EProfile

aus der Website von  Gerhard E. Gründler


Der Chefredakteur Friedrich Stampfer
(8. 9. 1874 - 1. 12. 1957)


I.
Solange die Weimarer Republik bestand, war er Chefredakteur des Vorwärts, des Zentralorgans der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Übernommen hatte er die Chefredaktion dieser Berliner Tageszeitung schon mitten im Ersten
1933
-----1954m
Weltkrieg, als das Kaiserreich noch einen Siegfrieden erzwingen wollte. Aus der Hand genommen wurde ihm diese Aufgabe erst vier Wochen nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, als der Reichstagsbrand den Vorwand zum Verbot des Vorwärts und anderer oppositioneller Blätter lieferte. In diesen sechzehneinhalb Jahren galt Friedrich Stampfer als der bekannteste und einflussreichste Journalist der deutschen Sozialdemokratie. Er war nicht ihr Sprecher. Eine solche Funktion gab es damals noch nicht. Nach heutigem Sprachgebrauch müsste er als der für die Öffentlichkeitsarbeit der Partei maßgebliche Mann bezeichnet werden; womit freilich seine Rolle keineswegs hinlänglich beschrieben wäre.

Immerhin gehörte Friedrich Stampfer seit Übernahme der Vorwärts-Chefredaktion dem Parteivorstand an, war von 1920 an bis zu seiner Emigration SPD-Abgeordneter des Reichstags. Er entwarf Entschließungen und Verlautbarungen für den Vorstand und für die Fraktion, er beriet die führenden Männer der Parteimehrheit. Was er im Vorwärts oder an anderer Stelle veröffentlichte, war die offizielle Politik; dabei folgte nicht etwa er der Parteilinie, vielmehr half er mit, diese Linie mit Ratschlägen und Formulierungen überhaupt erst festzulegen, um sie dann mit desto größerer Kompetenz und Selbstsicherheit auch verbindlich zu interpretieren. Friedrich Stampfer war ein durchaus exemplarischer Repräsentant seiner Partei und verkörperte wie die anderen Vorstandsmitglieder die Stärken und die Schwächen der Weimarer Sozialdemokratie.

Ihre Stärken waren sprichwörtlich: Verfassungstreue und Legalitätsdenken, Solidarität der Mitgliedschaft, Funktionstüchtigkeit des Parteiapparates, zu dem auch die eigene Presse zählte. Ihre Schwächen lagen nach langen Jahren zumindest verbaler Total Opposition und Systemgegnerschaft durchaus verständlich in einer Scheu vor der Machtausübung sowie in dem unauflösbaren Widerspruch zwischen sozialistischer Programmatik und einer tagespolitisch orientierten Praxis. Abhängig von den Gewerkschaften, hatte die Sozialdemokratie ohnehin nur geringen Handlungsspielraum, wie sich mit fataler Wirkung vor allem beim Sturz des letzten sozialdemokratischen Reichskanzlers Hermann Müller zeigte. In der Partei herrschte eine Arglosigkeit vor, die es ihr und ihren Führern erschwerte, zum Teil verwehrte, die der Weimarer Republik fast ständig drohende Todesgefahr zu erkennen. An den Schwächen seiner Partei hatte Stampfer insbesondere wegen seiner distanzierten Einstellung zum politischen Betrieb und wegen seiner Skepsis gegenüber dem, was Politik überhaupt leisten kann, großen persönlichen Anteil.

Ein journalistischer Zeitgenosse, Erich Dombrowski, hat ihn 1925 skizziert: "Gelblicher Teint, graues Haar. Zwei freundlich blinzelnde Augen. Um die Lippen ein ganz leichtes Lächeln, die Waffe der ironischen Resignation, mit der er den Dingen der Welt gegenübersteht. Keine brutale Kampfnatur. Kein nach außen gekehrter Wille ... Sondern ein Literat. Ein in sich gekehrter Wille. Eine verhaltene Energie. Und trotzdem ein Mensch, der weitreichenden Einfluss ausübt." Unter der Leitung dieses wie Dombrowski ihn kennzeichnet "feinen Kopfes" habe der Vorwärts Ruhe und Gelassenheit gewonnen, mit Gleichmut den Krieg, die Revolution, die kommunistische und die völkische Reaktion überstanden. Mit derselben Ruhe blicke er auf das tägliche Geschehen herab, abwartend, abwägend und ausgleichend.

