EFragezeichen

aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Das Attentat kam wie bestellt

Brauchte der Pogrom einen Anlass?


Demolierte jüdische Geschäfte und rassistische Hetzparolen- die Polizei darf nicht hinschauen


Nachdem die Weimarer Republik sich Adolf Hitler und seiner Partei ausgeliefert hat, wird alljährlich des Marsches auf die Feldherrnhalle und der dabei "Gefallenen der Bewegung" gedacht. Hitler treibt mit dem gescheiterten Putsch von 1923 einen düsteren Totenkult. Auf dem Königsplatz in München lässt er die in Bronzesärge umgebetteten "Blutzeugen" zum "letzten Appell" namentlich aufrufen. So auch im Jahr 1938. Soeben erst hat er seine Heimat Österreich und das Sudetenland dem Reich eingegliedert. Jetzt verstärkt er den Druck auf die jüdische Bevölkerung.

Herschel Grynszpan, ein junger polnischer Jude, dessen Eltern aus dem Reich abgeschoben werden sollen, schießt am 7. November in Paris auf den
Grynszpan
Vom Rath
deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath. Als die Meldung vom Tod des deutschen Diplomaten die in München zur Gedenkfeier versammelten Nazi-Führer erreicht, gibt der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels mit einer antisemitischen Rede das Signal zu organisierten Ausschreitungen. SA-Leute, aufgehetzte Jugendliche und enthemmte Bürger zertrümmern überall im Reich jüdische Geschäfte und setzen Synagogen in Brand. Die Polizei sieht nicht hin. Am 10. November 1938 berichtet die Neue Zürcher Zeitung über die Schreckensnacht in Berlin:

"Die furchtbarste antisemitische Welle seit dem Regimewechsel von 1933 hat sich in der vergangenen Nacht... über ganz Deutschland ergossen... Eine systematische, mit erbarmungsloser Konsequenz durchgeführte Zerstörungsaktion richtete sich gegen die jüdischen Läden und
Geschäfte... Der Sturm begann nachts halb drei

Frankfurt: Synagoge am Börneplatz
Uhr. Dunkle Gestalten durchzogen die Straßen und eröffneten mit Pflastersteinen ein Bombardement auf die Schaufenster, aus denen alle Gegenstände, die sich als Wurfgeschosse eigneten, genommen wurden, um mit ihnen die Spiegel, Glasbehälter und Beleuchtungskörper zu zertrümmern. Die Polizei blieb unsichtbar und antwortete auch nicht auf telephonische Anrufe der verängstigten Geschäftsinhaber... Um halb sieben morgens setzten sich größere Trupps von je acht bis zwölf Mann, die vorsichtshalber Zivilkleider angelegt hatten, in Bewegung. Mit Stöcken und Eisenstangen wurden alle Scheibenreste, Behälter und Firmentafeln kurz und klein geschlagen, bis die Trottoire mit Scherben und Splittern übersät waren. Einige Bekleidungsgeschäfte wurden ausgeräumt und das Inventar auf offener Straße verbrannt."

Die Scherben der Schaufensterscheiben nimmt der Volksmund zum Anlass, den Pogrom als "Reichskristallnacht" zu verharmlosen, zugleich aber auch als eine von oben gelenkte Aktion zu entlarven. Was Reichssache ist, kann nicht spontan sein. Die zerschlagenen Scheiben haben einen Wert von etwa zehn Millionen Reichsmark. Es bedarf der halben Jahresproduktion der belgischen Glasindustrie, um die Schaufenster zu reparieren. Mindestens 7 500 jüdische Geschäfte werden zerstört. Überall im Reich brennen die Synagogen.

Doch was bedeuten schon Sachbeschädigungen und Zerstörung? Es geht um Mord und Totschlag. In den Polizeiakten wird nach dem Pogrom festgehalten, dass 36 Juden getötet und weitere 36 schwer verletzt worden sind. Die Zahl der Opfer liegt aber weit höher. Etwa 20 000 Juden hat man festgenommen und auf die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und
München: Ab nach nach Dachau
Sachsenhausen verteilt. Fast die Hälfte kommt nach Buchenwald. Eugen Kogon, der dort inhaftiert war, hat in seinem Buch "Der SS-Staat" über die Einlieferung der Juden nach dem 9. November berichtet:

"Die Verhaftungen wurden ohne Rücksicht auf das Alter durchgeführt. Neben zehnjährigen Knaben sah man siebzig- bis achtzigjährige Greise. Schon auf dem Weg vom Bahnhof Weimar bis nach Buchenwald wurden alle Zurückbleibenden abgeschossen, die Überlebenden gezwungen, die oft blutüberströmten Leichen ins Lager mitzuschleppen. Am Tor stauten sich die Massen - immer je 1.000 kamen zugleich an -, weil von der SS nicht das große Gittertor, sondern nur ein kleiner Durchgang für je einen Mann geöffnet wurde. Neben diesem Durchgang standen die Blockführer und schlugen mit eisernen Ruten, Peitschen und Knüppeln auf die Leute ein, so dass buchstäblich jeder neuangekommene Jude Wunden hatte."

