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aus der Website von Gerhard E. Gründler
Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion begann im Morgengrauen des 22. Juni 1941
Vor 70 Jahren: Unternehmen Barbarossa
Warum wollte Stalin es nicht glauben?
Als sie drei Millionen Soldaten nach Osten marschieren ließen, glaubten Hitler und seine Generale, sie könnten den tönernen Koloss in wenigen Monaten niederzwingen. Warum war Stalin auf den Überfall nicht vorbereitet? Warum rechneten selbst Amerikaner und Briten mit einem raschen Zusammenbruch Russlands? Warum gehorchten deutsche Generale Hitlers verbrecherischen Ausrottungs- und Vernichtungsbefehlen? Warum erkannten sie nicht, dass die größenwahnsinnigen Eroberungspläne zum Untergang des Reiches führen mussten? - Dieser Bericht - Mitverfasser Arnim v. Manikowsky - erinnert an Täter und Opfer, an Haupt- und Nebenfiguren dieses blutigsten und mörderischsten Kriegsdramas der Geschichte.
Stalin
Die sowjetischen Diplomaten in Berlin registrierten schon seit Anfang 1941 bedrohliche Anzeichen für einen bevorstehenden deutschen Überfall. Mitte Februar ließ der Erste Sekretär der Sowjetbotschaft, Valentin Bereschkow, eine seltsame Kurierpost nach Moskau abgehen: ein Exemplar eines deutsch-russischen Sprachführers, das ein Berliner Druckereiarbeiter den Russen übergeben hatte. Das Buch wurde in großer Auflage gedruckt und enthielt eindeutige Redewendungen: "Wo ist der Kolchos-Vorsitzende?", "Bist du Kommunist?", "Hände hoch oder ich schieße!" und "Ergebt euch!"
Am 1. Mai 1941 funkte Richard Sorge aus Tokio nach Moskau: "Hitler ist fest entschlossen, die UdSSR zu überfallen." Vierzehn Tage später meldete der Meisterspion: "Der Krieg kann im Juni beginnen." Und am 14. Juni lieferte er sogar den genauen Termin: "Krieg wird am 22. Juni beginnen."
Hitler 1924 in "Mein Kampf":
"Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten... Wenn wir... heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland und die ihm untertanen Randstaaten denken"
Aber Stalin schob die alarmierenden Meldungen beiseite wie die vielen diplomatischen Warnungen aus London und Washington, Er glaubte nicht, dass die Deutschen den Nichtangriffspakt von 1939 brechen würden: er wollte es nicht glauben. Er wollte vor allem nicht - das war seine Hauptsorge - von den Westmächten in eine Auseinandersetzung mit den Deutschen getrieben werden. Deshalb ließ er am 14. Juni die Nachrichtenagentur TASS erklären: "Nach den Informationen der UdSSR hält Deutschland die Bedingungen des sowjetisch-deutschen Paktes ebenso unverbrüchlich ein wie die Sowjetunion, weshalb nach Meinung maßgeblicher sowjetischer Kreise die Gerüchte über eine Absicht Deutschlands, den Pakt zu brechen und die UdSSR zu überfallen, jeder Grundlage entbehren ..."
Der deutsche Militärattache Oberst Krebs hatte es schon im Mai aus Moskau gemeldet: "Russland wird alles tun, um den Krieg zu vermeiden."
Weil er den Deutschen nicht den geringsten Vorwand geben wollte, zögerte Stalin, die Grenzbefestigungen zu verstärken. Deshalb sorgte er auch dafür, dass die vereinbarten Warenlieferungen jetzt pünktlich nach Westen rollten, obwohl die deutsche Seite - auf allerhöchsten Befehl - seit Monaten mit Millionen im Rückstand war. In der Nacht zum 22, Juni, um zwei Uhr, eine Stunde vor dem deutschen Angriff, polterte der letzte russische Getreidezug bei Brest über die Bugbrücke. Die Posten grüßten, die Zöllner stiegen zu.
