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aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Erinnerung an Ria Maternus
(13. 10. 1914 - 24. 11. 2001)

Frau Wirtin mit Leibgarde
Foto: J. H. Darchinger
Zum ersten Mal war ich im November 1959 bei ihr zu Gast. Rechtsanwalt Heinrich Schrader, Sekretär der deutschen Sektion der Internationalen Juristenkommission, hatte mich in die mir unbekannte gastronomische Institution zum Austernessen eingeladen, zusammen mit dem früheren Bremer Senatssyndikus Renatus Stier tom Möhlen und zwei drei anderen Herren, an die ich mich nicht mehr erinnere. Ich hatte noch niemals Austern gegessen, mochte sie damals noch nicht und schaffte es geradeso, den routinierten Herren am Tisch abzugucken, wie man die Dinger pfeffert, mit der flachen Gabel aus der Schale löst und zum Munde führt.

Viel mehr als die Schalentiere faszinierte mich dieser tom Möhlen, von em ich nur wusste, dass er längere Zeit die "Graue Eminenz" des Bremer Bürgermeisters Wilhelm Kaisen war. Er konnte witzig erzählen; seine sarkastischen, ja bösen Bemerkungen über CDU- und SPD-Leute gleichermaßen amüsierten die Runde. Irgendjemand verriet mir hinterher, dass tom Möhlen während seiner Bremer Amtszeit als arrogant galt und dank seiner spitzen Zunge immer wieder mal angeeckt war. Kaisen, der sich sehr auf das juristische Geschick und die Verhandlungskunst dieses Mannes verließ, hatte ihn fallen lassen müssen. Wie ich hörte, ging es dabei um unzutreffende Angaben in einem Fragebogen. Die Affäre konnte aber nicht völlig aufgeklärt werden.

Getratscht wurde im Godesberger Weinhaus Maternus mit noch mehr Genuss als gegessen. Der Kollege Reginald Peck vom Londoner Daily Mirror erklärte mir Anfang der sechziger Jahre: "A-a-actually, I don't come here for the food, I-I-I come to meet people." Immerhin, als Norddeutscher schätzte ich es doch sehr, dass es bei Ria stets frischen Seefisch gab. Besonders gerne mochte ich ihren Heilbutt. Sie ließ ihn von Goedeken in Hamburg mit dem Nachtzug kommen. Aber Maternus ist nun mal kein Gourmettempel. Den Stammgästen genügt es, dass sie dort von gut gelaunten Kellnern bedient werden, immer auch etwas nach ihrem Geschmack finden - und einen guten Mosel oder Beaujolais dazu.

Aber es war schon so, wie Peck sagte, man kam dort vor allem, weil man jemanden treffen wollte, mit dem man sich verabredet hatte, aber auch andere, die schon da waren oder erst noch erschienen. So bekam ich im Sommer 1974 mit, wie Rainer Barzel auftauchte und den


Löbestraße 3, Bad Godesberg
gleich neben der Eingangstür sitzenden Günter Gaus mit ostentativ übertriebener Herzlichkeit begrüßte. Alle im vorderen Raum tafelnden Gäste sollten zur Kenntnis nehmen, wie er als prominenter Oppositionspolitiker den gerade als Ständigen Vertreter in Ost-Berlin akkreditierten SPD-Staatssekretär zu seiner "verantwortungsvollen neuen Aufgabe" gratulierte. Dabei ergriff er mit beiden Händen Gaus' Rechte, schüttelte sie heftig und wünschte mit tiefem Blick und dem ihm eigenen Pathos "viel, viel Kraft".

Stets herrschte bei Ria eine geschwätzige Atmosphäre. Henri Nannen, der Bonner stern-Redakteur Peter Stähle und ich trafen uns zu Beginn des Wahlkampfes 1965 mit Klaus Schütz und Karl Garbe; die beiden organisierten Willy Brandts - nicht sonderlich erfolgreiche - Kampagne gegen den Bundeskanzler Ludwig Erhard. Ria saß mit in der Runde und wähnte Nannen in ihrem Lager: "Nich wahr, Herr Nannen, mer Rische wählen CDU." Damals wusste sie noch nicht, dass Sir Henri es mit der FDP hielt und nicht ganz so reich war wie sie. Es wurde gealbert und gelästert. Garbe erfand dumme Wahlslogans: "Wählt uns, wir kochen auch nur mit Wasser" und er kalauerte über seine SPD-Mitstreiter: "Wir alle sind eine Kette, und Willy ist unser schwächstes Glied." Nannen prustete los, auch Schütz lachte heftig.

