Gesamtdeutsche Fragen geworden, an Henri Nannen einen Brief geschrieben. Darin bedankte er sich für ein Vorausexemplar des stern, in dem ein mit ihm geführtes Interview abgedruckt war, und erinnerte dann an ihren damaligen Streit über eine Große Koalition:

"Sie werden es hoffentlich nicht unangemessen finden, wenn ich Gelegenheit nehme, vor dem Ende dieses Jahres auf ein Gespräch zurückzukommen, in dem ich mich Ihnen gegenüber im Kreise einiger Herren recht heftig ausgelassen habe. Es handelte sich um politische Einschätzungsfragen, die Sie anders betrachteten als ich. Hätten wir mehr Gelegenheit gehabt, über derartige Fragen miteinander zu sprechen, müßte ich mich heute bei Ihnen nicht dafür entschuldigen, daß ich recht heftig gewesen bin. Aber zu meinen Fehlern gehört leider auch, daß ich mitunter annehme, mein Gegenüber verstünde mein Engagement im Meinungsstreit auch als eine Art Achtungsbezeugung für das Engagement des Gesprächspartners selbst. Anders ausgedrückt: Ich stritt mit Ihnen, weil ich es der Mühe wert hielt, mit Ihnen zu streiten."

Nannen kam der auf der Maschine geschriebene Brief herzlicher vor, als er wohl wirklich gemeint war; der Onkel - so auch Leo Bauers Ansicht - hätte ihn sonst mit der Hand geschrieben.

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Seine Hauptsorge galt der Regierungsfähigkeit seiner Partei. Irgendwann 1973 hörte ich von ihm die grimmige Sentenz: "... nach der Niederlage sind wir nicht nur entjungfert, sondern auch entmannt."

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Der Mann mit dem langen Atem

Wie der erste Bundespräsident Theodor Heuss, wie der erste Kanzler Konrad Adenauer und wie der erste Nachkriegsvorsitzende der SPD, Kurt Schumacher, gehörte Herbert Wehner zu den von der Weimarer Republik vorgeprägten Männern. Was sie verband und was Wehner bis zu seinem Abschied von der Politik bewegte, das war die Sorge um die Stabilität der zweiten deutschen Demokratie.

Die Regierungsfähigkeit seiner Partei gehörte dazu. Aber den dramatischen Zerfall der SPD/FDP-Koalition hatte Wehner 1982 nicht mehr bremsen können, wenn er es am Ende denn überhaupt noch gewollt haben sollte. Aber was er wirklich wollte, das zu erfassen, hat er schon seiner Umgebung, erst recht dem Publikum stets schwer gemacht. Er wusste mit seiner Undurchschaubarkeit und mit der Kraft seiner oft dunklen Rede Politik zu machen, Bewunderung, aber auch Ablehnung zu erregen.

Von den herausragenden Männern, die schon im ersten Bundestag saßen, hatte Herbert Wehner den am stärksten gebrochenen Lebensweg. Gegner haben versucht, ihn als Sicherheitsrisiko hinzustellen: Kommunist, Emigrant, Internierter, Linksaußen der SPD - dieser Mann schien in den Anfangsjahren der Bundesrepublik wie geschaffen für die Rolle des Bürgerschrecks.

Die teilweise infamen Verdächtigungen, denen er sich ausgesetzt sah, kamen meist von Leuten, die sich kaum mehr dabei dachten, als dass sie es der SPD möglichst schwermachen wollten, neue Wähler zu gewinnen. Wer weiß schon, wie verletzlich dieser Herbert Wehner war? Seine oft erschreckende Grobheit diente ihm als Panzer. Aus den Angriffen gegen seine Person hat er mit grimmiger Entschlossenheit eine Strategie für die SPD abgeleitet: Er wollte sie dadurch regierungsfähig machen, dass er ihren Gegnern jeden Vorwand zur Diffamierung entzog.

Mit dem Godesberger Grundsatzprogramm - von Wehner nach anfänglichem Zögern mitgetragen, dann aber mit Härte durchgesetzt - hat sich die SPD 1959, zehn Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, in die deutschen Nachkriegsverhältnisse eingebunden.

Wehner warnte seine Partei immer wieder, nicht durch ideologische Verengung hinter dieses Programm zurückzufallen, das ihr geholfen hat, koalitions- und regierungsfähig zu werden. Den entscheidenden Schritt zur Überwindung der Kluft zwischen SPD und den anderen Parteien des Parlaments hat er selbst getan, als er am 30. Juni 1960 im Bundestag die Loyalität der Sozialdemokraten zu den Westverträgen und zum NATO-Bündnis verkündete. Viele seiner Genossen, die eben noch gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit nuklearen Trägerwaffen protestiert hatten ("Kampf dem Atomtod"), hörten entgeistert zu; denn diese Konsequenz von Godesberg war ihnen noch nicht aufgegangen.

Der Weg in die Regierungsverantwortung ähnelte einer Rosskur. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, der den Godesberger Kurs bekämpfte, wurde vom Parteikörper amputiert; die SPD zahlte dafür später den hohen Preis einer Entfremdung von großen Teilen der intellektuellen Jugend. Wehner steuerte konsequent auf die Große Koalition mit den Christlichen Demokraten zu; das damit zwangsläufig geförderte Erstarken außerparlamentarischer Kräfte nahm er ebenso in Kauf wie die Abwertung des Amtes des Bundespräsidenten, die mit der von ihm betriebenen Wiederwahl Heinrich Lübkes verbunden war, eines Mannes, der die Große Koalition offen propagierte.

Ohne die Durchgangsphase eines Zusammengehens mit der Union wäre es 1960 kaum möglich gewesen, einen Sozialdemokraten zum Kanzler einer sozial-liberalen Koalition zu wählen. Dass es dazu kam, verdankte die SPD zu einem großen Teil Herbert Wehner. Dass es dreizehn Jahre dabei blieb, wohl auch. Er, der im Kabinett Kiesinger Gesamtdeutscher Minister war, trat an die Spitze der Fraktion und sicherte - erst für Willy Brandt und später für Helmut Schmidt - die parlamentarische Flanke.

Seiner Partei die Regierungsverantwortung zu erhalten, darin sah er seine Pflicht als Fraktionsvorsitzender. Die Disziplin die dazu gehörte, hat er im Bundestag demonstriert: stets an seinem Platz in der vordersten Reihe. Diese Präsenz war Ausdruck seiner Überzeugung, dass Realpolitik meist das Gegenteil von dem erfordert, was man gern tun möchte. "Regieren, nicht lamentieren", war bis zum 1. Oktober 1982 seine Devise.

Was hat dieser Herbert Wehner gewollt? Sicherlich nicht die Macht um ihrer selbst willen. Hinter seinem Reden und Tun sind zwei Ziele immer sichtbar gewesen:Zum einen ging es ihm um den Ausbau der Bundesrepublik zu einem Sozialstaat, in dem sich auch Arme, Behinderte und Kranke zu Hause fühlen können; zum anderen suchte er nach Zwischenlösungen, die den Menschen in der DDR und in Berlin die fortdauernde Teilung Deutschlands erträglich machen. Welch langer Atem dazu gehört, das konnte man von ihm lernen.

NDR-Hörfunk, 10.8. 1989




© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
21.02.2010
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