Hitler 1933 zur Reichswehrspitze:
"Erkämpfung neuer Exportmöglichkeiten, vielleicht - und wohl besser - Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung"
Zwar hatten die Russen im Februar einen neuen Mobilmachungsplan eingeführt und die Rüstungsindustrie angekurbelt. Zwar hatte Josef Stalin am 6. Mai zusätzlich zur Parteiführung auch noch das Amt des Regierungschefs übernommen, Reservisten einziehen lassen und am 19. Juni sogar erhöhte Kampfbereitschaft befohlen.
Aber dann, als der deutsche Soldat Alfred Liskow beim Dorf Tiljasch den Pruth. durchschwamm und den russischen Posten den unmittelbar bevorstehenden deutschen Angriff verriet, war es zu spät. Es war am 21. Juni, gegen zehn Uhr abends. Eine Stunde später gab der Sowjetgeneralstab Alarm: Auf Überfall einrichten, Nachts um 1 Uhr erreichte der Befehl die Wehrkreise, erst nach 2 Uhr die Armeestäbe. Zu den Truppen an der Grenze kam er nicht mehr durch. Sie waren schon vom Angriff überrollt.
Fünfzehn Kilometer nordwestlich der russischen Grenzfestung Brest-Litowsk beobachtete der Schöpfer der deutschen Panzerwaffe, General Heinz Guderian, die ersten Kampfhandlungen: "Um 3.15 Uhr", so erinnert er sich, "begann unser Artilleriefeuer. Um
3.40 Uhr erfolgte der erste Stuka-Angriff. Um 4.15 Uhr fing das Übersetzen der vordersten Teile über den Bug bei der 17. und 18. Panzerdivision an. Um 4.45 Uhr durchfurteten die ersten Panzer der 18. Panzerdivision den Fluss."
Hitler 1939 zu Carl J. Burckhardt:
"Alles, was ich unternehme, ist gegen Russland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen, und dann mich... gegen die Sowjetunion zu wenden"
Es waren Tauchpanzer mit dreieinhalb Meter langen Abgas- und Fischluftschnorcheln, die für das Unternehmen "Seelöwe", für die Landung in England, gebaut worden waren.
In der Festung Brest schliefen die russischen Soldaten ahnungslos in den Sonntag hinein, als die deutsche Artillerie das Feuer eröffnete. Die meisten Offiziere befanden sich in ihren Stadtwohnungen. Viele Soldaten wurden im Schlaf getötet, andere stürzten im Nachthemd zu den Ausgängen. Doch alle Türen der Kasernen lagen auf der Flussseite und unter dem Geschosshagel der Deutschen.
Seit Mitternacht waren alle Mitarbeiter des sowjetischen Generalstabs und des Volkskommissariats für die Verteidigung alarmiert. Um halb eins unterrichteten sie Stalin, dass nach Überläufermeldungen jeden Augenblick mit einem deutschen Angriff zu rechnen sei. Um 3.17 Uhr kam die erste Meldung von anfliegenden Verbänden, wenige Minuten später die Nachricht von Bombenangriffen.
Hitler am 31. 7. 1940 zu General Halder:
"Operation hat nur Sinn, wenn wir Staat in einem Zug schwer schlagen. Gewisser Raumgewinn genügt nicht. Stillstand im Winter bedenklich"
Generalstabschef Schukow rief im Kreml an. Nach minutenlangem Klingeln meldete sich schlaftrunken der diensthabende General. Es dauerte weitere drei Minuten, bis Stalin am Apparat war. Schukow bat um Weisungen, Stalin schwieg. Der General hörte nur schweres Atmen. Nach langem Zögern befahl Stalin, das Politbüro zusammenzurufen.