Die damals begangenen Gewalttaten wurden der ordentlichen Gerichtsbarkeit entzogen. Ein Sondersenat des Obersten Parteigerichts durchleuchtete die Vorgänge.

Joseph Goebbels über sein Gespräch mit Hitler am 9.11.1938 (Tagebuchnotiz):


"Er bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu spüren bekommen."


In seinem Abschlussbericht ist von insgesamt 91 Tötungsdelikten die Rede. Die meisten Verfahren endeten mit Einstellung oder Freispruch. Aber die Verantwortung der NSDAP für die Auslösung des Pogroms wurde von den Parteirichtern unmissverständlich festgestellt - wenn auch nur für die Parteiführung und nicht für die Allgemeinheit:

"Auch die Öffentlichkeit weiß bis auf den letzten Mann, dass politische Aktionen wie die des 9. November von der Partei organisiert und durchgeführt sind, ob dies zugegeben wird oder nicht. Wenn in einer Nacht sämtliche Synagogen abbrennen, so muss das irgendwie organisiert sein und kann nur organisiert sein von der Partei."

Für die Schäden an Läden und Wohnungen mussten die Juden selber aufkommen. Versicherungszahlungen wurden ihnen nicht zugestanden. Statt dessen verlangte die Reichsregierung von den Juden eine Kontribution in Höhe von einer Milliarde Reichsmark als Sühneleistung für den Tod des Diplomaten vom Rath. Jetzt konnte die Lösung der Judenfrage vorangetrieben werden. Jüdisches Vermögen wurde ausgeplündert und enteignet, der Auswanderungsdruck verstärkt, die Ausschaltung aus dem Wirtschaftsleben in die Wege geleitet.

Ob die Aktionen ohne das Attentat von Paris hätten ausgelöst werden können, diese Frage muss wohl offen bleiben. Immerhin war es seit 1933 immer wieder zu Ausschreitungen und Übergriffen gekommen. Doch hätte vor Beginn des Krieges nicht jeder beliebige Anlass ausgereicht, um in allen Gebieten des Reiches
nahezu
Regensburg: Sie werden vorgeführt
gleichzeitig eine Verfolgungsaktion dieses Ausmaßes zu organisieren. Das November-Datum freilich mit der üblichen Konzentration der Nazi-Größen in München bot die besten Voraussetzungen. Im Zusammenhang mit dem Totenkult für die Gefallenen der Bewegung war es ein Leichtes, die Anhänger zur Gewalttätigkeit gegen so genannte Reichsfeinde anzustacheln.

Ja, das Attentat von Paris war gekommen wie bestellt. Rassenideologen, Fanatiker und Verblendete nutzten die Gelegenheit, um aus dem Tag der Schmach von 1918 und aus dem Tag des Scheiterns von 1923 einen Tag der Rache, einen Tag der nationalen und rassischen Selbstbehauptung zu machen. Die Konterrevolution hatte sich abermals Genugtuung verschafft. In Wahrheit aber war Deutschland entehrt. Die große Mehrheit seiner Bevölkerung nahm teils zustimmend, teils widerspruchslos hin, dass jüdische Mitbürger entrechtet, misshandelt und ermordet wurden. Alle Welt konnte erkennen, dass die Deutschen nicht mehr zu den zivilisierten Völkern gehörten.

Ein Jahr später - Deutschland hatte inzwischen Polen überfallen und damit den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen - versammelten sich die Parteigrößen abermals zu ihrem November-Ritual in München. Dabei entging Hitler am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller nur knapp einem Bombenanschlag. Seine Propagandisten erzählten dem Volk, nunmehr stehe fest, dass die Vorsehung mit dem Führer noch Großes vorhabe. - Brauner November-Nebel, der zwar noch nicht vom Brand- und Gasgeruch der Endlösung, des Bombenkrieges und kommender Vernichtungsschlachten durchsetzt war, für die wenigen Ahnungsvollen und Klarsichtigen aber das Schlimmste befürchten ließ. Bald begann das große Morden, das erst im Mai 1945 mit dem totalen Zusammenbruch des Mörderregimes und den Selbstmorden seiner mächtigsten Führer endete. Mit dem Versuch, Rache zu nehmen für das Wahndelikt November-Verbrechen, hatte Deutschland die Welt ins Unheil gestürzt.

Text für NDR 4, 9. 11. 1990


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
12.10.2010
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