II.

In der Tat, das SPD Parteihaus in der Berliner Lindenstraße, in dem der Vorwärts redigiert wurde, stand in jenen Jahren mehrmals im Brennpunkt der Ereignisse: am 9. November 1918, als die bislang kaisertreuen Naumburger Jäger in der Redaktion erschienen und dem SPD Zentralorgan ihren Schutz anboten; während der Aufstände im Januar 1919, als die Redaktions und Verlagsräume zweimal von Spartakus Leuten besetzt und mit Waffengewalt geräumt wurden; beim Kapp-Putsch 1920, als der Vorwärts trotz seines Verbotes mit einer Extra Ausgabe erschien, die zur Verteidigung der Republik aufrief; und schließlich in der Nacht des Reichstagsbrandes im Februar 1933, als die Polizei mit Lastwagen auf den Hof fuhr, um die beschlagnahmte letzte Ausgabe des verbotenen Vorwärts abzuholen.

Das Blatt hatte nach der Stabilisierung der Reichsmark Ende 1923 eine Blütezeit erlebt, in der seine Morgen wie auch seine Abendausgabe jeweils über 300.000 Auflage erreichten. Die Zeitung wurde modernisiert, leserfreundlicher gestaltet und gewann ein Maximum an Reichweite und Einfluss. Stampfer vergaß darüber nicht, daß der Vorwärts seinen Weltruf nicht journalistischer Qualität, sondern allein dem Umstand verdankte, dass er das Sprachrohr der größten Partei Deutschlands war. Redakteure und Mitarbeiter bewunderten gleichwohl den journalistischen Instinkt ihres Chefredakteurs, sein immenses Wissen, seine Erfahrung sowie die Klarheit und die Treffsicherheit seiner Kommentare. In seinem einfachen, oft drastischen Stil, den er sich bis ins hohe Alter bewahrt hat, konnte er Situationen einfangen und Zeitgenossen kennzeichnen:

Am 13.November 1918 brachte er die politische Lage folgendermaßen auf den Punkt: "Das also ist ungefähr der Gegensatz: Hie Demokratie durch die konstituierende Nationalversammlung, da Diktatur durch die Arbeiter und Soldatenräte."

Die Galionsfigur des 1920 gescheiterten Rechtsputsches beschrieb Stampfer so: "Ein Mann mit eisernen Nerven war nun Wolfgang Kapp ganz und gar nicht. Er war ein nervöser Zappelphilipp, der sich kopflos in das Abenteuer gestürzt hatte und es ebenso kopflos beendete. Wie die Offiziere, die ihn umgaben, war er ein krasser Dilettant in der Kunst, Massen politisch zu führen."

Von dem 1925 zum Reichspräsidenten gewählten Feldmarschall Paul von Hindenburg erwartete er wenig Gutes: "Von den Dingen, die außerhalb seines Kreises liegen, hat er nur die dumpfe Vorstellung, die in Kadettenhäusern und Offizierskasinos zu Hause ist ... Wie eine verwitterte Säule aus uralter Zeit ragt er in die Gegenwart hinein, die er nicht versteht und nicht einmal kennt."

Nach der Zerstörung der ersten Republik schrieb er 1938 im Exil: "Die erste deutsche Republik war die Antwort auf den Halbabsolutismus der Hohenzollern, die zweite wird die Antwort auf die totale Despotie des Dritten Reiches sein."