Inzwischen trafen aus allen Wehrkreisen die Meldungen über den deutschen Überfall ein. Um 4.30 Uhr war das Politbüro im Kreml versammelt. Verteidigungskommissar Timoschenko und Schukow wurden hereingerufen. Josef Stalin saß bleich am Tisch, die gestopfte Pfeife in der Hand, Er sagte: "Wir müssen schnellstens die deutsche Botschaft anrufen." Hitlers Botschafter ließ ausrichten, er wolle den Außenminister wegen einer dringenden Mitteilung sprechen. Außenminister Molotow wurde beauftragt, den deutschen Diplomaten zu empfangen.
Nachts um drei tickte in der deutschen Botschaft in Moskau der Telegraf: "Geheime Reichssache - nur für Botschafter persönlich." Die Dechiffreure entschlüsselten die Depesche aus Berlin: "1. Mit Eingang dieses Telegramms ist sofort das gesamte Chiffriermaterial zu vernichten. Der Funkapparat ist unbrauchbar zu machen. 2. Ich bitte Sie, sofort Herrn Molotow zu benachrichtigen, dass Sie ihm eine dringliche Mitteilung zu machen hätten..."
Hitler am 10. 8. 1940 zu seinen Adjutanten:
"Wenn man diesen Koloss erst mal richtig anpackt, dann bricht er schneller zusammen, als die ganze Welt ahnt"
Mit dieser dringenden Mitteilung erschienen Botschafter Werner Graf von der Schulenburg und Botschaftsrat Gustav Hilger kurz nach vier Uhr im Arbeitszimmer Molotows. Pflichtgemäß las Schulenburg die lange Litanei herunter, die von russischem Vertragsbruch handelte und davon, dass der "Führer" der deutschen Wehrmacht befohlen habe, "dieser Bedrohung mit allen zur Verfügung stehenden Machtmitteln entgegenzutreten".
Einige Sekunden lang herrschte tiefes Schweigen. Dann fragte Molotow: "Soll dies eine Kriegserklärung sein?" Botschafter Schulenburg, der Hitlers Entschluss für Wahnsinn hielt, und den Führer für einen neuen Ausgleich mit Stalin gewinnen wollte, hob hilflos die Arme. Molotow stand auf und sagte scharf: "Die deutsche Aktion ist ein Vertrauensbruch., wie es in der Geschichte noch keinen gegeben hat. Die deutschen Gründe sind leere Vorwände."
Leise fügte der Sowjetaußenminister hinzu: "Das haben wir doch nicht verdient." Schweigend reichte er den beiden deutschen Diplomaten die Hand.
Als Molotow im Politbüro die Kriegserklärung bekannt gab, ließ sich Stalin auf seinen Stuhl sinken. Auf Schukows Drängen schließlich wurde den Truppen an der Grenze der Befehl gegeben, den Gegner aufzuhalten und zu vernichten. Erst um 7.15 Uhr ging die Weisung heraus. Die Grenztruppen waren an vielen Stellen langst überrannt.
Ein Trommelwirbel unterbrach das Frühkonzert am Sonntagmorgen. Dann einige Sekunden Pause und eine gellende Fanfare: "Kam'raden, die Rotfront". Dreimal im hämmernden Takt mit jeweils fünf Sekunden Pause. Dann ein Thema aus Liszts "Les Preludes". Stille. Danach eine verhaltene Stimme: "Der Großdeutsche Rundfunk veröffentlicht in Kürze eine wichtige Sondermeldung!" Stille - wieder Trommelwirbel, Fanfare und Liszt. Und dann die schneidende Stimme von Joseph Goebbels. Der Reichspropagandaminister verlas die Proklamation des "Führers":
Hitler am 5. 12. 1940 zu Halder:
"Der russische Mensch ist minderwertig. Die Armee ist führerlos"
Wenn ich bisher durch die Umstände gezwungen war, immer wieder zu schweigen, so ist doch jetzt der Augenblick gekommen, wo ein weiteres Zusehen ... ein Verbrechen am deutschen Volk, ja an ganz Europa wäre. Deutsches Volk! In diesem Augenblick vollzieht sich ein Aufmarsch, der in Ausdehnung und Umfang der größte ist, den die Welt bisher gesehen hat... Ich habe mich ... heute entschlossen, das Schicksal und die Zukunft des Deutschen Reiches und unseres Volkes wieder in die Hand unserer Soldaten zu legen. Möge uns der Herrgott gerade in diesem Kampf helfen.