Nannen konnte nicht an sich halten und erzählte Brandt bei nächster Gelegenheit von Garbes Frotzelei mit dem "schwächsten Glied", vergaß auch nicht hinzuzusetzen, dass der Genosse Schütz das auch sehr komisch gefunden habe. Damit verstieß er gegen den ungeschriebenen Maternus-Komment: Alles weiterzuerzählen ist o.k., Gäste bloßzustellen ist pfui. Brandt war böse mit Schütz, Schütz über Kreuz mit Nannen, und Frau Wirtin, bei der ihr Lieblingsgast Klaus Schütz sich über die Indiskretion beklagte, ging zum stern-Boss so spürbar auf Distanz, dass der ihr Etablissement fortan nur noch mit wenig Begeisterung besuchte.

Mir hat sie nicht vergessen, dass ich als Vorwärts-Chefredakteur eine freundliche Glosse drucken ließ (Autor: Joachim Besser), in der wir ihr zur Verleihung des Bundesverdienstordens gratulierten. Denn sie hatte ja Meriten, die der damalige Bundesdespräsident Walter Scheel als bekennender Maternusfan wohl zu würdigen wusste, waren ihre Gasträume doch längst zu einer konsensfördernden Klimaanlage der Bonner Republik geworden. Sie verstand es, so urteilte ihre Freundin Rut Brandt, "zwischen Gegnern das Verständnis zu fördern und parteipolitischen Streithähnen Toleranz beizubringen". Mir ist in Erinerung geblieben, dass sie am 1. Mai 1971 bei den Brandts am Tisch saß und gesungen hat, Mailieder gewiss, aber nicht solche zum Tag der Arbeit.

Mein Vertrauenskapital, das sich bei Ria Maternus mit den Jahren angesammelt hatte, konnte ich vor allem in den vom RAF-Terror bestimmten Tagen im "deutschen Herbst" als stern-Reporter nutzen. Ria gab mir Recherchetipps, versorgte mich mit "Quotes" von prominenten Gästen - niemals kompromittierende darunter, versteht sich. Auch warnte sie mit hochgezogenen Brauen oder bestätigte mit freundlichem Augenzwinkern, wenn ich ihr meine Annahmen, Kombinationen, Rekonstruktionen, Schlussfolgerungen und Ereignisdeutungen vortrug. Als mich die Redaktion nach der Entführung des Lufthansajets "Landshut" nach Bonn schickte und alle Hotels ausgebucht waren, durfte ich bei Ria oben "im Stübchen"


Frau Wirtin hatte viele Gäste -
Kanzler, Bosse, Profesoren
Mit weißer und mit dunkler Weste.
Auch Diplomaten spitzten hier die Ohren.
Die meisten kannte sie mit Namen,
Begrüßte sie mit einem Bussi.
Sonst zuerst ein Auge auf die Damen:
Die Gattin etwa oder nur die Tussi ?
------------Meine Huldigung - gefiel ihr aber nicht


übernachten: "Jungchen, denn schläfste eben bei uns." Das "Stübchen" hatte Rias Mutter Trautchen in den letzten Lebensjahren bewohnt. Später durften darin auch mal übermüdete Lieblingsgäste nächtigen.

Der Umzug der Bundesregierung nach Berlin verbitterte sie. Darüber konnte man mit ihr auch nicht gelassen oder mit Ironie reden. Bei dem Thema war Schluss mit Lustig und auch mit "Jungchen" oder so. Alles was ich zugunsten des Hauptstadtwechsels vorbringen konnte, quittierte sie mit Gift und Galle. Abscheu und Empörung waren keineswegs gespielt. Sie meinte es bitter ernst, und man spürte, dass sie wirklich glaubte, ihrer rheinischen Heimat werde durch den Umzug der Hauptstadt an die Spree gröbster Undank zuteil. Wäre ich bei dem Thema geblieben, hätte meine langjährige freundschaftliche Beziehung zu ihr unheilbaren Schaden erlitten.

Zum letzten Mal sah ich sie am 5. Oktober 2001, wenige Wochen bevor sie gestorben ist. Mit unseren amerikanischen Freunden Katy und Bill Simenson aus Washington - er arbeitete in den siebziger Jahren als Botschaftsrat in Bonn - gingen wir zu Ria zum Abendessen. Sie kam an den Tisch, spendierte eine Flasche Mosel und erzählte aufgekratzt wie in alten Zeiten: Ich und die US-Präsidenten... Es gab ja wohl keinen seit Harry Truman, den sie nicht bewirtet hat. Katy und Bill waren begeistert. So herzlich und so fröhlich, wie sie uns an diesem Abend unterhielt, wird sie mir in Erinnerung bleiben. Ich hatte mich gehütet, das Reizthema Berlin auch nur zu streifen.

© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
11.10.2010
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