Als Chefredakteur verstand er es, Talente zu fördern, was sogar von Mitarbeitern und Redakteuren anerkannt wurde, die den Umgang mit ihm nicht immer als einfach empfanden. Vor allem den Jüngeren erschien er als unnahbar; er war auch überhaupt kein Kumpeltyp. Andere meinten, sie hätten an ihm eine gewisse Lebensfremdheit in Alltagsdingen beobachtet, keine seltene Erscheinung bei Männern, die in ihrem Beruf aufgehen. Ohnehin gab es damals in Stampfers Leben nur dreierlei: Redaktion, Reichstag - und Refugium, sein bescheidenes Einfamilienhaus in Tempelhof.

Er lebte für seine öffentliche Aufgabe, empfand seine beiden Tätigkeiten als Journalist und als Politiker keinen Augenblick als miteinander unvereinbar oder auch nur als besonders konfliktträchtig. Journalismus war für ihn identisch mit der Verbreitung der von der Parteimehrheit getragenen Beschlüsse und einer Berichterstattung, die bei grundsätzlicher Beachtung der Chronistenpflichten auf die Interessen derer abgestellt war, die der SPD angehörten, die zumindest SPD wählten. Mit äußerst geschärftem Blick wachte er darüber, dass ihm niemand seine Verantwortung für das Parteiblatt schmälerte. Gab es Angriffe aus der Partei oder von anderer Seite, so prüfte er die Stichhaltigkeit von Vorwürfen, deckte aber stets seine Mitarbeiter.

III.

Friedrich Stampfer wurde am 8. September 1874 geboren - nicht etwa als Untertan des deutschen Kaisers, sondern in dem zur K.u.K.-Monarchie gehörenden Brünn. Das war die verhältnismäßig stark industrialisierte Hauptstadt Mährens, die als das "österreichische Manchester" galt. Der Vater, ein Rechtsanwalt, fühlte sich den Idealen der liberalen Demokratie verpflichtet, für die er im Revolutionsjahr 1848 gekämpft hatte. Die Stampfers gehörten zu den in der deutschen Oberschicht von Brünn nicht seltenen jüdischen Familien, deren Angehörige sich zumeist so sehr als Deutsche empfanden, dass jüdische Traditionen und jüdisches Zusammengehörigkeitsempfinden dahinter zurücktraten; auch ihrer Religion waren sie längst entfremdet.

Sie hatten die Tendenz, so berichtet Stampfer in seinen Erinnerungen, sich so rasch und vollständig wie möglich zu assimilieren und wurden als Mitkämpfer gegen das Tschechentum gerne angenommen". Wer nämlich in dem Stadtviertel geboren war, in dem die Bürgersleute wohnten, der war wie Stampfer es empfand von selber deutsch und lernte von Kindesbeinen an, auf die Tschechen, "die nur als Bauern, Arbeiter oder Dienstboten zu gebrauchen waren", hochmütig herabzublicken. Er selbst freilich wusste sich frühzeitig von nationaler Engstirnigkeit und von Vorurteilen gegenüber den Tschechen zu befreien.

Die unguten sozialen Verhältnisse in der Industriestadt mit ihrer überwiegend tschechischen Arbeiterschaft weckten das politische Interesse des jungen Stampfer. Als Elfjähriger erlebte er, wie streikende Arbeiter, darunter zerlumpte und barfüßige Jugendliche, von Dragonern, hoch zu Ross und mit gezogenem Säbel, auseinandergetrieben wurden ein Bild, das er sein Leben lang nicht vergessen hat. Die bedrückenden Klassenunterschiede, verschärft durch den Nationalitätenhass, das Gefühl, den Arbeitern und ihren Familien geschehe Unrecht, drängten ihn zur Mitarbeit bei den Sozialdemokraten und ihrer Zeitung, dem Brünner Volksfreund, als er noch das Gymnasium besuchte. So begann die Laufbahn des Parteijournalisten Friedrich Stampfer.