Dass Stalin diesen Krieg unter allen Umständen hatte vermeiden wollen, erfuhren die Deutschen nicht. Dass die Befehle zur Ermordung von Kommissaren und Juden schon seit Wochen ausgeschrieben, die Pläne zur rücksichtslosen Ausplünderung Russlands schon lange vorbereitet waren, wussten die Deutschen an diesem strahlenden Sonntagmorgen nicht.
Premierminister Winston Churchill verlebte das Wochenende in Chequers, dem traditionellen Landsitz der britischen Regierungschefs. Am Samstagabend ging er früh ins Bett und verbot strikt, ihn zu wecken - es sei denn, die Deutschen landeten in England. Um vier Uhr rief das Foreign Office an: Die Wehrmacht marschiere gegen Moskau. General Sir John Dill, der Chef des Empire-Generalstabes, eilte zu seinem Premier. Aber der schlief, und niemand wagte ihn zu wecken.
Hitler im Frühjahr 1941 zu Paulus:
"Ich will diese Rederei über Truppe im Winter nicht mehr hören. Darüber sich irgendwelche Sorge zu machen, ist ganz und gar unnötig. Denn es wird keinen Winterfeldzug geben"
Um acht Uhr war er endlich munter. Die Nachricht vom deutschen Überfall auf Russland ließ ihn geradezu aufleben. General Dill jedoch sah schwarz für die Russen: "Man wird sie wie Vieh zusammentreiben."
"Würde Hitler in der Hölle einmarschieren, so würde ich im Unterhaus sogar über den Teufel eine höfliche Bemerkung machen", hatte Churchill seinem Sekretär schon tags zuvor versichert. Auf diesen Tenor stellte er auch seine Rundfunkrede ab, an der er den Sonntag über feilte. Um neun Uhr abends trat er vor die Mikrophone der BBC:
Niemand ist ein unversöhnlicherer Gegner des Kommunismus gewesen als ich selbst seit 25 Jahren ... Doch alles verblasst vor dem Schauspiel, das sich jetzt abwickelt. Die Vergangenheit mit ihren Verbrechen, ihren Torheiten und Tragödien versinkt ... Wir haben nur ein Ziel, eine einzige unwiderrufliche Aufgabe. Wir sind entschlossen, Hitler und jede Spur des Naziregimes zu vertilgen ... Wir werden ihn bekämpfen, bis wir mit Gottes Hilfe die Welt von diesem Scheusal befreit haben ... Wer, Mensch oder Staat, gegen den Nazismus kämpft, wird unseren Beistand haben.
Der britische Premier versprach Stalin jede Hilfe, und er machte seinen Landsleuten Mut. Jetzt drohte den britischen Inseln keine deutsche Invasion mehr. Der Krieg in dem Kontinent war wieder entfacht. Deutschland stand im Zweifrontenkrieg.
Gleich am Sonntagvormittag sprach US-Präsident Franklin D. Roosevelt über das Transatlantik-Telefon mit seinem Freunde Churchill. Selbstverständlich, sagte er zu, müsse Stalin auch amerikanische Hilfe erhalten.
Hitler am 3. 3. 1941 zu Jodl:
"Um diesen Krieg zu beenden, genügt es ... nicht, die feindliche Wehrmacht zu schlagen . . . Die jüdisch-bolschewistische Intelligenz . . . muss beseitigt werden"
Aber Amerika war noch nicht im Krieg mit Deutschland, und Roosevelt hatte noch andere Gründe, mit Hilfsversprechen vorerst zurückhaltend zu sein. Denn die amerikanischen Generalstäbler schätzten die russische Kampfkraft genauso gering ein wie ihre deutschen Kollegen. Vier Wochen, sagten die Generale, allenfalls zwölf könnten die Sowjets der erfolgsgewohnten deutschen Kriegsmaschine Widerstand leisten. Schätzungen britischer Militärs bestärkten sie in ihrer Ansicht, und schon bald nach dem deutschen Angriff gab der US-Generalstab die vertrauliche Information an die Presse, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion "eine Frage von nur einigen Wochen sei". Dennoch begrüßte der US-Präsident die deutsche Ostoffensive. Immerhin brachte dieser neue europäische Kriegsschauplatz "ein wenig Luft", wie es im Weißen Haus hieß. Und Luft brauchte Roosevelt, denn das Verhältnis zu den Japanern wurde immer schlechter.
Abgesehen von den Finnen, die sich 1939/40 tapfer gegen eine russische Übermacht geschlagen hatten, erwartete Hitler von seinen Verbündeten keine große Unterstützung. Immerhin, er ließ slowakische, rumänische, ungarische und kroatische Hilfstruppen mitmarschieren (eine Erfahrung, die sowjetischer Staatsräson heute verbietet, die osteuropäischen Satelliten jemals wieder aus dem Griff zu lassen). Seinen Achsenpartner Italien schätzte Hitler so gering, dass er der Regierung in Rom erst fünfzehn Minuten vor Angriffsbeginn einen Brief für den faschistischen Staatschef Benito Mussolini übergeben ließ.
Hitler am 31. 3. 1941 zu den am Ostaufmarsch beteiligten Befehlshabern und Stabschefs:
"Kommissare und GPU-Leute sind Verbrecher und müssen als solche behandelt werden"
Die Begründung, mit der Hitler seinem engsten Verbündeten "den härtesten Entschluss meines Lebens" erläuterte, entsprach der in Deutschland verbreiteten Lügenpropaganda: Der russische Aufmarsch habe ihm keine andere Wahl gelassen. Kein Wort verlor der "Führer" in seinem Brief an den "Duce" darüber, dass dieser Krieg zur Eroberung von Lebensraum im Osten sein eigentliches, von jeher verfolgtes Ziel war, Benito Mussolini, der das Wochenende in Riccione an der Adria verbrachte, wurde der Hitler-Brief am Telefon vorgelesen. Voll düsterer Ahnungen sagte er zu seiner Frau: "Meine liebe Rachele, das heißt, dass der Krieg verloren ist."
Gegen Mittag des 23. Juni bestieg der Mann, der diesen Krieg mit dem "jüdisch-bolschewistischen Weltfeind von Anfang an gewollt hatte, in Berlin seinen Sonderzug." Abfahrt 12.30 Uhr. Reiseziel: Forst Görlitz bei Rastenburg in Ostpreußen. Dort hatte die Organisation Todt für Adolf Hitler das Führerhauptquartier gebaut. Von dieser "Wolfsschanze" aus dirigierte der deutsche Diktator seinen Vernichtungs- und Ausplünderungsfeldzug.
Hitler am 4. 7. 1941 im Hauptquartier:
"Ich versuche mich dauernd in die Lage des Feindes zu versetzen. Praktisch hat er diesen Krieg schon verloren"
Seine Generale wussten, dass sie mit dem seit Ende Juni 1940 vorbereiteten "Unternehmen Barbarossa" nicht einen gefährlichen Gegner niederwerfen, sondern eine - wie viele Deutsche glaubten - typisch jüdische Weltanschauung ausrotten sollten. Im zerschlagenen russischen Riesenreich wollte Hitler Lebensraum für sein germanisches Imperium schaffen, in dem die "asiatischen Untermenschen" nach der Ermordung der "Intelligenz" ein Sklavendasein fristen sollten.