Die Empörung über soziales Unrecht bewog ihn dann auch, Sozialist zu werden. Ein Schulfreund, der schon ein wenig Marx gelesen hatte, verspottete ihn deshalb als "Gefühlssozialisten". Stampfer nahm solchen Spott zum Anlass, die Schriften von Karl Marx genau zu studieren. Aber ein richtiger Marxist ist er niemals geworden. Die marxistische Verelendungstheorie, derzufolge alles erst viel schlechter werden muss, bevor es besser werden kann, hielt er schon aufgrund von Erfahrungen in seiner Heimatstadt für unhaltbar: Unter den Facharbeitern gab es verhältnismäßig viele eingeschriebene Sozialdemokraten, unter den am schlechtesten bezahlten Hilfsarbeitern fast gar keine. Je größer das Elend, so Stampfers Erkenntnis, desto größer die politische Indifferenz. Vorgeprägt vom liberalen Erbe seines Elternhauses, wurde er früh zum Verfechter einer undogmatisch-pragmatischen Parteilinie, ein typischer Reformist.

Schon während seines Studiums in Wien er hörte vor allem Volkswirtschaft schrieb er regelmäßig für die Leipziger Volkszeitung, das modernste, am besten redigierte und aggressivste Blatt der Sozialdemokratie. Seine journalistische Begabung wurde von dem angesehenen Chefredakteur Bruno Schönlank so geschätzt, daß der seinen gerade 25 Jahre alten Wiener Korrespondenten in die Redaktion holte. Stampfers Artikel fanden starke Beachtung, manche wurden auch in anderen SPD-Blättern nachgedruckt. Doch schon nach zwei Jahren Schönlank war inzwischen gestorben musste er die Redaktion verlassen. Den Anlass lieferte die Vakanz auf dem Sessel des Chefredakteurs.


Franz Mehring
Rosa Luxemburg
Hauptwürdenträger
des wissenschaftlichen Sozialismus
Ihrer scharfen Zunge wegen räumte
Stampfer das Feld
In dieser Zeit des Interregnums versuchte Stampfer, das Blatt auf einem gemäßigten Kurs zu halten. Ein neuer Redaktionsleiter mit Ansehen und Erfahrung war nicht leicht zu finden. Franz Mehring, Leitartikler der Neuen Zeit, des "wissenschaftlichen Zentralorgans" der SPD, sollte es werden. Nur wollte der "Hauptwürdenträger des wissenschaftlichen Sozialismus", wie Stampfer ihn später nannte, nicht von Berlin nach Leipzig umziehen; deshalb wurde er Berliner Redakteur, und Stampfer machte in Leipzig das Blatt. Das ging einigermaßen gut, bis der zum äußersten linken Parteiflügel zählende Mehring eines Tages vorschlug, die ihm politisch nahestehende Rosa Luxemburg als Mitarbeiterin heranzuziehen. Stampfer stimmte nur mit der Einschränkung zu, dass die als scharfzüngig bekannte Genossin in der Parteipolemik nicht über die Stränge schlagen dürfe. Damit war es um den Redaktionsfrieden geschehen. Der aufgebrachte Mehring stellte die das Blatt kontrollierende Pressekommission der Leipziger Parteiorganisation vor die Alternative: Er oder ich! Und Stampfer musste kündigen.

Er ging nach Berlin und wurde wie man damals sagte "freier Schriftsteller", freier Journalist, würden wir es heute nennen. Die von ihm gegründete Korrespondenz, ein Artikeldienst, wurde im Jahre 1904 der gesamten sozialdemokratischen Presse zugänglich gemacht. "Von nun an", so berichtete er später voller Stolz, "erschienen meine täglichen politischen Aufsätze in vielen hunderttausend Zeitungsexemplaren in Kiel wie in München, in Köln wie in Breslau und in vielen anderen Städten." Er hielt engen Kontakt zu den führenden Männern der Partei. Die auf den Dienst abonnierten Redaktionen wussten, daß der Verfasser nicht nur gut über die Meinungsbildung in der SPD und über das parlamentarische Geschehen informiert war, sondern auch die Gewähr bot, daß er die offizielle, das heißt: die von der Parteimehrheit getragene Linie vermittelte.