Nicht nur den Einsatzgruppen und Erschießungskommandos von Himmlers SS und SD, sondern auch der kämpfenden Truppe wurden schon vor Feldzugbeginn Mordbefehle gegeben. So im berüchtigten Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941, den die Wehrmachtführung, weil ihr sein verbrecherischer. Charakter klar war, nur in 30 Exemplaren ausfertigen und den Kampftruppen mündlich weitergeben ließ: ..... die politischen Kommissare ... sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen ... Sie sind aus den Kriegsgefangenenlagern sofort, d. h. noch auf dem Gefechtsfelde, abzusondern ... der für die Kriegsgefangenem völkerrechtlich geltende Schutz findet auf sie keine Anwendung. Sie sind nach durchgeführter Absonderung zu erledigen."
Wenn auch viele Befehlshaber solche Mordweisungen nicht befolgten oder gar nicht weitergaben und später die Aufhebung des Kommissarbefehls durchsetzten - viele Vollzugsmeldungen beweisen die Verstrickung der Wehrmacht in die Ausrottungsaktionen. Deutsche Generale waren es auch, die sich schon vor Beginn des Ostkriegs mit Heydrich über die Zusammenarbeit einigten und damit die ausgesonderten Kommissare und bestimmte Kriegsgefangenengruppen zur Liquidierung an SS und SD auslieferten. Die Truppe erhielt durch einen Sondererlass von Anfang an freie Hand für Maßnahmen gegen die Zivilbevölkerung ("Für Handlungen, die Angehörige der Wehrmacht und des Gefolges gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang").
Mit dieser Brutalisierung des Krieges erreichte Hitler nur eines: Der Widerstand der Russen wurde immer härter. In den Wäldernund Sümpfen begann der Partisanenkrieg.
Hitler am 16. 7.1941 zu Rosenberg, Lammers, Keitel, Göring und Bormann:
"... kommt es also darauf an, den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können"
Auch Reichsmarschall Hermann Göring glaubte, dass beim deutschen Einmarsch der ganze bolschewistische Staat zusammenbrechen werde. Es käme nur darauf an, sagte er seinen Mitarbeitern, schnell die kommunistischen Führer zu erledigen.
Göring hatte als Chef des Vierjahresplans die wirtschaftliche Ausbeutung der Ostgebiete zu betreiben. Der von ihm eingesetzte Stab "Oldenburg" (später: Wirtschaftsstab Ost) ging davon aus, dass Deutschland den Krieg nur weiterführen könne, wenn die gesamte Wehrmacht an allen Fronten vom September 1941 an aus Russland ernährt wird. Dabei, so hieß es in den Richtlinien des Stabes vom 2. Mai 1941, "werden zweifellos ...zig Millionen Menschen verhungern ..."
Nur von einem hohen Militär weiß man bestimmt, dass er Hitler von dem Russlandfeldzug abbringen wollte, und der hatte mit diesem Kontinentalkrieg am wenigsten zu tun, Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Erich Raeder, warnte den "Führer" wiederholt vor den Gefahren eines Zweifrontenkrieges, Deutschland, so argumentierte er, brauche die Rückendeckung durch Russland, wenn es den Krieg mit England erfolgreich bestehen wolle.
Hitler am 16. 7.1941 zu seinen Mitarbeitern:
"Dieser Partisanenkrieg hat auch wieder seinen Vorteil: Er gibt uns die Möglichkeit auszurotten, was sich gegen uns stellt"
Bei der Führungsspitze der Wehrmacht und beim Generalstab des Heeres aber sperrte sich niemand gegen die Blitzkriegspläne des "Führers". Alle unterschätzten den Gegner; die Zahl der russischen Truppen, die Zahl und die Kampfkraft der Panzer und die Leistungskraft der sowjetischen Rüstungsindustrie.
Generalstabschef Franz Halder, der seit Sommer 1940 die Angriffspläne entwerfen ließ, notierte zwar am 28. Januar 1941 in seinem Tagebuch: "Barbarossa: Sinn nicht klar", jubelte aber nach den ersten siegreichen Vorstößen, am 3. Juli, fast schon im Tenor der Goebbels-Propaganda: "Es ist also wohl nicht zuviel gesagt, wenn ich behaupte, dass der Feldzug innerhalb von 14 Tagen gewonnen wurde."