Selbst wenn einzelne Chefredakteure von SPD-Blättern es mit den Radikalen hielten, so kamen sie gleichwohl ohne Stampfers Artikel nicht aus. Eigene Berliner Korrespondenten konnten sie sich nicht leisten, und die Aktualität des Dienstes machte ihn geradezu unwiderstehlich. Normalerweise ließ Stampfer den eigenhändig hektographierten Dienst am Abend mit dem Postzug befördern; dann hatten die Redaktionen ihn für die Ausgaben des übernächsten Tages auf dem Tisch.

Gab es wichtige aktuelle Ereignisse, die einer Kommentierung schon am nächsten Tages bedurften, so belieferte er seine besonders interessierte Kundschaft auch schon mal per Telefon, für sozialdemokratische Blätter damals eine revolutionäre Neuerung. Aktualität gewann in der Parteipresse erst an Wertschätzung, als die Redakteure erkannten, daß ihre Leserschaft nicht nur auf das Endziel der klassenlosen Gesellschaft warten, sondern hier und jetzt wissen wollte, was ihre Partei in der täglichen politischen Auseinandersetzung für die Interessen der Arbeiter und ihrer Familien tat.

IV.

In diesen Jahren nach der Jahrhundertwende und dann während des Ersten Weltkrieges wurden in der SPD härteste Richtungskämpfe ausgetragen. Stampfer hielt sich mit seinem Artikeldienst aus dem sogenannten Revisionismusstreit heraus. Eine Revision von Theorie und Programm interessierte ihn wenig. Er glaubte, eine aktive, den Gegenwartsproblemen zugewandte Politik ließe sich ebenso gut marxistisch wie antimarxististisch begründen. In diesem sozusagen: agnostischen Pragmatismus wusste er sich zunächst auch einig mit der Mehr-heit der Redakteure des SPD Zentralorgans Vorwärts, für das er regelmäßig schrieb. Als er aber 1915 eine schwere Ruhr-Erkrankung an der Italienfront hatte ihn felddienstunfähig gemacht nach Berlin zurückkehrte, stand die Vorwärts-Redaktion mehrheitlich auf der Seite jener Minderheit in der Reichstagsfraktion, die der Reichsregierung keine Kriegskredite mehr bewilligen wollte. Die Einheit der Partei begann zu zerbrechen. Mehrheit und Minderheit tagten schon als getrennte Fraktionen.

Stampfer konzentrierte sich wieder ganz auf seinen täglichen Artikeldienst, wobei er vor allem zwei, nicht ganz miteinander zu vereinbarende Ziele verfolgte: Er wollte mit sachlichen Berichten und fairen Kommentaren zur Lage in der Partei einer Spaltung entgegenwirken. Zugleich wollte er die Politik der Mehrheit abstützen, was ihm um so notwendiger erschien, als Vorstand und Fraktion jetzt auch noch vom Vorwärts, vom eigenen Zentralorgan, bekämpft wurden, ihrerseits aber kein Sprachrohr mehr zur Verfügung hatten. Einen solchen Mann wünschte sich der SPD-Vorstand an der Spitze des Vorwärts, und Friedrich Ebert, einer der beiden Vorsitzenden, fragte Stampfer, ob er nicht die Chefredaktion des Zentralorgans übernehmen wolle.

Was das bedeutete, wusste Stampfer nur zu genau. Der Vorwärts war zwar auch das Zentralorgan der SPD, wie aber sein Untertitel Berliner Volksblatt verriet, gehörte er eigentlich der lokalen Parteiorganisation, die in der für Konfliktfälle zuständigen Pressekommission das Sagen hatte. Und die Berliner standen auf Seiten der Kriegskreditverweigerer. Deshalb sagte Stampfer nur unter der Bedingung zu, daß den Berliner Genossen ein Kompromiss vorgeschlagen werde: Es sollten künftig zwei sozialdemokratische Zeitungen in Berlin erscheinen, eine, die sie, und eine andere, die der Parteivorstand kontrollieren sollte. Ebert hielt das für eine akzeptable Lösung. Doch die Berliner lehnten ab.

Als dann aber die Militärbehörden im Herbst 1916 den Vorwärts abermals mit einem Verbot belegten - es war das vierte seit Kriegsbeginn - und zugleich erklärten, er dürfe erst wieder erscheinen, wenn der Parteivorstand auch die politische Verantwortung für ihn übernehme, war guter Rat teuer. Der Vorstand schlug vor, eines seiner Mitglieder solle in die Redaktion aufgenommen werden und die Vollmacht erhalten, den Inhalt des Blattes zu bestimmen. Das passte der Berliner SPD, wie kaum anders zu erwarten, erst recht nicht.

Aber da war ja noch die parteieigene Druckerei mit ihrem Direktor Richard Fischer, der loyal zum Vorstand hielt. Er wurde angewiesen, nichts drucken zu lassen, was nicht zuvor von dem SPD Vorstandsmitglied Hermann Müller (dem

Hermann Müller
Das etwas peinliche Amt des Zensors
späteren Reichskanzler) genehmigt worden sei. Müller, so berichtete Stampfer später, "bat mich um meine Hilfe, und wir beide bezogen einen von der Redaktion abgesonderten Raum, in dem wir unseres etwas peinlichen Amtes walteten". Die Mehrheit der Redaktion und die hinter ihr stehende Berliner SPD waren empört und beschuldigten den Parteivorstand, im Zusammenspiel mit den Militärs das Blatt "geraubt" zu haben.

Die von ihnen gewählte Gegenmaßnahme besiegelte freilich die Niederlage. Die Abonnenten wurden aufgefordert, den Vorwärts weiter zu beziehen, aber nicht mehr zu bezahlen. Als ein Aufruf zum Zahlungsboykott erschien, der auch von einigen Redakteuren unterzeichnet war, hatte der Verlag handfeste Kündigungsgründe und konnte die Redaktion umbesetzen. Stampfer, bisher nur Gehilfe des Vorstandszensors, wurde Chefredakteur. Der Vorwärts blieb bis zu seinem endgültigen Verbot 1933 das offiziöse Blatt der sozialdemokratischen Führung.

Der Streit um das Zentralorgan hinterließ bei der radikalen Linken tiefe Verbitterung. Er fand eine gewaltsame Fortsetzung in den Revolutionstagen im Dezember 1918, als die Spartakisten zweimal das Verlagshaus besetzten und das Blatt wieder für die Radikalen reklamierten. Der Vorwärts forderte wie die Mehrheitssozialisten allgemeine Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung. Der Spartakusbund, aus dem einige Wochen später die Kommunistische Partei Deutschlands hervorging, proklamierte die Herrschaft der Arbeiter- und Soldatenräte. Doch die wollten mehrheitlich auch freie Wahlen. Regierungstreue Truppen mussten das Vorwärts-Gebäude in blutigen Kämpfen zurückerobern.

Nach den Wahlen zur Nationalversammlung musste der Vorwärts nicht nur die Politik der Partei, sondern auch die Arbeit der Regierung darstellen. Das "glückliche Kinderland der Opposition" lag weit hinter den Sozialdemokraten, wie Stampfer am 8. Juni 1919 im Vorwärts feststellte. Ihre künftigen Aufgaben hatte die Zeitung einige Wochen zuvor so umrissen: "Wir lehnen es ab, nur um Opposition zu machen, der Radautaktik der linksradikalen Blätter zu folgen, wir wollen die Arbeiterschaft zu positiver Arbeit und zu der Fähigkeit erziehen, als vollwertige Staatsbürger aus eigener Kraft das zu leisten, wonach ihre Hoffnungen streben."