Hitler am 29.4.1945, wenige Stunden vor seinem Selbstmord:
"Es muss weiter das Ziel sein, dem deutschen Volk Raum im Osten zu gewinnen"
Das Steckenbleiben vor Moskau, die russischen Gegenoffensiven, das Scheitern der großen Zangenbewegungen von Stalingrad bis zum Kaukasus im nächsten Jahr und die Rückschläge seit 1943 - damit hatte von Hitlers Strategen keiner gerechnet. Den Marsch in den Untergang hat Hitler nicht allein verschuldet.
Als Hitler 1939 seinen Nichtangriffspakt mit Moskau schloss, tat er es mit dem festen Vorsatz, ihn zu brechen und die Sowjetunion zu vernichten. Das Ergebnis: über 20 Millionen gefallene, ermordete und verhungerte Sowjetbürger und insgesamt fast sieben Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite, der Untergang des Reiches, die deutsche Teilung und das russische Vordringen nach Mitteleuropa.
Dreißig Jahre nach dem Überall schlossen die Bundesrepublik und die Sowjetunion einen Vertrag, in dem sich Russen und Deutsche verpflichten, "ihre Streitfragen ausschließlich mit friedlichen Mitteln" zu lösen und "die territoriale Integrität aller Staaten in Europa in ihren heutigen Grenzen uneingeschränkt zu achten".
stern, Nr. 26, 1971
Nachtrag: Deutsche Generale waren mitschuldig an der Entartung des Krieges
Rechtsanwalt Otto Nelte, der Strafverteidiger von Feldmarschall Keitel, dem 1946 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilten und hingerichteten Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, hat die Mitverantwortung der Generalität, insbesondere auch die seines Mandanten, für die Brutalisierung des Krieges klar erkannt. Dazu Nelte am 8. November 1946 auf einer Veranstaltung der Deutschen Friedensgesellschaft in Bielefeld:
"Gemäß § 47 MStGB (Militärstrafgesetzbuch) machte sich ein Soldat selbst strafbar, wenn die Ausführung eines Befehls zur Begehung eines Verbrechens führte. Dadurch, daß das geltende Völkerrecht auch innerstaatliches Recht war, mußte das Wort Verbrechen im Sinne des § 47 MStGB auch auf völkerrechtliche Delikte Bezug haben. Es gibt nun eine Reihe von Befehlen Hitlers, die als völkerrechtswidrig nach dem Ergebnis des N(ürnberger) P(rozesses) feststehen (...): den Kommissar-Befehl *) und den Befehl über die Aufhebung der Gerichtsbarkeit. Diese Befehle wider sprachen offensichtlich dem geltenden Völkerrecht, woran auch die Tatsache nichts ändert, daß die Sowjet-Union die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konvention nicht anerkannt hat. Der berüchtigte Nacht-und-Nebel-Erlaß ist nicht durch irgendeine militärische Notwendigkeit zu begründen. Ebenso wird dem sog. Kommandobefehl jede kriegsrechtliche Grundlage dadurch entzogen, daß eine gerichtliche Nachprüfung des Einzelfalls ausgeschlossen wurde. (...)
Es gibt keine Entschuldigung für die Generale, die Befehle dieser Art entgegengenommen und ausgeführt haben. Es ist bezeichnend, daß nach dem Ergebnis des Nürnberger Prozesses eine Reihe von Generalen die Durchführung solcher Befehle insofern verhindert hat, als sie diese zum Teil nicht weitergegeben, zum Teil gemildert haben. Dies beweist, daß die Erkenntnis der verbrecherischen Natur solcher Befehle vorhanden war, es steht aber auch fest, daß keiner der Generale, von den Oberbefehlshabern der Wehrmacht angefangen bis zu den Armeeführern, offen Widerspruch eingelegt oder die Durchführung der Befehle offen abgelehnt hat.