Eine sozialdemokratische Zeitung, zumal das Zentralorgan der SPD, konnte natürlich niemals ein "Blatt für alle" sein, sondern immer nur eine Zeitung für Gesinnungsgenossen und für politisch stark Interessierte aus anderen Lagern. "Das Parteiblatt", so schrieb Stampfer zwar später in seinen Erinnerungen, "erzieht politische Kämpfer." Aber auf den von ihm redigierten Vorwärts traf das nicht mehr zu. Sicherlich war er noch, wie jede Parteizeitung, mehr Kampf- als Informationsblatt. Aber schon der gemäßigte Ton bewies, dass der Vorwärts das Organ einer staatstragenden Partei geworden war, der seine sozialdemokratischen Leser vornehmlich in ihrer Gesinnung bestärkte und zur Parteitreue anhielt.

Stampfers Scheitern als Publizist war das Scheitern der von ihm mitvertretenen und mitverantworteten Politik. Als Journalist und als Politiker hatte er am Untergang der Republik nichts ändern können. Als der Reichskanzler von Papen die SPD-Regierung in Preußen absetzte, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, wollten die maßgeblichen sozialdemokratischen Politiker und die Gewerkschaftsführer von einem Generalstreik oder gar von bewaffnetem Widerstand nichts wissen. " ... heute Generalstreik machen heißt, die Munition der Arbeiterklasse in die leere Luft zu verschießen", schrieb der Vorwärts. Aber es gab gar keine Munition mehr. Die SPD-Führung klammerte sich an die Legalität in der Hoffnung, damit auch die neuen Machthaber zu legalem Verhalten zu nötigen. Für einen Bürgerkrieg wollte sie nicht verantwortlich sein. So blieb ihr nur die Kapitulation auf Raten oder die Emigration. Viele Jahre später sagte ein Freund zu Stampfer: "Ihr seid schlechte Generale. Ihr könnt nicht andere in den Tod schicken." - "Gerade das war es", antwortete er.

V.

Ausgerechnet Stampfer, der nie ein Marxist gewesen war, musste am 27. Februar 1933, knapp einen Monat nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, im überfüllten Sportpalast auf einer Kundgebung zum 50. Todestag von Karl Marx sprechen. Er war als Ersatzredner für seinen schon mit Sprechverbot belegten Vorstandskollegen Arthur Crispien eingesprungen; auf theoretische Finessen kam es ohnehin nicht mehr an. Wenige Stunden vor dem Reichstagsbrand begann er seine Rede mit beißendem Spott auf die Antimarxisten. Alle wussten, daß die Nationalsozialisten gemeint waren: "Ich bin auch heute noch der Meinung, daß man, um ein wirklicher Marxist zu sein, ungeheuer viel wissen muss", sagte Stampfer. "Aber eins habe ich inzwischen hinzugelernt: Um ein Antimarxist zu sein dazu braucht man gar nichts zu wissen!" Den tosenden Beifall beendete der Polizeibefehl: "Die Versammlung ist aufgelöst." Der Vorwärts mit dem Bericht über den kurz danach in Flammen stehenden Reichstag und dem vollen Wortlaut der nicht zuende gehaltenen Stampfer-Rede wurde noch gedruckt, aber sogleich von der Polizei beschlagnahmt.

Seit diesem Verbot gibt es keine Tageszeitung namens Vorwärts mehr. Im Exil konnte Stampfer noch eine Zeit lang einen Neuen Vorwärts als Wochenblatt redigieren.

1. Oktober 1933
Der SPD-Vorstand im Prager Exil: Erich Ollenhauer, Hans Vogel, Friedrich Stampfer (mit Tasche), Otto Wels, Siegmund Crummenerl und Albert Grezcinski
Von Prag aus, wo der Exilvorstand zunächst hatte unterkommen können, versuchte er mit seinem bescheidenen Wochenblatt die Welt wachzurütteln: "Die Nazis", so schrieb er, "haben den Reichstag angezündet! Sie werden noch die ganze Welt in Brand setzen." Als bitterste Erfahrung notierte er nach dem Kriege: "Aber die Welt wollte nicht hören." Wie sollte sie auch? Hatten doch Stampfer und seine Genossen die tödliche Gefahr sogar aus nächster Nähe verkannt und zu leicht genommen.