Es muß aber von jedem Offizier in hoher, verantwortlicher Stellung verlangt werden - also insbesondere von den Oberbefehlshabern der Wehrmachtteile, Heeresgruppen und Armeen -, daß er schon mit Rücksicht auf die notwendig eintretenden Repressalien, also die Rückwirkung auf die eigene Truppe, solche Befehle offen, also erkennbar, zurückweist. Daß ein solches Verhalten auch möglich war und zum Erfolg führen konnte, beweist der allgemeine Widerstand der höchsten Generale, als Hitler die Absicht kundgab, die Genfer Konvention zu kündigen mit der Begründung, nur dadurch das Überlaufen zahlreicher Soldaten nach der Invasion in Frankreich zu verhindern. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß sich die Generalität durch ihre mangelnde Widerstandsfähigkeit gegen Hitler mitschuldig gemacht hat an der Entartung des Krieges."
*) Für 1941/42 sind nach neuestem Forschungsstand annähernd 4.000 Erschießungen von sowjetischen Politkommissaren sicher festgestellt worden. Später kam es zu einer Akehr von der brutalen Praxis der ersten Monate des Feldzugs - allerdings nicht wegen rechtlicher oder moralischer Bedenken, sondern aus Eigeninteresse. Die deutschen Kommandeure hatten begriffen, dass diese Exekutionen den Widerstandswillen der sowjetischen Soldaten nur noch weiter stärkten. Näheres dazu liefert Felix Römer in seiner Untersuchung "Der Kommissarbefehl", Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2008.
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Neuere Literatur:
Warum die Angreifer auf eine unvorbereitete Armee getroffen waren, hat der Moskauer Militärhistoriker Ruslan Irinarchow in seinen 2o11 bei Jausa/Eksimo in Moskau erschienenen Büchern ("Versäumter Schlag" und ""Blutige Straßen des Rückzugs") zu erklären versucht; der langjährige Moskau-Korrespondent Jörg R. Mettke berichtete darüber in der Süddeutschen Zeitung: Viele Truppenverbände waren gar nicht in Sollstärke verfügbar; dem Offizierskorps steckte der Schrecken der blutigen Säuberungen 1937/38 in den Gliedern und gebot eine abwartende Haltung; Stalin selbst wollte Zeit gewinnen und setzte, vom Wunschdenken geleitet, auf die Vertragstreue Berlins. Über den Zustand seiner Truppen ließ er sich nicht informieren, vertraute seiner Umgebung, die ihn in der Annahme bestärkte, mehr als fünf Millionen Rotarmisten könnten jedem Angreifer standhalten. Er glaubte, sein Befehl werde genügen, um sogleich mit voller Kampfkraft die Abwehrschlacht zu eröffnen. Die Wehrkreise im westlichen Grenzgebiet erfuhren erst am frühen Morgen des 22. Juni, kurz vor dem deutschen Angriff, vom Moskauer Mobilmachungsbefehl. Bis dahin durften die Patrouillen nur mit besonderer Genehmigung den Grenzstreifen betreten.
Johannes Hürter hat in seinem Buch Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42 [Oldenbourg Verlag, München 2007, ISBN 3486583417] als entscheidenden Faktor die Wandlung nationalkonservativer Generale zu Komplizen einer "rassenideologischen Raub-, Eroberungs- und Mordpolitik" herausgearbeitet. Er erinnert an ihre beträchtlichen Handlungsspielräume, die diese Heerführer gegenüber den Einheiten der SS und des SD niemals nutzten. Vielmehr diente ihnen der "Totale Krieg" als Rechtfertigung dafür, den Reflexen einer von ihnen verinnerlichten antikommunistischen, antisemitischen und rassistischen Ideologie nachzugeben. - Neueste Literatur dazu: Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion "Unternehmen Barbarossa" 1941, und Bianka Pietrow-Enker (Hrsg.): Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Beide Bücher 2011 im Fischer Verlag Frankfurt a. M. erschienen.
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15.09.2011 ![]()