Hatte er resigniert? An der Sache, die er vertrat, an der freiheitlichen und sozialen Demokratie, ist er jedenfalls bis zu seinem Tode Ende 1957 niemals irre geworden. Ebenso wenig konnten ihn Revolution, Parteispaltung, Bürgerkrieg, Regierungskrisen, ja nicht einmal das Scheitern der Weimarer Republik, weder seine Zwangsausbürgerung noch die Erfahrungen der Emigration von der Überzeugung abbringen, dass nur eine gemäßigte Sozialdemokratie, die den Vorstellungen und Wünschen der Mehrheit der Arbeiter und Angestellten und ihrer Angehörigen entsprach, eine innerlich befriedete und stabile Demokratie schaffen und garantieren konnte. Deshalb auch hatte der Vorwärts 1918 so nachdrücklich zur baldigen Rückkehr zu "geordneten demokratischen Methoden" gemahnt.

Der Gedanke, dass eine Zeit totalen gesellschaftlichen Umbruchs die Rückkehr zu "geordneten demokratischen Methoden" nicht eben leicht machte, lag ihm fern; denn ein höher gespanntes Ziel als eine normale bürgerliche, rechtsstaatliche Demokratie, die auch den kleinen Leuten gleiche Rechte und vor allem soziale Sicherheit garantierte, gab es für Friedrich Stampfer nicht. Die Erwartungen der Massen freilich waren höher gesteckt. Da war die Sehnsucht nach starker, mitreißender Führung, zugleich aber bei einem großen Teil der Arbeiterschaft die Hoffnung auf revolutionäre Schritte, die über das Frauenstimmrecht und den Achtstundentag hinauswiesen in Richtung auf den Sozialismus, was immer darunter verstanden werden mochte.



Im New Yorker Exil

riskierte er seinen ersten Zwischenruf auf Englisch. Mit wachsendem Unbehagen hatte er bei einer Diskussion den Ausführungen eines kommunistischen Redners zugehört. Als der sich dazu verstieg, mit Hinweis auf die rüden Unterdrückungsmethoden des britischen Empires die Gewaltherrschaft der Nazis zu verharmlosen, rief ihm Stampfer zu: "I prefer to be suppressed by the English!"


Solchen Erwartungen konnte die SPD weder mit ihren Repräsentanten noch mit ihrer Politik gerecht werden, obwohl doch ihre Programmatik weit mehr zu versprechen schien. Stampfer und alle, die mit ihm im SPD-Vorstand saßen, waren Männer für geordnete demokratische Verhältnisse. Man sah ihnen aber an, und ihre vorsichtige, fast immer kompromissbereite Politik bestätigte es, dass sie weder den Macht- und Durchsetzungswillen, noch das Charisma besaßen, mit denen sie einem Volk hätten imponieren können, das den Verlust des Krieges und der Monarchie noch nicht verwunden hatte und das für Reparationen aufkommen musste. In den letzten Jahren der Republik standen sie den ressentimentgeladenen, nationalistisch verhetzten Massen, benutzt von zutiefst undemokratischen Politkern, vollends rat- und hilflos gegenüber.

Stampfer war ohnehin anzumerken, dass er Politik vornehmlich für die Wahl des kleineren Übels hielt. Er war davon überzeugt, dass praktische Politik gegenüber allen Hoffnungen und Erwartungen immer nur mit Resultaten aufwarten könne, die ein paar Nummern kleiner sind. Auch seine aus ungewöhnlich starkem Realitätssinn und unbestechlicher Beobachtungsgabe zwangsläufig entwickelte Skepsis gegenüber dem politischen Betrieb warf auf sein politisches und publizistisches Wirken einen Schatten von Resignation. Und dieser Schatten lag kein Wunder angesichts seiner bedeutenden Rolle im engsten Führungszirkel der Partei auch auf der sozialdemokratischen Politik in der Weimarer Republik; er ließ die SPD so kraftlos erscheinen und erklärt, warum sie am Ende kampflos scheitern musste.

NDR 3, 24.Januar 1990


© Gerhard E. Gründler
www.gerdgruendler.de
21.07.2010
Home